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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1973-00-00
Die "Aufstandsprobe der Plebejer", in der Günter Grass Brechtens Rolle in dem "deutschen Trauerspiel" vom 16. und 17. Juni 1953 bloßlegt, scheint bedeutender als ihr öffentlicher Ruf zu sein. Zu diesem Ruf mag mit beigetragen haben, daß die "Plebejer" Salz in eine Wunde streuen, die mit der Bonner Ostpolitik gerade einer Heilbehandlung unterzogen werden sollte. Man muß das Stück noch einmal gelesen haben. Möglichst auch die Rede, die Grass im Frühjahr 1964 an der Westberliner Akademie der Künste hielt: "Vor- und Nachgeschichte der Tragödie des Coriolanus von Livius und Plutarch über Shakespeare bis zu Brecht und mir." Das Spandauer Volksblatt druckte das damals nach.
Wenn Grass den Platz des schon bei Plutarch und Shakespeare von seiner Mutterbeziehung wie schicksalhaft geleiteten Coriolan nunmehr mit dem "Chef" besetzt, so hat er damit, glaube ich, ein wesentliches Moment herausgearbeitet, das meines Wissens bisher kaum Beachtung fand. Gewiß, vom Kind, das sich nicht gern wusch, über zahlreiche Muttergestalten in Brechts Stücken, bis zu Helene Weigel, der herbmütterlichen Ehefrau und bevorzugten, freilich großartigen, vom Naturell her stets dominierenden Schauspielerin, das ist wohl schon registriert worden. Doch hat man sich gefragt, inwieweit sich die hinter "Brecht" verborgene Grundtendenz mit dem eher männlich-väterlich gestimmten Marxismus auch verträgt?
Darin scheint mir doch eine der Differenzen zwischen bürgerlichen Rebellen und, sagen wir, aufgewachten Proletariern zu liegen: in ihren Beziehungen zu den Eltern, und in den Beziehungen der Elternteile zueinander.
Der Aufstand des Bürgersohnes war, oft mit Unterstützung der Mutter, Aufstand gegen den bürgerlichen Vater. Die Erhebung des Proletarierkindes geschieht nicht im Widerspruch zu den Interessen der Eltern, sondern nimmt diesen jene historischen Aufgaben ab, die sie selbst noch nicht bewältigen konnten. Zur vollen Identität des sich seiner gewiß gewordenen Proletariers gehört, daß er mit Vater und Mutter psychologisch im reinen ist.
Des Bürgersohnes Gegner ist auch sein Gegner, aber aus anderen Beweggründen. Dort sind es psychologische, hier soziale; dort individuelle, hier kollektive. Der Konflikt zwischen beiden entsteht, wo der alte ("bürgerliche") Mutterkomplex wieder auflebt in der Sehnsucht nach dem ("proletarischen") Kollektiv - während der sozial gebundene, kollektivierte Proletarier, einmal seiner Lage sich bewußt, zur Individuation drängt.
Die Tendenzen zu organisatorisch-ideologischer Bevormundung der Arbeiter z.B. durch politisch engagierte bürgerliche Studenten haben hier, denke ich, ihren psychologischen Sitz. Der ursprünglich antiväterliche Schwung der Bürgerkinder richtet sich jetzt gegen das Proletariat, das, zumindest tendenziell, zur Selbstbefreiung sich aufrafft.
Günter Grass. Schärfste Kritik an seiner Rolle in der beziehungsweise gegen die außerparlamentarische Opposition der sechziger Jahre bleibt nach wie vor richtig. Nicht daß Grass die Bewegung kritisierte, das war ja legitim, nur die Weise, in der er es tat, diese ganz offenbar doch irrational vorbestimmte autoritäre Haltung, die sich zuletzt in regierungsorientierte "Kampfansagen gegen den SDS" verirrte, statt theoretisch, mit gutem Argument zur, warum nicht, rationalen Autorität aufzuarbeiten! Der Spalt zwischen dem Legitimen, Autoritativen und dem autoritären Als-ob wurde dazumal freilich allenthalben verpappt und verschmiert.
Daß Grass ohne seine SPD-Brandt-Befangenheit einen für die Arbeiter brauchbaren Dienst hätte leisten können, scheint mir nach der abermaligen "Plebejer"-Lektüre halbwegs sicher zu sein. So aber war's ein Bärendienst, der obendrein des Brecht-Kritikers eigenen Coriolanus-Hochmut an den Tag gebracht hat.
Es ist das alte Lied: wenn Dichter sich an die Rockschöße einer politischen Partei hängen, der eine mehr, der andere weniger: der Wahrheit langt es allemal.
Hat sich Grass insgeheim von der Niederlage der Studenten ähnlich, und ähnlich spät, "überzeugen" lassen wie Brecht von der Erstickung des Arbeiteraufstandes? In seiner Attacke gegen den SDS in der Zeitschrift Monat war er doch schon in beängstigende Nähe rechtsradikaler Antimarxisten geraten.
Grass in einer Rede während des Europarats-Symposiums in Florenz (ich zitiere nach der Frankfurter Rundschau vom 30. Juni 1973): "... der allbeliebte Gegensatz zwischen Geist und Macht ist nicht stichhaltig."
Ist er's nicht?
kuckuck 1
1973
Siehe auch:
Horst Lummert: Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase
Horst Lummert: Wenn der Günter mit dem Adolf
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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