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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1974-00-00
Schwer, schwer, sich durchzufinden; dabei liegt mir erst ein Bruchteil vor dessen, was sich als alternative Literatur - alternativ zur bestehenden, herkömmlichen, bürgerlichen Literatur - versteht und, zumeist, in Alternativ-Zeitschriften zu Wort bringt.
Schon mit dem Wort alternativ hat es, scheint's, so seine Bewandtnis. Als alternativ kann sich ausgeben - zum Beispiel auch, wer mit Demokratie nichts anzufangen weiß, die wir halbwegs noch haben. Will meinen, alternativ ist nicht nur, wem Freiheit immer nur zuwenig sein kann, sondern auch, wem das Wenige noch zuviel.
Da kann also von verschiedenen Ecken der Kuchen angeknabbert werden. Nur sind die Demokraten, die lieber mehr als weniger von Demokratie hätten, ohne wirkliche Basis in diesem seltsamen Volke. Insoweit auch bedürfen sie der besonderen Zuneigung, jene anderen aber der besonderen Beachtung.
Freiheit. Ich meine die Freiheit als innere, als die des Andersdenkenden, als jene gewisse atmosphärische Wärme, jenes innersoziale Wohlwollen, das, unabhängig von System, von gesellschaftlicher Struktur, den einzelnen Menschen sicher macht und freundlich - ohne die unausgesprochene Aufforderung, endlich seine persönlichen Eigenarten abzulegen und einer wie auch immer zu verstehenden Homogenität sich gefälligst einzuordnen.
Dies also gleich zu Beginn: daß die Alternativ-Presse nicht ausschließlich - im herkömmlichen, von Hause aus guten Sinne - links ist. Es gibt linke, anarchistische, sozialistische Zeitungen; es gibt auch ganz andere, im Grunde nicht weniger politische, auch wenn sie gänzlich unpolitisch, lyrisch, lieblich, jenseitig, rilkisch, ja tödlich scheinen.
Manch einem ist diese Industriegesellschaft noch nicht Tod genug, er fürchtet nachgerade ihre Lebendigkeit, sehnt sich nach mehr Tod und Nichtsein. Auch das eine Alternative, gewiß; doch, wenn man genauer hinschaut, ein Hintergrundfilm aus Geometrie, Bild, Alb des Bestehenden, und grad von seiner schlechten Seite - man versteht: unreflektiert. Reflexionen, gedankliche, sind ja nun doch aus der Mode gekommen; reflektiert wird, wie's ein Spiegel, Rückspiegel, vormacht. Das ist auch leichter zu verstehen.
Viel Nebel. Dunstkreise. Wo Kreise sind, sind auch Zentren. Bis in die letzten Verfaserungen der Alternativ-Presse kann man beispielsweise die Schriftspuren der Horen verfolgen. Zumal jener Horen, wie sie mal waren. Zum Dunstkreis der alten Horen würde ich die von Walter Lobenstein herausgegebenen Wegwarten zählen, eine literarische Zeitschrift für Einzelne. So ein literarisches Seidnettzueinander. Vermutlich ist Lobenstein ein Mann, der denen, die ihn mögen, nicht böse sein kann. Die Grenzen seiner Freundlichkeit müßte man einmal ergründen.
Charakteristisch für die Wegwarten sind weniger die zweifellos in diesem poetischen Zimmertheater auftretenden guten Autoren als vielmehr deren Entwertung durch anderes. "...da sind", so Lobenstein im Jubiläumsheft Nr. 50, "Begegnungen, von denen Menschen so schicksalhaft betroffen.werden, daß man nicht recht an den Zufall glauben kann."
Die Horen werden seit 1955 von Kurt Morawietz herausgegeben. Irgendwann ist da ein Bruch. Aus der konservativen, ein wenig okkulten Zeitschrift, aus deren ersten zehn Jahrgängen mir die gesammelten, ausgewählten Aufsätze von Morawietz vorliegen, wurden die heutigen Horen mit marxistischen, sozialistischen Literaturvorstellungen - ineins freilich mit nach wie vor nicht ganz damit Vereinbarem. Die besondere Variante des hier schreibenden Marxismus, zusammen mit den konservativen Resten der alten Horen - das vermittelt den merkwürdigen Eindruck, ein Hauch von Unfreiheit komme nunmehr aus zwei Richtungen.
Daran ändert auch nichts die Anwesenheit von Mitarbeitern, ihren Texten, Gedichten, da und dort, die nun wirklich über jeden Verdacht erhaben sind.
