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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1989/90-00-00

Horst Lummert

Israel / Palästina

Angst vor der Zukunft

oder

Die vergessene Alternative

Israel ist nicht, was es zu sein verspricht. Es ist vor allem nicht die moderne Industriemacht im Nahen Osten, für die es immer noch gehalten wird.

Die Israelis sind sich des Betrugs eher bewußt als die Weltöffentlichkeit.

Sie wissen, daß sie sich und der Welt etwas vormachen, das einer genaueren Prüfung nicht standhält, niemals standhalten kann.

Israel ist ein hochgerüstetes Entwicklungsland, das allerdings auf dem Konsumstandard der westlichen Welt beharrt.

Die Industriegesellschaft ist in Gestalt von CocaCola-Abfüllbetrieben und importierten Mittelklassewagen unübersehbar präsent.

Man sagt, Israel konsumiere wie New York, produziere wie Afghanistan und zahle Löhne wie die Volksrepublik Albanien.

Wie schafft es ein israelischer Bürger beim Durchschnittslohn von 900 Schekel, was nach dem Mogelkurs etwa einem gleichen DM-Betrag entspricht, sich den aus Japan, USA oder Westeuropa eingeführten 20.000-Dollar-Wagen zu halten?

Israel weiß, was es sich schuldig ist.

Die Israelis fahren nur fabrikneue Wagen, Gebrauchtes geht über den Schwarzen Markt gleich wieder weg in arabische Nachbarländer.

Der Gazastreifen gilt als nützlicher Umschlagplatz.

Es heißt, für die Mehrzahl der in Israel zugelassenen Automobile seien staatliche oder betriebliche Bedarfsbescheinigungen ausgefertigt worden, was die Zollbelastung verringert.

Die 900 Schekel stehen wahrscheinlich nur in der Statistik.

Der Hochstapelei korrespondiert hier offenbar eine fröhliche Tiefstapelei.

Der Staat möge sich Steuern von den reichen amerikanischen Brüdern holen.

Israel ist Amerika, ist Florida und der Strand von Kalifornien.

Wer sich die Mühe macht, in einem Kaufhaus in Tel Aviv die Warenangebote auf ihre Herkunftsländer hin zu untersuchen, findet hier die ganze Welt vertreten.

Glaswaren aus Italien, Küchengeräte aus Holland, Stahlwaren aus Brasilien.

Produkte aus Japan, England, USA, Belgien, Dänemark, Schweden, Frankreich, Spanien, Deutschland, Portugal, Taiwan, Hongkong, Korea, Schweiz, Australien, Österreich.

Alles speziell verpackt, mit hebräischer Beschriftung für Israel, was die Einfuhren zusätzlich verteuert.

Aus israelischer Produktion kommen Textilien.

Ich sah Kühlschränke aus Israel, deren Design und Ausstattung an Europas fünfziger Jahre oder frühere Ostproduktionen erinnern.

In der Jerusalem Post las ich, daß im Lande ein einzigartiges - einziges - TV-Gerät hergestellt werde, doch niemand will es haben.

Produktionsmittel - vom Kopiergerät bis zur automatischen Bäckerei - stammen allesamt aus dem Ausland.

Nicht so das Wort von der "Israel Bluff Industry", das habe ich aus der Jerusalem Post.

Israelische Waffenproduktion und High Tech für die Armee gehören in die allgemeine Vorstellung und zum Selbstverständnis von Israel.

Naturgemäß läßt sich das nicht überprüfen.

Das Image ist hier vielleicht lebenswichtig.

Die Armee zeigt indessen deutlich Auflösungserscheinungen.

Wenn es ein geheimdienstlicher Trick ist, die in Tel Aviv aufkreuzende internationale Touristenwelt mit einer moralisch geschwächten, müde gewordenen israelischen Armee vertraut zu machen, so mag dieses Vorhaben systematisch zu nachhaltigen militärischen Erfolgen beitragen.

Wir dürfen nicht vergessen, daß die israelische Armee einem ernstzunehmenden Gegner noch nicht begegnet ist.

Was geschah am 19. September 1988 am Himmel über der Küste vor Yafo?

Schoß ein Satellit in den Orbit, oder verpuffte eine Feuerwerksrakete?

Die offiziell eingeladene und in Massen erschienene Presse jubelte, Schamir feierte den Einstieg Israels in ein neues Zeitalter, Peres begrüßte die eben erworbene Mitgliedschaft in einem ganz exklusiven Club, Israel erlebte sich als jüngste und siebente Weltraummacht.

Der Himmel war blau und klar, warum sollten meine Augen mich täuschen?

Ich sah eine ausbrennende Papierrakete, so was ähnliches, und damit das Ende einer Vorstellung, kein Ablösen einer zweiten Raketenstufe.

Wahlkampf?

Es mochte so aussehen, aber doch nur, wenn man nicht blind war.

Später ging eine winzige Nachricht durch die Presse: Zur gleichen Zeit, freilich an anderer Stelle, hatte ein militärisch wichtiges Experiment - und zwar mit Erfolg - stattgefunden.

Eine erprobte Bühne, auf der in Jahrzehnten neue Geschichte gemacht wird.

Wie gefährdet ist Israel?

Welch ein sträflicher Leichtsinn in den Sicherheitsvorkehrungen, wenn die Gefahr für Bevölkerung und Staat wirklich so groß ist, wie behauptet wird!

