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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1973-00-00

Lex Krakel

Was ist Kunst?

Von unten betrachtet

Kunst. Was ist Kunst?

Mir fällt ein: Kunst kommt von Können. Verkommt auch zu Können. Machen können. Ich denke an Gunst. Begünstigt sein. In Gunst stehen. Privilegiert sein. Durch wen oder was? Durch Können. Talent. Genie. Aber auch: Günstling sein. Favorit. Bevorzugter. Dekor. Genius eines Herrschers.

Luxus. Licht. Schönheit.

Ästhetik als Lehre vom Schönen; ursprünglich: ... der Empfindungen, des Empfundenen. Gefühl.

Verstand aufhebend; abrundend; abwehrend.

Religiöse Kunst: Musik. Malerei. Architektur.

Sinnenwelt; sogenannte profane Kunst; Erotik des Konkreten. Liebe. Frauen. Nacktheit. Natur.

Kunst als Ausdruck von Natur; als Ausdruck des Geistes. Metarationalität. Metaphysik.

Symbolik. Abstraktion. Kunst zwischen Himmel und Erde.

Kunstkritik: Versuch, Kunst verstehbar, verständlich zu machen. Versuch der Ratio, die Sinnenwelt und ihre Artikulation in die Sprache der Worte zu übersetzen; herüberzusetzen; herüber zu retten.

Kunst als Sprache.

Formensprache. Farbensprache. Akustisch. Visuell...

Hören und Sehen. Fühlen. Tasten. Testen. Nachmachen. Natur, Schöpfung nachmachen. Sich zum Schöpfer machen. Hybris.

Konkurrenz zum Wort als Konkurrenz zum Gott des Wortes ("... sollst dir kein Bildnis machen...")

Wortkunst. Poesie als Einklang von Wortsinn und Empfindung, Wahrnehmung. Lyrik. Lyra. Musik. Melodie. Text.

Der Künstler - ein Günstling der Götter. Polytheismus contra Monotheismus. Wahrheiten gegen Wahrheit. Vielfalt gegen Einheit. Schöpfung gegen Schöpfer. Konflikt als Kunst.

Kunst als Konflikt: religiös, geistig, individuell, sozial.

Sozialismus und Kapitalismus; engagierte Kunst - l'art pour l'art. Realismus. Surrealismus. Expressionismus. Impressionismus. Figürlich, nichtfigürlich; heißt: der Natur, der Realität vergleichend - nicht vergleichend.

Kunstwerk als Natur per se; als eigenständiges Produkt neben den Produkten der Natur, der Gesellschaft im übrigen.

Kunst als Zweck (engagiert, dekorierend, erheiternd, zum Nachdenken anregend, zum Nachmachen, zum realen Vollzug); Kunst als Selbstzweck; zweckfreie Kunst.

Theater als kollektive Kunstform aus: Literatur, Musik, Maskerade, Mimikry, Malerei, Technik.

Der Mensch als Kunstmittel; Darsteller, sich und andere Darstellender.

Zauber. Illusion. Licht. Beleuchtung. Täuschung. Trost. Flucht. Aus der Realität. Kunst. Neben der Realität. Hinter der Realität. Vor der Realität. Fassade. Verdeckung. Verschönerung. Verschleierung. Vernebelung. Irrationalität. Kunst als Lüge.

Kunst als Politik - siehe Sozialismus; Politik als Kunst - siehe Faschismus. Krieg. Verherrlichung. Heroisierung; sozialistisch, faschistisch. Euphorie.

Rettung aus der Welt der Fakten; Rettung aus der Rationalität. Ausweichen vor den Problemen.

Schein. Notwendigkeit. Gefahr.

Beziehung des Scheins zum Sein; der Kunst zur Wirklichkeit des Alltags; der Farben zum Grau. Vielfalt als Möglichkeit gegen die Einfalt.

Kunst als Vorwegnahme des Möglichen. Kunst als Darstellung des Unmöglichen. Kunst als Freiheit, ihre Artikulation.

Der Künstler - ein Freier?

Wer ist es, der Künstler? Der Künstler – ein Hörender, Sehender, Fühlender, Schmeckender, Liebender, Hassender?

Ein Sagender, Malender, Zeichnender - in Farben, Tönen, Linien, Flächen, Körpern, Worten. Wie?

Dunkel und hell. Unbewußt und bewußt. Oberströmig.

