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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1974-00-00

Horst Lummert

Ich weiß nicht...

- so äußert wenigstens einer mal, Henryk M. Broder, seine grundsätzlichen Zweifel, "ob es Sinn hat, unter einem großen Aufwand an Zeit, Geld und Nerven eine Zeitschrift für ein Minipublikum zu machen."

Ob es Sinn hat, es hat Gründe, Ursachen, weshalb es den kuckuck gibt. Der hat ja auch eine Vorgeschichte.

"Warum arbeiten Sie nicht mehr für die Presse?" erkundigte sich Gerhard Zwerenz - der einiges im vorigen Kuckucksheft für "indiskutabel" hält: "Die Sachen über Abraham sind wie von Broder geschrieben." Sind's aber nicht.

Zwerenz entdeckte etwas in den Harlekinischen Geschichten: "Der Lex Krakel hat mich gefreut. Zugrunde liegt, sehr fern und nebelhaft, Rosy Rosy, ich hab das Kapitel autobiografisch im Kasten, werde aber erst in Jahren oder Jahrzehnten veröffentlichen. Denke ich. Ihre fantastische Anreicherung ist aber sehr spaßig, also amüsant und recht gut erfunden. Ich liebe solche Sachen, aber die moderne Literatur will ja ins Dokumentarische."

Warum ich nicht mehr für die Presse arbeite - aus gleichen oder ähnlichen Gründen, warum ich nicht oder nicht wieder fürs Fernsehen arbeiten werde. Zum Thema Berliner Fenster, im Dritten Programm des SFB, habe ich mich darüber näher ausgelassen. In diesem Heft.

Fragt Reimar Lenz, ob man "denn die Publizistik dem Springer ganz allein überlassen" solle. Unter den gegebenen Umständen. Unter den gegebenen Umständen sind die Autoren ja sowieso nur Stofflieferanten für die großen, für die öffentlichen Medien - gar nicht wirklich Autoren.

Walter Lobenstein, der die Wegwarten herausgibt, findet, kuckuck habe mit seinen ersten zwei Heften "einen sehr interessanten Anfang gemacht. Man ist gespannt auf die nächsten Hefte". Hans Imhoff schrieb, "lese gern in den kuckucks... verstehe auch alles (bin Hans Imhoff), excepté was Ihr unter Linken versteht". Vielleicht wird das vorliegende Heft noch einiges klären helfen.

Imhoff meinte übrigens, daß im kuckuck "solch Zauberpferde" geritten würden, wünschte drum, am nächsten, also diesem dritten, "Kuckuckswindei" mitzuwirken. Ich lud ihn postwendend ein, "Zauberpferde" samt "Kuckuckswindei" im eigenen Nest zu entzaubern, zu stechen. Darauf schrieb er zurück, er möchte sich lieber noch einmal "freykauffen" - "... und meinem Geschmack wäre es näher, Ihr kritisiert meine Sachen". Im ersten Brief ("Ihr wollet doch nicht etwa Imhoffs Schüler sein?") klang das aber ganz anders.

kuckuck wird sich dem nicht entziehen, folgt auch dem Hinweis auf Imhoffs schriftliche Darlegungen zur Frage: Was ist die Sozialistische Alternativpresse? Der Text erschien als Internes Info 7 und wurde im Scenen Reader 73/74 bereits im vollen Wortlaut abgedruckt. Er stellt, so Imhoff in seinem zweiten Brief, "das Ergebnis der konsequentesten und längsten Arbeit in der literarischen Alternativbewegung überhaupt dar, und ich sehe darin nur einen ganz geringen Mangel, daß auf Eure kritische Richtung, die ich für erledigt glaubte halten zu dürfen, nicht noch einmal ausdrücklich eingegangen wird". Alternativ-Presse - das ist ein Thema dieses Heftes.

Mit Zeitschriften im Abseits befaßte sich auch das Februarheft des in Hamburg erscheinenden Buchmagazins Die Neue Barke. Ehrhardt Heinold schreibt dazu in einer Übersicht, daß "ein entscheidender Grund für das voraussichtliche Überleben der Zeitschrift auch in der Zeit technisch immer fortgeschrittenerer Medien" eine kleine Besonderheit sei: sie ist "ein speziell geeignetes Medium für die Auseinandersetzungen des Einzelnen mit der Gesellschaft".

"Überhaupt, wie sie alle schreiben, diese Tor Weilach, Felix Pech, Lex Krakel, K. Kukafka... - wie ein Mann", plinkerte Michael Kogon. "Ob da jemand vom Recht eines jeden auf Spiel (vgl. Heft 2, Seite 7) Gebrauch gemacht hat?"