Nach meiner Beobachtung sind die praktizierten Sicherheitsmaßnahmen genauso ein Bluff wie Israels Industrie.

Die letzte Reifenfabrik machte gerade zu, als ich drüben war.

Die nächtliche Sicherheitssystematik habe ich an Tel Avivs Küste und in heiklen Grenzbereichen sehr intensiv abgetastet.

Soldaten und uniformierte Privatwächter (unterm Firmennamen "Kach") schliefen, während die Araber die Nächte beherrschten.

Nur ein paar Stranddiebe wurden von der Polizei gefischt, wenn sie ihrem hotelbetriebsförderlichen Job nachgingen.

Schlafsacktouristen können ein Lied davon singen.

Zur Jahreswende verbreitete sogar die seriöse Post die offiziöse Aufforderung an die Bürger Israels, auf verdächtige Gegenstände und Personen achtzugeben und sie der Polizei zu melden.

Wer war verdächtig?

Wer von der täglichen Norm abweicht, macht sich verdächtig.

Aber in Israel gibt es keine Norm, von der einer abweichen könnte, oder es gibt eine Norm, doch niemanden in Israel, der sich an sie hält.

Die Aufrufe mochten sich gegen Araber und Ausländer richten, eines hatten sie gewiß zur Folge, sie verbreiteten Angst und Unsicherheit, das Gefühl, an jeder Ecke drohe eine Gefahr, sie kultivierten eine panische Vorempfindsamkeit.

Zu Israels Sicherheit?

Angst gibt sich nicht unmittelbar zu erkennen, sie hat ihre Symptome, hinter denen sie sich vermuten läßt.

Die Israelis lieben ihr Land, es ist ihr Land.

Streift man durch israelische Landschaften, so könnte man den Eindruck gewinnen, es ist nicht ihr Land, sie lieben es nicht, denn nirgendwo abseits der Straßen, außerhalb der Städte lassen sich Menschen blicken.

Wenige Kilometer hinter Jerusalem kann man stundenlang durch den kanadischen Naturpark wandern, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen.

Früher waren Jugendgruppen unterwegs, Schulklassen, ein Lastwagen brachte eine Schar Picknickfreunde aus dem Kibbuz zu vorbereiteten Raststätten unter Bäumen, wenigstens das.

Am Meer fallen einem die vielen Badenden auf, die kaum zehn Meter hinausschwimmen, die am liebsten in dichten Gruppierungen zusammenbleiben und sich von den Wellen wiegen lassen, aber das Meer ist stark, und es schlägt mitunter kräftig zu, in der vergangenen Saison sind allein an einem Strandabschnitt neunzehn Menschen ertrunken.

Die Badenden sind sicherer, wenn sie auseinanderstreben, in großen Zusammenballungen gefährden sie sich gegenseitig, aber das fällt eben in Israel auf, daß sie nicht auseinander-, sondern immer dichter zusammendrängen, je größer die Gefahr wird.

So fügen sie der äußeren Gefahr eine selbstgemachte, buchstäblich kollektive Selbstgefährdung hinzu.

Das ist kein Theater.

Über ernstzunehmende Feinde ist zu reden.

Du hörst Witze, was machen wir bloß mit unserm Geld, den vielen Schekeln, na, tausch sie dir in Dollar um, aber was mach ich mit dem Dollar? Damit gehst du nach Boston.

Die Währungsautonomie des Staates ist die reine Gaukelei.

Der Schekel, offizielle Landeswährung, ist nützlich für den täglichen Gebrauch, den täglichen Verbrauch, muß man sagen.

Der Schekel ist gut für Essen und Trinken, für Busfahrten und den üblichen Kleinkram, eine Badehose, ein Uhrenarmband.

Das ist die weiche Währung, um die Leute friedlich zu stimmen, denn niemand soll hungern und nackt herumlaufen.

Mit dem Dach über dem Kopf wird die Sache allerdings bitterernst, ob mobil oder immobil.

Dollarwährung, also die harte, gilt bei Autokäufen, Wohnungskäufen, für Leasing-Geschäfte, Wohnungsvermietungen, Maklergebühren, alles in Dollar und umgerechnet mit hoher Spanne.

Die Banken kassieren sowieso zur Kursdifferenz großzügig Gebühren, da weißt du vorher nie, woran du bist.

Eine Tour nach Kairo per Bus: Dollar-Preis. Schreibmaschine: Dollar. Industrieprodukte der Luxusklasse: Dollar. Hotelpreise: Dollarbasis.

Das zehrt an Israel, das produziert ein Subproletariat, ein soziales Elend, das nur nicht zum Himmel schreit, weil das subtropische Klima über die längste Zeit des Jahres die Menschen freundlich macht.

Kein Markthändler würde, wie man's aus Mitteleuropa kennt, zum Feierabend Obst oder Gemüse zu den Abfällen werfen, solange die Armen sich nicht eingedeckt haben.

Auf dem Carmel-Markt ist nie etwas übriggeblieben.

Doch soll keiner sagen, dies betreffe nicht die jüdische Bevölkerung. Ich spreche bis jetzt nur von Juden.

Lage und Behandlung der arabischen Arbeiter ist hanebüchen.

Sie haben keine Unterkünfte, keine Bauwagen auf den Baustellen, keine Schutzkleidung, keine Helme, keine Handschuhe, keine Sicherheitsschuhe.

Die Baustellen sind überhaupt nicht abgesichert, Rüstungen scheinen in Israel unbekannt zu sein.

