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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1974-00-00
Ich habe in dieser Gesellschaft nie so recht eine "Herrschaft der Männer" ausmachen können, habe auch kein Auge dafür, daß dies "eine Männergesellschaft" - "von Männern für Männer" - sein solle. Ich habe, ganz im Gegenteil, diese Zivilisation eher als "weiblich" angeschaut, überhaupt die Orientierung an "Gesellschaft" und allem, was damit an "Kollektivem" zusammenhängt, als Regression in die Geborgenheit der Kinderstube beziehungsweise als kompensierte Sehnsucht nach etwas, was man nie kennengelernt hatte, also etwa Mutterliebe, aber wohl auch Vaterliebe.
Gewiß, meine Sicht ist die Sicht eines Mannes. Frauen sehen das anders. Es ist sinnlos, zu sagen, es sei eben so, der oder die andere sei lediglich blind dafür. Möglich, daß es den weiblichen sowohl als auch den männlichen Aspekt von der Realität gibt.
Gegen den Emanzipationsrummel habe ich mich früh genug gewandt (vgl. etwa Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase in links Nr.8, Feb.70). Emanzipation und namentlich die der Frau liegt mir viel zu sehr am Herzen, als daß ich gedankenlos vorübergehen dürfte, wenn Frauen sich zusammentun, wenn Frauen aufschrein, wenn sie aufschreiben, was sie denken, weil vielleicht keiner zuhört, wenn sie nur reden. Nicht ein alter ego, ich selbst notiere dies hier, weil ich sehe, daß es mitunter ganz nützlich sein kann, wenn man nicht mehr zu den Jüngsten zählt, sein fünftes Lebensjahrzehnt bereits begonnen hat, gut zwanzig Jahre verheiratet ist, und dies mit einer Frau, immer mit der selben, wenn man eine für heutige Begriffe nicht eben geringe Anzahl Kinder auch schon flügge aus dem Hause hat.
Das Radikale ist das Menschliche: paßt das zu dem eben Gesagten? Es bezog sich ohnehin meist auf Männer, auf deren Denken und Tun. Das Radikale ist das Weibliche, jedenfalls ist es das auch. Dies die späte Entdeckung, die ich mache.
Jahrelang habe ich mich umgefragt, was denn gemeint sei, wenn Frauen von Emanzipation reden und sich gar nicht in erster Linie um gleiche Löhne, gleiche allgemeine gesellschaftliche Rechte bemühten, sondern vornehmlich "gegen die Männer" - das ganze Geschlecht, ohne Unterschied - Front machten.
Natürlich lag es nahe, zu meinen, das seien wahrscheinlich keine "richtigen" Frauen, eher schon halbe Männer, irgendwie "Zukurzgekommene", vielleicht auch "Lesbische"; jedenfalls solche, die keine "natürliche" Beziehung zum Manne hätten. Damit war man dieses Problem auf einfachste Weise los. Hinzu kam, daß intelligente Frauen auf der politischen Linken, wie zum Beispiel Hazel E. Hazel, gegen die Position der "Feministinnen", den gemeinsamen Emanzipationskampf der Geschlechter forderten und auch, wie ich weiterhin denke, vernünftig begründeten. Aber es blieb eben doch die Frage, wie kommt es, daß sich trotzdem - unterhalb richtig-, falsch- oder nur halbverstandener Emanzipation - mit zumeist erstaunlicher Energie der Feminismus zu Worte meldet. Müßte da nicht doch was dran sein?
Meist bekam ich von Frauen, die ich persönlich auf die Emanzipationsfrage hin ansprach, Auskünfte, die mir nicht genügten, ich glaubte da tiefer zu sehen, es eben doch besser zu wissen. Das ist jetzt anders. Ich habe die in Basel erscheinende Hexenpresse gelesen, um genau zu sein: Heft 2 und Heft 3/4 (beide 1973). Ich denke, daß das Grundsätzliche darin zu finden ist, jenes Grundsätzliche, nach dem ich jahrelang suchte und fragte.
Nun kann ich allerdings sagen, daß dieses Grundsätzliche mir nicht völlig neu ist. Ähnliches hörte ich auch von meiner Frau, als die Kinder noch klein waren, nur nahm ich das nicht so ernst, wie es das, wie ich nun sehe, verdient hätte. Aber, wie gesagt, die Kinder sind groß, aus dem Haus. Jetzt kann ich freier, unbefangener darüber reden und, hier nun, schreiben.