Unterstrom: Poesie. Abstrakte Malerei. Surrealismus. Musik.

Kunst als Veränderung der Wirklichkeit an der Grenze zum Unwirklichen, Unterwirklichen.

Disziplinierung des Unterwirklichen, Unterströmigen in der Form. Form als Anspruch der Wirklichkeit, der korrigierenden Ratio, der Schule, Schulen, Kunstschulen – am ungehemmten, freien Werden des Werks.

Notwendigkeit und Freiheit? Oder: rationale gegen irrationale Freiheit?

Was ist: Freiheit, Freiheit des Künstlers: schöpferische Freiheit?

Hat der Künstler so etwas wie eine Verantwortung? Wem gegenüber? Gegenüber der Gesellschaft? Gegenüber den Göttern? Gegenüber der Wahrheit?

Die Verantwortung des Künstlers ist in erster Linie künstlerische Verantwortung gegenüber den Anforderungen seines Werks. Er hat zu bilden, zu malen, zu komponieren, er hat nicht zu verantworten im Sinne einer gesellschaftlichen, politischen, gar historischen Verantwortlichkeit. Er selbst ist Produkt und Ausdruck, gleichsam Ausdrückender des gesellschaftlichen, historischen, religiösen… Zustands der Welt - auch als Nichtengagierter. Er ist so etwas wie ein Brennpunkt, in dem sich unbewußte und bewußte, unsichtbare und sichtbare Realität schneiden. Er macht das Unsichtbare, aber darum nicht minder Reale, sichtbar, hörbar, fühlbar. Was er mehr sieht, hört und fühlt, das bringt er in eine Form, durch welche es auch andern hörbar, sichtbar, fühlbar werde. Das ist, glaube ich, seine Aufgabe. Keine andere sonst.

Wenn der Künstler nebenbei, aus seiner praktischen Arbeit heraus eine eigene Kunsttheorie entwickelt, so ist er in diesem Moment Theoretiker, nicht wesentlich Künstler, Kunsttheorie spielt sich in rationalen Bereichen ab; sie hat ihrerseits die Sprache der Kunst, wenn man so will, abermals übersetzt.

Der Künstler als Übersetzer von Wirklichkeit in die Sprache der Zeichen, Formen, Farben usw. - Der Theoretiker als Übersetzer dieser Zeichen... in die der - prosaischen - Sprache.

Der Kunsttheoretiker verhilft, dem Kunstpublikum sowohl wie auch dem Künstler selbst, zum Verstehen von Kunst.

Kunst selbst ist nicht Verstehen, sondern Machen, um zu zeigen; ist Verwandeln und Hinstellen des Verwandelten - als neue, zusätzliche Realität.

Jede Kunst ist real. Jede Kunst ist konkret. Was an ihr irreal beziehungsweise abstrakt erscheint, kommt aus der Differenz zwischen dem Gewohnten und dem Ungewohnten; der naturgegebenen, gesellschaftlich vorgegebenen Wirklichkeit - und einer aus deren Möglichkeiten herausgearbeiteten neuen Realität.

Kunst öffnet Horizonte; Theorie hilft beim Sehenlernen. Sehenlernen heißt: sich gewöhnen, heißt die neuen Wirklichkeiten erkennen, anerkennen.

Die Feindschaft gegen neue Kunstformen entsteht aus der Angst vor dem Verlust beziehungsweise der Gefährdung des Gewohnten und Gesicherten. Der Grad dieser Feindschaft sagt etwas über das Risiko künstlerischer Freiheit - und über die gesellschaftliche Rolle bewußter Theorie.

In den unbewußt gewählten Formen und Farben drücken sich Lebensgefühle, soziale Selbstverständlichkeiten, Harmonievorstellungen, kollektive Gemütszustände, Denkhaltungen aus.

Kunst als Phänomenologie der alltäglichen Realität - sichtbar, hörbar usw. oder nicht - wandelt sich mit dem Grad des Unbehagens der künstlerischen Persönlichkeit innerhalb dieser Realität.

Das Werk gewordene Unbehagen weckt im Konsumenten ein Gleiches oder Verwandtes, das bisherige Selbst- und Weltverständnis bedrohend, aus dem unreflektierten Dunkel seiner eigenen Unbewußtheiten.

