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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1963-00-00 (?)

Tor Weilach

Lappalien

Ich verrate den Tag nicht, sage nichts vom Mondschein, nichts von der Konstellation. Die Frau kenne ich nicht.

Der Zug ist weitergefahren. Halbacht abends. Sie könnte meine Mutter sein. Heute weiß ich mehr. Der Drahtzaun rechter Hand ist zerrissen. Links schaue ich auf und sehe die Frau. Es wird später.

Manche sammeln Schmetterlinge. Unter uns Geröll im Wassergraben. In Südrichtung unterquert er die gehsteiglose Straße und vermischt sich nach zweihundert Metern, die ich nicht nachgemessen habe, mit anderem Wasser, das quer zum Graben, also parallel zur Straße irgendwo im Westen entspringt und im Osten mündet, irgendwo. Ich verfolge es nicht.

Flimmernde Rauchluft wischt mir über die Augen. Fieberrhythmus. Hier sieht alles friedlich aus.

Wir gehen weiter und kommen nicht voran. Ich irre den Wassergraben zurück, unterlaufe mit ihm den eingleisigen Bahndamm, ein Bild vor mir, drei Parallelen - im Norden der Bahndamm, im Süden der Weißbach, in der Mitte die Straße - und eine die Straße im rechten Winkel mit Bahn und Bach Verbindende, der Graben. Wozu das gut ist, weiß ich nicht.

Wir gehen nach Ost, befinden uns noch diesseits des Grabens, rechts das Baugelände, links hinter mannshoher Hecke, von Botanik verstehe ich nichts, eine trockene Wiese, Bäume drauf. Sie sagen, ich sei weiß wie eine Leiche. Ich kann nicht mehr atmen. Ich bringe kein Wort über die Lippen, laufe nach Hause. Wo bin ich zuhause? Eine alte Fabrik. Im Norden der Bahndamm. Wir kommen nicht voran. Kennte ich die Frau doch! Die Zeit ist stehengeblieben.

Ich sehe aus dem Fenster in einen Garten, sehe von der Straße aufs Fenster, aus dem ich herausschau. Ich sehe mich nicht. Ich kann mich nicht finden. Ich stehe draußen, jenseits der Straße, dem Haus gegenüber. Ich habe die erste Nacht darin geschlafen. Ich habe das Haus verlassen. Ich betrachte es auf einer Postkarte.

Ich stehe an mindestens drei Punkten, die ich in Gedanken miteinander verbinde. Die Fläche, die sich dabei eingrenzt, ist ein Gebiet sinnloser und sinnlos gewordener Worte, Sätze. Aber ich bemühe mich ja, am Bett stehenzubleiben, aus dem Fenster, das nach außen geöffnet ist, hinunter in den Garten zu schauen. Ich irre mich oft. Ich irre umher. Ich habe den Brief überschlafen.

Ich streiche mit der Hand die ausgetrocknete Erde glatt. Sand bleibt an den Fingern. Aus jedem Körnchen glitzert eine Lüge mich an.

Ich habe ruhig schlafen können. Ich versinke im Dunkel des Schlafes und kenne die Nacht des Tages nicht. Ich bin glücklich zur Stunde des Massenmords.

Ich finde die Ruhe nicht, es zu ergründen. Meine Phantasie taugt nicht für diesen Weg. Mir fällt auf: keine Menschen. Die Fenster verschlossen. Häuser neigen sich dem Horizonte zu, von mir weg.

Sie führt mich die Straße entlang. Hält sie meine linke Hand in ihrer rechten?

Ich schiebe die Häuser, die Bäume, die Telefonmasten von mir. Die Menschen sind ausgezogen. Ich bin gekommen, sie wiederzufinden, in ihnen zu suchen, was ich damals versäumte. Wer ist diese Frau. Ich scheue den Weg.

Wäre ich Herr meines Willens, ich ginge die Straße zurück, an der Bahnstation vorbei, der neuen Schule... Es hat nicht gelohnt. Ich bin gekommen, meinen Freunden Feindschaft aus den Augen zu lesen. Feinde sind mir belanglos geworden.

