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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT
Die kkk-Hefte sind ein Zeitdokument. In einer kleinen Zeitschrift mit winziger Auflage wurde in einem Vierteljahrhundert getan, was niemand sonst tat. Es wurden die Substrukturen des deutschen Nachkriegsfaschismus aufgedeckt und untersucht - eine mühselige und alles andere als einträgliche Arbeit.
Wenn heute der Staat mit Medien und pressure-groups die Straße "gegen Rechts", "gegen rechte Gewalt" usw. mobilisiert, so tut er noch immer nicht, was der kuckuck tat, was getan werden mußte, getan werden müßte. Wie in den Prozessen wegen der Verbrechen von Majdanek und Auschwitz, geht das offizielle Deutschland nicht gegen die intellektuellen Anreger und verantwortlichen NS-Führungskräfte vor, es kümmert sich fast ausschließlich um die sogenannten "Letzttäter", um jene also, die für ihre Bonzen die "Dreckarbeit" machen.
Die deutsche Auseinandersetzung mit Daniel J. Goldhagen konzentriert sich darauf, daß der amerikanische Forscher das ganze deutsche Volk als genetisch antisemitisch-verbrecherisch vorbestimmt beschrieben habe, was aber so nicht stimmt. Zwar hat er festgestellt, daß alle Bevölkerungsteile bei den Verbrechen vertreten waren. Die Ursache des Antisemitismus in Deutschland aber fand er nicht in den Genen, sondern in der deutschen Literatur, der deutschen Kultur. Deren Lehrer und Leiter bilden den Herd des völkischen Verbrechens, das kann jeder nachvollziehen, der sich im deutschen Geistesleben ein wenig auskennt.
Aber da! Auf einmal wird die Demokratie ernstgenommen. Grundrechte sind gefragt, wenn die deutsche Kultur zur Verantwortung gezogen werden soll. Böse Sachen kämen ans Licht, unsere Intellektuellen könnten sich nolens volens wiedererkennen. Ihre Väter, Großväter und Geistesverwandten, gegen die verhandelt wird, winken ihnen über die Schranken fröhlich zu und erwarten angemessenen Applaus, vor allem aber den Respekt ihrer Kinder und Kindeskinder.
Die Inspiratoren des aktuellen Nationalsozialismus werden genauso geschützt wie die Geistesheroen der deutschen Kulturgeschichte. Nichts wird da verhandelt. Auch die DDR war zuletzt an der "Erhaltung des Kulturerbes" mehr interessiert als an seiner Problematisierung.
Bitte? Kann eine "Kultur" gar nicht "schuldig" werden? Ist die Frage einfach nur falsch gestellt? Oder ist in der Geschichte bisher jede Kultur auf ihre Weise schuldig geworden?
Das eigentümliche Problem heißt Ignoranz. Die deutsche wissenschaftliche Literatur irrt durch weltanschauliches Moorrevier und bringt sich dabei schnell über den Rand der internationalen Diskussion, ohne es eigentlich zu wissen. Die löbliche Einrichtung des weltweit informierenden Internet macht es jedem Nutzer möglich, sich von den gravierenden Unterschieden zwischen deutschem und etwa englischem bzw. amerikanischem Forschungsniveau ein Bild zu machen. Die deutsche Kultur ist auch heute oder heute wieder dabei, sich auf ihrem alten Sonderpfad zu ergehen.
Die offizielle Aversion gegen den neuen Nazismus hat denn auch eine eigene, gewissermaßen sonderwegsche Vorgehensweise favorisiert. Die Wortführer-Deutschen ergrimmt, daß der Nationalsozialismus brutal und unappetitlich auftritt. Solange er gesittet und kultiviert, anständig gekleidet, frisiert und akademisch gebildet daherkommt, bleibt er nur zu gern geduldet und wird er geschützt. Er ist das innere Musterbild jedes Deutschen, der auf sich hält. Die Grenzen zwischen der etablierten, offiziellen, demokratischen, "politisch korrekten" Publizistik und der NS-revisionistischen Literatur sind fließend, wenn nur der Stil gewahrt bleibt, wenn nur die Tabus nicht angetastet werden. Imgrunde kann in Deutschland jeder Nazi seine Weltanschauung verbreiten, er muß nur auf die Formen achten, das stille Einverständnis respektieren und auch zu erkennen geben. Die Neue Mitte macht's möglich.
Der kuckuck hatte es sich verschrieben, hinter die sprachlichen Verschleierungen zu schauen. Das überraschende Phänomen kuckuck rief mit seinen Entdeckungen versteinte Gesichter und lockte zugleich Widersprüche hervor, die bis dahin so niemand kannte. Anfangs glaubte ich, Zuspruch zu finden. Deutschland war sich in Ost und West gegen den Faschismus einig. Im kuckuck wurden ein paar Feinheiten nachgeliefert, wofür man dankbar sein mußte. Die Reaktion war aber ganz anders. Um sich zu fein sein zu können, hätten die Neuen Mittler niemals dem kuckuck begegnen dürfen.