Verdacht. Ja. Ich äußere hier den Verdacht, daß da Literatur nicht unbedingt in den Dienst der Befreiung des Menschen gestellt ist, nicht in den Dienst der Wahrheitsfindung, sondern daß vielmehr da Literatur verschleiern hilft, vielleicht gar verschleiern helfen soll: den längst beschrittenen Weg in neue, alte Zwänge, resultierend aus spezifischen Ordnungsvorstellungen, was Staat und Gesellschaft angeht, und einer bemerkenswerten Kompensation von Innerlichkeit, gestriger, durch Veräußerlichung und eine geradezu inquisitorische Haltung - heute - gegenüber allem, was sich noch ein hinlängliches Maß an kritischer Sensibilität bewahrt hat.
Irrationalisten von gestern haben den Rationalismus, einen ellenbogenfreien Zweckrationalismus für sich entdeckt. Was sich überwunden glaubt, zeigt nur seine seit je vorhandene andere Seite. Das aufgesetzte Lächeln, gereizt, schlägt um in Schulmeisterei.
In der deutschen Alternativ-Literatur, ein Januskopf buchstäblich, treffen sich deutsche Traditionslinien nicht nur mit staatlichen Ordnungsvorstellungen auf sozialistischer Seite, wie sie etwa auch in der DDR praktiziert werden; das starke irrationale Potential deutscher Ideologie findet eine vage Entsprechung auch in bestimmten antirationalen Abzweigungen der heutigen antiautoritären Jugendbewegung.
Wenn zum Beispiel aus dem englisch-sprachigen Raum unkritisch Texte ins Deutsche herübergenommen werden wie der folgende (von John Sinclair, hier nach Ulcus Molles Info 11/12/73): "Wir sind die Lösung des Problems, wenn wir es wollen. Wenn wir es fühlen. Le Roi Jones sagte, Gefühl bringt uns Intelligenz. Die U-Presse will, daß man es fühlt oder die Zeitung wegwirft" - so sehe ich mich unversehens an ehemals deutsches Fühlen und Wollen erinnert. Jedenfalls wundert man sich nicht, daß in Italien anarchistische Gruppen von Faschisten unterwandert werden konnten. Nicht das Anarchische, d.h. die grundsätzliche Ablehnung und Abwehr von Herrschaft des Menschen über den Menschen, sondern die damit irrsinnigerweise verbundene Abwehr rationalen Denkens, der religiös getönte Irrationalismus machte sie anfällig oder jedenfalls nicht abwehrtüchtig.
Ästhetizismus ist gleich in der Nachbarschaft. Viel Visuelles, die reine Magie. Manipulation. Spielerei, brauchbar für Werbung. Sprache, in der Schrift als Zeichen, bloßes, vom Sinn, von der Wortbedeutung losgelöst, entsinnlicht, wird sinnlos. Augentortur zur Verwirrung des Denkens. Man glaubt da wohl noch, vom Klischee wegzukommen, indem man's zerreißt oder zerschneidet, merkt gar nicht, wie vom Klischee diktiert wird, was sie da tun.
Das inhumane Wesen, im Grunde, von visuell bestimmtem Ästhetizismus, unabhängig vom Zweck, dem er sich obendrein unterwerfen mag, erweist sich nicht zuletzt darin, daß er, indem er auf Sehen aus ist, blind macht.
"Die Sprache und das Bild und deren Bestandteile dienen nicht nur als genormtes Transportmittel von Gedanken, sondern sind identisch mit der Darstellung." "Es gibt keine ästhetischen Zwänge. Das Material ist das konkrete Ergebnis." (Klaus Groh in UND Nr.11/12, Mai 73).
BILD macht dumm. Und Dummheit hat noch immer Denken als Last, zu "transportierende", empfunden, Gültiges als "genormt" und das Normale als gültig.
Wo Sprache als genormtes Transportmittel begriffen, also nicht begriffen wird, da liegt es natürlich auch nahe, das Transportmittel in seine Einzelteile zu zerlegen und diese als Material zu verwenden. So eine Ingenieursmentalität merkt auch gar nicht, daß ein Baum draufgeht, wenn man ihn zu Bau- oder Brennholz zerhackt.
Da wird, was das gesamte Industriesystem ohnehin schon auszeichnet, nun noch zu Poesie erhoben. Alles, was die Natur und nun also auch die Sprache hergibt, ist Rohstoff - zu weiterer Verwendung, zu Experiment, Verbrauch und Verschleiß. Gut, ja, das ist konsequent, durchaus, historisch folgerichtig, aber eben nicht alternativ, nicht wahr.
Literarischer underground, wo Sprache, Hoch-Sprache - als Herrschaftssprache verkannt - zusätzlich verhunzt wird, ist Springer nur im Negativ.