Da habe ich die Ruhe nun für die nächsten sechzig bis siebzig Schritte, und ich gehe sie nicht, weil ich die Ankunft fürchte.

Jedenfalls geht's nicht voran. Da auf einmal kommt der Pfarrer mit vier (vier?) Ministranten auf uns zu. Aber das ist eine Täuschung. Grüßend gehen wir aneinander vorbei. Natürlich bin ich aufgeregt. Kaum angekommen, gibt es gleich was zu essen.

Ich täusche mich nicht. Im rechten Winkel zum Gang links ein paar Stufen fünf oder - nein: vier Stufen, genau vier Stufen hinunter, links im rechten Winkel zu diesen sechs, ich weiß es bestimmt, sechs weitere Stufen abwärts in einen Kellerraum von fast quadratischer Grundfläche. Ich messe nicht nach.

Ich schwitze. In dem Keller war ein Brunnen, achtzig Zentimeter unter dem Steinboden. Ich setze mich lieber nicht. Ich setze mich also, um zu verschnaufen. Hier war es. Ich könnte schwören, daß es hier war. Hier war es. Wann war es? Wann war - das. Aber wie es war! Wie. Das Mauerwerk ist schlecht isoliert. Die Wand ist naß. Ich rutsche in die Ecke, schmiege mich an die nasse Wand, mit der rechten Wange gleite ich über die schwammige Nässe. Das Wasser rinnt das Gemäuer herab, versickert im Steinboden, ohne Spuren zu hinterlassen. Keine Pfütze, wo ich sitze. Flach lege ich das Gesicht mit seiner rechten Seite an.

Ich friere. Aber ich schüttele mich nicht. Ich drücke mich mit der rechten Schulter dichter in die nasse Ecke. Die Knie habe ich angezogen. Beide Arme umschließen sie.

Möglich, daß das winzige Fenster zwanzig Zentimeter unterhalb der Decke geschlossen ist. Die Tür kann ich sehen. Ich sehe nicht. Die Pupillen haben sich unter die Stirnhöhle gedreht.

Ich atme kurz, leicht. Ein Kümmelkorn, das sich unterm Anhauch bewegt, dirigiert den Takt meiner Lungen, stelle ich mir vor. Mundgeruch. Ich habe keine Lust, auf die Uhr zu schauen.

Das ist nicht der Keller von damals. Der Brunnen fehlt. Das Regal mit den Einweckgläsern. Johannisbeerwein in Flaschen. Und Sessel, eine Couch, Fleisch in Gläsern, Kaninchenrücken, Zwiebeln in Gläsern, Obst, Gemüse, Obst und Gemüse und Kaninchenrücken in Gläsern. Menschenköpfe. Wie stehe ich auf. Was tue ich. Was. Ich hocke in meiner Ecke und warte auf nichts. Nichts wartet auf mich. Gott hat die Partie verloren. Ich würde wieder gegen ihn spielen, wenn er abermals zuließe, das da.

Putz bröckelt herab. Den Mund habe ich geschlossen. Ich leiste mir den Luxus, ph. Draußen ist Nacht. Nacht wie damals.

Jenseits der Steine könnte man weitersehen. Die Fingernägel sind zu kurz. Ein paar Tage müßte ich noch warten. Ich könnte unterdes den einen Zahn lockermachen. Rechts oben Nummer zwei. Diesseits ist alles verdreht.

Ich werde sorgfältig auf die Zehennägel achthaben. Schon jetzt sind sie länger als die Fingernägel, kräftiger sind sie ohnedies. Das wäre die Werkzeugfrage.

Alles ist still. Doch das Wasser rinnt. Wenn ich den kleinen Finger so gegen die Wand halte, daß es sich an ihm teilen muß, mache ich die Bewegung sichtbar und zerstöre zugleich die bisherige Ordnung. Bislang trockene Stellen werden das Wasser gierig aufsaugen; die vom Wasser verlassenen haben Weile, auszutrocknen. Eine Zeitlang werden die neue und die alte Rinne einander ähnlich sein. Die Momentaufnahme hält ihre Gegensätzlichkeit nicht fest. In der Ruhe sind sie Zwillingen gleich.

