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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1972-00-00
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Der hat Phantasie, hat mit jeder geschlafen, der er einmal begegnet. Sagt der Satiriker; sagt der Aphoriste. Was sagt der: in Deutschland werde so viel geschrieben und geredet, aber es ändere sich nichts, da regieren die Dinge. In Jugoslawien, überhaupt bei den slawischen Völkern, habe das einzelne, sparsam gebrauchte Wort mehr Gewicht. Fragt der Schwezzer, warum so wenig "große" Literatur geschrieben werde in Jugoslawien. Er meinte: umfangreiche. Ach ja, ein guter Aphorismus ist mehr wert als ein schlecht geschriebenes Buch. Vielschreiber Schwezzer, deutscher Schriftsteller und Pornograf, verstand nicht mal, was gemeint war.
Sicher ist: Die sexuellen Abenteuer des literarischen Leichtgewichts Görn Schwezzer sind Plagiate. Er hat sie nie erlebt. Seine Frau würde es nie zugelassen haben; immer war sie dabei. Till war der Täter. Ich sage es noch einmal: Till war's. Schwezzer käme dafür schon aus Gründen, die mit seiner Persönlichkeit zusammenhängen, gar nicht in Frage. Ein kleines Team aufgeweckter Psychologie-Studenten will das herausgefunden haben. Mathilde geschähe auch wahrlich Unrecht. Sie macht den Haushalt, liest die Korrekturen, und Görn ginge fremd. Gar nicht drin, sage ich. Ich kenne das Paar. Die Kleine vom Bahnhof hat mir noch einiges mehr anvertraut. Ich stieg ihr damals nach. Wir fuhren die gleiche Strecke gemeinsam bis Budapest. Es traf sich. Es traf sich überhaupt. Das Kind ist nun kein Kind mehr. Aber daß der Görn sie pornografieren wollte, um auf diese Weise an die Produktionsmittel heranzukommen, fand ich irgendwie blöd. Das war ein Trick. Komm, wir machen paar Pornos, dafür wollte er die Kleine mal blank sehn. Anders kam er nicht ran, wußte er. Aber sie hat ihn auch so nicht gelassen.
Sein Unglück wollte es, daß er nichts von Till Harlekin wußte, nichts von dessen historischer Dimension. Ich gebe zu, Till handelte nicht völlig korrekt; er hätte den Schwezzer nicht im unklaren lassen dürfen, nicht im unklaren über die Geschichten, die er ihm erzählte. Aber, na, ich kann mir andrerseits auch sehr gut vorstellen, wie die Schwezzers scharf drauf waren. Und Till vergaß dann wahrscheinlich, daß die Urheberrechte im Grunde ja schon gar nicht mehr bei ihm lagen. Geschenkt ist geschenkt, sage ich. Und Görn machte den Fehler seines Lebens, als er unsern Till, diesen wahrhaftigen Harlekin der Revolution, für eine Eintagsfliege hielt; als er dessen Sprungspinneneigenheiten nicht erkannte. Aber Görn hätte eben nicht Görn sein dürfen, um die Harlekinischen Netzspinnereien zu kapieren. Der sah da natürlich nicht durch, wie sollte er! Und Till, mitunter inkarnierte Intuition, wußte es vom ersten Augenblick an. Daß ich dann schließlich die blonde Karin abfing auf der Fahrt nach Budapest, mochte man bei ungenauem Hinsehen fast noch als puren Zufall betrachten. Wir dürfen freilich nie vergessen, daß in den hier aufgezwirnten größeren Strukturzusammenhängen Geschichte sich manifestiert, so daß es schwer wird, hinter dergleichen Zufällen nicht immer sofort auch die, nennen wir's: historiostrukturellen Gesetzmäßigkeiten gleichsam mitzuschauen.
Der auch dem Kommenden, somit weiterhin aufgeschlossene, in seiner rationalen Toleranz hoffentlich nicht allzu geforderte, gar überforderte Leser wird es dem Berichterstatter, der nur immer wieder darauf hinweisen kann, daß er auf die, ich sage: Informationen unseres genialen Kuriers Till angewiesen, wiewohl ihnen damit zugleich auch ausgeliefert bleibt... Ich habe also dankbar zu sein, und sei's lediglich dafür, daß Till mir, wie ich freilich unerschüttert glaube, keinen Bären aufbindet. Möge der Leser diese Bemerkung als ein Indiz dafür nehmen, daß der augenblicklich schreibmüde Erstatter Tillscher Berichte unter gewissen Umständen einer komödienhaften, um nicht zu sagen: komischen, gar tragikomischen Auflösung des Geschichtsnetzes Tillschen Verhangenseins aufgetan sein könnte - nach dem Stande gegenwärtiger Erkenntnis.
Aber ich hatte ja den begonnenen Satz nicht zu Ende geführt: der solcherart aufgeschlossene Leser wird es also dem Berichter gewiß nicht verargen, wenn der in Budapest den guten Sascha mit ins Spiel bringt, damit dies endlich einen beschwingten Fortgang nehmen kann. Wenn ich noch vorweg kurz anmerke, daß Görn Schwezzer, Münchener Schriftsteller deutscher Zunge, seine politischen und literarischen Dummheiten den geheimen Inspirationen des genialen Fotokünstlers Jacques Lefeu in Le Havre verdankt (ich sagte: den geheimen Inspirationen; Schwezzer weiß davon nichts), so darf ich hoffen, hinreichend zur Verwirrung des Harlekinischen Netzes beigetragen zu haben, genug, um im Verlauf der zu erwartenden Kuriermeldungen, genau: ihrer schriftlichen Konservierung respektive Unsterblichmachung - an die Auflösung, die rationale, lieber Leser, an die vernunftgemäße, der Vernunft zugängliche Auflösung gehen zu können. Genug denn des Wortemachens.