Wer mit ungewöhnlichen Mitteln arbeitet, muß immer damit rechnen, daß er Mißtrauen erregt. Der kuckuck war in der Arbeitsweise ungewöhnlich, doch auch auf Transparenz bedacht. Das Projekt setzte eine gewisse Intelligenz voraus. Wer die Hefte las, sollte wissen und verstehen. Die niedrige Auflage bot die Gewähr, daß der kuckuck bei denen hängenblieb, die seine Aufgabenstellung begriffen. Es konnten und mußten nur Freunde oder Feinde sein.
Die Zeitschrift war kontrovers zugeschnitten. Am kuckuck schieden sich die Geister. Erstaunlich die große Ansammlung von Feinden, während die Freunde zuletzt völlig ausblieben. Es war ein bemerkenswertes Erlebnis, nur noch von aggressiven und wirklich boshaften Widersachern umgeben zu sein.
Wenn der Maßstab für die Lesersortierung die Intelligenz ist, so konnte daraus geschlossen werden, daß die Fragliche bei den Feinden nun zuhause war, während die Freunde mit erheblichen Mängeln zu kämpfen hatten. Die einstigen Fürsprecher und Sympathisanten fielen aus, weil sie von dem, was sich im kuckuck jetzt abspielte, nichts mehr verstanden.
Da die intelligenten Gegner politisch den Feinden der Demokratie zuzurechnen waren, mußte doch nun wenigstens bei den Vertretern der Demokratie und des Rechtsstaats die Alarmglocke läuten, wenn hier mit kkk-intelligenten Gegenmitteln die toten Winkel der öffentlichen Aufmerksamkeit ausgeleuchtet wurden.
Nichts dergleichen geschah. Oder anders: Der kuckuck erregte Widerwillen bei deutschen Faschisten, die per Desinformation und Denunziation massiv dazu beitrugen, den kuckuck in Verruf zu bringen. Des kuckucks Feinde wußten jedenfalls, was sie an ihm und seinem guten Ruf hatten und gegen ihn unternehmen mußten.
Nicht zu vergessen: Der kuckuck plauderte ein paar außenpolitische Essentials aus, was den Herrschenden in Deutschland die ganze Tour vermasseln konnte. Das durften sie nicht zulassen. Alles blieb unter der Decke und wurde dort intensiv konterkariert. Daß es trotz großer Anstrengungen nicht gelang, den kleinen Vogel zu isolieren und lahmzulegen, hat technische Gründe, die uns der Himmel bescherte.
Der Herausgeber wurde jahrelang mit Zivilrechtsverfahren überzogen. Es hagelte Strafanzeigen und Hetzflugblätter gegen kuckuck-Kokhaviv. Die Freiheit der geistigen Auseinandersetzung trat in den Hintergrund. Der "Zersetzungsagent" Erich Knapp aus Heppenheim tat sich in einer interessanten antisemitischen Sonderrolle hervor. Das sah mitunter recht professionell aus. Knapp hat sein Verwirrspiel bis zuletzt durchgehalten und bei Bedarf aktualisiert. In gewisser Weise ist er ein Teil des deutschen Syndroms. Ein Täuscher vor dem Herrn.
Ich will die Sache nicht überbewerten. Offensichtlich wurde der kleine kuckuck aber eben so ernst genommen, daß man ihn nicht einfach gewähren lassen konnte. Es kam von vielen Seiten. Vielleicht war das Konzept kuckuck für deutsche Verhältnisse einfach zu "intelligent".
Daß auch die Staatsanwaltschaft sich einschaltete, auf fragwürdige Weise dazu animiert, war ein bißchen seltsam.
Der kuckuck griff in die theoretischen und biografisch-historischen Wurzeln. Es ging darum, den Nazis die Argumente zu nehmen, sie zu widerlegen. Wir haben den Nationalsozialismus nicht überwunden, wenn wir den Nazis auf der Straße mit Gegennazis aufwarten. Wenn das Volk nicht erfährt, wie die NS-Intellektuellen denken und argumentieren, wie sie die Geschichte interpretieren, kann es sich auch nicht damit auseinandersetzen. Ein unwissendes Volk aber ist ein anfälliges Volk.
Die momentane Politik des deutschen Staates und seiner medialen Wortführer ist gewissermaßen der Garant für die Wiederkehr des Nazismus. Die Politik serviert den Nazis ein unmündiges Volk, das sich dann nur allzugern aus seinen undurchschauten Albträumen reißen läßt.
