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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1975-00-00

Horst Lummert

Erstarrungen

Ein Merkmal kleinbürgerlicher Literatur scheint es zu sein, daß sie mancherlei reproduziert, problemblind reproduziert, nur weil sie glaubt, ohne die Einsichten bürgerlicher Literaturkritik auskommen zu können. So bleibt ihr manches rätselhaft, geheimnisvoll, undurchschaubar, was längst durchschaut und enträtselt. Das Enthüllte tritt in neuen Verhüllungen auf. Was klar war, wird wieder unklar. Die Nichtbeachtung bereits vorliegender Erkenntnisse wird zum Sündenfall ahistorisch aufgeschossenen Selbstbewußtseins.

Hinter der Produktion von preiswerten Taschenbüchern verbarg sich einst die Idee, der äußeren, teueren, Form abzusagen, wenn nur das Geschriebene, das zu Lesende höchsten Ansprüchen genügte. Es war eine Absage an die Form zugunsten der Substanz, es war eine Umkehrung bisheriger ("bürgerlicher"?) Prioritäten. In der kleinbürgerlichen Literatur biedern sich die Formen wieder an.

Literatur der Befreiung, das ist eine der Entkrampfungen, der Gefäßerweiterungen, création! schöpferische Literatur. Wenn du beim Lesen Kopfschmerzen kriegst, leg das Buch, oder was immer es sei, beiseite. Prüfe dich, und prüfe das Geschriebene. Gibt es auch eine Literatur der Verkrampfung, der Verengung und Abschnürung?

Nicht zum erstenmal versinkt Bekanntes wieder, folgt den Öffnungen und Klärungen ein Mittelalter. Später wird, was nicht vernichtet, wieder entdeckt. "Der unvermeidliche Gang der Dinge"?

So auch (freilich ohne Fragezeichen) der Titel des ersten Buches von Brigitte Kronauer - einer Sammlung von kleinen Erzählstücken, "nicht im mindesten psychologisch", so die Verfasserin im Klappentext. Nämlich: "Wir haben eine natürliche Affinität zu den Ordnungsweisen der Geschichten, natürlich, wie unser Bedürfnis nach Sinn, Perspektive, Ziel. Es kommt nur darauf an, daß wir es sind, die diese Ordnungsmuster handhaben. Immer dies ist die Frage: Kriegen wir die Geschichten (Raster, Klischees, Schlußfolgerungen) in den Griff oder sie uns!"

Die Ichperson beschwört und bannt Realität, indem sie sie aufschreibt, in Sprache einbindet, festhält, sie "durch die Penetranz einer immer wieder durchgespielten, über die wechselnden Inhalte gestülpten Form" erstarren macht. Kronauer: "die Machbarkeit von Realität zu demonstrieren".

Kurzerzählungen von wiederkehrenden Erwartungsängsten. Panik in der Berührung mit dem Alltäglichen. Das vierjährige Kind, das, krank im Bett liegend, sich fürchtet, die Milch zu trinken, fasziniert zugleich von der Vorstellung, unter der Oberfläche der Milch lauere ein Tier, "spitze Ohren oder Glitschiges, Kaulquappenartiges und schließlich, kurz vor dem Grund, ganz Plattes, bis die Tasse leer ist" (S.7).

