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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 1. Die proletarischen Anfänge
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1973-00-00

Tor Weilach

Abfälle, die aufs Gesetz verweisen

oder

Die Gebetsteppichperspektive

Der Griff zur Schreibmaschine folgt einem mutlos machenden Gefühl in der Magengegend. Loszuwerden, was einen auf noch unklare Weise bedrückt, man verspricht sich's davon, daß man es losschreibt, fortschreibt, daß man sich durchschreibt, heraus aus dem Phlegma. Sich freischwimmen ist doch, sich von den eigenen Beschwernissen freischwimmen, die der äußeren Realität erst die Trübung geben. Zu dunkler Stunde glaubt man eben alle Ursach in sich selbst. Am Tage sind die Dinge ohne Mühe zu bewältigen. In der Resignation ist auch etwas Kräftigendes, ein kathartisches Moment. Wer nächtens nicht mehr grübelt, sondern durchschläft, kann auch wieder mit dem Morgen rechnen.

Hierzulande muß man etwas tun, oder man muß fortgehn; man kann hier nicht einfach sein, nicht sorglos sich dem Leben hingeben. Schon das Klima macht da nicht mit.

Revolution, so glaubte ich einmal, sei eigentlich eine tiefe Sehnsucht nach dem Süden und die Tugend, sich ihn zu versagen. Verzichtet man auf solche Tugend und geht seinen Sehnsüchten nach?

Die Prädisposition für derartige Zweifel und Selbstzweifel hat sicherlich ebenso in die merkwürdige Lage geführt, wie andererseits man den objektiven Umständen und Zuständen dieser Welt überhaupt nur bei Erfüllung genau dieser scheinbar zerknirscht kritisierten subjektiven Bedingungen gerecht werden kann.

Es reicht vom Politischen, wo es sich teilt in Globales und Soziales, übers Philosophische, Religiöse, bis in den alltäglichen privaten Kram.

In diese Lage gerät, wer das Angebotene einer kritischen Betrachtung und Prüfung hinsichtlich seiner individuellen Brauchbarkeit unterzieht.

Wer zuviel überlegt, ist immer schon draußen, noch ehe es zu einer subjektiven Entscheidung kommt. Zwei, drei, vier Weltmächte, du sollst dich entscheiden, und wer erst nachdenkt, über den ist bereits entschieden. Es gibt eine bestimmte Anzahl Schubfächer, darüber hinaus ist nichts zu gewinnen. Kirchen und Weltreligionen: Katholizismus, Buddhismus, Islam, Protestantismus, Orthodoxie. Für mich taugt weder das eine noch das andere; das gleiche gilt für die politischen Parteien, selbst für die angebotenen Geldverdienstmöglichkeiten. Der Platz, der einem da bleibt, ist alles andere denn ein irdischer Ehrenplatz. Liegt dieser Ort nun aber jenseits von gesellschaftlichem Gut und Böse?

Wenn ich mir vorstelle, mein Platz eröffne eine Gebetsteppichperspektive mitten im Gestühl der irdischen Alternativen, so wird mir vorübergehend wohler in der Magengegend, denn auf meinen Teppich scheint Verlaß zu sein; aber ich darf doch nicht daran denken, daß dieser Teppich das einzige ist, das mir, für mich, etwas zu versprechen vermag, und daß alles andere nur scheinbare Alternativen sind, die für mich nicht in Frage kommen, sobald ich wieder über sie nachgedacht habe. Das Kleine, Übersehbare, Persönliche ist geblieben, ein gesicherter Faktor? Sichere ich mir ein Stück Freiheit, wenn ich mich von Äußerem so weit wie irgend möglich unabhängig halte?

Ist Einschränkung, ja eine bewußte gesellschaftliche Askese geboten, wo bessere Einsicht längst zu dem Ergebnis gekommen ist, daß alle politischen Verhältnisse, trotz jener heute zur Schau gestellten "Transparenz", eher noch undurchschaubarer geworden sind?