"Du könntest Dich ruhig etwas mehr um die Kinder kümmern." So etwa lautet der Satz, den ich in Erinnerung habe. Wieder in Erinnerung habe, seit ich die Hexenpresse las. Und ich erinnere mich auch, wie ich damals reagierte, was ich mir so dabei dachte. Gar nichts. Oder doch nichts, was mich betraf, was mein Selbstverständnis berührt hätte. Eher dachte ich schon, wie soll ich mich um die Kinder kümmern, wenn ich gar nicht zu Hause bin. Außerdem wußte ich, daß für Kinder, solange sie klein sind, die Mutter wichtiger ist als der Vater. Später kommt der Vater schon noch zu seinem Recht. Aber gemeint waren doch wohl Pflichten. Auch die Kinder kommen dann zu ihrem Recht auf Vater. Aber die Mutter wollte schon damals, als sie noch klein waren, mehr Vater für sie. Ja, dann hätte ich, überlege ich jetzt, damals einfach zuhause bleiben müssen, nicht mehr arbeiten gehen dürfen. Die Frau natürlich auch nicht. Oder beide halbtags, vierteltags. Warum nicht? So weit und breit also ein Stück Erfahrungshintergrund. Nun zitiere ich aus der Hexenpresse:
... daß eine frau, die 27 mal am tag ihr kind auf den spielplatz bringen muß, geistig verkommt. ... Diese beschäftigung wollen wir mit den vätern radikal teilen (3/4, S.39).
... verpflichtung zur kinderpflege, das erpressungsinstrument der väter... (S.31)
Die frage der kinderaufzucht ist aber der kern der ganzen emanzipationsfrage, solange sich die männer an dieser arbeit lediglich durch ihren anteil am koitus beteiligen, solange sie mit der ehefrau eine gratisarbeitskraft zur privaten verfügung erwerben, solange ist alles geschwafel von der frau als partnerin grober unfug (S.48).
...ohne die väter gründlich an der kinderaufzucht zu beteiligen, ist der kapitalismus nicht zu beseitigen (S.31).
Wir sind überzeugt, daß die väter, wenn sie nur lange genug und ausschließlich genug mit solcher arbeit betraut sind, nicht mehr glauben, sie sei gänzlich abzuschaffen, es sei denn durch den totalen geburtenstreik - ein mittel, das allen unseren absichten vollauf entspricht (S.39).
Ein Pferdefuß? Der letzte Satz beinhaltet, milde gewertet, zumindest auch die Alternative: Geld verdienen, denn das Leben kostet ja was, oder Kinder haben. Und man hat sich da offensichtlich nicht gegen das Geldverdienen, die gesellschaftliche Arbeit entschieden, oder wenigstens für ihre Einschränkung zugunsten der "Kinderaufzucht", sondern gegen die Arbeit, die Kinder nun mal machen.
Aber man muß das im Zusammenhang sehen, um nicht voreilig zu Fehlschlüssen zu kommen. Es geht um das "Grundproblem der Teilung der Arbeit nach Geschlecht". Diese geschlechtliche Arbeitsteilung, gilt es, so die Feministinnen, abzuschaffen. Würde ich wieder für ein Pferdefüßchen halten. Sobald nämlich die Abschaffung der "Teilung der Arbeit nach Geschlecht" sich nicht an den Kindern orientiert, ihrer "Aufzucht", dient sie geradezu der Durchsetzung des Prinzips der Arbeitsteilung, nunmehr ohne Rücksicht auf geschlechtliche Besonderheiten, in der industriellen Produktion. Will sagen: die Feministinnen werden doch wohl für eine Entwicklung im ökonomischen Bereich, die ohnehin schon läuft, nicht auch noch das theoretische Alibi liefern wollen. Jedenfalls wird da mit zwei verschiedenen Begriffen von "Arbeitsteilung" hantiert, die sich wechselseitig ausschließen.
Da ist ein Widerspruch, der sich nach dem gegenwärtigen Selbstverständnis der Feministinnen womöglich gar nicht auflösen läßt und darum auch als Tragödie erlebt wird, die sie durchstehen wollen und müssen. Damit erhält "Emanzipation", verglichen mit dem darüber täglich Dargebotenen, ein völlig neues Gesicht und Gewicht.
Die Befreiung spiegelt die doppelte Tragödie der unter der Männerherrschaft doppelt abhängig gewordenen Frau. Sie muß sich die Freiheit von Mann und Kindern erkämpfen, die Freiheit von der zwangsweisen Mutterschaft und zwangsweisen Kinderaufzucht, - zugleich kämpft die Bewegung des feministischen Widerstandes für die Freiheit der Frauen, Kinder zu haben nach gesellschaftlichen Bedingungen, die sie selbst stellen (3/4, S.40).