Ekel. Vor einer toten Ratte. Das siebenjährige Mädchen: "Ich kucke das fette graue Tier an mit seinem kräftigen langen Schwanz, und mir kommt zu Bewußtsein, daß ich sie um ein Haar berührt hätte. Die Ratte liegt zwischen Schutt und Abfall. Ein Stück weiter sehe ich eine Rasierklinge. Ich spüre, während wir die Ratte betrachten und mit kurzen Stöcken hin und her drehen ein Würgen im Hals. Ich meine, ich müsse mich nun übergeben und sage, man solle der Ratte mit der Rasierklinge den Schwanz abschneiden. Die Kinder krempeln die Unterlippen um. Ich nehme das Werkzeug, hocke mich vor die Ratte hin und drücke ihren Körper mit einem Stein auf den Boden. Mit der freien Hand schneide ich am Ansatz des Schwanzes. Das Gefühl in meinem Magen wird immer dringlicher. Ich weiß aber, daß ich es unbedingt tun muß. Ich würde es auch ohne Zuschauer ausführen. Eine Weile scheuere ich die Rasierklinge über den Schwanz. Ihr Leib sackt hin und her, bis er endlich abgeschnitten ist. Dort liegt die Ratte mit ihren bloßen Zähnen und hier der feste biegsame Schwanz. Ich werfe die Klinge weg und wasche mich zuhause gründlich, putze mir die Zähne und streite es ab. Ich schließe die Augen und weiß wieder genau, wie es war" (10).

Mit dem Ekel verbindet sich ein, wenngleich unterdrücktes Lustgefühl. "Nun spüre ich es auch an mir, wie sich dies schwarze glitschige Zeug hindurchschlängelt, feucht und kitzelnd, ich sehe es bei mir selber an und trete nun auch langsamer auf und lasse so den Matsch allmählicher durch. Ich fühle ihn so sehr deutlich. Ich sehe die Freude der Kindergärtnerin darüber, wie sich der Matsch bei ihr durchdrückt. Sie zeigt es unverhohlen. Aber ich zeige es nicht, ich quieke weiter und trete mit den Füßen unter Wasser ganz langsam und gleitend auf" (15).

Die Kinder spielen "Fänger und Verfolgte". "Dann spüre ich seine Schritte hinter mir, in meinem Rücken, ohne genau zu wissen, wie nah er ist. Ich wage nicht mich umzudrehen, habe aber das Gefühl, nur noch auf der Stelle zu treten. Ich fühle ihn also näherkommen und werde, obschon ich fliehen will, immer langsamer und unfähiger ihm zu entgehen. Es macht meine Beine steif, ich schreie aber, als könne ich ihn damit aufhalten und stehe schließlich still, gelähmt, meist gegen eine Mauer gepreßt und erwarte ihn mit klopfendem Herzen auf diesen langen letzten Metern, bis er mich endlich berührt" (8). Ein andermal "kommt ein Polizist mit Stiefeln und einem Knüppel an der Seite auf mich zu". "Ich merke, wie mein Herz zu schlagen beginnt und mein Kopf dick und rot wird. Ich sehe es auf mich zukommen, ich drücke mich an den Boden und nun ist es beinahe so, obschon ich noch immer weglaufen könnte, als zöge ich ihn zu mir heran, als müsse er jetzt auf mich zukommen, als könne er gar nicht anders. Er beachtet nichts außer mir, ich rücke die Schultern hoch und rühre mich nicht von der Stelle. Wir sehen uns an, er beschleunigt nicht seine Schritte, es dauert lange" (11).

Was ist mit diesem Mädchen, das, zehnjährig, die Schulferien auf einem Bauernhof verbringt: "Tagsüber erscheint mir alles freundlich und sonnig, wenn auch der Geruch der Kühe und des Mistes und der Erde, die schwer an den Schuhen hängen bleibt und der rauhe Ton und die rissigen Hände der Bauersleute mich bedrücken und traurig stimmen. Zum ersten Mal empfinde ich durch dies alles in starkem Maße das Fremde" (14).

Vor allem der Geruch löst dieses Gefühl bei ihr aus; um sich wieder heimisch fühlen zu können, riecht sie an der Wäsche in ihrem Koffer. "Die Wäsche duftet wirklich wie meine Mutter, die ein bißchen von ihrem Parfüm dazwischen gesprengt hat."

Seltsam, wie gerade das Verfremdende ("Parfüm") die Anhänglichkeit sichert: "mich auf diese Weise zu trösten". "Ich denke daran, wie gut es ist, daß ich nicht über die Wiesen gehen muß. Ich stelle es mir vor und spüre kleine Wirbel im Bauch."

