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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1990-00-00

Horst Lummert

Die Politik der Abgrenzung

Warum Moskau sich auf den Zerfall seines Reiches einläßt

In der politischen Publizistik läßt sich eine Konstante beobachten: Die richtigen Prognosen werden nicht zur Kenntnis genommen. Sie werden verlacht, verhöhnt, diffamiert, doch niemals gewürdigt. Man hört nicht auf sie.

Der amerikanische Präsident Reagan verlangte die Öffnung der Berliner Mauer.

Der Verteidigungsminister Caspar Weinberger sagte voraus, daß die Sowjetunion zusammenfallen werde. Die Frage sei lediglich, ob mit einem großen Krach oder einem leisen Wimmern.

Präsident Bush sprach in Mainz von der amerikanisch-deutschen Führungspartnerschaft.

Seither bewegt sich die europäische Politik.

Es waren Voraussagen, Ankündigungen realer politischer Veränderungen.

Bush sprach auch von einem Commonwealth of Free Nations. Er dachte dabei an einen Staatenbund rund um den Erdball.

Dieses Commonwealth umschließt vor allem die nördliche Hälfte unseres Planeten. Es umfaßt die christliche Welt, zuerst die christlichen Kernländer.

Welche Rolle - auf lange Sicht - Japan zugedacht ist, bleibt zunächst offen. Die langfristigen Ambitionen Japans stehen noch etwas beiseite, werden aber irgendwann auch globalpolitisch spürbar werden.

Das betrifft in erster Linie die buddhistischen Regionen, bis hinein nach Indien, das sich ohnehin schon dem Druck des Islam ausgesetzt sieht. Auch China wird auf eine harte Probe gestellt.

Die Dritte Welt gliedert sich nach den großen Religionen und ihren Einflußzonen. Die Bedeutung des islamischen Raumes nimmt täglich zu.

Das von Bush skizzierte Commonwealth entpuppt sich womöglich als ein Bündnis gegen den Islam.

Hier zeigt sich das brennende Interesse der Sowjetunion beziehungsweise Rußlands.

Die islamischen Republiken der USSR streben aus der Union hinaus. Die Sowjetunion wird dem nicht nur stattgeben müssen, sondern auch stattgeben wollen.

Der Mangel in der sowjetischen Politik ist allenfalls darin zu erblicken, daß Moskau auf diese Seite der Angelegenheit nicht früh genug hinweist.

Der Zerfall der Sowjetunion macht natürlich nicht an den Grenzen zum Islam Halt. Alle Republiken werden ihre Souveränität anstreben.

Der bisherige Unionsführungskern wird als das alte Rußland mit seiner Hauptstadt Moskau oder Petersburg übrigbleiben und Bestand haben.

Wenn es ein Haus Europa gibt, so wird es aus Rußland ebenso wie aus Litauen, der Ukraine, Bessarabien usw. bestehen. Aber die islamischen Republiken werden voraussichtlich nicht dazugehören.

Darauf ist auch zurückzuführen, daß Moskau sich gegen die Ablösungsversuche der baltischen Länder nur behutsam wehrt. Sie gehen dem europäischen Haus ohnehin nicht verloren.

Daß Moskau sich insgesamt noch etwas schwer tut, ist eine Übergangserscheinung.

Interessant, wenn auch scheinbar nebensächlich und zufällig, ist der Umstand, daß bei der Abwicklung der DDR-Flüchtlingswelle in Ungarn der Malteser-Orden eine so aktive Rolle spielte.

Das erste Gipfeltreffen Bush/Gorbatschow fand im Dezember 1989 auf Kriegsschiffen in stürmischer See vor der Mittelmeerinsel Malta statt.

Der Malteser-Orden hat eine lange und bewegende Geschichte.

Seine herausragenden Verdienste erwarb er sich freilich nicht auf sozialem Feld, sondern auf den Schlachtfeldern und auf dem Felde der Diplomatie bei der Abwehr des Osmanischen Reiches und damit des Islam.

Die scheinbar laxe Haltung Moskaus in den europäischen Fragen läßt sich damit erklären, daß der Westen - und das heißt ganz besonders: die NATO - längst die Sicherheit Rußlands und der übrigen europäischen - christlichen - Länder garantiert.

Der NATO-Anspruch auf die DDR, das heißt auf das vereinigte Deutschland ist unter diesem Blickwinkel nicht nur logisch, sondern für Moskau äußerst beruhigend.

Die christlichen Länder rüsten sich gegen den Islam. Das wäre die verkürzte Erklärung für die neue globale Politik.

Die Orthodoxe Kirche Rußlands und eine von Moskau und Rom gleichermaßen abgesegnete Unierte Kirche in der Ukraine müssen sich allein aus diesen Gründen von neuem stark machen.

Hier wird ein reaktionäres Moment in der demokratischen Revolution Osteuropas sichtbar.

Die aktuellen Konflikte an den weltanschaulichen Grenzen zum Islam finden in der Sowjetunion, in Bulgarien, in Jugoslawien, neuerdings wieder in Griechenland und - um Kaschmir statt.

In Frankreich rührt sich zunehmend eine antiislamische Bewegung.

In Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland hat sich die Konfliktlage ein wenig beruhigt; der Prozentsatz der hier lebenden Moslems ist allerdings relativ hoch, so daß äußere Konflikte rasch innere Folgen haben können.

Vieles wird mit der Frage entschieden, ob die Türkei dem künftigen Europa oder dem künftigen Orient zuzurechnen sei.

Was geografisch klar ist, ist es politisch keineswegs. Das gilt auch umgekehrt.

Die moderne, dem europäischen Westen zugewandte Türkei ist - verglichen mit der langen und ruhmreichen Geschichte des Landes - nur ein historischer Augenblick, so etwas wie eine vorübergehende Verirrung.

Sobald der Kranke Mann am Bosporus wieder gesundet, sieht die Welt anders aus.

Als ob die neuen "christlichen" Allianzen sich darauf vorbereiten möchten. Man muß sich nur einmal die Landkarte anschaun.

***

Der Prophet und die zwei Gruppen

Der Prophet betrat einmal die Moschee und wurde auf zwei Gruppen aufmerksam. Beide Gruppen waren beschäftigt: die eine mit Beten und die andere mit Lehren und Lernen.

Mit Freude beobachtete er beide Gruppen und wandte sich an seine Begleiter:

Beide Gruppen tun Gutes und sind auf dem Weg zur Glückseligkeit. Doch ich bin gekommen, um zu lehren und aufzuklären,

sagte er, schloß sich der Gruppe der Lehrenden und Lernenden an und setzte sich zu ihnen.

Maniat ul-Murid, Bombay. Nach Ayatollah Morteza Motahhari

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Aleph
20. Juni 1990

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Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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