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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1974-00-00

Horst Lummert

Schriftsteller und Politik

Die Frankfurter Rundschau druckte in ihrer Ausgabe vom 25. Juli 1974 unter der Überschrift Unfähig zum Antifaschismus einen Leserbrief ab, den Gerhard Zwerenz, verbittert über die "Apathie, mit der die westdeutsche Öffentlichkeit Wallraffs Opfergang begleitet", geschrieben hatte.

Die Klarsfeld ins Gefängnis, Herrn Achenbach als Botschafter nach Athen und Herrn Lischka nach Zypern. Wer wollte da Wallraff aus dem Kerker holen? Unser Großkapital ist froh, die rote Laus aus dem braunschwarzen Pelz zu haben, und insofern war Günter Wallraffs Provokation ein politischer Fehler.

Dieser Brief zeigte nur einmal mehr, wie kompliziert - auch wenn nicht allzu kompliziert - die ganze Lage ist, und wie unfähig so ein deutscher Schriftsteller, da Licht hineinzubringen.

Wallraffs Co-Autor Engelmann winkte auf dem PEN-Kongreß in Kiel in onkelhafter Weise ab, als ich Aktionen statt Resolutionen forderte.

Zwerenz war empört und zugleich erstaunt, daß Bernt Engelmann abgewinkt hatte.

Er kommt zu dem Schluß:

Die Wehrhaftigkeit gegen links verträgt sich mit der Wehrlosigkeit gegen rechts wie die deutsche Tradition mit der Partnerschaft im NATO-Bündnis.

Dieser Satz ist halbwahr, ist nur zur Hälfte richtig; in ihm, in seiner Halbwahrheit, ist das Dilemma der deutschen Linken verborgen, ist verborgen, daß wir heute keine ernstzunehmende Literatur in Deutschland haben. Denn auf der Lüge baut sich nichts auf. Aus der Verwirrung entsteht immer neue Verwirrung. Zur Gänze wahr hingegen ist der letzte Satz im Brief:

Für Antifaschisten kann die BRD wohl bald keine Heimat mehr sein, steht zu fürchten.

Zur Gänze, wenn sich nicht Entscheidendes ändert. Das heißt, es hat sich ja was geändert - und eben dies müßte nun ganz anders werden.

Wenn Engelmann abwinkte, so deshalb, weil er besser informiert war. Das ist ja auch die Tragik Günter Wallraffs, daß er seit langem nicht mehr allein, sondern jeweils mit einem anderen Autor zusammenarbeitet. Er liefert die linke, die antifaschistische Moral, der andere bestimmt die Strategie.

Welche Informationen auch immer seiner Aktion in Athen zugrundegelegen haben mögen, der Kampf gegen die mittlerweile beseitigte Diktatur spielte dabei nur eine sekundäre Rolle. Im Vordergrund stand die geplante Herauslösung Griechenlands aus der NATO.

Ähnliche Bestrebungen gibt es natürlich auch in der Bundesrepublik. Die unwahre, die falsche Hälfte jenes Zwerenz-Satzes ist: "... die deutsche Tradition" vertrage sich "mit der Partnerschaft im NATO-Bündnis". Er meint ja doch die politisch rechte Tradition.

Aber vielleicht werden wir die deutsche - und in der Folge die europäische - Entwicklung seit Ende der sechziger Jahre überhaupt nur richtig verstehen können - auch als Erfolg eines Langen Marsches der nationalen Rechten durch demokratische Institutionen, linke Organisationen und Organisationsansätze.

Eines Tages wird es ein paar Überraschungen über Termine und Anlässe für den Beginn des sogenannten bewaffneten Kampfes, für die Bombenlegerei geben. Dann wird das niemanden mehr interessieren.

1967.

Die Sowjets protestierten unter anderem gegen das Wiederaufleben des Neofaschismus in der Bundesrepublik, gegen die Existenz der NPD - und warfen der Bundesregierung vor, diese Entwicklung zu fördern und obendrein schon selbst dem politischen Konzept der Neofaschisten zu folgen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was aus Prag verlautete: die NPD nämlich würde gerade in scharfem Gegensatz zur Bonner Politik stehen. Tatsächlich hat die NPD - während die Bundesregierung weiterhin die hergebrachte Blockpolitik praktiziert - unter anderen zwei für die Sowjets sehr bedeutende, geradezu linke Punkte im Programm: NATO-Austritt und außenpolitische Neutralität.

Der Artikel, aus dem das Zitat stammt, wurde im Dezember 67 geschrieben. Der Verfasser bin ich selbst. Ich zitiere das nur, um zu zeigen, daß Fakten für eine differenziertere Orientierung im Ost-West-Konflikt vorlagen; man mußte sie nur auflesen.