Die Hölle dieses jungen Lebens wird immer wieder erfahren als Bindung, Fesselung, Niederdrückung. Das Mädchen wehrt sich dagegen, windet sich, doch die "breiten schwarzen Riemen" sind stärker. "Sie binden mich auf den Tisch, so daß ich mich nicht mehr rühren kann, sie aber alles mit mir machen können... Ich denke an Mädchen in zerrissener Kleidung, die mit überkreuzten Bändern an Pfähle gewickelt sind, ich sehe es vor mir, und an meinen Handgelenken sind die glatten Riemen, die sich von meiner Haut abheben und ich kann mich noch winden und bäumen und spüre die Riemen kalt und eng, je mehr ich mich wehre, desto kälter und enger" (16). Die Zwölfjährige war "mit einer Blutvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert" worden.

"Meine Mutter hält mich fest an der Hand." Eine Zeichnung von Dieter Asmus auf der Nebenseite zeigt vor einem Gittermuster sechs Hände, bittend, ermüdend, noch einmal blind suchend, in Abwehr schon, ins Bettuch gekrallt, sich ergebend am Ende.

Das Buch zeigt innere Zusammenhänge auf, die von der Erzählerin nicht reflektiert werden. Die Ichperson gibt ihre Wahrnehmungen wieder, stellt sie nebeneinander. Die Verknüpfung, Wiederverknüpfung, die Rekonstruktion der inneren Beziehungen ist, beabsichtigt oder nicht, dem Leser aufgetragen.

Mitunter liest es sich wie eine Korrespondenz über eine Zwischengeneration hinweg. "Die Tochter aß gern Reibekuchen. Sie spielte gern Skat. Sie hatte manchmal Halluzinationen, sie war eine kluge Frau, sie zog sich gut an, sie hatte einen harten Zug um den Mund" (116). - "Die Mutter war plump gebaut und machte oft das Bett voll und nichts als Ärger und Arbeit. Die Mutter lud immer die Söhne und Töchter ein, die es nicht weit gebracht hatten. Die Mutter erzählte allen Leuten von der nicht vornehmen Vergangenheit ihrer Familie. Man wußte nie, ob sie es aus Harmlosigkeit oder aus Bosheit tat. Die Mutter hatte vor der Tochter Angst."

"Noch am selben Abend fand man die Mutter ertrunken in der Badewanne, die bis oben mit Wasser voll war. Die Mutter hatte sich nicht eingeschlossen. Man entdeckte sie mehrere Stunden nach Eintritt des Todes. Die Tochter war als einziger Mensch die gesamte Zeit über in der Wohnung gewesen. Es zeigte sich keine Spur von Gewaltanwendung. Man erkannte keine eindeutigen Anhaltspunkte. Das eine widersprach dem anderen. Niemand machte sich die Mühe, die Dinge schlüssig aneinanderzureihen" (117).

Ein mehrfacher Verdrängungs- beziehungsweise Verhüllungsmechanismus gibt gerade auch dem kritischen Leser Rätsel auf. Einmal scheint es, als würden die ursprünglichen Motive bewußt so verborgen, daß sie, eben noch erkennbar, durchschimmerten. Doch dann entsteht auch wieder der Eindruck, daß dies unbeabsichtigt mit unterlaufe. Es empfiehlt sich wohl, das Buch mehrmals zu lesen, darin zu blättern, herauszupflücken, sich nicht an die Erzählfolge zu halten. Die Gefahr, daß man's zu früh weglegt, in der Überzeugung, der Erzählerin selbst sei nicht durchsichtig, was sie schreibt, die Gefahr ist groß. Plötzlich glaubt man, genau das wolle sie erreichen: nicht jeder soll merken, wovon da eigentlich die Rede ist.

