Nachzulesen im Sammelband:
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
© 2000 kokhaviv publications
1974
Denn die Moral
unterderhand
Die von Benno Käsmayr herausgegebene Zeitschrift UND ist nicht irgendeine. "Benno und sein Verlag ist für die Szene vorbildlich", schrieben Gerd und Moni Scherm. UND - Heft 13 - druckte es ab.
Ein Kapitel für sich, dieses Heft 13. Es wurde von Gerd Scherm hergerichtet. Thema: Selb-Darstellung.
Die Scherms (Gerd Scherm in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Literaturförderungspreises der Stadt Fürth: "Natürlich ist man als Preisträger immer Aushängeschild der Stadt.") wohnen in Selb, einer Stadt in Oberfranken. Und just in Selb hat Philip Rosenthal seinen Porzellanbetrieb.
Die Abteilung Kulturelle Beziehungen der Rosenthal AG pflegt nicht nur Beziehungen zu den Jüngern des modernen Design. Rosenthal bemüht sich auch um die Junge Deutsche Literatur. Das ist löblich.
Der Fabrikant Rosenthal kann das natürlich nicht alles alleine machen. Er hat seine Leute. Für die Veranstaltung der Jungen Literaturtage in Selb also etwa den Alternativ-Literaten Gerd Scherm ("Wer vor 12.00 h mittags kommt, fährt entweder zu unserer Wohnung... oder zur Rosenthal AG (Hauptverwaltung) und fragt nach mir.").
Das liegt nun fast ein Jahr zurück, und kein Hahn kräht mehr danach. Nur der kuckuck, so ein verspäteter Vogel, kann sich darüber nicht beruhigen.
Rosenthal rief - und die Alternativen zu Rosenthal kamen. Nicht alle. Doch zum Beispiel Elisabeth Alexander (Die Funktion der Pornographie in Literatur und Gesellschaft - aus der Sicht der Frau):
Was das Wort Moral bedeutet, könnte keiner dieser Männer verbindlich beantworten, denn die Moral, von der sie so großzügig sprachen, sollte sich nur auf Frauen und Mädchen beziehen.
Nicht nur, aber auch.
Gemeint ist die Moral einer sich revolutionär gebenden Frau, ist ihr schriftliches Angebot - ans Porzellankapital - zur Prostitution:
Selbstverständlich schicke ich Ihnen auch umgehend eine Aufstellung meiner bisherigen Arbeit.
Vermutlich ist Ihnen mein Name nicht so geläufig wie der von Böll und Grass, aber dennoch vermag ich das Publikum bis zuletzt zu interessieren.
Denn wisse,
daß die Vagina ewig ist und der Penis unter Umständen nur Sekunden dauert.
Und
schreiben Sie mir doch bitte, damit ich mich ordentlich vorbereiten kann.
Nicht nur Rosenthal.
IBM Deutschland bedient sich ebenfalls eines kleinen Mädchens. Es ist vielleicht 3 Jahre alt, und der Werbetext lautet...
Wenn Kinder und Frauen in dem Bewußtsein leben müssen, nur als Gebrauchsobjekte angesehen zu sein...
Ach ja.
Nackter geht es nicht.
Einige schrieben ab: Gaston Salvatore ("Ich glaube ich werde in Italien sein"); JP Stössel ("muß Geld verdienen beim SPIEGEL"), Manfred Bosch ("bin ja Vater geworden, mußte kurzfristig meinen Sohn Markus pflegen, da meine Frau wider Erwarten beruflich früher einspringen mußte"), Karin Struck ("Ich habe niemand für die Kinder in der Zeit und bin auch selber zur Zeit so fertig").
Aber sonst:
es würde uns wahnsinnig freuen, wenn wir kommen dürften.
(Jürg Moser und Werner Zogg)
Erbitte ganz schnell Information.
(Michael...)
... kann man da teilnehmen, kannst du mir näheres davon schreiben, würde mich interessieren. 100000 Grüße!
