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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1973-00-00
Der Name kuckuck läßt sich mit allerlei in Verbindung bringen. Ein Programm, eines im engeren Sinn, hat dieser kuckuck nicht.
Was dennoch nach "Programm" aussehen könnte, ist schon eher ein Verdacht: daß nämlich die Beweggründe für das Entstehen des kuckuck - selbst ungenannt, unausgesprochen - all jenen begreiflich seien, die (im verborgenen wiewohl) längst die Hoffnung aufgegeben haben; begreiflich wären - hätten sie nur erst einmal ein kleines Stück über ihre Lage hinausgedacht.
Wenn es einen Vergessenen gibt, einen Totgeglaubten oder noch gar nicht Geborenen, einen, mit dem keine menschliche Instanz je rechnen würde, so ist es der Einzelne unten, ganz unten; nicht als Quantität, die zusammen mit anderen ebensolchen die Masse Arbeiterklasse oder dergleichen ergäbe, sondern der einzelne Mensch als individuelle Qualität, die durch keinen anderen Menschen ersetzt werden kann.
Der kuckuck hegt und pflegt also den Verdacht, daß es ihn gibt, als schwarzes Schaf oder als Blume im Gras, als schweigenden Durchschnittslohnempfänger, der heimlich schreibt oder zeichnet, als nachdenklichen Schlosser oder Büroangestellten. Der Verdacht ist nicht unbegründet. Beispiele haben sich gemehrt. Darauf wird man noch eingehen müssen.
Gleichwohl bleibt es im großen und ganzen vorerst bei dem Verdacht. Eine Zeitschrift, die, ohne nach dem Munde schreiben zu wollen, im Hinblick auf ihren möglichen Leserkreis mehr Sicheres im Auge hätte als diese, würde sich vermutlich kaum den Namen kuckuck zugeeignet haben.
Vorerst bleibt's also wohl bei den wenn auch nicht eben zaghaften Rufen zur Ankündigung kommender, in wachsendem Maße zu Worte kommender Proletarität.
In solchen soziologischen Bezügen kein ausgearbeitetes Programm, keinerlei Plan zur Hand zu haben, das mag fürs erste verwundern. Programmierer, Organisierer sind da zumeist im Vorteil, freilich nur, solange solch Vorteils Bedingungen, allgemeiner und auch besonderer Art, noch nicht durchschaut worden sind.
Wir haben Zeit. Lassen wir uns ein wenig am Rande nieder und bedenken weitere Kuckucksfragen.
Über die äußere Form dieser Zeitschrift war, bedingt durch finanzielle Grenzen, nicht viel nachzudenken. Allenfalls dies: liefert man die Tippfehler mit, oder versucht man sie auszulöschen. Letzteres hat sich diesmal durchgesetzt. Ich denke aber, daß der Leser getrost wissen darf, wo ein Mißtipp entstand; obgleich die Theorie, den Leser am Arbeitsprozeß teilnehmen zu lassen, ihm sozusagen Einblick ins "Original" zu gewähren, reine Theorie bleiben muß. Der kuckuck wird es in diesen Dingen künftighin vielleicht nicht immer so genau nehmen. Jedenfalls wird eine "reine Form" nicht garantiert.
Zum besseren Kuckucksverständnis tragen auch die Untertitel kaum bei. "Kunst, Literatur, Kritik", warum nicht "Philosophie", warum nicht einfach "Denken", proletarisches zumal (falls es das gibt); einfach, weil jenes mehr umfaßt, mehr offenläßt, mehr zuläßt. kuckuck, das will auch heißen, daß man ruft und Widerrufe abwartet; daß man sich offenhält für vielleicht noch gar nicht Bedachtes. Vom bürgerlichen Standpunkt aus gesehen ist, was hier geschieht, purer Dilettantismus, ja Scharlatanerie. Aber verdienen Windbeutel nicht auch einen besonderen Schutz?
Ich hätte den kuckuck natürlich auch "eine satirische Zeitschrift" nennen können, ich verstehe so wenig davon wie von "Kunst, Literatur" und so weiter, hätte mich aber womöglich doch schärfer damit eingegrenzt. Ganz ohne Untertitel wollte ich's nicht machen. Der unvorbereitete Leser einer Bestellkarte wäre dann noch auf Vogelhandlung oder Gerichtsvollzieher gekommen. Übrigens ist kuckuck nicht nur der eigentliche Titel dieser Zeitschrift, sondern neben "Kunst, Literatur" usf. gleichsam Sonderressort für Unvorhergesehenes.