Gefahr? Ja, daß man das erzählende Mädchen, die Frau, die Ichperson der Kronauer-Texte, die ihre Zwangssituationen minuziös nachzeichnet, um sich aus ihnen zu lösen, doch wieder nur allein läßt. Ich glaube, der Leser muß da sehr genau hinhören, wenn er den "unvermeidlichen Gang der Dinge" nicht wiederholen, nicht fortsetzen, nicht bestätigen will. Die Unvermeidbarkeit zu widerlegen; die Möglichkeit, gewisse Abläufe eben doch und trotz allem zu vermeiden, diese Möglichkeit aufzuzeigen - aufzufinden die innere Gesetzmäßigkeit, wenn auch nicht der geschilderten Zwangsabläufe selbst, so doch eben dieser Schilderungen beziehungsweise ihrer Motivation...

Als die Zwölfjährige mit Mutter und Bruder beim Abendbrot sitzt, ist durchs geschlossene Fenster plötzlich der Aufschlag eines Körpers zu hören. Ein Mann war aus dem ersten Stockwerk gestürzt. Die drei lachten zuerst. Dann schoben sie den Vorhang beiseite. Nun zieht die Kleine sich zurück aus dem Lachen, aus der Erinnerung an dieses Lachen, fühlt auf einmal Trauer in sich aufsteigen, schaut in den Spiegel und weint. Wenn dieses Mädchen weint, ist nie sicher, ob sie um sich weint, ob sie nur um sich weint. Aber vielleicht vermochte sie nie richtig sich auszuweinen. Bei einem so schrecklichen Todesfall, wo es draußen klatscht, so komisch, daß die Mutter mit den Kindern lacht, als unkontrollierte Reaktion auf eine Ahnung, da ziemt es sich nicht nur, da ist auch mal Gelegenheit, seine Trauer zu zeigen, auch die Trauer um das eigene Sterben von Kindheit an.

An anderer Stelle dachte ich, wer so schreibt, legt auch Patiencen. Das ist hier verschwunden. Und hier: "Ich hörte plötzlich, während ich mich beschäftigte, eine Reihe von Worten, Begriffen, die zu mir hingesagt wurden, die ohne Zweifel mir gelten sollten, unterschiedliche Stimmen, ich hörte: Zuneigung, Innigkeit, Entzücken, Anhänglichkeit, schließlich das letzte Wort, Zärtlichkeit, dies bekräftigt und wiederholt: liebevoll zugetan, zärtlich, ja: zärtlich" (24).

Die Kindheit ist mit Angaben der Lebensalter aufgezeichnet. Hilfreich wären Hinweise auf historisch-gesellschaftliche Hintergründe. Es weist sich hier eine Art postfaschistischer Literatur aus, insoweit, als Krieg, frühe Nachkriegszeit, politisch-ideologische Realität aus der Kindheit sich nunmehr - in der Gegenwart - sprachlich niederschlagen. Das unter der Milchhaut erwartete Unheil, die tote Mutter im Badewasser, das Kinderspiel in den Trümmern, die Angst vor der Verfolgung: das in allem erkennbare ambivalente Verhalten könnte sogar als ein Indiz für eine latente Identifikation des Kindes mit den Opfern, von denen es nichts oder nur Ungenaues wußte, gewertet werden. Das Fehlen der - im weiteren Sinne - objektiven Umstände dieser Kindheit verleitet unwillkürlich zu Deutungen, Spekulationen, die durchaus nicht fruchtlos sein müssen.