(gez. unleserlich)
Ich möchte mich hiermit selbst einladen, weil ich 1) wittere, daß bei Eurer Veranstaltung Dinge realisiert werden können, die normalerweise aus technischen Gründen undurchführbar sind... und Ihr 2) wahrscheinlich nicht auf den Gedanken gekommen wärt, mich einzuladen, da Ihr sicher weder mich, noch die Sachen kennt, die ich produziere und veröffentliche. (Sollte ich in letzter Annahme fehlgehen, bitte ich um Entschuldigung!) Ich würde gern...
usw. usw. (Günter Guben).
Fazit der Veranstalter: Lediglich Ludwig Fels' "Beitrag für UND hat uns von den Socken gerissen". Und was trug der Fels bei?
Ach, auch ich habe einem schlachtreifen Kalb geglichen, das von der ersten verräterischen Bemerkung abgestochen wird. Keiner getraute sich, zu sagen, lieber Herr Böll, wir pochen auf die Vorfahrt...
Lieber Herr Böll. Warum lieber Herr Böll? Warum nicht: Lieber Herr Rosenthal, ehe ich jemals Ihr Schloß Erkersreuth betrete, müssen Sie es erst einmal verlassen haben. Zum Beispiel. Dergleichen konnte man jedoch offenbar nicht einmal von den Absagern erwarten.
Aber was soll es denn. Jedes Land hat die Alternativen, die es verdient.
Ossip Ottersleben:
Ich setze voraus, daß eine eventuelle Kritik zu der o.a. Frage nicht gleichgesetzt werden kann mit der Herabminderung der Leistungen der Organisatoren... Meine Anmerkungen zu Organisationsfragen beruhen auf meinen Erfahrungen in der Jugend- und Erwachsenen-Bildung, müssen also nicht grundsätzlich der Tagung in Selb adäquat sein. ... besteht die Gefahr, daß durch die Heterogenität der Teilnehmer Konferenzen auseinanderfallen bzw. uneffektiv werden.
Auch sowas Deutsches. Heterogenität befruchtet nicht zu kreativen Auseinandersetzungen, sondern läßt "auseinanderfallen", macht "uneffektiv". Stromlinie, homogen, ist zu schließen, macht effektiv. Liebe Güte, doch.
Es empfiehlt sich eine Tagesordnung... endgültige Fassung... für alle Teilnehmer von da an verpflichtend... Überhaupt: ... die Erledigung weniger Punkte kann effektiver sein. Besteht keine Tagesordnung, wird überhaupt über alles geredet und gequasselt und geplappert, doch über nichts wird effektiv gesprochen.
Da herrscht doch wohl die Vorstellung vor, man sollte künftighin - ganz frei nach einem Ottersleben-Gedicht - durch Abtötung "effektives" Leben in die Bude bringen.
Rede, wenn du gefragt bist. Da allerdings
sollte nicht versäumt werden, die Teilnehmer zu fragen was sie gut oder schlecht an der Tagung/Konferenz fanden. Das ist die wichtigste Bedingung für die gute Organisation der nächsten Tagung/Konferenz. ... denn man muß ja wissen, was die denken, für die man die Tagung organisiert hat... Das war ein ganz grobes Gerüst... Zudem wäre eine Erörterung sämtlicher organisatorischer Fragen nur ein langweiliger Trockenskikurs.
Es reicht auch schon so.
Dem Ruhe- und Ordnungsapostel Ottersleben setzt Fitzgerald Kusz (dessen Mundartgedichte übrigens noch viel zu wenig bekannt sind) geradezu Anstößiges entgegen:
Schön war's! Ich komme mal wieder rauf. Oder habe ich mich danebenbenommen? Fehlte etwas in Eurem Kühlschrank? Hingen die Bilder schief an der Wand? War Asche unterm Teppich? Es braucht nicht unbedingt von mir gewesen zu sein!
Donnerwetter, ja!
Zitate aus: UND Nr. 13 und Scenen Reader 73/74
kuckuck 3
1974, Frühjahr
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)