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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1973-00-00
Die Überbetonung des Anspruchs auf Individualität dient als Korrektiv. Die wiederholte Rede von proletarischer Individualität, von proletarischer Kunst, proletarischer Geschichte usf. ist dazu angetan, zu erinnern: es gibt derlei, es gibt ein solches Selbstverständnis im Volke, das ist also nicht passé, im Gegenteil: wir haben es noch vor uns.
Im Grunde artikuliert sich hier der Versuch, körperliche und intellektuelle Arbeit im "konkreten Subjekt" zu "dialektischer Einheit" zu bringen. Ich sage mit Bedacht: zu dialektischer Einheit.
Das mit seinem Subjekt identische Denken wird freilich weniger durch die körperliche Arbeit als durch das ideologische Milieu dieser Arbeit beeinträchtigt.
Die schwere Arbeit, ich schreibe vom Bau, macht natürlich müde, sie nimmt, wenn man so will, dem Denken ein wenig Zeit weg; andrerseits habe ich den Eindruck, daß der ausgearbeitete Körper dem "Geiste" ganz wohl tut. Vieles sieht man mit einfacheren Augen deutlicher, weniger kompliziert. Als ob der Zeitverlust das Denkvermögen dazu bewegt, in Kürze das Wesentliche und Entscheidende herauszusehen. (Es ist ratsam, die analytische Skepsis bewußter zu pflegen.) Viele Emotionen gehen ab bei der körperlichen Arbeit, das Denken wird freier.
Die Verbindung von körperlicher Arbeit und Intellektualität, praktisch nach wie vor ein Experiment, intendiert den "ganzen Menschen", den in "Körper" und "Geist" nicht mehr aufteilbaren, seiner Identität und Integrität gewissen – das heißt das autonome Individuum. Autonom, weil die ihm eigene Dialektik von "Materie" und "Überbau" (Körper und Geist) sein Leben bestimmt.
Historisch notwendig geworden ist die Verwirklichung der Idee des autonomen Menschen, der seine absoluten Grenzen kennt und achtet. Der Mensch hat sich darauf zu besinnen, daß alle gesellschaftlichen Vorgänge auch sein eigenes Produkt sind, und daß er die daraus folgenden persönlichen Probleme selbst zu lösen vermag.
Es ist seine historische Aufgabe, sein eigenes Sein zu bestimmen, und zwar nach Regeln, die der Unzulänglichkeit und der absoluten Begrenztheit des Menschen eingedenk sind. Innerhalb dieser Grenzen ist er frei.
Seine relative Freiheit gründet nicht in der Relation zu den Dingen ringsum, zur "Realität", zur "materiellen Basis", zu "Produktionsverhältnissen" und dergleichen mehr, mithin nicht in seiner relativen Abhängigkeit davon. Sie kennzeichnet seine individuelle Beziehung zum Absoluten, von der irdischen, materiellen Welt Abgelösten, Losgelösten. Freiheit ist Freiheit von den Dingen. Von ihnen kann er sich in weitestem Maße unabhängig machen; aber er hat keinen Einfluß auf seine Geburt und darauf, daß er sterben muß.
Eingeordnet in diesen Prozeß, in den Prozeß des Werdens und Vergehens, nach dessen Gesetzmäßigkeit, aber auch nach seinen unerkannten Zufälligkeiten, weiß er sich auf dem Wege seiner universellen Bestimmung.
Die Erkenntnis dieser Begrenztheit ist die Einsicht in die ungeheuren Weiten seiner irdischen Freiheit. Wenn sich ökonomische, staatliche, gesellschaftliche Zwänge anmaßen, die absolut gegebenen Grenzen willkürlich einzuengen, so liegt hier ein Gesetzesbruch ersten Ranges vor.