Wie eine Zeit, in der die Menschen, die jüngsten zumal, so sehr hinundhergeschubste Objekte äußerer Realitäten waren, in der später aus ihr erwachsenen Generation kaum Interesse an "realistischer" Literatur zu wecken vermochte - das wäre schon ein paar Überlegungen wert. Gegenüber der Realität zeigt sich Realismus im alltäglichen Umgang, nicht in der Literatur. Sie "wandert aus", buchstäblich, oder "ein", nach innen. Ein schmales Reservat für das, was draußen keinen Platz, kein Verständnis mehr hat. Durch die harte Verschalung jenes Realismus im Alltag, durch diese Verkrustung durchzubrechen, auch durch die Spuren, die sie in der Sprache hinterlassen hat, in jene Bereiche, in die sich der Mensch zurückzog, das braucht zugleich, jene andere Sprache zu verstehen, die in diesen tieferen Schichten gesprochen wird, das heißt die geschriebene Sprache in den verschiedenen Schichtungen zu "lesen". Um auch jenes Ungeheuers habhaft zu werden, das sich in der Weiße der warmen Milch versteckt hält. Denn dieses Ungeheuer war in der Wirkung auf das Kind völlig real. Die subjektive Angst des Mädchens verlegte in die Tasse Milch einen objektiven Tatbestand. Aber was die Kleine beim Weitertrinken auf sich zukommen "sieht", das liegt in der Vergangenheit. Und die Abneigung gegen die Milch verbindet sich mit dem inneren Zwang, hinter ihr Geheimnis zu kommen. Offenbart sich in der Versagung des Wunsches, dem Verbot dessen, was gewöhnlich Genuß verspricht, jener "unvermeidliche Gang der Dinge" - derart, daß hier dem kranken Kind in solchen späten Bildern das Ungeheuerliche der Versagung der ersten Lebensmilch vor Augen tritt? Was zunächst Freude, Sättigung, Frieden versprach, enthüllt sich als Gefahr. "Es kann sich auch an meinen Lippen festsaugen. Mir graut vor dem plötzlichen Anblick, aber ich trinke... (7). Die entschwänzte Ratte wird begrifflich, faßbar - eben als schwanzlos, als nichtphallisch. Der verborgene Haß auf die Mutter hat sein Äquivalent in der offenen Angst der Mutter vor der Tochter. Dieser latente Konflikt ist manisch verdreht in Kastrationslust, in Aggression und Angst zugleich. Die Faszination gleichwohl, die der "Polizist mit Stiefeln und einem Knüppel an der Seite" (11), der Mann "mit seinem Hut, der das Gesicht beschattet" (12) - "Ich wundere mich, daß ich mit diesem erwachsenen Mann trotz seines verdunkelten Gesichtes nun eine Kellertreppe runterklettere." - ausüben, ist wie ein Antrieb zu dem Versuch, aus dem Teufelskreis auszubrechen.

Alles hat sich gegen sie verschworen. "Wohin ich auch ging, ich befand mich im Netz einer geheimen Verständigung" (56). Selbst wo sie zweifelsfrei nicht in die Passivität gezwungen wird, sondern aktiv werden könnte, reagiert sie nach ihrem Ur-Schema. Ein Knabe war mit dem Fahrrad gestürzt und lag nun im Gras. "Als ich an ihm vorbeikam, wollte ich nicht hinschauen (57). Dann schaut sie doch hin und sieht: "Haß, dachte ich, und sah wieder hin und dachte, Haß, ja, natürlich" - in seinem Gesicht!

Die vielen kleinen Erzählungen laufen mir allmählich zu einem Roman zusammen, der vielleicht noch geschrieben werden muß, wenn die Grundstruktur der Personen- und Handlungsbeziehungen erkannt worden ist. So könnte das vorerst statisch Festgehaltene zueinander in Bewegung kommen.

Zu dem, was an geschichtlichen Hintergründen fehlt: Mag ja sein, daß die Mutter das Kind mit "breiten schwarzen Riemen" an sich band; daß sie sich - mehr oder minder verhüllt - autoritärer Methoden dabei bediente; daß sie das Kind an der Entwicklung hinderte, indem sie ihm Furcht einflößte vor dem Dunkel da draußen - und es dennoch fortschickte. Aber war es nicht wirklich dunkel draußen? Und hatte die Mutter nicht selber Furcht im Leibe? Verkrampfte sich's ihr nicht ebenso, wie sie's ins Kind hineinzuzwingen suchte, ohne sich der Folgen bewußt zu sein? Sich nicht als Problem erkennen - da wird's problematisch.

