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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1990-00-00

Horst Lummert

Israel / Palästina

Staat und Religion. Eine notwendige Entflechtung

Ich beginne mit einem Fazit.

Der Islam ist auf seine historischen Höhen zurückzuführen, wird im Angesicht seiner großen Vergangenheit seine Gegenwart, sein Selbstverständnis und seine Perspektiven überprüfen müssen.

Die Aufklärung des Islam über sich selbst wird sich zunächst nicht in Diskussionen und an Schreibtischen abspielen, es wird Kämpfe geben, und die Kriege der Gegenwart sind bereits Ausdruck dieser weltanschaulichen Klärungsprozesse.

Daraus wird zu lernen sein.

Die Ablösung des Christentums in Europa fand in Theorie und Praxis statt. Die momentanen Übergangszeiten währen schon lange, und das Bedürfnis, sich in die Vergangenheit zurückzustehlen, wo eine Perspektive für die Zukunft nicht sichtbar wird, hat zugenommen und wird allgemein.

Fundamentalismen vielerlei Herkunft aus Religionen, Mythologien und Theosophien breiten sich aus, organisieren, ja militarisieren sich weltweit auf allen Kontinenten.

Der Nahe Osten ist nicht nur ein religionsursächlicher Fokus, sondern ein historischer Ort, dem wir einerseits unsere eigene Geschichte zu einem Teil verdanken, der andererseits aber auch die Maßstäbe aufbewahrt hat, an denen wir unsere Geschichte und unsere Gegenwart geistig und moralisch messen können.

Wir sehen die Möglichkeit, zu überprüfen, wie weit sich die Geschichte von der Wahrheit entfernt hat.

Unsere eigene - europäische - Denk- und Geschichtserfahrung hat uns freilich auch in die Lage versetzt, befähigt und autorisiert, die Maßstäbe zu überprüfen und zu erproben, ein Schöpfungsprinzip - die Unterscheidungslehre - auf jene selber - rückbezogen - anzuwenden.

Demokratische Eroberung heißt Befreiung zur Demokratie, heißt geistige Befreiung, Aufklärung, Beseitigung der künstlichen Grenzen und Wiederentdeckung der ursprünglichen und grundlegenden Unterscheidungskriterien.

Die Islamwissenschaft weist gern darauf hin, daß die Lehre Mohammeds eine religiöse und zugleich politische Lehre sei, während ja das Christentum von vornherein unterscheide zwischen dem, was Gottes, und dem, was Kaisers ist; der Islam könne mithin eine Trennung von Staat und Religion existentiell nicht ertragen.

Der politische Verzicht in den Evangelien war genauso geschichtlich bedingt wie die Resignation des Vatikans, als er die Macht nicht mehr hatte.

Historische Erfahrung lehrt immer wieder, daß die Machtfrage ständig zu Modifikationen in Prinzipienfragen oder scheinbaren Prinzipienfragen führt.

Eine kritische Religionswissenschaft und -philosophie wird die wahren und also unverzichtbaren von den scheinbaren essentials sehr behutsam zu trennen wissen.

Der Islam wird auf seine politischen Ansprüche verzichten, wenn er auf sie verzichten muß; zwingen kann ihn dazu nur Gott in seinen geschichtlichen Entscheidungen, mit anderen Worten und aktualisiert: die wahrheitsgetreu und mehrheitlich verfaßte Demokratie.

Schließlich wird der Islam - genauso wie das Christentum und das Judentum - auch seinen politischen Ansprüchen, seinem ureigenen Recht, seiner Pflicht zur Einmischung in politische und gesellschaftliche Angelegenheiten erst wieder vollauf genügen können, wenn er sich vom politischen Alltag befreit.

Unmittelbare politische Macht korrumpiert und führt zum Verlust der Glaubwürdigkeit.

Der Autoritätsverlust der Religion ist weitgehend darauf zurückzuführen, daß sie um materielle Macht buhlte, sich mit Macht und Mächtigen verstrickte, den Pfad der intellektuellen Tugenden verließ, zugleich aber und weiterhin mit dem Anspruch auftrat, auftritt, als geistige Autorität unanzweifelbar und unanfechtbar zu sein.

Die Befreiung der Religionen vom Staat ist nur die andere Seite.

Die Befreiung des Staates von der Religion steht aber auf demselben Blatt.

Die westlichen Demokratien haben hierin eine interessante und lehrreiche Erfahrungsgeschichte vorzuweisen.