Der kuckuck stellte nicht nur die intellektuelle Quelle des Nationalsozialismus zur Schau und ihre Hüter in Frage, es gelang ihm, sie herauszufordern. Was Christoph Marx in einem (scheinbar) ganz anderen Zusammenhang den geschichtlichen "Erregungshintergrund" nennt, brach hier auf, und es wurde nun offenbar, daß sich hinter der bürgerlichen Fassade des kultivierten Nazismus das alte Böse verbirgt. Wenn dieser Kontext nicht aufgeklärt wird, kann der unentschiedene Begleiter der Geschichte täglich in Versuchung geraten, das Faszinierende zu wählen und das Unappetitliche zu verdrängen, obwohl beides doch zusammengehört.
Die strafrechtliche Verfolgung des kuckuck aufgrund faschistisch-antisemitischer Denunziationen ist ein Phänomen, das man in der Bundesrepublik eigentlich nur aus Zeiten kennt, da die heutigen Hysteriker selber die Verfolgten waren. Wenn linke Leute in den sechziger Jahren ihre politischen Gegner mit Hakenkreuzen karikierten, konnten sie wegen Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole an den Staatsanwalt geraten. Die Absicht war klar. Damals waren die Linken freilich in großer Zahl vorhanden und bereit, gegen diesen verlogenen Spuk der Verfolgungsbehörden und ihrer Denunzianten anzukämpfen.
Anders heute, anders vor allem, wo die feinere Körnung des gesellschaftlichen Zustands und die komplizierten gesellschaftlichen Verzweigungen des wiederwerdenden Nationalsozialismus in Deutschland zu untersuchen sind. Die eigentliche Gefahr ist nicht einmal, nicht primär, daß der Nazismus hier wieder Einkehr hält, sondern daß er als Vorwand dienen könnte, um die Demokratie abzuschaffen.
Die Gesetzeslage berechtigt schon heute zu ernsten Bedenken, und die politische Bereitschaft, jeder spontanen Hysterie administrativ und medial auf den Leim zu gehen, ist notorisch. Als ob im Hintergrund an solchen Mechanismen bewußt gearbeitet wird. Die Neigung bei den Rotgrünen, den politischen Gegner als Kriminellen und Feind zu behandeln, kommt nicht von ungefähr, sondern hat realpolitische Gründe. Hier ist also Vorsicht geboten.
Wie der Reichstagsbrand den Nazis gelegen kam, um "die Macht zu ergreifen", den politischen Gegner auszuschalten, so kann ähnliches auch unter anderen ideologischen Vorzeichen geschehen. Und es sieht nicht so aus, als ob die Deutschen und ihre Institutionen, Zeitungen, Rundfunksender anders als damals reagieren würden. Sie blicken wahrscheinlich gar nicht durch und sind dem künstlich unwissend gehaltenen Volk auf ihre Weise ebenbürtig. Sorge macht mir die weltpolitische Entwicklung, in der Deutschlands "Sonderweg" wieder gefragt ("ganz recht") sein könnte.
Die strafrechtliche Verfolgung des kuckuck ist unter den gegebenen Umständen erklärlich. Würde das Konzept der kleinen Samisdatschrift Schule machen, nun, es könnte den beschriebenen Absichten das Wasser abgraben helfen. Mit dem kuckuck wurde der Vogel verfolgt, der - einzig - dem als Adler getarnten politischen Pleitegeier die Kleider lüpfte. Wie ernst es den Eifrigen war, wird an den immensen Anstrengungen deutlich, mit denen sie den handgemachten Winzling kuckuck zum Schweigen bringen wollten.
Im abschließenden Band 13 der Dokumentationsreihe soll rechtsbürokratisch detailliert noch einmal gezeigt werden, welche Schikanen dem kuckuck in den Weg gestellt wurden, von welcher politischen Seite es ausging, wie die Denunziation Erfolg hatte und letztlich doch scheiterte, weil Verführer und Verführte von falschen Voraussetzungen ausgegangen waren. Die Justiz hat damit ein weiteres Ruhmesblatt ihrer ohnehin ruhmreichen Geschichte paraphiert.
Deutschland steht vor der Frage, wie es mit seinen verfassungsrechtlichen Problemen künftig fertig werden will. Die Feinde der Demokratie haben keine Chance, wenn dem deutschen Volk die Freiheit uneingeschränkt wiedergegeben wird, darum sind sie emsig dabei, die Perspektive von 1945 und 1989 wieder rückgängig zu machen. Die innere Freiheit Deutschlands begann mit dem Ende des Hitler-Reiches und setzte sich fort mit dem Ende der DDR. Ich bin ein Zeitzeuge der Demokratie. Und ich wünsche sie mir wahrhaftig und frei.
Horst Lummert
Materialien:
kokhaviv press: Horst Lummert in kuckuck (kulikri) Band 13
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