Wer heute politisch zu wissen glaubt und sich darum auch "engagiert", weiß nichts von seiner wirklichen Ohnmacht. Das von den Helleren belächelte und bekämpfte Volkswort: "Wir können doch nichts ändern", ist eher weise als dumm. Wer bis zu Ende denkt, kommt zu ähnlichen Resultaten, wie das Volk sie als Erfahrungen von Jahrhunderten aufbewahrt hat, ohne noch darüber nachzudenken.

Das Volk kann nichts ändern, heute weniger als zu früheren Zeiten, wenn ein kleiner Aufstand mitunter noch sehr praktische Folgen hatte. Heute kann jede Massenbewegung manipuliert werden, und sie wird manipuliert. Wer sich aus allem, was nach Kampagne riecht, heraushält, wer die großen Massenbewegungen vom letzten und allerletzten und allerallerletzten Schrei nicht mitmacht, der tut auf seine indirekte, passive Weise mehr in einer Welt, die es darauf angelegt hat, möglichst auch den Letzten noch aus seiner privaten Sphäre zu holen ins gesellschaftliche Engagement. Die gelassene Nichtengagiertheit, das ist natürlich ein höchst individuelles Verhalten.

In der Tat ist es der reprivatisierte Einzelne, den die etablierten Herrschaftssysteme fürchten und wohl auch zu fürchten haben. Die Frau, die den Emanzipationsrummel als Täuschungsmanöver durchschaut, weil sie weiß, daß es sich in der Fabrik nicht "emanzipieren", dafür um so besser unterdrücken läßt, die zu Hause bleibt, ihre Kinder zu freien Menschen erzieht und nicht die Kindererziehung irgendwelchen Einrichtungen und Leuten überläßt, die das Kindererziehen betreiben wie andere den Textilverkauf oder den Bierausschank; deren "fortgeschrittenes Bewußtsein" sich darin erweist, daß sie in ihrer Hausarbeit nicht untergeht, sondern sie überlegen organisiert handhabt, um in ihrer so gewonnenen Freizeit nun nicht pathologischerweise sich einen x-beliebigen Job, eine "Berufsarbeit" zu suchen, weil sie mit ihrer Freizeit sonst nichts anzufangen wüßte; die in dieser Freizeit Bücher liest, daheim oder auf einer Parkbank ganze Literaturen studiert, die Museen und Galerien besucht, Bücher schreibt und Bilder malt, die vor lauter ausgefüllter, wirklich befreiender Beschäftigung gar keine Zeit mehr hätte, nun auch noch einem "Beruf" nachzugehen; eine Frau, die ihren Beruf, ihre Berufung darin erkannt hat, daß sie sich als Mensch weiblichen Geschlechts verwirklicht und aus diesem Brunnen Kraft schöpft und Zuversicht, die sie an ihre Kinder weitergeben kann, eine solche Frau könnte dem Manne ein allerschönstes Vorbild werden.

Eine humane Gesellschaft orientiert sich an den Schwachen und Hilfsbedürftigen. Das sind in erster Linie die Kinder. Überhaupt ist es eine Frage des individuell Notwendigen, inwieweit man, der eine oder der andere, einer Fremdarbeit nachgehen muß. Ich rede nicht den Privilegierten das Wort, die "sich's leisten" können, nichts zu tun. Ich rede von den generellen Möglichkeiten des Verzichts auf das eine zugunsten eines anderen.

Man sage es doch rundheraus, daß "die Wirtschaft" ohne die weiblichen Arbeitskräfte zum Tode verurteilt wäre, aber man nenne solche wirtschaftlichen Zwänge nicht Wege zur Emanzipation der Frau! Jedenfalls hat der Einzelne ein unveräußerliches Recht darauf, sich gegen die Forderungen des Molochs "Wirtschaft" kräftig zu Wehr zu setzen.

Und es ist an der Zeit, vor allem, was sich und der Menschheit von diesem historischen Ungeheuer Freiheit und Erlösung verspricht, zu warnen, in einer Sprache, die alle verstehen. Der Verzicht auf die Annehmlichkeiten, die nebenbei immer abfallen, steht in gar keinem Verhältnis zu dem Gewinn, der dabei herausspringen könnte. Könnte, wenn die vom industriellen Mummenschanz Befreiten wüßten, für was... Natürlich bleibt die Arbeit für den Broterwerb ein notwendiges Übel. Aber dem einen wiegt das Notwendige schwerer und dem andern das Übel.