Die Buchreligionen sind ihren Büchern verpflichtet; sie müssen und dürfen auch hiernach einen oder mehrere Schritte zurücktreten, wo es die Not oder äußere Zwänge verlangen.

Nun geht es allerdings um eine Befreiung und Wiedereinsetzung des Grundsätzlichen und Wesentlichen.

Als kritische, gleichsam prophetische, Begleiterin der menschlichen Geschichte, und das heißt doch konkret in erster Linie: Begleiterin der Politik, ohne sich jeweils im Detail an ihr beteiligen zu müssen, als kritisches Gewissen, moralische Instanz, als Autorität der Überlieferung von Wahrheit und Ethik in ihren humanen Formulierungen, ist die Religion, ist Philosophie nicht nur zugelassen, sie ist gefragt, sie ist unentbehrlich und muß heutzutage leider, leider doch entbehrt werden.

Da die Religionen europäischen Zuschnitts ihre Aufgabe vernachlässigt, das geistige Erbe veruntreut, ihren Platz nicht authentisch ausgefüllt haben, hat sich allenthalben eine Rückbesinnung aufs Fundament, auf den geistigen Ursprung von kollektiver Kultur und Zivilisation bemerkbar gemacht.

Die Erfolge des Islam sind auf diesen Tatbestand, auf den allgemeinen geistigen und seelischen Mangel zurückzuführen.

Die Abwesenheit Gottes, eine andere Bezeichnung des Zustands, hat die Empfindung für diesen Mangel allmählich keimen lassen.

Die leise Empfindsamkeit ist mittlerweile zu einem kollektiven Hilferuf geworden, einer schreienden Anklage und dem Ruf nach der Wiederkehr Gottes und seiner Autorität, der Wiedereinsetzung seiner Maßstäbe.

Das Böse ist kein Wesen, sondern ein Mangel, sagt Baalschem Tobh.

Dieser Mangel ist im Europa des Überflusses entstanden.

"Demokratische Eroberung" ist kein Deckmantel für europäischen, amerikanischen oder zionistischen Imperialismus.

Vielmehr ist die Verbreitung der Demokratie eine geschichtliche Legitimation.

Der Islam, das Judentum, das Christentum - sie müssen sich allesamt auf ihre humanen und demokratischen, ihre aufklärerischen und befreienden Substanzen besinnen, wenn sie das kommende Jahrtausend kritischer Aufklärung und demokratischer Eroberungen erleben und überleben wollen.

Überleben als geistige und moralische Autoritäten.

Tatsächlich haben heute die zuständigen Fachwissenschaften manche Kernwahrheit festgehalten, die bei den Religionsgemeinschaften unter rituellem Wust in Vergessenheit geriet.

Der Gedanke einer demokratischen Eroberung Palästinas kann von verschiedenen Seiten aufgegriffen werden.

Die Intifada ist zweifellos so ein demokratischer Befreiungs- und Eroberungsversuch.

Zünden muß der Gedanke in Israel.

Israel lebte davon, als einziger Staat im Nahen Osten eine funktionierende Demokratie zu beherbergen, in der es - neben der hebräischen - eine freie arabische Presse gab.

Die einzige in der arabischen Region!

Geringe Beschneidungen bürgerlicher Rechte der arabischen Bevölkerung schrieb man Sicherheitsbedürfnissen zu, was alle Welt verstand.

Israel war ein freies Land, davon konnte sich jeder überzeugen.

Was gegen diesen Eindruck sprach, lag unter der Oberfläche.

Man mußte schon mehr wissen, mehr erfahren wollen, als dem Touristen zugänglich war, normalerweise.

Es konnte einem nützlich werden, ein wenig Sensibilität, ein bißchen Ohr und Auge für Nuancen mitgebracht zu haben.

Doch für welches Land gälte es nicht?

Eine demokratische Eroberung Palästinas hat den äußeren und den inneren Aspekt.

Wer alle Umstände und Schwierigkeiten berücksichtigt, die der Demokratie zu schaffen machen, wird sich fragen, wo denn die Kraft herkommen soll, die diesen Tendenzen entgegenwirken kann.

Israel ist nicht nur mit seinem politischen Latein am Ende, es ist auch wirtschaftlich, psychologisch, soziologisch nur noch eine Ruine.