Die Leute arbeiten in offenen Hochetagen, wo sie auf Karton oder herangeschleppten alten Matratzen auch die Nächte verbringen, falls das nicht verboten ist und sie nach der Arbeit in Richtung Gaza oder Westbank Israel verlassen müssen.

Eine Kommission der US-Gewerkschaften machte 1988 eine Rundfahrt durch Israel, um sich über die Lage der palästinensischen Arbeiter zu informieren.

Daß es auf den Baustellen keine Duschen, oft nicht einmal Wasseranschlüsse gibt, so daß die Arbeiter feierabends aus mitgebrachten Getränkeflaschen sich nur ein bißchen den Schmutz anfeuchten können, ist unter den gegebenen Klimabedingungen besonders blamabel für die israelische Fürsorglichkeit.

Wenn ich sage, daß manche Arbeiter von ihren Vorarbeitern wie Sklaven behandelt werden, übertreibe ich nicht, nein, ich bezähme mich.

Allerdings muß ich hinzufügen, daß die Vorarbeiter oft genug selbst Araber sind.

Es gibt einen Haß im Lande, der eher schichtenspezifisch als ethnisch bedingt ist, wenn er nicht ausdrücklich politisch ist.

Ein besonderes Kapitel ist die schwelende, haßerfüllte Verachtung der Palästinenser für die Juden Israels.

Ich spreche aus eigenem Erleben.

Zweimal wurde mir, als man glaubte, in mir einen "vertrauenswürdigen" Gast aus Deutschland vor sich zu haben, klargemacht: Hitler und Mussolini waren gute Männer.

Hitler war ein Massenmörder!

Ja, eben dies sei die richtige Methode gegen die Juden gewesen.

Einwände?

Junge Männer zwischen fünfzehn und vierzig Jahren, unabhängig voneinander: Ein Zusammenleben mit den Juden - absolut ausgeschlossen.

Die Juden sollten dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen.

Ob ich denn an das Märchen "Israel" glaube, das sei alles Lüge. Es gibt kein Israel. Dies ist Palästina, war immer Palästina und wird es sein und bleiben.

Solche Gespräche beruhten auf einer Täuschung.

Ich hatte mir das Vertrauen meiner Gesprächspartner nicht erschlichen, sondern ehrlich erworben, wie ich glaubte.

Durch ein Mißverständnis erfuhr ich nun ihre geheimen Gedanken. In Feindschaft gingen wir auseinander.

Sie denken wirklich an Mord und Vertreibung, während sie zunächst in aller Unschuld vom "Recht auf einen eigenen Staat" sprachen.

Als der Name Hitler ins Gespräch kam, war kein Zweifel mehr möglich.

Und da sollte eine Versöhnung noch möglich sein? Mit faschistischen und kriminellen Auswüchsen gewiß nicht. Ich sei vielleicht nur das Opfer einer gezielten Provokation geworden? Unwahrscheinlich, nach Lage der Dinge.

Ist die Unterwerfung des Nahen Ostens durch nationale und klerikale Faschismen nicht aufzuhalten?

Wo bleibt die demokratische Alternative? Auch die Ökologiebewegung ist nicht frei von totalitären Tendenzen.

Ein innerer Zerfall Israels läßt sich kaum noch übersehen.

Und wenn ich "Bluff" sage, so ist es nicht die Feststellung, es seien Betrüger am Werk, die der Welt etwas vormachen möchten, während sie ganz andere Ziele im Kopfe haben als ein starkes, wirtschaftlich und gesellschaftlich gesundes Israel.

Oder vielleicht doch?

Was ist geschehen?

Wer hat Israel kaputt gemacht? fragte ich mich, als ich nach 21 Jahren das Land wieder betrat.

Wer oder was hat es zugrundegerichtet?

Die Intifada?

Was fiel mir auf? Was war anders geworden?

Jetzt gab es Fernsehen. Es gab sexuelle Freiheit unter jüdischen Mädchen, eine Freizügigkeit, die 1966 undenkbar gewesen wäre. Damals waren jüdische Frauen tabu, heute werden sie von jungen Arabern als "Huren" und "Dreck" verachtet. Dies soll nur festgehalten werden, ich weiß es aus erster Quelle.

Die Armee hat ihren guten Ruf verloren. Eine allgemeine Apathie wird sichtbar.

Schöne Soldatinnen laufen in Sandalen herum, ein Sicherheitsmanko ersten Ranges, ein Tritt auf die nackten Zehen genügt, um diese Wächterinnen Israels kampfunfähig zu machen und ihnen das schwere Gerät abzunehmen.

In Tel Aviv badeten drei Mädchen im Meer, eine vierte paßte am Strand auf die automatischen Gewehre auf, es wurde ihr zu heiß, sie wollte sich erfrischen, ließ die Waffen stehen und hüpfte zum Wasser.

Unachtsame und schlafende Soldaten verderben das Image einer Armee, die einst - wie die israelische Frau - als unantastbar galt.

Und damals war ein jüdischer Händler die Garantie für ein ehrliches Geschäft, während die Araber handelten und betrogen, heut ist es umgekehrt.

Die Jewish Agency hat die Alijah-(Einwanderungs-)Prozedur an die israelische Regierung abgegeben.

In der israelischen Presse wird laufend darauf hingewiesen, daß die Juden Rußlands für Israel lebenswichtig seien.