Die sogenannte Hochsprache, der Versuch, die humanen und vernünftigen Gehalte der Geschichte herüberzuretten, ist längst zur Sprache der Ohnmacht geworden, falls sie das nicht immer war. Man vergißt, daß - in unseren Breiten - die Herrschenden die Sprache der Dichter und Denker übernahmen, nicht sie hervorgebracht hatten.
Wer die Sprache zerstört, zerstört die letzte und keineswegs unwirksame Waffe der Opfer und potentiellen Opfer. In den Vorstellungskatalog besagter Ideologie fügt sich auch der immer wieder unternommene Versuch, die Kraft des Wortes, das sich an rationalen Kategorien messen und überprüfen läßt, als Einbildung und ideologischen Restbestand aus der Zeit bürgerlichen Idealismus abzutun. Das haben die Herrschenden von jeher besser gewußt.
Die Experimentiererei mit Wörtern, Buchstaben, Bildern, Modellen, Mustern, Permutationen, Reduktionen, Störungen, Streuungen, Serien, Strukturen - mit Tieren, mit Menschen, Gruppen, Schichten, Kindern, Frauen: das ist natürlich allemal nur ein Ersatz für schöpferisches Weiterdenken. Aber vielleicht steht dem was im Wege, Unbewußtes, Widerständiges, das sich in Zweckrationalisierungen einen Ersatz schafft.
Nur so viel: Differenzieren, Analysieren - es sind Methoden des Denkens. Als Prinzipien einer praktisch eingreifenden Therapie, sozusagen Hand anlegend, werden sie tödlich. Man denke sich die Methodik der Psychoanalyse in der instrumentellen Anwendung durch einen Chirurgen.
Walter Lobenstein, der doch eher als Synthetiker einzustufen ist, greift zur Klinge:
Im Augenblick ist das Gedicht ein Skalpell, mit dem die Operation an der Zeit vorgenommen wird, von der wir die große Korrektur erwarten. Das Messer des Gedichtes wird nach der Operation gesäubert und weggelegt, es war ein Gebrauchsgegenstand, ein Instrument, mehr nicht.
Lyrik heute, in Epitaph Nr. 4).
Ich will nicht darauf eingehen, inwieweit Lobensteins eigene Arbeiten seiner Theorie entsprechen. Das Messer in der Hand eines Dichters - mir fällt eher der dichtende Wundarzt Benn dabei ein.
Ist nicht die moderne exakte, experimentell und operativ weltverändernd eingreifende Wissenschaft, mithin auch die Medizin, etwas seinem innern Wesen nach ganz anderes als Dichtung? Die Welt der Sprache jener der Wissenschaft, wie sie geschichtlich geworden, nicht eher entgegengesetzt? Oder ist, meinethalben, Lyrik längst ein Pendant geworden zur ausgedörrten, mehr oder weniger industriell inspirierten Wissenschaft? Womöglich so etwas wie ein Ausgleichsstück. Ergebnisse, beide, einer spezifischen mental-psychologischen und soziologischen Grundstruktur?
Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine Untersuchung von Beispielen in lyrischer Prosa, d.h. von Texten - wie etwa denen Brigitte Kronauers -, die weder das eine, Lyrik, noch das andere, Prosa, sein wollen.
Ich wollte den optischen Eindruck, es könne sich um Gedichte handeln, mit der durchlaufenden Zeile einerseits, zum andern die Manieriertheit, die eine konsequente Prosaschreibart bei diesen ja nicht erzählenden Texten aufgewiesen hätte, vermeiden.
Mir kommt es außerdem darauf an, die Texte quasi gegen die Anforderung der Sätze penetrant auf dieses Muster zu trimmen.
Was wollen wir denn, mit Lobenstein wieder, korrigieren? Die Sprache - um hernach auf die Korrektur dieser naturwissenschaftlich-industriell bestimmten Welt zu verzichten? Oder nicht vielmehr diese - aber wie dann anders als zuerst, durch Herz und Hirn, mit den Mitteln der Sprache?
Man muß Lobenstein genau lesen, obwohl er es vielleicht gar nicht so genau damit nimmt: Das Gedicht korrigiert bei ihm nicht. Er sagt gar nicht, was (und wie) korrigiert werden soll. Er sagt lediglich, was operiert werden soll, nämlich die Zeit. Von der mittels Gedicht-Skalpell operierten Zeit erwartet er dann erst die große Korrektur. Was das wieder sein soll, sagt er auch nicht, weiß er vielleicht nicht, ahnt er es? Womöglich soll da mit dem Messer weggeschnitten, herausgeschnippelt werden, was dem Schicksal und dergleichen bislang noch ins Gehege wächst.