Gelesen wird der kuckuck neuerdings sogar im Literarischen Informationszentrum in Bottrop, wenn auch Reimar Lenz erst "auf die Bedeutung dieser neuen Zeitschrift" hinweisen mußte, bekennt Josef Wintjes. "Auch ich habe daraufhin die 2. Ausgabe konzentriert durchgearbeitet." Vielen Dank!

In dem Beitrag, der sich gegen eine Literatur der Arbeitswelt aussprach, sieht Gerhard Zwerenz "das Substantielle" des kuckuck. "Arbeiter wollen nicht Arbeiterliteratur lesen, weil sich ihnen ihr elender Alltag damit noch verdoppelt. Das war mein Einwand von vornherein, er sticht zwar, doch gibt's Gegeneinwände." Das ist richtig.

Eine positivere Einschätzung einer Arbeitsweltliteratur müßte aber von günstigeren Bedingungen ausgehen können, günstigeren Bedingungen in dieser Arbeitswelt; und zwar von günstigeren Bedingungen, soweit es die Arbeiter selbst angeht, ihren Gedankenhaushalt, ihre Gefühlswelt, ihr sogenanntes Bewußtsein. Jene Aufforderungen, die "Arbeitswelt" zu verlassen, sind etwa vergleichbar einer Aufforderung, zu emigrieren - aus einem faschistischen System, mit dem das Volk, das arbeitende, sich längst identifiziert hat. Insofern ist die im kuckuck vertretene Position, sie bezieht sich auf deutsche Verhältnisse, wohl doch realistisch.

"Das darf man doch aber nicht verschweigen", meinte Klaus Salge, der für seine SFB-Sendung nichts zum Problem Fernsehen, dafür aber etwas über die Probleme eines "schreibenden Arbeiters" hören wollte.

Verschweigen. Die Arbeiter sind ja auch meine Kollegen, meine Kumpels. Es kann ein Akt von Solidarität sein, sie in diesem bejammernswerten Zustand nicht ganz und gar bloßzustellen. Worauf es mir ankommt, ist, zumindest ein wenig anzudeuten, daß, wenn von autoritärer Struktur der Betriebe gesprochen wird, die faschistische Mentalität der Sklaven mitbedacht werden sollte. Alfred Tetzlaff ist Legion. Nach Jargon und Denk-Fühlweise kann er eigentlich nur Angehöriger der Arbeiterklasse sein. Von den Kleinbürgern, von Beamten, Angestellten unterscheidet er sich vor allem dadurch, daß er ausspricht, brutal, was jene bloß denken.

Ich rede nicht von "allen", sondern von erschreckenden Mehrheiten. kuckuck ist ein Vogel in deutschem Nest. Was - im ersten Heft - als Provokation gemeint war, es sei die historische Aufgabe des Proletariats, sich aufzulösen, nämlich in proletarische Individuen, hat gleichwohl einen, wie ich denke, ernstzunehmenden Kern: Die Ansprechbarkeit der Menschen nimmt mit ihrer Individualisierung zu. Jeder einzelne, und das macht wirklich hoffen, ist im Grunde ein vernünftiger Mensch.

Der dpa-Buchbrief (Zeitschriften auf einen Blick) nannte die im kuckuck geäußerten Gedanken zur Arbeitsweltliteratur "unkonventionell". Wem es mit den Arbeitern ernst ist, der wird an solchen Überlegungen jedenfalls nicht vorbeikommen, meine ich.

kuckuck 2. "Nachdem der erste noch ein wenig unbeweglich im Neste seiner Zieheltern, der großartigen Literatur, gelegen hat, ist besagter zweiter wohl schon flügge geworden. Natürlich auch durch den Abdruck meiner beiden Texte...", weiß Jürgen Stelling zu berichten.

"Die Zeichnungen gefallen mir alle nicht, außer meiner Arbeit", befand Arie Seger in Den Haag.

Ohne Selbstbewußtsein keine Emanzipation: Dieses Wort stammt von Ellen Luhn und bezieht sich, wie sollte es anders sein, auf die Emanzipation der Frau. Mit Ellen Luhn, übrigens, hat der kuckuck eine schreibende Frau gefunden, die Feuer im Herzen hat. Eine Frau, ein Mädchen fast, die sich ihre Jugendlichkeit bewahrt hat, 23 ist sie, und von einer erstaunlichen Reife. Plötzlich war sie da.

Bestärkung kommt aus London von Arno Reinfrank. Ihm verdanke ich auch den Hinweis, daß die "Spezies Kuckuck" sich durch einen "starken Magen" auszeichne. Bei der Obduktion finde man ihn "ganz von den Gifthaaren der vertilgten Raupen wie ein Pelz gespickt". Reinfrank wünscht "uns allen" "diesen starken Magen". Dabei wußte er noch gar nichts von diesem dritten kuckuck.

kuckuck 3
1974, Frühjahr

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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