Die Wirtschaft des Landes ist im internationalen Vergleich unerheblich geworden, nicht einmal die Agrarproduktion wird heute von jüdischen Betrieben, Kibbuzim etc., dominiert.

Die nominell frei konvertierbare Landeswährung, der Schekel, ist in Wahrheit nur eine Binnenwährung im engsten Sinne.

Der übernationale Ökologismus setzt sich praktisch und ideologisch in politischen Alternativ-Bewegungen, wie Schalom Akhschaw ("Frieden jetzt"), durch.

Einer falschen Politik wird eine falsche Alternative beigesellt.

Die Folge ist keine grundsätzliche Veränderung im Selbstverständnis israelischer Regierungs- und Oppositionspolitik, sondern sind innergesellschaftliche Diskussionen, die eher Verwirrung stiften als ein brauchbares neues politisches Konzept zu entwickeln.

Auffallend an sämtlichen politischen Selbstdarstellungen, wenn man die Kommunisten mal ausnimmt, ist die Ausgrenzung der arabischen Bevölkerung.

Lediglich die Art und Weise, wie man sie loswerden könne, erhitzt die politischen Gemüter.

Es fehlt das demokratische Gesamtkonzept ohne ethnische ("demographische") Vorbehalte.

Die Frage "Wer ist ein Jude" sorgt zusätzlich für soziale und individuelle Verunsicherungen.

Selbsteingrenzung und Ausgrenzung ist der Würgering, der Israel mit der Zeit umbringen muß.

Israel hat viele Freunde in der Welt.

Viele Menschen, die sich um die Existenz des jüdischen Staates sorgen, traten zum Judentum über, um damit ihre Zuneigung, ihre Solidarität und den Willen zu bekunden, und diesen Willen schließlich in die Tat umzusetzen, nach Israel zu gehen, sich mit dem Staat zu identifizieren, ihn aufbauen zu helfen und notfalls auch zu verteidigen.

Das religiöse Judentum ist rituell geteilt, die Feindschaft zwischen Juden und Arabern ist relativ harmlos, vergleicht man sie mit dem Haß, der die jüdische Orthodoxie, um es einmal so abzukürzen, vom Reformjudentum, ja selbst von den sogenannten Konservativen trennt.

Das orthodoxe Judentum zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß es nur sich selbst anerkennt, daß es außer sich nichts und niemanden sonst als "jüdisch" anerkennt.

Das hat schwerwiegende politische Konsequenzen.

Bezüglich religiöser Konversionen gibt es statistische Beobachtungen, die darauf hinauslaufen, daß die Reform-Proselyten in hohem Maße politische Motive haben, während bei den Orthodoxen vornehmlich religiös Inspirierte um Aufnahme bitten.

Innerhalb der Orthodoxie findet nun noch eine heiße Auseinandersetzung darüber statt, ob man heute überhaupt Proselyten machen solle.

Die einen sagen, mit Blick auf Hillel, es sei von der Torah auferlegte Pflicht, jeden, der anklopft, einzulassen, während eine andere Fraktion, der auch der ehemalige Oberrabbiner Schlomo Goren zugehört und die zum Beispiel die Wiedererrichtung des Jerusalemer Tempels mit Verve vorbereitet und eingeleitet hat, mit Beruf auf historische Erfahrungen jeden Proselyten von vornherein abweist.

Proselyten seien "Eitergeschwüre", die "Lepra" am gesunden Körper des Judentums.

Weiß man nun, daß diese Aussage die Reformproselyten nicht einmal entfernt mitbedacht hat, so wird der abweisende, beleidigende, diskriminierende, inhumane Charakter dieser - höchst autoritativen!- Auffassung deutlich genug.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man die Abschreckungsabsicht und den politischen Aspekt.

In Gesprächen ist zu hören, daß diese und jene Zionisten der Gründergeneration nach halakhischem "Gesetz" keine Juden seien, was man dann freilich auch von einer ganzen Reihe herausragender Bibelpersönlichkeiten sagen könnte.

Das nichtreligiöse Israel liegt im Fadenkreuz scheinbar religiöser Streitigkeiten.

Das politische Israel wird gespalten, der postreligiöse Zionismus als "unjüdisch" denunziert, politische Freunde, die "übertraten", um ganz dazuzugehören, werden ausgeschlossen.

Gleichzeitig geht die Rede, das russische Judentum sei lebensnotwendig für Israel, was einer bewußten Irreführung gleichkommt, weil es mit dem russischen Judentum tatsächlich nicht allzu weit her ist.

Ein starkes bürokratisches und nach meiner Beobachtung stalinistisches Potential kommt aus Rußland herein nach Israel.

Wer als Sowjetbürger den Weg nach Amerika offen hat und trotzdem nach Israel geht, ist entweder dumm oder ein KGB-Agent, sagt mir mein kleiner Schelm im Ohr.

Der Zionismus ist nach Lage der Dinge nicht mehr zu retten und als ein allzu eng geknüpfter Nationalismus ohnehin überholt.

Als ob Stalinismus und Jüdische Orthodoxie das gute arme Israel festhalten, damit der Ökofaschismus es nun säuberlich zerrupfen kann. Wem es irgend möglich ist, der verläßt Israel.

Wer heute als Einwanderer nach Israel kommt, macht sich bei den Normalbürgern verdächtig.

Wer kommt, während die andern gerade gehen wollen, kann nur dumm sein oder sonstwie nicht koscher.