Der Fragebogen, den Reimar Lenz diesmal vorlegt, jongliert mit (von Lenz ja durchschauten) Scheinalternativen, den Leser, von Sprache zerhämmert, zuletzt, weil alles im unklaren bleibt, in neue Verwirrung stürzend. Gibt es keine Alternativen in Deutschland? Was ich sehe: neue Blindheit gegen alte. Einäugige gegen Blinde. Und wenn einer, der rechts blind ist, sich mit einem, der es links ist, zusammentut, so macht das noch immer keinen Sehenden.
Literatur, alternativ, alternativ zur bestehenden, zur gängigen "bürgerlichen" Literatur, also besser als sie, wahrer als sie. Was indes zeigt sich: schlechte Alternativen zu Besserem, alternative Unwahrheiten zur Lüge des Bestehenden. So können diese Überlegungen nur in ein Pamphlet ausarten.
Das muß eine arme Zeit sein, wo ein kuckuck größenwahnsinnig werden kann. Vor zehn Jahren hätte der sich nicht an die Öffentlichkeit gewagt, heute ist er fast eine Notwendigkeit.
Und seit es ihn gibt, gehen täglich, erbeten oder nicht, alternative Schriften bei ihm ein, das liegt überall herum, es ist bald kein Durchblicken mehr. Kommunikation. Wo keine eigenen Gedanken gedacht werden. Da möchte so ein kuckuck sich auf ein, sein Naturell besinnen und sie alle aus dem Nest expedieren, ehe sie noch Unheil angerichtet.
Vorweg: was heute gut ist und lesbar, ist gewöhnlich bürgerlich; das ist wie eine Abrechnung mit den Alternativen, den fühlenden, den ahnenden, den gedankenlosen, den käuflichen.
Im vorigen Heft hieß es: underground sei overground-Bedürfnis; und es gilt auch umgekehrt: underground ist der Wunsch, overground zu werden. Es sind die Verhinderten. Wären sie besser, sie könnten's längst sein: bürgerlich, etabliert, hüben oder drüben, ganz gleich. Sie protestieren gegen ihre Unzulänglichkeit. Das ist Revolution in der Kinderstube.
Was kann ich denn lernen von den Alternativen, was, wenn ich nicht von ihnen lernen kann, sind sie dann wert? Es ist nicht gut, wenn der Mensch überheblich wird, aber ihre Ignoranz und ihre Unfähigkeit machen überheblich, also sind sie nicht gut, keine Alternativen, allenfalls so: der Leistungsgesellschaft setzen sie ihre Selbstgenügsamkeit entgegen, der immer noch fähigen bürgerlichen Literatur ihre Banalitäten. Sie möchten dazugehören, werden aber abgewiesen. Alternativ: es wäre die Abweisung in der anderen Richtung.
Sie bereiten sich vor auf ihre Integration. Der Assimilationsprozeß ist die Befähigung zur kleinbürgerlichen Literatur. Ihr Nachweis: vielleicht von Rosenthal nach Selb eingeladen zu werden. Das klopft sich auf die Schultern alternativ. Zu was.
Ich werde konkret. Und unterscheide nicht. Zwischen denen, die schon organisiert und eingeplant sind, auch ohne es zu wissen, und den anderen. Was dort Taktik sein mag, ist bei diesen Masche und Dummheit. Sie alle interessieren mich.
Nicht nur die Horen. Auch Peter Schütt, dessen Blicke, die fragenden, ich nicht vergessen kann, auf den ihn begleitenden Obergenossen, als er sich zum Prager August äußern sollte und zur eigentümlichen Freiheit, die die sozialistische Sowjetunion um sich herum verbreitet. Damals in Hamburg, als Arie Goral seine kleine Galerie aufmachte. Und die Oldenburger Hefte, auch die.
Und Wintjes, zum Beispiel. Und Fels. Und UND. Und Elisabeth Alexander. Wie wichtig muß Peter Schumann sein, wenn Peter Handke, den er anpißt, wie ein literarischer Riese neben ihm erscheint. Dieses Getue. Endlich was Neues. Und immer wieder das Alte. Wie kaputt wir doch sind, wie gräßlich. Klassenkampf. Bitte, hier, auch dies, mit diesem Satz. Da atme ich auf, wenn ich wieder einmal ein Exemplar der Bremer Arbeiterpolitik unter die Augen bekommen habe. Aber kann man denn nicht auch mit Verstand und Umsicht Literatur, Kritik, eine Literaturzeitschrift machen, eine vor allem, die weder dem Verstand die Freiheit, noch der Freiheit den Verstand aufopfert? Von denen, die gleich beides aufgeben, jetzt noch zu schweigen.
