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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1975-00-00
kuckuck sollte von der neuen Mittelklasse künden, sollte sagen, seid wachsam Proleten, seht sie euch an, seht sie euch genau an... Wäre ja wohl in den Wind geredet. Hab ich gar keine Lust zu.
Da in der Bundesrepublik eine Zensur nicht stattfindet, ergänzen Sie bitte im vorigen Heft die Seite 70 um die erste Zeile:
der eignen Rasse erhebt.
Man lese die bitterste An-
So steht's im Original.
kuckuck ist für alle da. (Wenn nur das Feuer nicht ausgelöscht wird vom vielen, vielen Wasser.)
Wer glaubt, sich zum Thema GETARNTER NAZISMUS noch äußern zu sollen, mag dies tun. Die Schonfrist ist verlängert worden.
Wer glaubt, der Putsch stehe bevor (der abrupte), irrt (vielleicht). Der schleichende schleicht und schleicht...
An DAS FENSTER ("Zeitschrift für Jugend, Schule und Kultur in Ostholstein / Mitteilungsblatt für die Ehemaligen der Eutiner Gymnasien und der Neustettiner Schulen") schrieb F.W. Bremer, Herausgeber der Eule in Kiel, einen Leserbrief, der in fenster Nummer 105 vom Dezember 1975 abgedruckt worden ist:
FASCHISTISCHES SAMMELSURIUM IN HEFT 101
Da steht etwas über die Rechtswidrigkeit der Berufsverbote, da ist etwas abgedruckt über die Gefährlichkeit neuer nationalkonservativer Publikationen für Jugendliche. Einige Seiten weiter:
1. Eine Anzeige für die Schülerunion
2. Ein Bild mit Kurzporträt eines führenden jungen Nationaldemokraten
3. Eine nichtssagend-verwirrende Darstellung einer sogenannten nationalrevolutionären Jugendgruppe
4. Die Vorstellungen eines weiteren jungen Nationaldemokraten
5. Eine Anzeige für einen national-demokratischen Protestsänger
6. Eine Anzeige des Bundes heimattreuer Jugend
Das alles steht da, ohne irgendeine Erklärung, wie das von den Herausgebern gemeint ist. Entspricht dieses breite faschistische Sammelsurium Ihrer Auffassung vom Pluralismus??
Die Erwiderung der fenster-Redaktion:
Unser Leser - und Mitarbeiter - F.W. Bremer hat leider übersehen, daß das Heft 101 unter dem Leitwort Jugend und Politik stand. Es wäre unredlich, bei solcher Gelegenheit nicht das ganze breite Spektrum aufzuzeigen, das heute für die politischen Äußerungen junger Menschen sich darbietet. Dazu gehört durchaus, daß manche politischen Gruppen für den Außenstehenden ein höchst verworrenes Bild bieten. Im übrigen spielen rechte Gruppen - die sich bemerkenswerterweise nicht als konservativ verstehen - im politischen Lebensgefühl der Jugend wieder eine große Rolle, die man nicht einfach totschweigen kann. Anzeigen geben natürlich nie die politische Auffassung der Redaktion wieder.
Im Impressum (das fenster Nr.105) zeichnen als Redaktion: Gerd Aschoff, Peter Biqué, Rolf Brüne, Gunther Hell, Hadayat-Ullah Hübsch, Angelika Lange, Andreas Liebich, Andreas Maier, Rolf Mörschel, Sylvia Krylow, Birgit Mähl, Walter Podschwadek, Hans-Peter Runkel, Jörg-Michael Schlemminger, Bernd-A. Steuber, Hans-W. Tata, Peter Thiesen, Heidi Schmidt, Klaus-Bernd Vollmer, Oliver Wiedow, Michael Wortmann, Magnus Zawodsky.
Sie alle wären redaktionell verantwortlich... Der Name Horst Schinzel erscheint gar nicht mehr.
War was?