Vielleicht rechnet er sich Vorteile aus, einen strategischen Ruhepunkt zu erobern.

Vorsicht ist angebracht.

Tatsächlich scheint auf sämtlichen politischen Programmen die Auflösung des Staates Israel gleich an oberster Stelle zu stehen.

Die Methode der individuellen Abschreckung führt wie automatisch zu einer negativen Auslese.

Die politisch Motivierten werden nicht hereingelassen, die Starken und Bewußten verlassen das Land.

Die Zustände verschlechtern sich in einem Maße, daß niemand mehr dort leben will.

Nur wer gezwungen ist, dortzubleiben, und wer destruktiven Nutzen aus seinem Kommen ziehen kann, wird das Land bevölkern, wenn nicht ein Wunder geschieht oder endlich die Demokratie Einzug hält, der Rechtsstaat, die geschriebene Verfassung, die strikte Trennung von Staat und Religion.

Zionismus und religiöse Orthodoxie gleichermaßen spalten das Land und das Volk.

Ethnisch begründete Separationen haben sich nirgendwo in der Welt bewährt, sondern die Probleme lediglich verdrängt und verharmlost.

Belgien, die Schweiz, die Sowjetunion, Jugoslawien geben aus verschiedenen Weltwinkeln periodisch zu erkennen, daß ethnische Ordnungen nicht Frieden und Verständigung stiften, sondern Neid, Mißgunst und böses Blut.

Der "völkische" Föderalismus ist nicht die Überwindung des Nationalismus, sondern seine Pervertierung ins Kleinkarierte.

Zionismus, politischer Judaismus und palästinensischer Etatismus sind allesamt separatistische Bewegungen, die die Probleme nicht lösen, sondern ihre Lösung nur aufschieben.

Es ist ein historischer Anachronismus, die "völkische" Staatsidee künstlich am Leben erhalten zu wollen.

Der Zionismus hatte seine geschichtliche Berechtigung, unter den Umständen seiner Entstehung war er eine Notwendigkeit, eine überzeugende Konsequenz.

Die Nationalstaaten hatten ebenso versagt, wie der Sozialismus sich schließlich zu seiner eigenen Karikatur verdrehte, und Amerika war weit und auch nicht für jeden erreichbar.

Ein nationaler Sozialismus, der wie der Zionismus eine übersichtliche, kontrollierbare Perspektive bot, war zu seiner Zeit eine Wahl, die ein Jude in Europa guten Gewissens treffen konnte.

Dennoch war er eine Verlegenheitslösung, entstanden aus der Enttäuschung über die europäischen Nationalstaaten, über den Sozialismus, die es beide nicht vermocht hatten, sich über mehr oder weniger ethnisch konditionierte Kollektividentitäten hinwegzusetzen beziehungsweise hinauszuentwickeln.

Mit dem Zionismus fand sich ein Ausweg, und es war der Ausweg der Nachahmung und imgrunde der Resignation. Denn die Juden in Europa hatten von einem Staat, von einer Gesellschaft geträumt, darin sie neben und mit allen anderen Bürgern gleichberechtigt würden leben können, nun hatten sie ihren eigenen Staat, und mit der zivilen Gleichberechtigung ist es heute wirklich nicht weit her.

Es muß verstanden werden, daß Israel letztlich ein Kind der Resignation war, die man nun aber nicht überwindet, indem man Israel aufgibt, es verläßt und vergißt (auch verrät), sondern indem man sich auf die ursprünglichen Beweggründe besinnt, die doch sehr viel mit den Gedanken zur Französischen Revolution, vor allem jedoch mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika zu tun hatten.

Der historische Glücksfall Amerika sollte nicht unnötig aufs Spiel gesetzt, sondern durch Neugründungen demokratisch konstituierter Staaten abgesichert werden.

Die Intifada mag sich als eine soziale Kraft erweisen, die die demokratische Idee einer Verwirklichung näherbringt, oder als ein nationalistischer Akt, der den Separatismus eines dritten Staates auf palästinensischem Boden als realpolitische Zwischenlösung anstrebt, während er die nationalpalästinensische Eroberung des ganzen Landes strategisch nicht aus den Augen verliert.

Eine demokratische Initiative kann einer solchen Entwicklung vorbeugen beziehungsweise entgegenwirken; eine Initiative, die buchstäblich jeder ergreifen kann - als respektabler Anwärter auf einen Platz im politischen Weichenstellerclub für die Zukunft des Nahen Ostens.

Der von Peres bereits vor Jahren angeregte Marshall-Plan für die Region müßte an solche Bedingungen geknüpft werden.

Transparenz braucht das Land.

Im momentanen Zustand kann jeder Wichtigtuer einen Bombenalarm auslösen und eine halbe Stadt lahmlegen.

In Tel Aviv, manche sagen "Müll Aviv", liegen überall die Drecktüten herum, einzeln und übereinandergehäuft, in jeder der Tüten kann eine Bombe lauern, keiner weiß es, aber wer Unruhe stiften will, Panik machen, der braucht nur ein bißchen zu wirbeln:

Er reißt die Augen weit auf, zeigt mit ausgestrecktem Arm auf eine Plastiktüte und schreit nach der Polizei.

Im Nu steht der Verkehr still. Menschen sammeln sich an. Sie würden sich in Gefahr bringen, wenn da eine Bombe läge, woran in Wahrheit niemand glaubt, ein kleiner Jux, der auch so verstanden wird, die einzigen, die den Spaß ernstnehmen, sind vielleicht ein paar Touristen, Gäste aus dem Ausland, die daheim vom permanenten Streß und von den Gefahren, den täglichen auf der Straße, ausführlich werden berichten können.

