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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1974-00-00
Ein paar Gedanken sind fällig. Eine Frage ist zu stellen: die nach der gesellschaftspolitischen Orientierung, eine praktische Frage. Eine Kuckucksfrage.
Was feststeht: Ein Arbeiter vermag im kapitalistischen System eine Zeitschrift herauszugeben, aus seinem Lohn zu finanzieren, ohne deshalb in wirtschaftliche und juristische Nöte geraten zu müssen. Ich kann, wenn ich als richtig Erkanntes in publizistische Tat umsetzen will, und wenn ich dabei halbwegs geschickt, der Sache und meiner Lage angemessen vorgehe, es sehr wohl tun, und nicht einmal ohne Aussicht auf Erfolg. Ich halte damit eine Tatsache fest, die mehr subjektiv bedingt ist (und durch die Qualität der Sache, um die es geht) als von objektiven gesellschaftlichen Faktoren schlechthin abhängig. Im Gegenteil, ich habe hier objektive, gesetzlich garantierte Möglichkeiten, mich individuell zu verwirklichen, die ich zum Beispiel im sogenannten Sozialismus, wo immer er sich bisher staatlich organisierte, nicht hätte.
Das alles ändert nichts an meiner proletarischen Grund-Lage, aber diese ist eine andere, und für meine persönlichen Bedürfnisse offenbar günstigere in der kapitalistischen Gesellschaft als in der sozialistischen. Ich spreche nicht von dem, was nach der Marxschen Theorie sein könnte und sein sollte, sondern vergleiche mit dem real Gegebenen.
Daß ich über meine wie auch immer begrenzten finanziellen Mittel, über mein Geld, meinen Arbeitslohn frei verfügen kann, das mag wohl nicht den verborgenen Tendenzen der auf Konsum ausgerichteten industriellen Produktionsgesellschaft genügen, ist aber doch eine - gesetzliche, rechtliche - Realität, die wahrscheinlich davon ausgeht, daß nicht jeder sie erkennt und als Möglichkeit wahrnimmt.
Gerade wenn ich diese Zusammenhänge realistisch betrachte, vermag ich daraus einen Nutzen zu ziehen, einen Nutzen für meine Bedürfnisse, auch ein Beispiel zu geben, in der vagen Zuversicht, was dialektisch zu fassen ist, es könnte sich ausbreiten, sich vervielfachen.
Was will ich? Was brauche ich? Freie Konkurrenz der einzelnen? Sicher, die geistige Auseinandersetzung, den Streit der Ideen ohne jede Art von Bedrängung durch materielle Macht. Das ist eher ein Ideal. Realistischer ist es, zur Absicherung der geistigen Freiheit eine angemessene ökonomische Grundlage zu schaffen: individuell verfügbares, persönliches Eigentum; beziehungsweise mit dem wenigen, was man als Arbeitender verdient, sparsam umzugehen, eben hauszuhalten. Das hat nun wohl mit dem, was ich mir einst unter gutem Sozialismus vorstellte, nichts mehr zu tun?
Sozialismus begriff ich immer als ein Mehr an Freiheit und Möglichkeiten für die Proletarier, für jeden einzelnen Proletarier. Die Bürokratisierung der sozialistischen Staaten, dieser Zuwachs an Staat, dieser geradezu antimarxsche Zuwachs an Staat schließt jedoch bereits offene Türen wieder zu. Das ist gewiß keine Alternative.
Die Überwindung des Staates, seine konkrete Auflösung durch eine Vielfalt von Interessen, so etwas wie eine lebensfähige Anarchie, nach einem Wort Ludwig Marcuses, hat zur Vorbedingung die Menschen, die sich nicht einordnen, nicht einbauen, nicht als Rädchen verwenden lassen.
Der technische Fortschritt läuft nun freilich auf das Gegenteil hinaus. Wissenschaft und Technik sind in höchstem Maße leistungsfähig. Ihr determinierender Charakter als Motor des Fortschritts hat mit der Entwicklung der Elektronik eine Qualität erreicht, die die totale Kontrolle der gesamten Gesellschaft, d.h. jedes einzelnen Menschen nur noch eine Frage der Zeit sein läßt. Ein solches System ist von höchster Effizienz, und es ist höchst empfindlich.
Dies ist der Punkt, der haarfeine Spalt, in dem der Zweifel kreativ sich einnistet. Es ist die gleiche Entwicklung, die pessimistisch macht und optimistisch stimmt. Nicht mit der Überlegung, man müsse nunmehr das Instrument in seine Gewalt zu bringen versuchen, sondern einer anderen: daß das System sich selbst ad absurdum führen werde.
kuckuck 2
73/74, Winter
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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