Die Wiedereinsetzung des Menschen als Subjekt seines Denkens und Tuns ist überhaupt nur vorstellbar als Ergebnis der jeweils individuellen Auswertung eigener Erfahrung und der Einsicht in diese Erfahrung. Der individuelle Selbstbefreiungsakt aus den "objektiven" gesellschaftlichen Zwängen, im vollen Bewußtsein der damit verbundenen Risiken, dieser jeweils isolierte Vorgang ist wirksamer, auf die Dauer stärker als jede Massenbewegung, die irgendwann doch wieder in Apathie versinkt, nämlich immer dann, wenn die "Massen" nicht mehr sehen können, wo lang nun wieder mal der Hase läuft.

Gerade der einzelne Lohnabhängige hat vor allem sich, auf den er sich verlassen kann, falls er sich überhaupt noch auf etwas verlassen kann. Jeder Arbeiter, der dies erkannt hat, fällt um Jahrzehnte hinter sich selbst zurück, wenn er weiter auf Massenerfolge wartet.

Er soll nicht auf seine gewerkschaftlichen Organisationen verzichten, aber er soll sich nicht auf sie verlassen, und er soll sich vor allem nicht einbilden, er könne das Ganze "vorantreiben". Wo er voranzutreiben meint, bremst er sich selbst. Heraus ans Freie, da läuft es sich gleich leichter, wenn du erst mal so weit bist.

Auf dem Wege vom Denkbaren zum Greifbaren steht die mathematisch-naturwissenschaftlich-technisch-industrielle Zivilisation zugleich als Hindernis und als Brückenstück. Als Hindernis von außen unzerstörbar, wird sie dem Menschen, der sie in seinem tiefsten Innern, also intellektuell und psychologisch, überwindet und hinter sich läßt, zu einem historischen Intermezzo, dessen Melodie er allenfalls noch parodiert.

Dieses Unberechenbare möglichst auszuschalten, ist ein existentielles Anliegen dieser Zivilisation. Das Unberechenbare ist aber das Allermenschlichste.

Die angebotenen Stühle sind für die gedacht, die nicht weiterdenken, nicht weiter wissen. Aber habe ich hier unten, auf meinem Gebetsteppich, wirklich sicheren Boden unterm Hintern? Oder ist es nur eine weitere Illusion, ich könne mich hier endlich auch auf die eigenen Beine stellen? Das allgemeine "Bewußtsein" derer, die weiterhin auf Stuhlbeinen sitzen und auf Stelzen gehen, ist ein Schwindelgefühl, sobald man von da oben auf meinen Teppich herabsieht. Sie könnten sich zu unüberlegten, überlegten Taten hinreißen lassen.

Nun gut, der Ideologiefreie ist heute weitgehend allein. Aber das muß ja nicht so bleiben.

Man kann es auch so sehen: Der ewige Konflikt zwischen dem Individuum, das zu sich selber fand, und der Gesellschaft, die es darum verstieß, von der es sich abstieß, neuen Ufern und Ungewißheiten entgegen: eben dieser Konflikt zeigt die Dialektik auf im Werden des Menschen seit Adam und Eva. Es sind diese Abfälle, die aufs Gesetz verweisen.

fremd

Habe ich, nach Einsicht in die Sinnlosigkeit des Schreibens, die Sinnlosigkeit des Lebens ohne Schreiben wiedergefunden.

Kollektiv.

Ich höre es aus einer fremden Welt, einer anderen, mir fremd gewordenen Zeit...

Was gestern mein Denken beflügelte: dem mein Denken Flügel wachsen ließ...

Mein: der mir eigene Fortschritt - in die Einsamkeit.

Ich hatte ein paar frisch aus der Havel gefangenen Fischen das Genick gebrochen. Eine Psychologie des - Tötens, um leben zu können?

Der Fluß ist ein wandernder Weg... Pascal

kuckuck 1
1973

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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