Die Polizei kommt angejault wie in Manhattan, wir sind in New York, ein Uniformierter steigt aus, nimmt die Tüte, wirft sie in den Wagen, und ab geht die Post.

Der Wichtigtuer gibt Entwarnung, und alles läuft wieder auseinander.

Was einem aufmerksamen Beobachter vielleicht nicht entgeht: daß der Wichtigtuer ein Polizist in Zivil oder ein Polizeispitzel war.

Auch als die Polizei offiziell in Erscheinung trat, behielt er seine Aufsichtsfunktion, und es sah aus, als kämen Kollegen hier mal wieder zusammen.

Die verantwortlichcn Mülldirektoren müßten aus dem Amt fliegen und vor Gericht gestellt werden wegen grob lässiger Gefährdung von Leben und Gut der Bürger und Gäste der Stadt.

Die Abfalltüten türmen sich an allen Ecken, und ich kann daraus nur den Schluß ziehen, daß die so oft zitierte Gefahr tatsächlich nicht besteht oder die Stadt von Kriminellen regiert wird.

Die in die Welt gestreute Nachricht, Israel sei ununterbrochen auf Wacht, jeder Mensch, ob jung, ob alt, gehe mit Umsicht durch sein Land, keine versteckte Bombenlegung werde ihm entgehn, ist eine gar nicht so schöne Legende.

Laxheit und grobe Fahrlässigkeit, das ist es, was mir auf Schritt und Tritt begegnete. Alles andere scheint mir reineweg Propaganda zu sein. Und ich habe mir Tel Aviv nur ausgewählt, weil mir diese verkommene, verwahrloste, liebenswerte Stadt besonders ans Herz gewachsen ist.

Die politischen Saubermänner sind freilich schon auf dem Sprung. Die Trennung von Staat und Religion ist schon deshalb notwendig, weil der Rechtsradikalismus sich in der Regel einen religiösen Anstrich gibt und in einer Art von politischem Messianismus - Rabh Meir Kahane plus Tempelbau - alles in Frage stellt, was bisher mit dem Staat Israel verbunden war.

Die Vertreibungspolitik der Kach-Partei ist mit der Politik Hitlers verglichen worden. Parteichef Kahane wird von Dialektikern als KGB-Agent verdächtigt, was so direkt wahrscheinlich ein Schlag ins Wasser ist, aber die Interessenlage durchaus trifft.

Die seltsame Einwanderungspolitik, die ständig von der Behauptung begleitet wird, das "sowjetische Judentum" sei für Israel existenznotwendig, treibt ja längst ihre Blüten.

Die Frage, wer denn überhaupt Jude sei, wird in Rußland letzten Endes von den sowjetischen Behörden entschieden, die die nötigen Papiere ausstellen, um die Ausreise möglich zu machen.

Durch einen Zufall ist herausgekommen, daß sich 1988 unter den Einwanderern über 500 Sowjetbürger befanden, die keine Juden waren, die niemals irgendetwas mit dem Judentum zu tun hatten.

Die offizielle Erklärung der Sowjets, man könne nicht in jedem Einzelfall den Personenstand überprüfen und sei zuletzt auf die Angaben der Antragsteller angewiesen, ist fadenscheinig.

Welche Motive verbinden die Behörden der USSR - und man darf sicher sein, daß diese hochempfindlichen Personalsachen unter der Aufsicht des KGB stehen - mit der Einschleusung nichtjüdischer Sowjetbürger nach Israel?

Diese Politik ist jedenfalls nicht zu kontrollieren.

Es ist möglich, einen Juden von der Auswanderung auszuschließen, aber unmöglich, jeden eingeschleusten Agenten zu identifizieren, womit ich nicht sagen will, daß es sich in besagtem Fall auch tatsächlich um Agenten gehandelt habe.

Heikel ist diese Angelegenheit allemal.

Es stimmt nachdenklich, daß die angeblich so existenznotwendige Alijah-Welle mit derartigen Ungewißheiten einhergeht.

Nichts dran, wenn soeben eingewanderte "Juden" nichts Eiligeres zu tun haben, als eine "Gesellschaft für israelisch-sowjetische Freundschaft" zu gründen, wie das rund 80 Leute taten?

Die "Eroberung" der israelischen Behörden durch geübte Bürokraten ist eine Frage der Zeit.

Organisierte Rücksichtslosigkeiten, Ellenbogenauftritte und andere Merkwürdigkeiten, auf die ich nicht näher eingehen will, wirken wie Provokationen, die dem Kahane-Kach-Rechtsextremismus in die Hände arbeiten.

So ergibt sich allmählich folgendes Bild.

Die West-Alijah aus den demokratischen Ländern wird mit scheinreligiösen Begründungen, resultierend aus dem Streit zwischen Orthodoxen und Reformern, nachhaltig gebremst, allein der Stil der Auseinandersetzung hält viele Israel-Freunde davon ab, diesen Weg in eine Gesellschaft ungleicher Bürger zu gehen.

Die Ost-Alijah aus der Sowjetunion hingegen wird maßlos und völlig unkontrolliert (und unkontrollierbar) gefördert, ja mit der Existenz des Staates geradezu schicksalhaft verbunden.