Bei Jürgen Großkurth steht: Mehr Autonomie für Autoren... Autoren fragen beim kuckuck an, was sein "Programm" sei. Ich sage, der hat keins, freut sich über gute Autoreneinfälle. Jeder möge selbst entscheiden... Denk mir, mußt aufpassen, jetzt drücken sie dich ausm kuckuck naus, wollen das Heft ganz allein machen. (Da kann ich ruhig sein, so ein Vorschlag kam nur einmal.) Ach, einige Autoren, denen ich schrieb, daß sie doch mal autonom handeln sollten, haben sich nicht wieder gemeldet.
Das Gesetz der Fortentwicklung ist ein feindseliges, ein aufmunternd klärendes, trennendes.
Die Entschleierung der Mitte ist das zentrale Problem. Auf so goldigem Mittelweg räsoniert auch Brigitte v. Streit.
Nicht drüber nachdenken. (Den Hilfesuchenden Leid zufügen und Schmach, damit sie aufmerksam werden auf sich?) Wo Wolfgang Reich unbestimmt wird, meint er was Bestimmtes.
Zum 50. Geburtstag von Max Herrmann/Neiße im Jahre 1936 schrieb Heinrich Mann:
EMPFINDSAMKEIT UND MUT
...
Katastrophen, Gewalt und öffentliche Schande belehren den Empfindsamen darüber, daß er leidet und sich empört im Namen aller anderen, daß er ihr Schicksal mit erfährt und nur ihr Instrument ist - der sehr feine Apparat, der ihre Regungen anzeigt.
Nun gibt es erregbare Naturen, die hierüber die Selbstkontrolle verlieren. Um nicht im allgemeinen zu bleiben: das sind Dichter, die sich einst wer weiß wie kostbar hielten, endlich aber ihre Bestätigung in dem ordinärsten Nationalsozialismus entdeckt haben. Eintretende Katastrophen erzwingen die Entscheidung und scheiden die scheinbar Gleichgesinnten. Herrmann Neiße war ein Freund von Gottfried Benn, beide einmütig waren sie sehr eingenommen gegen die Fortpflanzung und für das "Unfruchtbare Glück", wovon ein Herrmannsches Gedicht noch heute Zeugnis ablegt. Übrigens aber haben die Wege sich gründlich getrennt. Menschenpack, Fleisch und natürliche Funktionen zu hassen war für Benn das Richtige; Herrmann machte es, ihm zu Gefallen, wohl einmal mit, schrieb aber schon damals gegen die Lebensleugner: "Versagt ist ihnen, was die Straßen schenken:/den Bettler an der Ecke segnet mehr/als jene, welche stets die Stirnen senken/und gehen wie die Büßenden einher."
Der Vers folgt noch: "Und ihre Herzen haben niemals warm"; was ja wohl die einfachste Erklärung sein wird, warum einer Nationalsozialist werden kann. Demgemäß zog Benn die Uniform an, Herrmann ging ins Exil...
Aus: Heinrich Mann, Verteidigung der Kultur. Antifaschistische Streitschriften und Essays. Claassen, Hamburg 1960; S.435/436.
Max Herrmann/Neiße nannte in seiner Schrift (siehe kuckuck 9) u.a. Georg Büchners Woyzeck als Beispiel revolutionärer Literatur. In der Tat zeigt sich der Prolet Woyzeck seiner bürgerlichen Umwelt längst überlegen (nur mit seiner Marie kam er noch nicht klar). Ich wünsche mir einen Woyzeck freilich mit den abschließenden Worten aus Büchners Leonce und Lena:
... wir lassen alle Uhren zerschlagen (Kunst oder "die Befürwortung von Gewalt" - kkk), alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln (da könnte man sich noch was Schöneres einfallen lassen - kkk), daß es keinen Winter mehr gibt...
MEZZOGIORNO - oder von den Italienern lernen!
... und es wird ein Dekret erlassen, daß, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kurantel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird...
Weil (Woyzeck): "... - Die Hölle is kalt, wollen wir wetten. - - ..."
ich sehe keine/kaputte welt/ich sehe nur eine/schöne große/reiche welt/mit vielen freundlichen/menschen/und prächtigen liedern/und zukurzgekommenen/freilich tränen/aber/die landschaften/sie sind bunt und/einladend/die meerufer/die gärten voller frucht/die ernten reich/man könnte lachen...
wir haben leider/nur noch nicht/gemeinsam/die landnahme/beschlossen...