Kunst kann, sie muß nicht, revolutionär sein. Je tiefer der Blick, das Hören, Wahrnehmen, Fühlen usw., desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß Kunst wahrnimmt - und wachruft! -, was in solcher Tiefe nach Veränderung drängt.

Kunst kann wahrhaftig sein; sie muß es nicht. Der Künstler ist nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern, wie gesagt, seinem Werk. Ein Kunstwerk kann in sich eine Lüge sein. Was Lüge, was wahr ist, das zu enthüllen ist nicht Sache des Künstlers, sondern des Kunstkritikers, des kritischen Publikums. So geht es um den objektiven Wahrheitsgehalt der Lüge.

Der Künstler, der über seine Kunst als Kunst hinaus sich gleichwohl dem Wahren verschreibt, tut dies über seine Rolle als Künstler hinaus.

Ist der Künstler - sozusagen per definitionem - privilegiert? Er ist frei. Er soll, er muß frei sein.

(Von einem kritischen Standort her wird Kunst zu unterteilen sein - in solche, die wahr sein will, und andere, die sich einen Schmutz darum kümmert.)

Insoweit der Künstler, und das ist ja wohl die Regel, auch als Bürger in einer normalen Gesellschaft lebt, d.h. also auch mit anderen Menschen, insbesondere Nichtkünstlern verkehren muß, obliegt es seiner realistischen Intelligenz, die ohnehin kaum gesicherte soziale Situation nicht zusätzlich zu gefährden, die nebenmenschlichen Beziehungen nicht obendrein zu verschärfen. An der emotionalen Ausgeglichenheit im Alltag zeigt sich das Maß der Verarbeitung seiner Emotionen in Kunst.

Kunst ist Ausweg.

Kunst ventiliert. Es ist gut, um im Bilde zu bleiben, mehrere Ventile, Auswege, Notausgänge auch, bereit zu haben, um bei Behinderung, Verstopfung und dergleichen überwechseln zu können. Es empfiehlt sich paralleles Arbeiten an mehreren, ihrer Art nach verschiedenen Werken.

Stauung ist gefährlich - für die Arbeit, für die psychische, für die physische Verfassung.

Kunst ist Befreiung. Der Prozeß darf nicht stocken. Arbeitsalternativen, aber auch außerkünstlerische Abwege sollten offen bleiben. Frei ist auch, wer ausscheren kann.

Der permanente Ausgleich im Arbeitsprozeß fördert die Ausgeglichenheit im Alltag - und dient damit dem Frieden, den der Künstler für seine Arbeit braucht wie das Baby die Mutterbrust, wie der Vogel die Luft zum Fliegen.

Vielfalt also - im Gegensatz zur nach Einheit strebenden Methodik des Denkens - scheint wesentliche Bedingung für künstlerische Praxis zu sein, für deren reiche Entfaltung. Und aus jeder auslaufenden Arbeit können wie Kinder aus der Mutter wieder neue Sujets hervorgehen. Es sind Eigenheiten jeder Praxis.

Kunst ist wesentlich Praxis. Ein Tun. Machen. Schaffen. Werken. Wirken am Material, mit Material - mit Vorgegebenem.

Kunst ist nicht aus dem Nichts; Kunst wird aus anderem, aus dem, was schon da ist.

Wird Kunst auch aus anderer Kunst? Kunst ist Verarbeiten. Auch Verarbeiten von Verarbeitetem? Oder ist Kunst ausschließlich Verarbeiten, Verändern von gleichsam elementar Naturgegebenem?

Holz, Steine, Muscheln, Sand, Ton, Gips, Farben sind gewöhnlich verarbeitete Stoffe aus organischer und anorganischer Chemie. Papier, Leinen. Pinsel. Tierborsten, Kunstfaser...

Unterscheide: Werk und Werkzeug.

Frage: Ist das Werk statthaft aus nicht von der Natur, Gottes Schöpfung, vorgegebenem, also anderweitig bereits verarbeitetem Material?

Darf der Künstler alte Blechbüchsen, Nägel, Sofakissen, Stühle und Kisten verarbeiten, in neue Form verwandeln? Auch wenn die frühere Form, das frühere Material bei dieser Verwandlung nicht restlos verschwindet?

Darf der Künstler auch Kunst verarbeiten? Darf er die Werke anderer Künstler verarbeiten? Das heißt also etwa: kopieren, teilkopieren, komponieren - zum Beispiel Picasso- mit Gauguin-Elementen; parodieren, persiflieren... ?