Verbirgt sich dahinter ein politischer Tatbestand "höherer" Dimension, den wir nur noch nicht begriffen haben?

In dieser Neuordnung der Einwanderungspolitik muß man die Abgabe des Alijah-Verfahrens durch die Jewish Agency an die Regierung in Jerusalem sehen.

Die Ostschleusen werden geöffnet, die Westschleusen werden geschlossen.

So einfach stellt es sich dar, wenn man alle Steinchen zusammenfügt.

Einzelne Vorgänge geben Anlaß zu dem Verdacht, daß die Dinge in Wahrheit sich noch schlimmer entwickeln.

Dabei wollen wir immer im Auge behalten, daß die amerikanischen Reformkonvertiten vom israelischen Oberrabbinat nicht als Juden anerkannt werden, weil sie nicht nach orthodoxem Ritus, d.h. nach halakhischem "Gesetz" übergetreten sind, und daß die Statistik uns lehrt:

Reformproselyten haben zumeist politische Motive in einem positiven Sinn für den Staat Israel - als Solidarität und Identifikation mit den Verfolgten und Ermordeten.

Ein kritisches Interesse verdienten aber andere "Übertritte", die allerdings nicht nur stillschweigend hingenommen werden, sondern besondere Privilegien zu genießen scheinen.

In der ARD-Serie "Ein deutsches Schicksal" erfuhren die Zuschauer am 6. März 1989 die Geschichte des Rabh Aharon Shear-Yashuv, Major der israelischen Armee und Militärrabbiner, verheiratet mit einer tunesischen Jüdin in Jerusalem, Kinder.

Der Mann wurde als Wolfgang Schmidt und Sohn eines SS-Offiziers 1940 in Bochum geboren.

Der einstige Pazifist und anerkannte Wehrdienstverweigerer wollte evangelischer Pfarrer werden.

Jetzt wohnt er im exklusiven Jewish Quarter der Jerusalemer Altstadt.

Über seinen Vater, den SS-Mann, möchte er nicht sprechen ("bitte nicht").

Einzelschicksale gibt es überall in der Welt, Gottes Wege sind unergründlich. Das ist hier nicht der springende Punkt. Aber unser Bild erhält nun noch schärfere Konturen:

Russische Nichtjuden werden von sowjetischen Auswanderungsbehörden mit "jüdischen" Papieren für Israel ausgestattet, potentielle KGB-Agenten kommen in großer Zahl nach Israel, ohne hier auf irgendwelche Schwierigkeiten zu stoßen. Ihre Motive bleiben dunkel.

Die israelische Presse veröffentlicht immer wieder Aufsätze und Leserbriefe, in denen die Bedeutung dieser Immigranten für die Existenz Israels betont wird.

Wer sich der Prozedur eines Übertritts nach halakhischem "Gesetz" unterwirft, hat nach bestandener Prüfung, Beschneidung (was bei älteren Jahrgängen vielleicht nicht einmal verlangt wird) und Tauchbad mit keinerlei Schwierigkeiten, seine Person betreffend, zu rechnen.

Er kann der Sohn eines SS-Verbrechers sein, ein politischer oder unpolitischer Krimineller, ein "evangelischer Pazifist", der die israelische Armee "unterwandern" will, ein grüner Wehrdienstverweigerer aus Deutschland als Militärrabbiner an sicherheitsempfindlicher Stelle: als "Jude", der er nun ist, genießt er sämtliche Rechte und Privilegien in Israel.

Die Frage der Konversionen hat noch einen besonderen und, wie ich meine, besonders peinlichen Aspekt.

Wer anklopft, wer sich bewirbt um eine Aufnahme, der wird bald den Wink erhalten, daß er es sich etwas leichter machen könnte, ich meine, wenn Sie es eilig haben damit, ich kenne da jemand, ich selbst mache sowas selbstverständlich nicht, aber ich könnte Ihnen eine Adresse geben, da hätten Sie's bald hinter sich.

Du kannst dich, mit anderen Worten - nach "halakhischem Gesetz", wohlweislich, bei einem orthodoxen Rabh -, einkaufen ins Judentum.

Und nun die Idealisten, die "Politischen", die Aufgeklärten, die Demokraten und Bekenner, die werden abgewiesen.

So entsteht ein scheinbar religiöses Phänomen, hinter dem sich eine erhebliche politische Brisanz verbirgt.

Die amerikanische "Reform"-Jüdin Shulamit Miller wurde abgewiesen, der Deutsche Wolfgang Schmidt ist Major und Militärrabbiner der israelischen Armee.

Die israelischen Gerichte haben nicht nachgelassen, dieses Bild zu korrigieren, aber die Macht der "Orthodoxie" ist groß, entsprechend die Rechtslage deprimierend.

Es sind grundlegend politische Fragen, die hier gelöst werden müssen.

Eine repräsentative Umfrage schon vor längerer Zeit ging von den drei Komponenten der gesellschaftlichen Situation in Israel aus, nämlich

1) dem demokratischen Staat,

2) seinem jüdischen Charakter und

3) der Okkupation von Westbank und Gazastreifen.

Alle drei paßten nicht zusammen, und man könne sich immer nur für zwei der drei Gegebenheiten entscheiden.

So fiel die Entscheidung entweder für das Verlassen der "Gebiete" oder für die Vertreibung der Araber aus diesen Gebieten aus.