Das ist nicht der...
du hättest dem/kleinen indianermädchen/die augen geküßt/oder auch nicht/aber SIE stachen dem/kind die augen aus/du hättest dem kind/schuhe gegeben/auch gebrauchtes ist/tragbar/wenn man nackt ist/aber SIE hängten/das kind/an den füßen auf...
dies kind ist auch/mein kind/und wie ich mich auch/bette/ich kann nicht/einschlafen...
Das ist ein anderer.
ALPTRAUM
ich träumte/ich ging in/eine Buchhandlung/und verlangte/das grundgesetz//flüsternd/verwies man mich/an ein dunkles/antiquariat...
Der da schreit: WANN HÖRT DIESE VERFLUCHTE KÄLTE AUF!
Nein. Das ist nicht der Klaus Schneider, der vor Erregung wirre Briefe schreibt, das ist ein anderer. Wer die Kuckuckshefte 3, 4, 5 gelesen hat, sollte sein Bild jetzt vervollständigen: Klaus Schneider, Krebsgang des Bösen. Gedichte. alternativpresse/sülzburgpresse, Köln 1976 (siehe auch Hinweis S.18).
Ich ahnte ja, daß Hans Bahrs einer der Preisträger war, die sich vom Herrn Generaldirektor haben abfrühstücken lassen. Geschieht ihnen recht, dachte ich. Das weiß man doch vorher. Wenn einer schon hingeht, dann bitte die Nagelprobe ... Wäre Gelegenheit gewesen, die Gastgeber zu Gästen zu machen. Nur Mut. (Wie heißt denn die "bedeutende Gesellschaft"?)
Von Literatur sprechen ist mehr sprechen "über" etwas, das und wie es sein sollte, als von Gegebenem. "Literatur kann es nur geben, wo der Geist selbst eine Macht ist, anstatt daß er abdankt und sich beugt unter geistwidrige Gewalten" - schrieb Heinrich Mann 1933 in seinem Aufruf An die deutschen Schriftsteller im Exil (a.a.O.).
Solange der Mensch sich für hirngesteuert hielt, war er es nicht. Seit (und wofern) er weiß, daß er's nicht ist, ist er einem Wesen, das sich selbst bestimmt, immerhin etwas näher gekommen.
Wer seine Grenzen erkennt, erlebe sie als Provokation. Das ist es, daß die Kuckucksblätter Proletarier rufen, daß er sich selbst überwinde! Unser Problem ist nicht die Manipulation, sondern die Manipulierbarkeit. Nicht Hitler, sondern das Volk, das ihm nachlief, ist unser Problem.
Peter Paul Zahl - Schutzimpfung. Gedichte. Rotbuch Nr.132 - erinnert: "der harte kern/ - einer kirsche/zum beispiel - /ist immer ungenießbar/er wird ausgespuckt/bei gutem boden/wird ein baum/aus ihm."
Und bei schlechtem?
Miklós Haraszti - Stücklohn. Rotbuch Nr. 130 - zeigt auf, wie die Arbeiter im sozialistischen Ungarn sich nichts sehnlicher wünschen als kapitalistische Zustände (das jedenfalls läßt sich herauslesen).
In Horen 98 hat Kurt Klinger - mit bestimmter Bezugnahme auf die Gegenwart - den Xenienkrieg einen "deutschen Bürgerkrieg der Worte" genannt. (Zum Thema Bourgeoisie, übrigens, lieferte das linksbürgerliche Kursbuch 42 - quasi pro domo - literarische Beiträge.
Tja, heute findet statt, was nach law and order-Vokabular "Bürgerkrieg" heißt: so etwas wie literarischer Klassenkampf. Dieser Klassenkampf ist keineswegs offenkundig. Dieser Klassenkampf ist eigentlich noch gar nicht bewußt geworden.
IN DEN WIND REDEN DOCH?