Oder nicht mehr zu schweigen. Ist es denn wirklich wahr, wie man's hat vernommen: daß diese kapitalistische Gesellschaft eine der Ratio sei, der flugs feeling zur Rettung der Seelen über Nacht beikommen müsse! Ist es nicht mehr wahr, daß gerade der Boden dieser Gesellschaft selbst in höchstem Maße irrational ist, demgegenüber wir unsere Fähigkeit, zu verstehen, immer wieder erproben müssen? Wer dreht denn da alles ins Gegenteil? Wem sitzt ihr da auf wie blinde Hühner? Durch was für Schulen seid ihr gegangen! Verratet das Denken ans Sentiment und nennt das obendrein alternativ zu BILD. Eine Generation der comics macht Front gegen Springer. Das kämpft BILD gegen BILD. Spiegelbild.
Ich mag das Wort alternativ bald nicht mehr lesen, das Gerede vom Verändern, und: ich werde ein anderer sein. Kommt doch erst mal zu euch selber. Und macht euch endlich frei von den Kindsköpfen, die wie Kletten an euch hängen und die Literaten von der Literatur abhalten.
Heute gehen wir einmal nach anderer Methode vor. kuckuck 2 machte positive Auslese, indem er etwa von Jürgen Stelling zwei gute Gedichte herauslas aus einer Sammlung, die insgesamt eher schwach und dünn erschien. Diesmal klaubt er nicht Eberhard Schmidts Gedicht - Ich verspreche -, weil gut, aus dem andern, sondern sagt, lieber Eberhard, was ging in dir bloß vor, als du die Erzählungen - Inselleben - beim Sieber-Verlag abliefertest. Dieser Verlag sollte sich wohl doch einen Lektor ins Büro setzen. Und Norbert Ney, der vom kuckuck so begeistert war, weil er ihn offensichtlich mißverstand, macht ganz gute Gedichte, aber es muß doch wohl ein von allen guten Geistern Verlassener gewesen sein, der ihm die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift (Zikade) anriet. Die Formal-Experimentisten von UND sollten sich fragen, ob sie außer der Bastelei mit Vorhandenem nicht auch ein bißchen neuere Substanz zu bieten haben.
Der harte Schnitt ist brauchbare Methode, schwachem Text beizukommen, aber doch nicht Selbstzweck, Kinder, cut up, radikal angewandt auf die sogenannte alternative Presse in Deutschland, was bliebe da noch. Wen wundert's, wenn der blutjunge Frank Weber seine Epitaph-Leser wie ein Opa anspricht in der Nummer 4, bei so vielen Kindern. Da ist einer, der wählen kann, und drum scheint er den vielen andern arrogant. Wenn ich ICON (!) lese, denke ich sofort an den Revolutionsästheten Peter Schneider, obwohl die ganz gewiß nichts miteinander zu tun haben.
Peter Schneider ist und bleibt ein bürgerlicher Schreiber, der gern neue Schuhe kauft und sich auf die Bahn setzt, wenn's wieder mal problematisch wird. Und drum glaube ich ihm auch nicht seine Lenz-Fabrik-Erfahrungen. Der war da höchstens zwei, drei Tage, und er sagt zuwenig von den Frauen in der Fabrik, die haben ihm doch ganz schön zugesetzt (neben den bulligen, fettfleischigen Männern, die er einmal etwas kritischer, selbstkritischer, unter die sensibel-humane Lupe nehmen sollte), drum ist er nach Italien. Und ich glaube ihm die proletarische Frau nicht, die sich zu kleiden weiß und dennoch die billigen Pullover trägt. Das ist edel, fein, ich wünschte mir's, aber nicht proletarisch, nicht typisch, dafür um so bürgerlicher, im guten Sinne.
Peter Schneider mit den andern zusammen in einen Topf zu tun, kann doch nur den Zweck haben, zu zeigen: der paßt nicht hinein, paßt nicht dazu. Der ist besser. Was gut an ihm ist, ist das unverkennbar Bürgerliche. Die bürgerliche Literatur lebt in solchen Schreibern von neuem auf. Das heißt, sie könnte es, sobald die sich entschlössen, auf ihre "proletarischen" Inhalte zu verzichten.
Das ist ungerecht. kuckuck behandelt alle ungerecht, differenziert nicht, schert alle über einen Kamm. Das ist die Kehrseite der Solidarität dort, wo es keine mehr geben kann.
kuckuck 3
1974, Frühjahr
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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