Nämlich:
Hier ist sehr präzise Unterscheidung geboten zwischen Mutterschaft nach patriarchalischem Muster und solcher ohne männliche Aufsicht.
Und präzise Unterscheidung ist wohl auch geboten zwischen Zwängen, die objektiv nachzuweisen, und solchen, die lediglich nach außen projiziert werden. Der "subjektive Faktor" mag nun "verinnerlichtes" Patriarchat sein - doch ebenso könnte er sich ans "Patriarchat" veräußert haben.
Für die letztere Möglichkeit spricht die immer wieder zu beobachtende Angst bei den Feministinnen, "männliches" Argument könnte ihre Bestrebungen zunichte machen. Sie dulden keine Männer in ihren Versammlungen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, daß die Frauen sonst leicht abtrünnig werden.
Diskutiere mit deinem mann, deinem vater, deinem freund oder bruder über literatur, bienenzucht oder fußball. Diskutiere nicht über emanzipation. Verschwende deine zeit nicht, du hast sie nötig (2, S.13).
Ich will nun nicht gleich sagen, daß hier nach der Methode "Haltet den Dieb!" ein neuer Bevormundungsmechanismus sich installiere. Ich verstehe ja auch, daß diese Frauen jetzt unter sich bleiben, daß sie erst einmal - mit sich, in dieser Selbstbefreiungsphase - allein und in Ruhe gelassen sein wollen. Zugleich ist mir klar, daß ein solches Verständnis einem "männlichen Vorurteil" entspringt - nicht anders als die Vermutung, hinter der antipatriarchalischen Aggressivität verberge sich in Wahrheit der Wunsch, endlich in der vollen Feminität begriffen zu werden.
Wie zwangsläufig kommt es zu, meine ich, Gedankenkurzschlüssen:
... die Abschaffung des Gebärzwangs hat politische Priorität - über die Abschaffung der Hausarbeit reden wir später - wenn die Väter ihre seit einigen tausend Jahren ausstehenden Lektionen in Kinderbetreuung gelernt haben (3/4, S.40).
Aber wie sollen die das jemals lernen, wenn keine Kinder mehr geboren werden. Bei dem Wort "Gebärzwang" überlege ich, wer diesen Zwang ausübe, doch nicht etwa der Mann? Wie soll er das bloß bewerkstelligen bei den vielen Möglichkeiten, die heutzutage bestehen, solche "Zwänge" zu unterlaufen?
Das ist gemeint:
...die Bevölkerungsexplosion ist Resultat eines gesellschaftlichen Solls der Frauen in der Männergesellschaft, in der die Kinder zu mindestens zwei Dritteln gegen den Willen der Mütter geboren werden.
Das mag ja sein, das mit den zwei Dritteln; zu überlegen ist doch aber, ob nicht auch - oder gerade - dieser Widerwille Resultat eines gesellschaftlichen Solls ist, nämlich, für die vielen Fabriken und Bürosilos die weiblichen Energien ungestört sicherzustellen. Doch nur eine Hilfstruppe des Industrialismus, die sich da artikuliert und politisch formiert?
Die expansion der wirtschaft auf kosten schwächerer wird sich überhaupt nie einschränken lassen zugunsten humanerer bedürfnisse, wenn die, die ihren reden nach diese Systemveränderung erstreben, nicht daran denken, das exklusiv männliche entscheidungsmonopol über die produktionsweise einschließlich der ökonomischen gegenmodelle mit denen zu teilen, die dank ihrer alleinbelastung mit der kinderaufzucht bis jetzt von den politökonomischen entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind und eben darum auch über die gestaltung ihrer außerhäuslichen arbeitsplätze nicht mitbestimmen können (S.31).
Da ist was dran. Obwohl ich mich doch frage, vielleicht so: kündigt sich bereits eine neue weiblich-männliche Komplizenschaft an in den politökonomischen Entscheidungszentren - über die ideologischen Feminismus-Grenzen hinweg, hinweg vor allem aber über die Köpfe der Frauen, die jener Ideologie zwar nie auf den Leim gehen würden, aber materiell gezwungen waren, die relative Selbständigkeit im Haushalt, frei und ungestört selbst bei der "Gestaltung" der "Kinderaufzucht", einzutauschen gegen die totale Entmündigung in der Fabrik. Was am Feminismus demagogisch ist, zeigt sich, sobald man ihn in diesen Blickwinkel stellt. Die Feministinnen reagieren denn auch hochempfindlich darauf:
Die spaltung der frauenbewegung wird systematisch, wo von einer proletarischen und einer bürgerlichen die rede ist... (S.30).