Die Analyse der hochentwickelten kapitalistischen (=industrialistischen) Gesellschaft ist die Analyse der aufsteigenden beziehungsweise aufgestiegenen neuen Mittelklasse; ist die Hervorhebung ihrer Widersprüche gegens Proletariat.
Die Mitte ist das gehobene Herrschaftsinstrument des Kapitals - und sie ist ein wenig mehr.
Die theoretische Aufarbeitung im Rahmen der NEUEN LINKEN hat mit der Einführung des Begriffs "Lohnabhängige" die aufzuhellende Widerspruchsgrenze, und ich sage: Klassengrenze verwischt - aus Gründen, die mit der bürgerlichen, mittelständischen, oder doch tendenziell (aufsteigend oder absteigend) mittelständischen Basis der Neuen Linken zusammenhängen.
Die gesellschaftliche Mitte ist nicht objektiv proletarisch, nicht lediglich subjektiv anti-proletarisch. Die gesellschaftliche Mitte ist vielmehr objektiv und klassenspezifisch antiproletarisch und anti(groß)-bürgerlich zugleich.
Ohne die neue Klasse der Techno- und Bürokraten ist das Großkapital - abhängig von wissenschaftlich-(produktivkraft)-technischem und verwaltungs-(herrschafts)-technischem KNOW HOW - gar nicht mehr denkbar.
Die Mitte breitet sich aus, macht von sich reden, verfügt vor allem ja über das rationale Vermögen (und das gesellschaftlich gegebene Instrumentarium), sich öffentlich zu machen, sich im gesamtgesellschaftlichen Bewußtsein durchzusetzen - mit der Chance, sich von den mächtigen Minderheiten in starkem Maße freizuschwimmen: zu Lasten und auf Kosten der Arbeiterklasse.
Ein neuer - "fortschrittlicher" - falscher! - Bewußtseinstypus hat sich dabei herausgebildet: der der ideellen Verdrängung und Ersetzung des Proletariats.
Diese Schwäche der Mitte-Ideologie ist zugleich ihre gefährliche Seite, die ihre Faschismus-Nähe bzw. -Anfälligkeit immer wieder auch zu verhüllen trachtet. Aus ihr resultiert übrigens auch, daß - bei offizieller Aufrechterhaltung des proletarischen Anspruchs - in den sogenannten sozialistischen Ländern die Arbeiterklasse nicht Subjekt der Politik, sondern zum Herrsch-("Erziehungs")-Objekt von Partei und Staat geworden ist.
HAB ICH GAR KEINE LUST ZU
Ich sage nicht, daß die kleinbürgerlichen Literaten identisch seien mit jener neuen Mittelklasse. Mir fällt es indessen schwer, die angepaßte von der "alternativen" Literatur immer auch genau zu unterscheiden. Und umgekehrt. Jedenfalls schlägt sich in der Literatur doch manches nieder.
Ein Beispiel
In kuckuck 7 erschien ein Gedicht von D.P. Meier-Lenz:
befund
die gesellschaft/ist weiblich/geschwätzig/neurotisch/nikotin in den lungen/cholesterin im blut/ein katheter im herzen//ihr schoß/vibriert aus ANGST/VOR UNFRUCHTBARKEIT//zitternd/liest sie ihr/horoskop//und fordert/uns täglich/zum koitus
Ich habe gleich hervorgehoben, worauf es mir dabei ankommt: daß der Schoß der Gesellschaft aus ANGST VOR UNFRUCHTBARKEIT vibriere. Ich bestreite das nämlich.
Meier-Lenz meint zwar, wie er mir in einem Brief erläutert hat, die "Dekadenz der Hervorbringung allgemein", die "Entartung des Produzierens", "eher eine Art Parthenogenese". Vor ihrem Schwinden habe die Gesellschaft Angst. Aber das steht so nicht in seinem Text. Da steht ANGST VOR UNFRUCHTBARKEIT. Und sie bestreite ich.