1968. Eine Woche vor der CSSR-Invasion - in ihrer Ausgabe vom 14. August - schrieb die Frankfurter Rundschau:

In der Auseinandersetzung zwischen der CSSR und der UdSSR um den Reformkurs der tschechoslowakischen Führung hat sich die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) nachdrücklich hinter Moskau gestellt. In einem Artikel des parteioffiziellen Nationaldemokratischen Pressedienstes heißt es unter anderem, es sei unerträglich, was hierzulande an Verkennung der wirklichen Verhältnisse im Konflikt der Russen mit den Tschechen geleistet werde.
Obwohl die UdSSR wiederholt das Einschreiten der Bundesregierung gegen die NPD verlangt hat, schließen die Nationaldemokraten offenbar eine indirekte Zusammenarbeit mit den Sowjets nicht aus: "Wir können eine Weltmacht wie die UdSSR natürlich nicht dadurch verhandlungsbereit stimmen, daß wir den Versuch machen, den strategisch-politischen Bogen - den die Russen über Polen, die Zonenrepublik und die Tschechoslowakei gespannt haben - zu sprengen durch die Unterstützung tschechischer Emanzipationsbestrebungen, die weitgehend auf Illusionen beruhen.
Möglich allein ist es, daß wir den Russen die Gewißheit verschaffen, daß aus einem mitteleuropäischen Raum - aus dem sie abziehen - niemals Kräfte aufsteigen werden, die sich in einem möglichen Moment der Schwäche gegen Rußland wenden."
Die NPD versteht sich augenblicklich als Garant dieser Gewißheit, denn "solche Gewißheit können ihr keine heimlichen kalten Krieger vermitteln, die heute im Schafskleide der Entspannung einhergehen, sondern nur Leute, und zwar auf der Rechten, denen an realer Politik gelegen ist".
Es komme dabei nicht, so meint die NPD, auf das Angebot eines Gewaltverzichts an, der wirkungslos bleiben würde, sondern darauf, daß ein "erneuertes Deutschland und ein neues Europa" keine realen Interessengegensätze gegen Rußland haben.
Weiter meint der NPD-Pressedienst, durch Deutschland und das ganze Europa müßten die Rußlandhasser in Mitteleuropa einst genauso gezügelt werden, wie es "Bismarck mit Österreich tat".

Es folgte die Invasion vom 21. August 1968.

Am 6. September stand es in der Welt der Arbeit:

Die neonazistische NPD sucht das Vorgehen der Sowjetunion zu bemänteln. Tatsächlich enthält die Erklärung des NPD-Vorstands kein Wort der Kritik an dem Überfall auf die CSSR. Im Gegenteil: neben dem verständnisvollen Hinweis auf das Interesse der sowjetischen Machtpolitik, "den Eckpfeiler des Warschauer Paktes nicht zerbrechen zu lassen", findet sich in diesem NPD-Papier die Unterstellung, die Bundesregierung trage an den Vorgängen in der CSSR "eine schuldhafte Mitverantwortung" ... bezeichnet es der offizielle Pressedienst der NPD als Aufgabe Deutschlands, "gegebenenfalls Rußland den Rücken zu decken, und zwar wirksamer als heute Ulbricht...".

1968. Schweigen seither...

Um auf Zwerenz' Leserbrief an die Frankfurter Rundschau noch einmal zurückzukommen. Es müßte also heißen:

Die Wehrhaftigkeit gegen links verträgt sich mit der Wehrlosigkeit gegen rechts wie die deutsche Tradition mit dem Austritt der Bundesrepublik aus dem NATO-Bündnis

- und zwar zugunsten einer "deutschen" Führungs- (und Gendarmen-) Rolle im und vom Zentrum Europas aus. Was das für unsere kleineren Nachbarvölker bedeutet - auch das liegt auf der Linie "deutscher Tradition".

Nun wäre die Sowjetunion wahrscheinlich niemals bereit gewesen, die für sie so wichtige Deutschlandpolitik - unsere "neue Ostpolitik", der in Wahrheit eine nationalkonservative Konzeption für eine "europäische Neuordnung" zugrundeliegt - mit einer rechten Bundesregierung zu realisieren. Sie hatte ihr "Gesicht" zu wahren. Also wurde hierzulande einer nationalistischen Politik - unter Zuhilfenahme von Sozialdemokraten und Liberalen, assistiert von Gruppierungen auf der Linken - der "progressive", der "linke" Wimpel aufgesteckt. Der "griechische" Weg, gleichwohl, ist damit vorgezeichnet.

Eine Informationspolitik, die eine so schwerwiegende Entwicklung nicht klärt, sondern im Gegenteil noch verhüllt, kann im Bewußtsein der Bevölkerung nicht ohne Folgen bleiben. Auch Literatur ereignet sich nicht im luftleeren Raum. Der Rückzug aufs Innenleben und das engagierte Gedicht, das am Problemkern vorbeipolitisiert, sind zwei Seiten derselben Schriftstellerei, die "die Welt nicht versteht".

Bitte, darüber können wir jetzt streiten, aber dann bitte auch über die dem unterlegten Sachverhalte. Wer soll's denn durchsichtig machen, wenn nicht die Schreibenden?

Die nachkommenden jungen Dichter werden sich einer transparenten Wirklichkeit wieder zuwenden, sich aus Stilleben und Lyrik mausern in den Klartext, in die direkte, freie lebendige Sprache. Die Literaten werden wieder unterscheiden lernen zwischen wahr und unwahr.

Des bin ich gewiß.

kuckuck 7
1975, Frühjahr

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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