Die Fingernägel wachsen und wachsen. Ich spüre es nicht, aber ich weiß es. Es geschieht mit den Haaren und den Zehennägeln, mit dem ganzen Körper, der sich fortwährend erneuert. Das Sitzfleisch stirbt langsam ab. Ich werde mich bewegen müssen. Ein paar Schritte hülfen zirkulieren. Nein. Nicht zirkulieren. Ich will nicht. Ich bleibe sitzen. Den Zahn lasse ich auch. Ich will schlafen. Schlafen.

Ich könnte die Kellerdecke herabziehen und mich damit zudecken. Oder die Wände einklappen wie einen Pappkarton. Ich tu's nicht. Die Treppe bleibt, wie sie ist. Wären die Wände Stiegen, ich würde an ihnen hochklettern. Jetzt ist mir wieder warm.

Ich muß zu der Sache selber finden. Die Steingruppe über dem Fenster lasse ich außer Betracht. Ich ärgere mich nicht über sie. Sie ist für mich nicht da, einfach nicht da. Ich gucke durch die Scheibe. Draußen ist helles Sonnenwetter. Halb eins. Ich bin der Verzweiflung nah. Es ist in Wahrheit tiefe Finsternis. Und doch kann man sich vorstellen, wie die Steingruppe fehlt, draußen wirklich die Sonne scheint. Ja, vor allem, ja, daß die Leute oben auf den Gedanken gekommen sind, mich aus meinem Verlies herauszuholen. Mir was von dem schönen Wetter abzugeben.

Lächerlich. Hinter der Wand stehen Flaschen über Flaschen. Ich sehe nichts. Ich sehe keinen Weg ins Paradies. Sie mauerten es ein. Sie bauten den Keller zu. Niemand soll wissen, was hinter der Wand versteckt. Aber ich weiß es. Ich war dabei. Ich weiß, welche Fülle der Fäulnis überantwortet wurde. Die Gläser schließen nicht ewig. Ich habe Hunger und friere. Drüben schimmelt, was mir fehlt. Vielleicht ist nichts mehr genießbar. Vielleicht ist es zu spät. Ich muß mich beeilen. Werkzeug. Mein Werkzeug. Mein Zahn. Und die Nägel an Füßen und Händen. Aus den Haaren müßte ich mir noch ein Gerät schaffen. Eine Art Besen, Bürste oder Pinsel. Heute bin ich nicht mutlos wie vor einigen Tagen.

Wenn ich nachdenke, werden die Knie wieder kalt. Ich lasse es mir nicht ausreden. Mit meinen Augen habe ich sie gesehen. Nicht nur insgeheim hofften sie, eines Tages, ja morgen oder übermorgen, demnächst zurückzukommen. So trugen sie zusammen, was ihnen wert war, stopften es ins kleine Nebengelaß, verschlossen Fenster und mauerten das Loch in der Wand zu, wo die Tür war. Das Fenster schmückten sie von außen mit einer Gruppe von grobem Gestein, streuten Sand drauf, Blumenerde fiel in die Ritzen. Und sie pflanzten schönes Gewächs. Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht und Pfingstrosen, Islandmoos, viel. All dies schmückte den Garten und schmückte das Fenster, und dieses und all was dahinter ward nie mehr gesehn. Daher die Finsternis in diesem Loch.

Wenn die wüßten, daß ich hier bin, ganz nahe dran; daß ich, wenn ich nur wollte, da einbrechen könnte. Ihr Paradies ist jetzt mein Paradies. Das Schatzkästlein gehört mir; wenn ich will, sein ganzer Inhalt. Aus dem Hort des Glücks ist eine Grabkammer geworden. Natürlich. Die da herumlagen, waren tot. Es muß fürchterlich gestunken haben. Merkwürdig, daß ich mich dessen nicht entsinne. Wie verhungert sahen sie nicht aus. Nach Spuren von Einstichen oder Einschüssen an ihrer Kleidung habe ich nicht gesucht. Blut konnte ich auch nirgends entdecken. Allerdings sah ich nicht sehr genau hin. Seltsam schwarz sahen sie aus. Das ist mir im Gedächtnis. Mehr weiß ich nicht. Aber ich will es wissen. Und nichts davon haben. Nichts von den Schätzen, nichts von der Sammlung, nichts von allem Aufbewahrten. Es ekelt mich der Gedanke, es zu besitzen.