Ich denke mir (was ich dem Autor auch schrieb) unter FRUCHTBARKEIT die wirkliche - und zwar sowohl biologisch als vor allem auch im übertragenen Sinn von Kreativität, revolutionärer Neuerung... Davor hat "die Gesellschaft" Angst.
Diese Angst realisiert sich auf zwiefache Weise: indem sie einmal jedwede ernstzunehmende Alternative zu verhüten sucht, zugleich aber suggeriert, eben dies sei die Alternative.
Die Angst vor Fruchtbarkeit bei gleichzeitiger Aufforderung zum Koitus hat sich zuvor der Möglichkeit des Eingriffs versichert. Z.B.:
Offiziöse "Friedens- und Konfliktforschung", "Zukunftsforschung" und dergleichen Wissenschaften bereiten ja nicht eine friedliche Zukunft, nicht künftigen Frieden - vielmehr sind solche Wissenschaften eben auch Instrumente des "Bürgerkriegs", des schleichenden Konflikts: des Klassenkampfs von oben!
Genug. Erschütterungen lassen sich hervorrufen. Künstler sind Seismographen. Sie wirken reaktiv.
Kunst der Verführung fürchtet, verstanden zu werden, fürchtet die Energien der Klärung, wie die Wolken den Blitz und den Regen, wie die Mutter ihre verständigen Kinder.
Diesmal ist uns Heinrich Mann ans Herz gewachsen.
Die menschlichen Werte mußten von dort emigrieren. Vorzubereiten ist ihre Rückkehr (a.a.O. S.14).
Endlich:
Die Intellektuellen, die sich vor ihrer eigenen Proletarisierung fürchten, fangen an zu veralten. Wir wollen daran denken, das Proletariat zu intellektualisieren (S.472).
Individuation oder kollektive Frage? Lernt von den Ameisen. Studiert ihre soziale Struktur und wisset, unter welchen Bedingungen die Sklaverei perfekt wird, unter welchen Bedingungen die Sklaven sich selbst versklaven. Studiert die Ameisen und vergleicht mit den modernsten Theorien zur Emanzipation.
Später. Kommt alles ganz anders. Stichwort: "nationaler Befreiungskampf". Irland, sowieso, Korsika, sicher, Portugal, gehabt, Bretagne, naja, Bayern, Hessen, Oldenburg usw. usw.. Europa löst sich in seine provinziellen Bestandteile auf - hingerissen von Idealen und Morgenröten: Preußen, Österreich-Ungarn, Germanien, Gallien, Reformation, Gegenreformation. Die Hochsprachen werden abgelegt. Jedes Dorf spricht wieder seinen Dialekt. Die europäische Dichtung blüht auf wie nie zuvor. Keiner versteht den andern. Jeder weiß alles. Der große Gag: Die Infrastrukturen werden kontinentalisiert. Sprache, als Kommunikationsmittel überflüssig, als Denkmedium unerwünscht, verliert ihre Bedeutung auch als Herrschaftsinstrument. Ersatz: Electronic & Co.mix. Motorische Zentren televisionär (in ernsten Fällen psychochirurgisch) ausgeschaltet. Insulare Meditationen, musikalisch diktiert, quillen und quallen, Bewußtseine erweitern, bis sie platzen. Die hohe Stunde der Luftballons. Zwar, man hatte den Nordischen signalisiert: Konföderation Hamburg-Bonn-DDR. Aber Bayern muß weg. Stichwort: Sonthofen. Jeder sagt's. Einige meinen was anderes. Und seit der kuckuck in Flensburg erscheint, will niemand mehr davon wissen, von wegen, die Kultur kommt aus dem Norden. Ihr Zentrum ist wieder Berlin. Oder...
Volker W. Degener. Beruf: Polizeihauptkommissar. "Ein schreibender Polizist, ein linksliberal denkender dazu. Fast schon eine Unvereinbarkeit?" fragen Engel und Schmitt (Peter Engel und W. Christian Schmitt: Klitzekleine Bertelsmänner. Literarisch-publizistische Alternativen 1965-1973. Chr. Gauke Verlag, Hann.Münden/Scheden 1974).