Foto-Feu projizierte mithin in die ursprünglich allerleiversprechenden Gehirnwindungen des Münchener Schriftstellers und Philosophenechos Görn Schwezzer dessen irre Ideen betreffend Inbesitznahme literarischer beziehungsweise verlegerischer Produktionsmittel und was so drumrum.
Außerdem schickte Lefeu ihm den Till, die blonde Karin, womöglich Sascha auf den Hals (beziehungsweise einen, der sich dafür ausgab). Konnte das gutgehn? Der Verstrickung war indes noch nicht genug. Feu jagte den Schwezzer in die jugoslawische Metropole, die sexuellen Gewohnheiten des Landes zu studieren... Lief das Maß voll? Ob Sascha-Ramses ihm da begegnete, wissen wir zu dieser Stunde noch nicht zu sagen.
Der Witz, und mir erschien das alles gar nicht originell, der Witz war der: Görn Schwezzer suchte Stoff für ein Buch; ihm fiel wieder mal nichts ein. Da landete die Sprungspinne Till, wie's ihm von der Geschichte aufgetragen, in München. Oder Görn Schwezzer war von Gockel nach Stuttgart eingeladen worden und nahm die Gelegenheit wahr, dort Till Harlekin zu treffen. Der bot ihm Stoff an, Stoff für mehrere Bücher. Görn ging es zunächst um weniger. Er brauchte beziehungsweise wollte jetzt Stoff für ein Buch. Bei ihm bedeutete das ohnehin drei bis vier Bücher. Das "Strecken und in die Länge ziehen" hatte er noch von seiner Großmutter, einer guten alten Hausfrau aus proletarischer Zeit.
Nun ist Görn Schwezzer kein Mann, der sich etwas schenken läßt, das nicht. Er zahlt auf Heller und Pfennig, man soll ihm nichts nachsagen können. Geld hatte er nicht. Bei Mathilde war "Strecken und in die Länge ziehen" Küchenmeister seit langem.
Tills Material - das bedeutete Rettung aus dem literarischen Alltag, darin lag die Zukunft der bislang kinderlosen Eheleute Schwezzer eingerollt. Das war sozusagen Geschichtsrohstoff von einmaliger Güte und Gewichtigkeit.
In diesem historischen Moment sandte Lefeu aus Le Havre dem bayerischen Schriftsteller deutscher Zunge, Görn Schwezzer, die kontinentale Idee der sechziger Jahre. Und dessen kleine blonde Nichte Karin lieferte ihm das Nötige zur Belebung seiner Phantasie, oder anders: Mathilde, seine Frau und Hüterin, lenkte alle Aufmerksamkeit auf Karin.
Gemeinsam, nächtens im breitangelegten Ehebett, wenn die bavarische Nachbarschaft wahrer Liebe frönte und ihren bevölkerungspolitischen Pflichten nachkam, da saßen die Eheleute Schwezzer beim Schein der Nachttischlampen Rücken an Rücken, die dicken süddeutschen Federbetten um Bauch und Beine geschlagen, auf dem weißen Ehelaken und dachten an ihre Jugend zurück und an Karin. Zwischendurch diktierte Mathilde ein paar Sätze, die Görn gleich auf ein großes Blatt liniierten Papiers schrieb, damit sie nicht der Vergessenheit anheimfielen wieder. So entstand sein erstes pornografisches Buch.
Ein Riesenerfolg. Die Welt der Pornoleser war begeistert. Dem unerschöpflichen Erotiker stand die Welt nun endlich offen. Er hatte es geschafft. Der Name Görn Schwezzer war fortan in aller Munde. Und man wußte genau, diesmal sah man haarscharf: da hatte einer sehr raffiniert seine Sozialismus-Vorstellungen dem kleinbürgerlichen Leserpublikum unter den Nabel gerieben. Mochten sie's auch nicht gleich merken, irgendwann würde dieser Schwezzer-Same schon aufgehen. Keine Revolution in der Erotik, nein, Görn Schwezzers allerneueste Idee war die Erotisierung der Politik, der Revolution zumal, man hätte das dem Herrn Bürgerpräsidenten Gustav Heinemann, diesem Patenonkel der feinsinnig-scientifischen Friedens- und Konfliktforschung, nicht kongenialer von den verdächtig bedächtigen Lippen ablesen können.
Dieserart deutschem Zeitgeist assimiliert, sah sich Görn Schwezzer über Nacht einer anderen, einer neuen Wirklichkeit gegenüber. Auge in Auge. Aber freundlich, beide. Jetzt erhielt das Bankkonto die ihm von Anfang an zugeordnete Bedeutung. Schwezzer geriet in mittelbare Nähe verlegerischer Produktivkräfte.
Jetzt brauchte es nur noch Ideen, dann würde er auch der höheren Literatur den ersehnten, von ihm ersehnten Tribut entrichten. So traf sich's mit Till. Der verkaufte dem Münchener Erzähler für hartes (bares!) deutsches Geld eine Handvoll gewöhnlicher Lebenserfahrung. Görn machte ein Buch daraus. Noch ein Buch daraus. Noch ein Buch daraus. Da hatte der phantasielose Narrator vom phantastischen Narrengenie Till doch ein Stück Geschichte mit entgegengenommen! Gewiß ein literarisches Unglück für den armen Schwezzer, daß er die Zeitung nicht eingehend untersuchte.
Anders unser Harlekin, der die empfangene Münze an Ort und Stelle prüfte, für hart und nützlich befand und München (oder Stuttgart oder) noch am selben Tag verließ.
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kuckuck 2
73/74, Winter
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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