Fiel die Entscheidung gegen die Besetzung, so weil auf diese Weise der jüdische sowohl als auch der demokratische Charakter des Staates erhalten blieben.

Eine Besetzung der Gebiete schien nur in Form von Unterdrückung und Diskriminierung der palästinensischen Bevölkerung denkbar, schließlich mit ihrer Vertreibung.

Der jordanische König verzichtete auf das Land westlich des Jordans.

Der Gazastreifen wird von Ägypten nicht mehr beansprucht.

Die fraglichen Gebiete sind der Zankapfel allein noch für Israel und die arabische Bevölkerung Palästinas.

Da die Palästinenser letztlich von der PLO vertreten werden beziehungsweise ohne deren Vertretung - und Vertretungsanmaßung! - nicht handlungsfähig sind, findet der Streit zumindest optisch zwischen Israel und der PLO statt.

Beide Seiten vertreten Konzepte, in denen der Gegner nicht oder nur als Bürger zweiter oder dritter Klasse vorkommt.

Das nationalistische Modell versperrt den Blick für die einzige vernünftige Alternative: nämlich das Land nicht zu teilen und die Völker, die Bevölkerung Palästinas/Israels gleichberechtigt zusammenleben zu lassen.

Das geht weder mit einem Kahane noch mit einem Arafat, der - nach einer "demokratischen" Phase - mittlerweile wieder deutlich gemacht hat, wo er weltpolitisch einzuordnen ist.

Er fühlte sich im Peking des Massakers und bei Honecker, bei militärischen Ostblockparaden und in Ceausescu-Castro-Khaddafi-Kreisen stets wohler als unter Demokraten.

Er sollte sich über das Schicksal seiner politischen Freunde einmal ernste Gedanken machen.

Solange die Menschen vor Securitate, Stasi oder PLO-Kommandos Angst haben müssen, werden sie nicht offen sagen, was und wie sie denken.

Das betrifft die arabische Bevölkerung in den besetzten Gebieten.

Der internationale Zusammenhang zeigt sich in dem Umstand, daß die osteuropäischen Staaten im Verlaufe ihrer Selbstbefreiungsprozesse bereits in einer Frühphase sich um diplomatische Beziehungen zu Israel bemühen.

Die erwähnte repräsentative Umfrage bei der jüdischen Bevölkerung Israels ist nicht wegen ihrer schlechten oder falschen Ergebnisse bemerkenswert.

Zu bedenken ist vielmehr, daß aus ihnen falsche Schlüsse gezogen werden mußten, weil von prinzipiell falschen Voraussetzungen ausgegangen wird.

Man meint, mit der Aufgabe der Gebiete den jüdischen Charakter und die Demokratie retten zu können, obwohl diese zwei Grundsätze einander bereits ausschließen.

Eine "jüdische Demokratie" ist ebensowenig eine Demokratie wie eine "deutsche Demokratie" oder eine "weiße Demokratie" in Südafrika.

Eine "Demokratie" unter Ausschluß demokratischer Rechte einer Mehrheit oder einer Minderheit oder unter Ausschluß dieser Minderheit oder Mehrheit gar selbst, ist eben von vornherein undemokratisch.

Israel kann seine Demokratie nur retten beziehungsweise wiederherstellen, wenn es das Land annektiert und sämtliche Bewohner des somit entstehenden größeren Staatsgebietes zu gleichberechtigten Bürgern erklärt.

Eine verfassunggebende Versammlung wäre das Ziel einer ersten freien und geheimen Wahl im gesamten Staatsgebiet.

Die demokratische Eroberung orientiert sich an der Charta der Menschenrechte, der Trennung von Staat und Religion, der Teilung der Gewalten, den Grund- und Freiheitsrechten der westlichen Demokratien.

Land und Bevölkerung, Rechte und Freiheit sind unteilbar.

Parteien, den Prinzipien der Demokratie verpflichtet, können sich zur Wahl stellen.

Die demokratische Eroberung Palästinas richtet sich ihrer Natur nach gegen jüdischen und arabisch-palästinensischen Nationalismus gleichermaßen, d.h. gegen jede Form des Separatismus.

Die demokratische Eroberung Palästinas ist der Beginn einer Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens.

Das Prinzip der Trennung von Staat und Religion wendet sich sowohl gegen den jüdischen Verdrängungsfundamentalismus als auch gegen den islamischen Anspruch auf Totalität.

Eine kritische Auseinandersetzung dient endlich der Entideologisierung, der Aufklärung über Geschichte und Bedeutung der monotheistischen Religionen.

Das Shma Yisrael - Höre Israel - weist - aktualisiert - den zionistischen und judaistischen Eroberungsgeist darauf hin, daß seit der Einnahme des Gelobten Landes durch Yoshua sich Grundlegendes geändert hat:

Daß die Hebräer von heute nicht gegen Götzenanbeter, Baalsdiener und Aschera-Priester kämpfen, sondern gegen Menschen des Islam, die denselben Gott - den Gott Abrahams, Ismaels, Isaaks, Jacobs und der Stämme - wissend anrufen.

Wo niemand die Wahrheit unbeschädigt für sich besitzt, werden die Nachdenklichen davon besessen sein, die ganze Wahrheit zu ergründen, "Forschungsergebnisse" - Erkenntnisse - auszutauschen.

Ein Zeitalter der Aufklärung könnte dem Mittleren Osten wie ein erfrischender Regen sein, ein Segen Gottes.

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kuckuck
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Aleph
20. Juni 1990

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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