Was ist Kunst?

Wenn aus allem ein neues Werk entsteht?

Was ist neu?

Muß es unverwechselbar sein, einmalig sein - muß es über die Kombination, die Komposition, über die Collage-Form hinaus noch etwas Eigenes haben, einen individuellen Werkcharakter?

Ist das Kunstwerk ein Individuum? Die gewöhnliche Arbeit eines Künstlers ist - auch heute noch - Handarbeit, handwerkliche Arbeit, ungeteilte Arbeit mit dem geringsten instrumentellen - und materiellen - Aufwand.

Ist ein Minimum an materiellem Aufwand und technischem Behelf - eine Bedingung für Kunst? Bei Wegfall jeder Arbeitsteilung? Wenn ja, so ist das Kunstwerk einmalig, also, jedenfalls theoretisch, unverwechselbar, mithin ein Individuum, ein Unikum.

Hat das Werkindividuum ein Recht auf sich selbst? Gibt es so etwas wie eine künstlerische Achtung, einen künstlerischen Respekt vor dem Kunstwerk, dem Werk des anderen Künstlers? - ähnlich dem Respekt und der Achtung für ein menschliches Individuum?

Kunst ist Individualismus. Künstler sind Individualisten. Ist Kunst unteilbar?

Falls dies so ist, gäbe es für den Künstler doch so etwas wie eine Moral, eine Künstlermoral?

Ist das Kunstwerk unantastbar, tabu, wie der einzelne Mensch?

Wäre demnach Kunst spezifisch bürgerliche Kunst - oder ist die sozialistische Aufhebung des Individuums im Kollektiv historisch ein Irrtum?

Gibt es Autonomie in der Kunst?

Nach strengster Definition ist die Frage zu verneinen. Die Beeinflussung durch äußere Momente, Motive, Anregungen, Beispiele usw. ist völlig normal. Der Künstler lebt und arbeitet auch, mehr oder weniger, in einem gewissen gesellschaftlichen Consens menschlichen und auch speziell künstlerischen Selbstverständnisses. Jeder Künstler, schon wenn er zum Arbeitsmaterial greift, arbeitet nicht voraussetzungslos, arbeitet auch von der Inspiration her nicht aus dem Nichts. Auch in bezug auf die immateriellen Momente von Kunst arbeitet er aus Vorgegebenem.

Die Autonomie des Künstlers erweist sich in seiner Fähigkeit, das Vorgegebene nicht nur sich zu eigen zu machen, sondern es schöpferisch zu verarbeiten, ihm seinen ganz individuellen Charakter einzuprägen, aus dem Bestehenden qualitativ Neues hervorgehen zu lassen.

Die Auseinandersetzung mit dem - im weitesten Sinn - Vorgegebenen ist ein Kampf um individuelle und künstlerische Autonomie, die von dorther immerfort bedroht ist. Bedarf also der Künstler - als Praktizierender - nicht von vornherein der Theorie, um seinen Charakter als Künstler zu wahren, so sieht er sich im Laufe seiner Subjektwerdung zunehmend auf Reflexion seiner Arbeit – und der gesellschaftlichen Voraussetzung seiner Arbeit – angewiesen, mithin auf Theorie.

Künstlerische Selbstbehauptung heute ist weitgehend eine soziale Frage. Der autonome Künstler hat seine Kunst "in sich" und "an sich", "für sich" und in Beziehung zu allem außerhalb ihrer selbst, begriffen. Der blind drauflos Arbeitende ist in solchem Sinne nicht autonom; er weiß im Grunde nicht, was er tut und wie seine Arbeit - subjektiv und objektiv - einzuschätzen ist. Er ist blind für die äußeren Gefahren. Er arbeitet auf gut Glück.

Autonomie ist eine Frucht des Konflikts mit sich und der Welt.

Der sozial-ökonomisch ungesicherte - proletarische - Künstler hat schärfste existentielle Konflikte zu bestehen. Seine Kämpfe erscheinen geradezu aussichtslos; seine einmal gewonnene Autonomie sollte unumstößlich sein.