Die einzige Hoffnung, die Israel allerdings noch hat, sind die Menschen, ist die hebräische Sprache, und weil das so ist, brauchen die Juden auch eine arabische Überzahl nicht zu fürchten, sie müssen sie als eine Herausforderung betrachten und als solche annehmen.

Der Apartheidsgedanke ist nicht nur in Südafrika falsch und verhängnisvoll.

Israel muß sich vom Zionismus verabschieden, der seinen historischen Zweck erfüllt hat und inzwischen überholt ist.

Der Abschied vom Zionismus ist kein Abschied von Israel, sondern das Konzept für Israels Zukunft, ist keine Resignation, sondern die offensive Überschreitung der nationalen Grenzen sowohl in ethnischer als auch in territorialer Hinsicht.

Die demokratische Eroberung wird zu einer historischen Herausforderung für den gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Die Idee einer demokratischen Union ist ein regionalar Gedanke, der von Jerusalem ausstrahlt.

Das hat seine Geschichte.

Das ganze islamische Weltreich entzündet sich an dieser demokratischen Eroberungsidee.

Die Würde jedes einzelnen Menschen ist das Subjekt des demokratischen Imperialismus.

Die Trennung von demokratischem Staat und Religion stärkt deren Autorität als moralische Instanz.

Wir haben allerdings einen ganzen Komplex von Fragen vor uns.

Wenn der israelische Außenminister Peres verkündete, er würde für den Frieden Israels auch auf den Genuß von Schweinefleisch verzichten, stürzt nicht einmal über dem Heiligen Land der Himmel ein, weil dort nämlich auch von den strengsten Juden die Speisegesetze nur für sie, also nur für gläubige orthodoxe Juden als zwingend, als verpflichtend angesehen werden.

Es stört sie nicht, daß in Israel Schweinefleisch gebraten und gegessen wird, daß in den Straßen Tel Avivs der Duft gerösteten Schweinefleisches selbst atheistische Touristen überrascht.

Das Oberrabbinat hat sogar für sogenannte konservative Einrichtungen, die also nicht voll den Regeln der Orthodoxie entsprechen, die Kaschrut, bzw. die Überwachung der Speisenzubereitung, abgelehnt.

Dahinter verbirgt sich eine restriktive Auffassung, die der genaueren Beachtung bedarf.

Dieses Prinzip der Restriktion hängt eng mit dem jüdischen Selbstverständnis zusammen.

Es bewirkt, daß die jüdische Religion nicht missioniert hat, daß das Judentum nicht expandiert, daß es am liebsten bei sich bleibt, "unter sich", und darum auch nur widerstrebend Proselyten macht.

Diese Selbstgenügsamkeit ist im Hinblick auf Monotheismus und biblische Überlieferung allerdings ein Alleinvertretungsanspruch, der nicht überall auf verständiges Wohlwollen trifft und außerhalb des Judentums nicht (oder gern miß-) verstanden wird.

Hier stoßen wir uns an der zentralen Frage, ob die Torah ihr Volk auffordert, die Lehre, das Gesetz, die Gebote, Gottes Wort auch über die Stämme Israels hinaus, ja über die Söhne Abrahams hinaus zu verbreiten oder sie als eine Art Geheimlehre für sich zu behalten.

Die Lehre von dem Einen Gott läßt gerade durch seinen Alleinvertretungs-, seinen Absolutheitsanspruch, sein Selbstverständnis als Schöpfer und Lehrer aller Menschen und seiner Auserwählung Israels als Empfänger und Mittler von Verheißung und Schrift einen Besitz- und Ausschließlichkeitsanspruch Israels auf ihn widersinnig erscheinen.

Der Herr und Gott aller Menschen hat sich nicht zum Besitz einer Menschengruppe gemacht, er hat sie nicht privilegiert, sondern verpflichtet.

Die Bevorzugung bestand in dieser Verpflichtung für die ganze Menschheit, für die Schöpfung Gottes insgesamt, den Herrn zu preisen, immerfort und an jedem Ort von diesem Gotte zu erzählen, damit alle es wissen und niemand unwissend bleibe.

Viele Anzeichen, zahlreiche Vorgänge in der biblischen Geschichte sprechen für die Vermutung, daß restriktive Auslegungen und Anwendungen der Gebote Gottes Strafe nach sich zogen.

Die strengen, diffizilen rituellen Vorschriften, die Etablierung einer Priesterkaste, die Zulassung des Königtums, der Bau des Tempels, es waren Disziplinierungen, Bestrafungen, Zwangsmaßnahnen, aber auch resignative Eröffnungen historischer Sackgassen, wie sich im nachhinein feststellen läßt.