Die Hannoversche Allgemeine Zeitung stellte in einem Autorenporträt im März 1973 fest: "Degener ist ein kritischer Polizeibeamter geworden, der Anordnungen, Paragraphen nach dem gesunden Menschenverstand interpretiert, und Degener ist ein Autor, der mit seinen Texten zu einer Veränderung im Sinne von menschlicher Verbesserung unseres Staates beitragen will. Von beiden Degeners kann unsere Gesellschaft noch etliche brauchen." Degener hat den subkulturellen Bereich zur rechten Zeit verlassen (S.83 ff.).
Na, bitte.
Und Peter Engel über sich:
Auftrieb gab mir 1968 der Abdruck eines spöttischen requiems für einen bildleser im Kürbiskern, wo damals noch Yaak Karsunke als Mitherausgeber wirkte und von der späteren Dogmatisierung noch wenig spürbar war. In Heft ölf seines Schöngeist, der nun schon beinahe legendären Schuheinlegesohlen-Nummer, meldete Detlef Rohde im gleichen Jahr im Autoren-Verzeichnis: "Peter Engel, nach erfolgreichem Studium bei dpa gelandet, hoffnungsvoll, Hamburg". Das stimmte immerhin näherungsweise: Das Germanistik- und Anglistikstudium hatte ich - glanzlos - mit dem Staatsexamen abgeschlossen, als Volontär mußte ich mich mit der irren Atmosphäre einer Sportredaktion an Bundesliga-Samstagen vertraut machen, Hoffnungen hatte ich immer noch, und tatsächlich wohnte ich inzwischen auch mitten in Hamburg - bis dahin hatte ich in einer trostlosen Stadtrand-Gegend gelebt, die nur postalisch zur anziehungsmächtigen Großstadt gehörte.
Und wieder schickte Detlef Rohde Zeitschriften-Adressen, diesmal zur Unterstützung bei einer Umfrage-Aktion unter den Miniblättern: Da ich gern in die Kulturredaktion überwechseln wollte, sah ich hier eine Chance... (S.14).
Es muß nicht die Frankfurter Allgemeine sein: Dahinter steckt immer ein kluger Kopf... Alternative Informationsvorsprünge auf dem Weg in die gesellschaftliche Verwertung. Ich meine: eine alternative Literatur im Sinne einer literarischen Auseinandersetzung mit dem spezifischen Gehalt bürgerlicher Gesellschaft ist doch erst im Entstehen.
Alternativ ist nicht, wer nur noch nicht mitmachen darf, obschon er's gern möchte. Alternativ ist, wer nicht mehr mitmachen will. Und wer schließlich auch (subjektiv) nicht mehr mitmachen kann, es sei denn auf Kosten seiner Identität. Mußt nur mit den Füßen auf dem sozialen Boden bleiben. Und denken wie eine Eule, meinetwegen, wenn's nicht grad die von Athen ist.
Daß INGO CESARO gute Gedichte schreibt, ist nicht mehr ganz unbekannt. Über sein Bändchen VERDAUUNGSSCHWIERIGKEITEN (édition trèves, Trier 1975) ist an diesem Ort nicht viel zu sagen. Man feiert manches Wiedersehen.
WOLFGANG BITTNER - Rechts-Sprüche. Texte zum Thema Justiz. Davids Drucke, Celle 1975 - promovierte 1972 über ein strafrechtliches Thema. Seine Sprüche sind die eines Betroffenen, der nicht mehr "juristisch", sondern politisch argumentiert. Aber auch mit einem TOTENTANZ:
Hinter dem Gitter/die Luft/verlangt nach Erinnerung/schnell werden die Tage/unwiederbringlich/Jahr um Jahr/schwillt an/in verschlossenem Mund/ein paar Einsichten/sind in den Hof/gestürzt/begraben unter alten/Kalenderblättern/Reue/eine offene Wunde/die sich langsam wieder/schließt/zwischen den Steinen/vertrocknet der Samen.
Das Gedicht RUHESTÄNDLER, Kuckuckslesern aus Heft 8 bekannt (war übrigens kein Nachdruck), ist ebenfalls in dem Band enthalten.