Der proletarische Künstler steht nicht nur mit seiner Praxis - mehr oder weniger direkt - im Konflikt mit der Gesellschaft; er sieht sich darüber hinaus auch der bürgerlichen Kunst, er sieht sich der etablierten Kunst und ihrer herrschenden - theoretischen - Rechtfertigung ausgesetzt. Er ist um seiner Autonomie willen, ja bei Strafe des Untergangs als künstlerische Existenz nachgerade gezwungen, Praxis und Theorie, meinethalben Gegentheorie, in sich zu vereinen.

Überdies hat er gegenüber marxistischer Kollektivierung seine Individualität zu behaupten. Wie der Künstler im Kapitalismus gleichsam die Revolution vorwegnimmt, so realisiert er in dialektischer Beziehung zum etablierten Marxismus seine persönliche künstlerische Freiheit, die Freiheit des produktionsmittellosen proletarischen Einzelnen.

Die Nichtverfügbarkeit von Produktionsmitteln führt zurück zu dem eingangs festgestellten Minimum an instrumentellem und materiellem Aufwand als vermeintlichem Charakteristikum von Kunst. Hier nun erhält das künstlerische Kriterium den sozioökonomischen Bezug. Die Auseinandersetzung mit etablierter Kunst und Kunsttheorie führt damit in gewissem Sinne zu dem theoretischen Anspruch: daß Kunst "eigentlich" nur mehr möglich sei unter proletarischen Bedingungen. Bürgerliche Kunst schlichtweg wird - als Kunst - in Frage gestellt.

Existenz-, Arbeits- und Vermittlungsminimum - letzteres in besonderem Maße eine Frage nach den Produktionsmitteln - werden damit zu unerläßlichen Kriterien für Kunst. Herstellungsverfahren, die diese historisch-ökonomisch bedingten Merkmale nicht aufweisen, enthüllen ihren bürgerlichen Charakter und verfallen somit dem Verdikt proletarischer Kunsttheorie.

Künstlerische Autonomie verbietet jede kommerzielle Korrumpierung, und darum auch den Verkauf des Werks, d.h. des Originals, seine Verfälschung zur Ware.

Die Vermittlung zwischen dem Autor, bzw. seinem Werk, und der Gesellschaft erledigt die Kopie, die Vervielfältigung. Bei Einhaltung des Minimal-Prinzips in der originalen Arbeit ist das Produktionsmittelproblem eines der Vervielfältigungsmethoden.

Daraus resultierende Zwänge zu Kooperation, zu kollektiver Zusammenarbeit sind zu verstehen als Möglichkeit zur Verbesserung der Bedingungen für die individuelle Arbeit - nicht als deren Einschränkung oder gar Aufhebung.

Individuum und originale Arbeit gewinnen auf proletarischer Ebene eine neue Würde als Unverletzliche.

Am Ende "belehrt" nicht eine separate, etablierte Kunsttheorie den Künstler; vielmehr erhält das Werk selbst Lehrcharakter. Es wird zum Ausdruck gesellschaftlicher Auseinandersetzung und, theoretisch nunmehr selbstbegriffen, ihr Subjekt zugleich.

Nachbemerkung

H.L./kkk - Was Kunst in diesem Verstand heute vermag, bleibt begrenzt. Wenn der arbeitende Mensch in seiner Freizeit einiges vorwegnimmt, oder vorwegzunehmen meint, so steckt darin vielleicht ein Moment Utopie. Der Kunst, die ins Leben, in den Alltag hineingehört, sind beton- und stahlharte Hindernisse vorgestellt; sie hat, initiatorisch, keinen Zugang zu dieser Wirklichkeit. Sie bleibt davon abgetrennt, kann also lediglich Signale senden, auch etwa Nachricht geben von ihrem soeben sich vollziehenden Exitus. Wo sie dennoch ins Leben hineinzureichen, hereinzureichen scheint, da hat sie ihren Subjektcharakter bereits aufgegeben zugunsten gesellschaftlicher Verfügbarkeit.

Der einzelne Künstler, der sich nicht aufgibt, vervielfältigt sich in den Reproduktionen seiner Werke. So scheint er über Plakatkunst, die im Postergeschäft längst assimiliert worden ist, nicht hinauszukommen. Die originale Arbeit, sich häufend, wartet bessere Zeiten ab. Jedenfalls sollte man sich die Leute, denen man vielleicht einmal etwas davon verkauft oder schenkt, vorher genau angeschaut haben.