Aus einer offenen, einfachen, klaren, durchsichtigen Lehre der Befreiung, einer Anleitung zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wurde eine Religion der Selbstbezwingung, aus der Freude an der Erkenntnis Gottes eine Ergebenheit ins "Joch".

Aus Unverständnis haben sie die Botschaft Gottes ins Gegenteil verkehrt.

Aus dem direkten Zugang zu Gott wurde ein nicht enden wollender Umweg durch Wüste, Not und Unterdrückung.

Selbst die Ankunft im Gelobten Land war keine Erfüllung, sondern setzte diesen Weg nur fort.

Es waren solche Mißverständnisse, solche scheinbaren Mißverständnisse, die es dem Christentum später so leicht machten, das Judentum hinter sich zu lassen.

Die Korrekturversuche des Islam wurden nur oberflächlich zur Kenntnis genommen.

Was dem Judentum bleibt, und was wahrheitsinstanzlich allerdings schwer wiegt, ist die Genauigkeit, die Pedanterie, mit der es über die Jahrhunderte und Jahrtausende als beim Herrn im Wort sich verstand und dies Wort als eine einmalige Juwelensammlung durch alle Geschichte und Geschichten hindurch rettete, als gültigen Maßstab an alle alte und neue Realität hielt und mit dem Urteil nicht nachließ.

So gesehen kann man nun sagen, daß Christentum und Islam gewogen, aber eben leider als zu leicht befunden und nicht weiter in Betracht gezogen wurden.

Es ist an den beiden, den Mangel gutzumachen.

So verteilen sich die Lasten, und allmählich wird auch einsichtig, warum die drei nicht in einem aufgingen, sondern zuerst nacheinander, dann je für sich - synchron - die Welt beunruhigen und bereichern.

Der Gott Abrahams hat Wort gehalten, kann man sagen.

***

Bei der letzten Sure handelt es sich jedoch um die Gesellschaftsordnung und die Klassenbasis.

Es ist die Rede von den Menschen und den Mächten, die sie beherrschen.

Es geht um die Beziehung der Menschen zu Gott und zu denen, die sich die Autorität Gottes anmaßen.

Es geht um das Hauptübel, um den Hauptfeind der Menschen und dessen Opfer: die Menschen als eine Klasse.

Nicht in ihrer Beziehung zur Natur oder zur Welt werden Menschen zu Götzen gemacht, sondern in ihrem Verhältnis zu anderen Menschen, indem man ihnen dle Autorität und die Eigenschaften Gottes zubilligt und zuläßt, daß sie zwischen Gott und die Menschen treten und die Geschöpfe Gottes versklaven.

Im Gegensatz zur Annahme einiger abstrakt denkender Wissenschaftler, welche die Wahrheit nicht in der realen Welt, sondern in den Büchern suchen, sind Monotheismus und Polytheismus nicht bloße philosophische Theorien, sie sind keine theologischen Streitfragen innerhalb der Religionsschulen und Tempel, sondern Gegebenheiten der menschlichen Natur und des menschlichen Zusammenlebens und stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen, Gegensätze und Klassenkämpfe im Prozeß der geschichtlichen Entwicklung.

Trotz anderslautender Behauptungen dieser Wissenschaftler ist Polytheismus doch eine Religion.

Er ist die Religion der Herrschenden in der Geschichte, er ist in der Tat das Opium für das Volk.

Dagegen ist der Monotheismus die Religion der Beherrschten und der Unterdrückten.

Er entspringt dem Wesen und der inneren Berufung der Menschen.

Er ist die wirksamste Waffe der Menschen und ihre größte Tragödie zugleich.

Die Religion ist - was viele Intellektuelle noch nicht begriffen haben - zur Befreiung der Menschen entstanden, wird aber zu ihrer Versklavung eingesetzt.

Sie ist die Quelle des Lebens und die Würde der Menschen und wurde zum Werkzeug des Todes und der Erniedrigung.

Wie?

Indem die Religion durch die Religion verfälscht wurde.

Darin liegt die große Heuchelei der Geschichte begründet:

Satan erscheint im Gewande der Heiligen...

Ali Schariati, Hadsch. In der Reihe Islamische Renaissance (Iran)

***

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kuckuck
projekt YISHMAEL
Aleph
20. Juni 1990

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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