Ein Hinweis für Leser der Frankfurter Rundschau, an deren Leserbriefredaktion ich eine (meines Wissens nicht veröffentlichte) Schimpfe geschrieben hatte: "Wenn es der bürgerlichen Presse darum zu tun ist, gegen die politische Linke zu hetzen, gibt sie selbst unbegabten Grenzgängern eine Chance, sich ein paar Silberlinge zu erdienen - so letzthin der Elisabeth Alexander mit ihrer Rezension der RECHTS-SPRÜCHE von Wolfgang Bittner (FR v. 6.1.76)." Soll ja alles seine Ordnung haben.
ROLF MÖRSCHEL - Gott ist in uns. Gedichte. Gebr.Zimmermann-Verlag, Balve 1975 - bekennt sich als (protestantischer) - "... kein guter Christ:/ich bin einer/aus Verlegenheit..." Mit falschem Zungenschlag einer: "schon wieder haben die Untermenschen/einen Kibbuz überfallen..." Aus welchem Geiste, um Himmels willen, wird da Partei genommen!
Einer, der mit der Demokratie hadert: ENZIO HAUSER - hellbrunner wasserspiele. Erkenntnisse. Augartenverlag Stephan Szabo, 1975 - wünscht sie nicht gebessert, sondern abgeschafft. Denn: "Jesus Christus war auch kein demokrat. ich habe wenigstens nirgends gelesen, daß er seine jünger abstimmen ließ, wenn er entscheidungen zu treffen hatte." Ein unverblümt reaktionärer Schriftsteller, eine reine Freude, ihn zu lesen. Ein bedeutender Satiriker. Er weiß es nur nicht. "der kommunismus leitet den untergang des abendlandes ein." Leitet ein! Mit Photographien aus dem Schloßpark von Hellbrunn von Stephan Szabo.
Dies vorausgeschickt. Vielleicht dies auch: Daß Nietzsches Zarathustra "die Sprache der Opfer sprach" (98), diese und verwandte Herren/Täter-Wahrheiten, so etwa, "Poesie" und "Revolution" stünden zu- (nicht gegen-) einander, verbreitet NEUES LOTES FOLUM, Zeitschrift für die Poésie und die Révolution (Verlag Association GmbH, Hamburg). Leser von Bernd Mattheus' Beiträgen, hier insbesondere "Jede wahre Sprache ist unverständlich" (kuckuck 8), gehen nicht unvorbereitet in die Lektüre der rund 300 Seiten umfassenden Zeitschrift 1/27, Frühjahr 1975.
Individuation wird aus Selbsterkenntnis. Die Erkenntnis des Individuellen und des Prinzipiellen sind zwei Aspekte derselben Bewußtseinslage.
Der Arbeiter spuckt aus, der Angestellte schluckt runter. Das soll keine politischen Folgen haben?
Belustscheinserheiterung. Friedhofsruhe. Sicherheit und Ordnung in Europa. Ein Progreß? Herausgegeben wird Neues Lotes Folum übrigens von der Necrophiliacs Liberation Front.
Gut ist, was klären hilft: Über eine gewisse Solidarität von P.P. Zahl; Kleine Polemik über falsche, dumme und überflüssige Epigramme von Peter Salomon - im Scenen Reader 75/76 (Literarisches Informationszentrum Wintjes). Salomons Text las ich zuvor in Epitaph 9.
Comics sind ohnehin antiliterarisch. Das "Familie & Heim Comic: Harry haut auf die Kacke" ist zudem, naja, banausisch, faschistoid, reaktionär, was noch, weil es das ödipale Selbstzerstörungssyndrom (historisch nützlich in der bürgerlichen Familie) in die Arbeiterstuben verlegt. So schlägt ein Prolet auf den andern ein. Bravo.