So bleibt in erster Linie der Schaffensprozeß selbst, seine Bedeutung für die persönliche Reifung des Urhebers. Wer das hinter sich bringt, ist wohl auch freier. Es gibt Leute, die haben sich an solchen Strohhalmen wieder an Land ziehen können.

Nachdenken über Kunst hat etwas Betrübliches, weil zuletzt gerade von dem, was Kunst ausmacht, nichts mehr übrigbleibt. Allenfalls führt es zur Propagierung rational engagierter Kunst. Vielleicht ist Kunst wirklich am Ende, wenn sie sich nicht Zugang verschafft zur Welt.

Kunst auf sich zurückgeworfen: kuckuck rät, aus der Not eine Tugend zu machen, aus der Kunst - beziehungsweise dem, was von ihr verblieben ist - ein Gebiet zu ungeteilter Selbstbetätigung und Selbstbestätigung. Dabei ist er sich der Gefahr bewußt, ganz nebenbei noch ein kleines Scheinglück anzupreisen, in Sicherheit zu wiegen, Sensibilität zu neutralisieren und die individuelle Rücksichtslosigkeit im kunstfernen Alltag eher noch stabilisieren zu helfen. Berechtigt ist indes auch die Hoffnung, daß der besondere Charakter künstlerischer Arbeit die Sensibilität offenhält, daß er allmählich unbrauchbar macht für das mörderische Getriebe der Industriezivilisation.

Engagement muß einen Sinn haben. Hier ist es ja gar nicht darum zu tun, vor dem Engagement zu bewahren, eher noch vor der Verkleinbürgerlichung. Die zur Resignation neigenden Einzelgänger schrecken nämlich eher vor dem Kollektiv zurück als vor der bürgerlichen Familie. Dies allein dem Subjekt zuschreiben zu wollen, es ihm anzulasten, ohne die objektiv gegebene Verständigungskrise zu bedenken, dies allerdings wäre nun Zeichen eines Subjektivismus’, vor dem hier gewarnt sein soll.

Die Nachdenklicheren sind dies ja nicht, weil sie isoliert wären; sondern weil sie nachgedacht und vielleicht auch feiner vorgefühlt haben, sind sie isoliert worden. In einer Gesellschaft, die auf Gedankenlosigkeit baut, ist der Nachdenkliche erzwungenermaßen ein Außenseiter.

Problematisch wird es, wo einer nach der proletarischen Kunst zu fragen beginnt, nach ihren konkreten Produkten. Der kuckuck hatte da gar keine Wahl.

Was Sorge bereiten sollte, ist ein neuer unkritischer Konformismus auf der Linken. Er schlägt sich nieder in parteilichen Klischeeformen des Protestsongs und des Gedichts. Das Seichte legitimiert sich nicht dadurch, daß es links auftritt; leicht verkitscht es die Linke.

Wo ist die proletarische Kunst?

Dient ihre Erwähnung nur als Vorwand? Gilt hier künstlerisches Werken lediglich als exemplarisch für individuelle Selbstfindung und Befreiung? So würde einer die ganze Kunst hinter sich lassen müssen, abstreifen wie die Haut vom letzten Jahr. Kunst ist das, war das, womit er sich so lange abgeschleppt hatte.

Oder sollte am Ende eine rückschauend naive Kunst die Sehnsüchte eines Arbeiters artikulieren? In romantischer Harmonie mögen sich die Straßenzüge eines alten Arbeiterbezirks, Hinterhöfe mit spielenden Kindern, einem unbetroffenen Betrachter der Szene darstellen, kaum aber der Erinnerung dessen, der daraus hervorgegangen. Die Grenze des Naiven zum unheilschwanger Traumhaften, Nachtmahrischen, ist freilich mitunter schwer auszumachen.

Mithin so etwas wie eine vorausahnende, vorausschauende, visionäre, prophetische, apokalyptisch-destruktive, oder eine zarte des Neubeginns nach der Katastrophe? Keine naive, keine kindhafte Kunst, vielmehr eine des aus Katastrophen erstandenen und gereiften Menschen, der sich aufs Elementare zurückgeworfen sieht. Als er zu leben, zu sehen, zu verstehen begann, wurde vor seinen Augen zerstört und vernichtet. In die Überreste der Ruinen ritzt er seinen Namen: ich werde leben.

kuckuck 1
1973

Siehe auch:
Jüdische Pädagogik & Kunst als Konflikt
Qimoserien
stars'spring: The Dynasty

kokhaviv press:
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