Wer also glaubt, zum kuckuck etwas beitragen zu können, der ist zur Mitarbeit herzlichst eingeladen. An Honorar ist dabei allerdings nicht zu denken. Ein gar nicht so nahes Nahziel ist es, mit den Einnahmen aus dem Verkauf wenigstens einen Teil der Selbstkosten zu decken.
Das Wagnis kuckuck begann mit dem Unternehmen, fast ins Blaue hinein mit Bestellkarten zu werben für etwas, das es noch gar nicht gab und somit sich jeder Vorprüfung entzog. Eine Nullnummer verbot sich aus schon erwähnten Finanzgründen von selbst.
Die Zeitschrift kuckuck erscheint zum Lobe der Pressefreiheit. Das Berliner Pressegesetz bestimmt (§2): "Die Pressetätigkeit einschließlich der Errichtung eines Verlags oder eines sonstigen Betriebes des Pressegewerbes darf nicht von irgendeiner Zulassung abhängig gemacht werden."
Daß Freiheiten dieser Art uns erhalten bleiben und zunehmend von den unteren Klassen genutzt werden mögen - vielleicht könnte dies ein Stück Kuckucksprogramm sein.
Der kuckuck finanziert sich aus Lohnarbeit. Eine Frage der individuellen Bedürfnisse. Vielleicht ein Ersatz für Waschmaschine, Stereoanlage, Auto und dergleichen; jedenfalls im proletarischen Selbstversuch. Oder habe ich da eine Rechnung ohne den Wirt gemacht?
Der Preis - 6 Mark fürs Einzelheft, wenn auch incl. Versandkosten - erscheint mir hoch, obgleich er die entstandenen Kosten voraussichtlich nur in Bruchteilen deckt. Wer sich nach der Lektüre des ersten Heftes betrogen fühlt, wird dies deutlich zu sagen wissen. Beabsichtigt ist, den Umfang zu erweitern, den Preis zu erhalten. Alles in allem eine Frage der - verkauften - Auflage. Aber wer liest denn schon den kuckuck! Das Format und die vorläufige Herstellungsweise lassen Reproduktionen nur begrenzt zu. "Kunst", als dargestellte, wird also von vornherein zu kurz kommen müssen.
Beinahe unnötig, noch darauf hinzuweisen, daß der kuckuck keine wissenschaftlichen Beiträge bringen wird. Wissenschaft ist vorerst und für geraume Zeit Wissenschaft derer, die im Sattel sitzen: fest als Väter, lässig sich sträubend als rebellierende Söhne. (Ich hoffe, daß ich mich mit dieser Interpretation nicht in etwas verrannt habe.) Selbstbefreiung von Sklaven ist eine Wissenschaft für sich.
Kuckucksfragen sind Fragen zum Selbstverständnis dieser Zeitschrift. Es sind Fragen nach dem künftigen Leser, ob es ihn überhaupt gibt, geben wird. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen. Man kann es auch beklagen.
Ob sie's durchzuhalten vermag: um die paar Funken geht's ihr, um die Verstreuten, die punktuellen Erfahrungen... Ein bescheidenes Unternehmen, was die erreichbare Zahl anbetrifft. Arrogant in seinem spezifischen Anspruch. Am Ende wird kuckuck ein Werk seiner Zustimmer, Fürsprecher, Leser und Kritiker sein - oder kuckuck wird nicht sein.
Ob etwas und was womöglich dabei herauskommt, ist also ungewiß. Es ist zu wünschen, daß kuckuck in dem, worum es ihm geht, und als das, was er ist und nur sein kann, wohlwollend verstanden wird; und daß es ihm gelinge, sich hinreichend verständlich zu machen.
Man möge mir glauben, daß "Klassenstandort" hier keine blasse Chiffre, keine Phrase ist, sondern eine Existenzbedingung des kuckuck - und zwar in ökonomischer sowohl wie in "überbaulicher" Hinsicht. Darin steckt eine Portion Anmaßung, wie gesagt; aber von da her kommt auch die Überzeugung, es sei notwendig.
Wer für wen schreibe, dies ist die zentrale Kuckucksfrage. Und ob die individuellen Abfälle, Ausfälle, bei wohlweislich zunehmender Kollektivierung, einer - durchaus vermutbaren - Gesetzmäßigkeit unterliegen. Um die sich, ihrer Arbeitsumwelt, ihrer eigenen Klasse Entfremdeten geht es vornehmlich.
kuckuck 1
1973
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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