Ich werde immerfort gezwungen, Samen zu produzieren, die Abschaffung des Samenproduktionszwangs sollte politische Priorität erhalten. Das ist nicht vergleichbar? Nein. Nicht vergleichbar, weil man nicht sicher ist, ob durch entsprechende Manipulation am männlichen Geschlecht nicht zugleich auch Energien verloren gehen würden, die man doch gerade gewinnen will. Eine tendenziöse Unterstellung? Lassen wir's ruhig dabei.
Gehen wir den Tendenzen in der Hexenpresse nach. Wesentliches, dies:
Der sexuelle streik von frauen ist immer in ihrem interesse, ist seiner natur nach antipatriarchalisch, mit welchem Bewußtsein er auch stattfindet. Es gibt überhaupt keine antipatriarchalischere maßnahme als den sexuellen streik, wie und wo auch immer (S.56).
Ich setze einmal voraus, daß die Frauen, die zu solchem Streik aufrufen, selbst auch Männer zur Verfügung haben, die sie bestreiken können; daß bei ihnen ein solcher Streik auch mit einem Verzicht verbunden ist, insofern, als sie diesbezügliche Bedürfnisse nach wie vor haben, nur sich eben verbieten, sie zu befriedigen, zu Nutz und Frommen "höherer", politischer Ziele.
Auch wo das nicht so sein sollte, ist folgende Überlegung anzuraten: Wenn der Streik zum Ziele hat, diese "Männergesellschaft" abzuschaffen; wenn er, mit anderen Worten, den Konflikt mit "den Männern" heraufbeschwören soll, den "Krieg der Geschlechter", dann könnte das Erfolg haben: denn sowas macht die Männer wild, kriegerisch, brutal und rücksichtslos. Wie ein solcher Konflikt dann ausgehen mag, bliebe der Geschichte überlassen.
In diesem Zusammenhang könnte man gleich noch eine weitere Überlegung empfehlen: ob nicht genau dieses ja durchaus vorhandene "weibliche Moment" zu den Kriegen, Greueln und historischen Verbrechen "der Männer" mit beigetragen habe. Der asexuelle, wenn nicht antisexuelle Typus der Pallas Athene hat keine Kriege verhindert, sondern sie ständig begleitet, zu Kämpfen und Siegen animierend. Nur Venus vermochte Mars zu bändigen.
Das wissen die Herausgeberinnen der Hexenpresse sehr wohl. Bezüge zur Mythologie, der griechischen zumal, finden sich nicht zufällig in ihrer Publikation. Die Feministinnen wissen, was sie schreiben und drucken. Das Titelfoto des zweiten Heftes zeigt das Haupt der Gorgo. Begann nicht die Geschichte Europas, des Okzidents, in der mythischen Dunkelheit jener Hochzeitsnacht, in der die Danaiden ihre - 50, nein: 49 - Männer ermordeten; dies, um den Ambitionen ihres eitlen Vaters zu genügen? Manches "Neue" webt nur an alten Verstrickungen weiter. Zugegeben, der Anfang des Fadens ist nicht mehr aufzufinden. Oder doch?
Mythologie ist Psychologie. Wir können diesen kleinen Ausflug gleich fortsetzen:
In der Trennung von Bio- und Sozialfunktion ohne Rücksicht auf die psychische Dimension spiegelt sich fatal die Gesinnung von Adoptivchristen, die mit Sätzen wie Abgeben ist besser als Abtreiben der dt. Reform des Adoptionsrechts das Stichwort lieferten - einem nun gültigen Recht, das die Entrechtung der unehelichen Mütter komplett macht, indem es Adoption auch gegen ihren Willen ermöglicht (!), statt dem sozialen Skandal, der eine Frau zwingt, ein Kind gegen ihren Willen in ein Heim geben zu müssen, entgegenzuarbeiten (3/4, S.41).
Die Frage der psychischen Dimension würde ich ausweiten und zugleich differenzieren. Doch zunächst:
... das viel gravierendere Problem der fehlenden persönlichen Zuwendung, die das Kind braucht aber nicht bekommt in der Männergesellschaft, die den totalen Gebärzwang mit dem Zwang zur Aussetzung von Kindern in staatlichen Kinderheimen vollendet... (S.41).
Das sind ernste Probleme. Ich gestehe, daß ich für die unehelichen Mütter keine befriedigende Lösung weiß. Es ist allzu billig, ihnen zu empfehlen, der staatlichen Bevormundung Widerstand zu leisten, obgleich gar kein anderer Weg zu erkennen ist. Solidarität. Hier wäre sie großzuschreiben. Solidarität unter den Frauen, Solidarität der Männer mit den Frauen. Darüber kann ich jetzt nicht theoretisieren. Das betrifft das Stück gesellschaftlichen Humus', das Stück Eiszeit, je nachdem, wo, in welcher Landschaft, unter was für Menschen man lebt. Kommune. Ein Modell, ein Gerüst. Auch da können die Menschen einander manches antun, einander ein bißchen glücklich machen oder das Leben schwer.