Immer noch SCENEN READER. Auf einem Transparent demonstrierender Arbeiter (Zeichnung Seite 29) ist zu lesen: "Der Tod Allendes ist ein Mordversuch am chilenischen Volk." Ich halte das für irreführend. Warum? Wer nicht alles vergessen hat, was in den vergangenen zehn Jahren in Südamerika geschah, wird sich vielleicht erinnern, daß mit der Einsetzung ("Wahl") Allendes der konzertierte, ja, bleiben wir doch dabei, Mord an der chilenischen Revolution begann (spätestens mit ihm). Die Allende-Regierung hatte vornehmlich diese Funktion: die revolutionäre Linke zu binden, zu neutralisieren, notfalls zu kriminalisieren, schließlich zu liquidieren. Als dies geschehen war und nunmehr der "marxistische" Reformer Allende sich geltend machen wollte, da war's auch um ihn geschehn. Verfolgt die Rolle der Sozialliberalen in unserm Lande (insbesondere das Schicksal der sozialdemokratischen Reformvorhaben), und Ihr versteht das Thema Allende besser. Zugespitzt.
Norbert Neys Satire über ein "Jubiläumstreffen der Alternativen in Frankfurt" trägt das Datum vom 12. Oktober 1989. Da sind die Alternativen mittlerweile etabliert. Ihre Söhne und Töchter demonstrieren gegen die "Greisenclique der Kulturbonzen", dem "reaktionären Treiben" ihrer Väter ein Ende zu machen. Das ist eine vergnügliche Lektüre. Kommt Selbstironie in die Scene? Würde ich für einen Fortschritt halten.
Klaus Pemsels Pamphlet gegen die "Scheiß Tendenzwende" ist aus einem Info schon bekannt. Mit Pemsel hat Wintjes einen Schreiber gefunden, der offenbar sehr schnell lesen kann, der in seinen zahlreichen Rezensionen auch manches Richtige sagt. Mitunter macht er sich's etwas leicht; aber er weiß es. Ich glaube, er ist entwicklungsfähig. Vielleicht weniger extensiv arbeiten. So was kann natürlich nicht von außen verordnet werden. Apropos "Tendenzwende". Sie ruft ja auch die kritischen Potenzen dagegen hervor.
Peter Engels "Plädoyer für eine Arbeitsgemeinschaft der Kleinverlage" war auch an den kuckuck gerichtet worden. Ich lehnte das damals ab. Weil ich es albern finde, wenn einer sagt: ich mach was, hängt euch ran, schickt mir Informationen. Und die Klitzekleinen Bertelsmänner hatten mich nachdenklich gemacht (siehe oben). Engel hat den Urtext seines "Plädoyers" inzwischen ein wenig modifiziert.
Und dann die Motive: immer wieder lese ich was von "Ghetto"-Situation. Das Interesse des Buchhandels müsse gewonnen werden. Schon Walter Gerlachs (Börsenblatt) Wintjes-Beredung im Info 11/12 75 (nach meinem Urteil das bisher beste Heft aus Bottrop) macht übrigens klar, daß die Alternativ-Presse dem Buchhandel nicht nachlaufen muß. Zuviel Interesse aus dieser Richtung ist eher ein schlechtes Zeichen. Prostituiert euch nicht.
Als ich im Info 9/10 75 vom "neuen Motto" las ("Qualität vor Quantität"), war ich schon dabei, wieder einmal abzuwinken, aber nun... Wenn es ernst damit wird, bitte achten, daß die jungen, werdenden Schreiber (vor allem auch die Proleten unter ihnen) nicht untern Teppich gekehrt werden.
Wenn es gelingt, eine ernstzunehmende, erkennbar alternative Literatur/Presse in Deutschland zu entwickeln, dann muß damit gerechnet werden, daß die Medien sie nicht mehr erwähnen; dann wird auch erkannt werden, daß diese Medien die Alternativen nur so lange erwähnten, als sie keine waren. Daß die Medien eine schlechte Alternative, also keine Alternative, bestenfalls eine dem Scheine nach, hätschelten und tätschelten. Daß ihnen die Alternative so, wie sie war, gerade recht war. Eine Alternative, die den Namen verdient, wird totgeschwiegen werden. Eine schöne Herausforderung, finde ich.
kuckuck 10
75/76, Winter
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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