Die Erkenntnis unserer absoluten Begrenztheit hat im Gegenteil das Maß jener materiellen "Notwendigkeiten" einzuschränken. Abstrakt, wie es scheint, für die Lebensbedingungen in dieser Gesellschaft, ist die Frage nach der "ökonomischen Basis" gleichwohl eine Frage nach dem Existenzminimum. In jenem universellen Sinne verknüpft sich der Gedanke mit der konkreten Wirklichkeit der zwei Drittel Menschheit, die auf dem Niveau materiellen Minimums dahinvegetieren.
Während die marxistische Theorie die fortgeschrittenen Produktionsmittel als Voraussetzung für eine ausreichende materielle Versorgung der gesamten Menschheit ansieht, ihre weitere Entwicklung fördert und in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine Behinderung dieses geschichtlichen Fortschritts erblickt, wird hier davon ausgegangen, daß der technisch-wissenschaftliche Fortschritt der Produktionsmittel jene Mängel, jenes Elend verursacht hat. Das ausbeuterische, expansionistische, imperialistische Moment ist diesem technisch-wissenschaftlichen Industrialismus eigen; das kapitalistische System ist nicht ein lediglich unangemessenes, das durch ein anderes ausgewechselt werden müßte, vielmehr ist es das industrialistische urwesentlich selbst.
Die sozialistischen Staaten, die sich im Verlauf von sogenannten proletarischen Revolutionen etabliert haben, haben nicht den Kapitalismus überwunden, sondern sind dabei, die Grundvoraussetzungen für die Entfaltung des Kapitalismus auch in ihren Ländern zu schaffen. Dabei stellt sich zusehends heraus, daß nicht der Kapitalismus, sondern diese sozialistischen Staaten die Produktivkräfte fesseln.
Der Widerspruch zur sozialistischen Wirklichkeit macht die sozialistische Theorie zu einem diffizilen System rationalisierten falschen Bewußtseins, zur weltanschaulichen Stilisierung gesellschaftlicher Schizophrenie.
Indem die sozialistischen Staaten um des "historischen Fortschritts" willen gezwungen sind, ihre Wirtschaften zu "entfesseln", sehen sie sich mehr und mehr auf die Übernahme kapitalistischer Strukturen und Methoden angewiesen. Die Überwindung des sich demnach erst noch weltweit vervollkommnenden Kapitalismus wird somit zu einer Überwindung der technisch-wissenschaftlichen Produktivkräfte selbst. Sie überwinden heißt, ihnen den Subjekt-, also bestimmenden Charakter nehmen.
Weniger unsere Arbeitskraft (als Teil der "Produktivkräfte") als vor allem unsere Ohnmacht in diesem globalen Geflecht sagt etwas über den "historischen Stand" der Menschheit. Die Wiederentdeckung des ohnmächtigen Individuums ist die Entdeckung der Notwendigkeit einer unteilbaren, universellen Wahrheit. Die gegebenen "historischen" Möglichkeiten dienen nicht der Orientierung, sondern der Verwirrung. Man lasse über alles mit sich reden, nur über die individuelle Autonomie nicht.
Die innermaterielle Dialektik realisiert sich historisch in der Materialisierung und Verallgemeinerung des Menschen. Dessen Rettung setzt ihn in Widerspruch zur historischen Entwicklung. Er sollte sich dieser Gefahr bewußt sein. Sie ist Gefahr für sein Leben. Er muß das, sein Existenzminimum kalkulierend, auf sich nehmen.
Die Alternative? Kapitulation. Anpassung.
Der Belgrader Satiriker Brana Crncevic vermerkt lapidar: "Ich bin für das Sonnensystem; das ist immer noch das größte." Eines jedenfalls, das man "anerkennen" muß. Sich vorzustellen, die Arbeiter lebten dereinst in diesem Sinne kosmosgerecht, ja Himmel, man sage nicht, für eine ausgewogene proletarische Philosophie gebe es noch keine Denkansätze. Der polnische Satiriker, noch einer, Stanislaw Jerzy Lec setzt eins drauf: "Jede Klasse hat ihr Spießbürgertum." Und ihre Snobs. Ich bin, hoffe ich, nicht mißverstanden worden.
kuckuck 1
1973
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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