Nun ist vieles anders. Die erste Sonne fiel auf die gekalkten Wände. Immer standen hier Kisten herum. Ich warte. Ich verlasse mein Grab, reiße die Mauer ein... Über den Hof, durchs Tor, das ich gleich wieder zuwerfe, den Weg entlang, über die Brücke, geradeaus am Holzschuppen vorbei...

Ich verlasse meine Ecke nicht. Im Zenit hängt das Dach der Mansarde, Mäuse flitzen über die Gesichter der Schlafenden. Hunger. Es zieht. Ich schüttele mich. Es zieht fort. Ich gewöhne mich dran. Alles bleibt liegen, weil ich zu müde bin.

Trinkst Tee und hackst mit dem Beil kleinen Schildkröten die Köpfe ab. Das liegt alles umher. Dabei soll ich schlafen. Sieh doch ein, daß es nicht geht. Ihr seid in den Keller eingedrungen. Aber ich will hier kein Licht!

Im Innern aber trennt jene Wand, hinter deren Geheimnis ich noch zu kommen gedenke - und zwar ehe der städtische Sanierungsplan in Kraft tritt. Vor mir die Zeit drängt wie die Zeit hinter mir. Alles ist bis ins kleinste festgelegt. Die Ruhe ist scheinhaft. Der Abbruch ist seit langem vorbereitet.

Sie werden sich wundern. Die Spuren, die ich hinterlasse, geben Rätsel auf, deren Lösung Vorrang hat gegenüber der Zerstörung. Das Unerwartete wird ihnen Beine machen.

Ich muß sparen. Auch in der Spucke steckt Kraft. Ja. Mit dem Speichel vermag ich das Verdauliche an der Wand vorzüglich aufzulösen. Sehnsüchtig stelle ich mir sämtliche Vorräte vor, die gefüllten Gläser und Flaschen, dabei wird mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. So wird mir große Hilfe zuteil. Ich schaffe die Wand aus eigener Kraft. Wenn ich will. Wenn ich bloß erst will.

Hier wird der Durchbruch vorbereitet. Da leuchtet ein Licht, das mich am Leben hält. Ich weiß, daß Haß gesät ist, der heimlich keimt und mir den Keller nicht gönnt. Ich wehre mich nicht. Die Luft weht mir zum Halse heraus. Nirwana. Ich habe es gefunden. Ich habe es hier gefunden, Ihr Schlauberger da oben! Ich hab's! Haha! Sucht Ihr nur, sucht. Hier unten ist der Schatz. Mein Keller ist der wahre Himmel. Die Hölle über mir, wenn sie hereinbricht, findet einen Toten mehr.

Doch wird er, noch ehe Ihr kommt, seine Trennwand aufknacken und das Verlorene euch vor die gierigen Nasen stellen. Ich werde euch den Himmel vor Augen halten, daß euch Lieben und Hassen vergeht. Nicht schlafen werdet Ihr und nicht wachen. In schweren Träumen wird sich euch offenbaren, was Ihr verdorben habt. Nichts findet Ihr wieder, wie es war. Alles habt Ihr auf euch zu nehmen. Ihr werdet es von euch weisen, und es wird euch an Händen und Füßen festsitzen. Ihr werdet vergessen haben, und meine Nägel zeigen sich wieder und wieder. Ihr werdet es verdrängen. Und ich werde euch zur rechten Zeit an die Türen klopfen: Ich bin der mit Nägeln an Fingern und Zehen, kennt Ihr mich noch? Nicht Herr meiner Sinne und Gedanken mehr, werde ich eure Wahrheit in mir begriffen haben.

Freuet euch!

kuckuck 2
73/74, Winter

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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