Hier ist es darum zu tun, aufzufinden, was notwendig wäre. Mit der "psychischen Dimension" ist denn auch die des Kindes gemeint, dies die oben angedeutete Differenzierung (damit mag die Bedeutung der in besagtem Zitat erwähnten "Biofunktion" in den Hintergrund treten).
Also, ich bin dafür, daß Frau und Mann sich die "Kinderaufzucht" teilen, genauer: daß sie das gemeinsam tun - und daß sie auch etwas tun, um die äußeren gesellschaftlichen Bedingungen dahingehend zu einem Bessern zu wenden. Also da gibt es keine Meinungsverschiedenheiten. Das impliziert freilich, wenn wir uns das noch einmal durch den Kopf gehen lassen, etwas, was die Feministinnen ausdrücklich nicht wollen, so etwas wie Klassenkampf. Denn die "Wirtschaft" und ergo der "Staat" würden es sich wahrscheinlich nicht so ohne weiteres bieten lassen, wollten die Leute alle zuhause bei ihren Kindern bleiben. Das wäre ja auch beinahe paradiesisch.
Es hätte zur Folge: mehr Vater für die Kinder, weniger Mutter, möglicherweise, als bisher. Ist es so richtig? Ich meine, wollen das die Feministinnen? Denn die "Aussetzung" in Kinderheimen gleicht doch eher einem "sozialen Skandal".
Ich unterschreibe das mit der persönlichen Zuwendung, erinnere mich auch sehr wohl, daß meine Frau das meinte, als sie sagte, ich könnte mich ruhig etwas mehr um die Kinder kümmern. So eine Mutter, die ihre Kinder liebt, weiß eben, daß die Kinder auch den Vater brauchen. Damit geraten wir in die "psychische Dimension", von der oben die Rede war. Das kann natürlich nur meinen: Mutter und Vater einbeziehend.
Wer ein wenig von den Ursachen für Neurosen und Schizophrenien weiß, wird auf diese Ausweitung der "psychischen Dimension" des Kindes auf den Vater nicht verzichten wollen, nicht auf die männliche Bezugsperson.
Woran bei dem "Zwang" zur "Kinderaufzucht" gewöhnlich gar nicht gedacht wird, ist die Chance, die er beinhaltet, einen wesentlichen, existentiellen Erfahrungsprozeß, Bedingung für wohlverstandene Emanzipation des Menschen. Eine Frau ist, psychologisch, Tochter oder Mutter; der Mann Sohn oder Vater. Das Spätere löst das Frühere ab. Wer die Gegenwart zu dehnen trachtet, irrt.
Kommen wir noch einmal auf den Krieg zu sprechen, auf seine Folgen nun, konkret: auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs, der so viele vaterlose Kinder, vaterlos Aufgewachsene hervorgebracht hat. Hier wieder etwas Wahres am Feminismus "gegen die Männer": daß die das damals und immer wieder mitgemacht haben! Und die Frauen? Selbstbestimmung. Für beide, durch beide. Das ist es. Bei den Männern tut sich da wenig. Die Frauen rühren sich jetzt.
Wo kein Vater ist, wird die Mutter vom Kind mit mütterlicher und väterlicher Autorität besetzt. Es ist nun einmal zweigeschlechtlich orientiert - aber alternativ, entweder, oder, nicht beides in einem. Wo das in der Kindheit nicht zu realisieren war, hapert es an der Identifikation auch späterhin. Nicht notwendig ein für allemal. Es gibt Selbstfindungen. Aber ohne Krisen geht das meist nicht ab. Bin ich nun Männlein oder Weiblein. So ein bißchen Selbstbekenntnis. Ich bin, was ich bin. Ein Mann. Oder: eine Frau. Mit allem, was dazu gehört. Ganz und gar.
Emanzipation.
Eine Frau aus der Frauenbewegung, anderer Organisation, hatte der Hexenpresse "den Tip gegeben, von der Negativfixierung ans Patriarchat wegzukommen" (S.37).
Aber wir können nicht anders, das Patriarchat ist nun einmal eine der faszinierendsten Erscheinungen, die wir kennen. An ihm wissen wir, was wir haben.
"Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn, patriarchalisches Über-Ich..." (Reimar Lenz)
kuckuck 4
1974, Sommer
Siehe auch:
Horst Lummert, Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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