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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1973-00-00

Koresh Kukafka

Warum nicht bei Null anfangen?

Der proletarische Künstler ist der neben einer abhängigen Lohnarbeit, also feierabends, feiertags dilettierende Außenseiter, der die Angst vor solcher Schizophrenie bereits überwunden hat. In der Lohnarbeit gründet seine künstlerische Unabhängigkeit. Das bedeutet aber auch: der Lohnabhängige wird nicht die Zeit aufbringen können, die er benötigt, um "quantitativ" zu schaffen. Das ist nicht nur ein Formproblem.

Alle bisherige Theorie, mithin auch Kunsttheorie, ist bürgerlicher Herkunft, zuletzt da, wo sie sich ins Antibürgerliche kehrt. Im Marxismus begreift sie sich buchstäblich als Geschenk der absteigenden Klasse ans Proletariat.

Nun hat sich im Proletariat selbst mittlerweile so etwas wie Theorie herausgebildet, ein proletarisches Selbstverständnis, das sich in der Lage weiß oder glaubt, es auch theoretisch "mit den Bürgerlichen aufnehmen" zu können.

Da wird es gewiß Fehlgriffe geben, manch kleine Blamage, aber der Weg zu Souveränität und Mündigkeit, der Weg der Befreiung aus bürgerlicher Vormundschaft welchen Kennzeichens auch immer ist erst einmal betreten. Das ist nicht mehr von der Hand zu weisen.

Wenn es wahr ist, daß bisherige Geschichte jeweils aus Quantität in Qualität umschlug, so beginnt die proletarische Geschichte mit einer neuen Qualität. Sie setzt auf Vermehrung.

Sie beginnt im Bewußtsein Einzelner, in dem um Selbstbestimmung ringenden Individuum. In ihm entsteht aus den "werktätigen Massen" ein arbeitender Mensch.

Die proletarische Menschwerdung beginnt mit der Fähigkeit, unverwechselbare, unaustauschbare Individualitäten hervorzubringen, mit der Fähigkeit, zu unterscheiden und zum Unterscheiden zu zwingen.

Bürgerliche Kunst ist Blüte. Proletarische Kunst ist Keim. Wo bürgerliche Idee auf proletarischen Boden fiel, entstand proletarische Individualität: eine neue Realität, die ihrerseits neue Ideen, Theorie, erforderlich macht.

Jede Geburt ist ein individueller Akt, darin dem Sterben ähnlich, aber nicht gleich. Das Absterben bürgerlichen Individualismus’ ist nachgerade eine Bedingung für die Entfaltung proletarischer Individualität.

Der Proletarier durch Herkunft hat viel nachzuholen, hat Unermeßliches aufzuarbeiten an bürgerlich Hinterlassenem. In der individuellen Abgeschlossenheit, seiner historischen Klausur, vom Trubel restbürgerlicher Aufplusterung steckt die Erwartung für morgen. Wenn hier kein neues Denkinitiativ entsteht, geht seine Zukunft verloren. In der keimhaften Isolierung substantiiert sich proletarische Verantwortung. Ohne individuelle Anfänge gibt es keinen kollektiven Weg.

Der technisch und ökonomisch bedingte Produktions- und Überproduktionszwang führt auch zur Über-Reproduktion des seit Jahrtausenden überlieferten Wissens- und Bildungsschatzes der Menschheit. Nur Blinde gehen daran vorbei. Die ersten Proletarier haben sehen gelernt. Sie sammeln auf und eignen sich an, was an den kulturellen Rändern der Konsumgesellschaft sich nur wie zufällig angehäuft hat. Sie lernen trennen, Spreu vom Weizen. Sie werden ihrer selbst gewiß. Wer aus der Nacht kommt, dessen Zukunft kann nur der Tag sein. Wissen ist Licht.

Wir fangen bei Null an. Das ist kein absoluter Nullpunkt. Die frühpoletarische geht aus der spätbürgerlichen Epoche hervor.

Wie die materielle, soziale und ökonomische Geschichte der Menschheit, so ist auch der historische Denkprozeß in sich dialektisch. Das heißt, jede Einsicht in die Seinsgebundenheit des Menschen klart auf zum Befreiungsversuch.

Daß das Sein das Bewußtsein bestimme, diese Erkenntnis unterliegt dialektischerweise nun selbst dem historischen Prozeß. Genau dies war die Marxsche Prognose: das ob seiner materiellen Gebundenheit aufgeklärte proletarische Bewußtsein zur materiellen Gewalt werden zu lassen, es in den Stand zu setzen, sich aus den Fesseln des "Seins" zu befreien und nun seinerseits dieses zu "bestimmen".

Die späteren "Avantgarde"-Konzeptionen entsprangen einem Kurzschlußgedanken.

Das Proletariat wurde als kopflose Masse gedacht und behandelt. Daran scheiterte bisher jede "proletarische" Revolution. Marx wußte, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann. Es gilt entsprechend für eine Theorie der Befreiung.

Das Proletariat kann seine "Seinsverflochtenheit" nicht theoretisch "lernen", es muß sie erfahren. Diese Erfahrung trägt ihre Früchte nicht von vornherein kollektiv, sondern individuell da und dort, sporadisch. Aus solchen Erfahrens-, und daraus folgend: Erkenntnis-Ungleichzeitigkeiten entstehen innerproletarische Widersprüche. Diese Widersprüche führen zu verschärften Vereinzelungen, Isolierungen. Die Gefahr einer Verkleinbürgerlichung, die von der heutigen Gesellschaft ja doch gefördert wird, ist somit akut gegeben – neben der Hoffnung, daß aus der Isolierung ein neues, "künftiges" Bewußtsein der Solidarität hervorwächst.

Ein komplizierter Prozeß, immer kritisch, weil Resignation, weil der Abbruch kreativen Denkens als negative Möglichkeiten ständig nebenher mitlaufen. Resignation und pessimistische Phasen sind schwere Krisen, ja Prüfungen des Lebenswillens im Proletariat.

Die Klasse wird sich von ihren ökonomischen Fesseln nicht befreien können, solange das Individuum sich nicht von sich selbst, seinen individuellen und kollektiven Unbewußtheiten befreit.

Massen bewegen nichts, Massen werden bewegt. Die Revolutionarität der proletarischen "Massen" besteht in ihrem Vermögen, sich "aufzulösen".

Vor der Zukunft einer in sich wirklich freien, geläuterten, bunt gemischten Menschheit sind vielleicht tausend Jahre wie ein Tag.

Und Kunst? Wohl eine Chance zur Verfeinerung der Klasse in ihren Individuen.

kuckuck 1
1973

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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