Was hier nach Antwort aussieht, das sind in Wahrheit ja nur Fragen, die sich aus der Lektüre ergeben haben. Nach Antworten suchen und auch glauben, gefunden zu haben, bedeutet nicht, die Probleme abzuschieben in die Vergangenheit. Es geht vielmehr darum, die historische Fortsetzung jener Problematik bewußt zu machen und aus dem vermeintlich "unvermeidlichen Gang der Dinge" herauszukommen. Wir leben da noch, scheint es, mittendrin.

Werner Zogg schreibt in einer Rezension des Kronauer-Buches von der Transzendenz der Sprache; diese sei - "vereinfachend gesagt - nichts anderes als das, was der Sprecher meint, wenn er spricht... Die Geschichten Brigitte Kronauers sind sprachkritisch, ihr transzendenter Inhalt ist die Sprache und das meint schließlich, daß dem Leser keine andere fiktive Realität erschlossen wird als diejenige der Sprache selbst..." (Prothese, Heft 8).

Die Geschichten Brigitte Kronauers sind alles andere als sprachkritisch - wenn man von den Hinweisen im Klappentext einmal absieht. Und die Transzendenz der Sprache ist gerade das vom Sprecher nicht "Gemeinte", von ihm nicht, oder doch nicht restlos Durchschaute. Der transzendente Inhalt der Geschichten Brigitte Kronauers ist denn auch nicht die Sprache, sondern genau jene Realität, die sich hinter den Geschichten verbirgt. Diese Geschichten sind aufschließbar. Sie aufschlüsseln heißt zugleich, auf die Möglichkeiten der Befreiung aus den formalen Fesseln hinzuweisen. Diese Fesseln sind - das wird hier nahegelegt - analog/identisch (mit) jenen "breiten schwarzen Riemen" und "überkreuzten Bändern", die das Mädchen einbinden. Die Sprache leidet unter diesen Fesseln wie jenes Kind auf dem Arzttisch. Die "Penetranz" in der Form der Kronauer-Texte ist die penetrante Wiederkehr dieser Zwänge, objektiver Zwangssituationen, die das Mädchen stets von neuem anziehen, und subjektiv bedingter Zwangshandlungen, die dann und wann eine Durchbrechung erfahren, sobald nämlich sich eine Gelegenheit bietet, Liebe zu geben, Zuneigung zu empfangen - ohne die Gefahr, enttäuscht zu werden. Enttäuschte Liebe verleitet dazu, sich neue Hoffnung zu versagen. Die Selbstversagung ruft die alten Enttäuschungen in stets neuem Gewande hervor. Die Verlockung des Verbotenen fixiert auf es zwanghaft. Die Aufhebung des Verbots verspricht das Verlassen des "unvermeidlichen Ganges".

Wo die Ichperson lieben kann ohne jene Gefahren - etwa in der kleinen Szene mit dem Baby: das Mädchen kommt da zu ganz neuen Entdeckungen und Selbstentdeckungen, sie vergißt sich und gibt sich dem Kinde völlig hin. Aber auch, wo sie "sich vergißt", aus der Haut fährt, explodiert und wütend ein Zugabteil verläßt. Oder wo sie in einem Auto rumort: da rüttelt sie nicht nur an ihren jeweiligen Situationsketten, auch die Sprache wird freier, verliert das Magische.

Lichtblicke für die junge Frau, die sich vom "unvermeidlichen Gang der Dinge" verfolgt sieht bis ins Warenhaus, wo sie sich hin und hergerissen fühlt zwischen dem Drang, einen Pullover zu kaufen, und dem selbstauferlegten Kaufsverbot. Bis sie ihn schließlich doch kauft: "und ohne Empfindung trug ich ihn fort" (97).

Zerren hilft wohl weniger als behutsames Auseinanderknüpfen, Knoten für Knoten, Knopf für Knopf. Doch zuvor bedarf es, meine ich, der Einsicht in diese Verknotungen und Verknüpfungen. Ob ich das nun wirklich auch verstanden habe?

Brigitte Kronauer: Der unvermeidliche Gang der Dinge. Ibnassus-Presse im Verlag Bert Schlender, Göttingen 1974

kuckuck 6
74/75, Winter

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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