Aus: kuckuck 42ad, 1983
1977-06-25
Ich lachte nicht über Sie, sondern über Ihren Optimismus bezügl. einer Umwälzung der Gesellschaft "im friedlichen Einvernehmen aller". Darüber lachen kann nur einer, der den Apparat hier sehr genau kennt, sowohl als düpierter naiver Sozi, der ich allzu lange war, wie als in sozusagen ewiger Fehde mit alten Nazis und neuen Faschisten im BRD-Apparat liegender früherer Naziverfolgter. Wer die fast unzähligen Details nicht kennt, die sich auch für mich erst über viele Jahre akkumuliert hatten, bevor sie einen Gedankensprung in meinem Hirn bewirkten, der kennt einen wichtigen Bestandteil des Weltganzen nicht. Der weiß vielleicht auch nicht, daß gerade die Hoffnung auf einen friedlichen Abschluß der sozialistischen Revolution zum jetzigen Zeitpunkt die Kalkulatoren auf einen 3. und atomaren Weltkrieg ermuntern könnte. Ja, friedlich kann die Revolution abgeschlossen werden dermaleinst, wenn nur noch 10 Monopolisten einer voll proletarisierten und politisch bewußten Menschheit gegenüberstehen. Doch selbst wenn das Gesetz der Akkumulation und Zentralisation so lehrbuchhaft sich in der Realität je herausstellen würde - wir sind längst so weit nicht.
Deshalb aber glaube ich keineswegs, daß die Alternative liege zwischen dem Optimismus ("friedliche Weltrevolution") und der Idiotie ("Hoffnung auf den 3. Weltkrieg"). Ich bin kein Maoist!
Die Revolution durch bewaffneten Aufstand ist weder universales Rezept noch überall out of date. Sie ist Teil des gegenwärtigen weltrevolutionären Prozesses. Dieser findet auch in der sogenannten 3. Welt statt, ob uns seine Art der Bewaffnung gefällt oder nicht. Er findet so in Europa allerdings nicht statt, und das ist gut.
Entschuldigen muß ich mich nicht für meinen 12-jährigen Dienst im AA und meine Mitgliedschaft in der SPD. Allerdings muß ich den Verschleierungsvorgang, dem fast alle Westdeutschen seit 1945 verfallen sind, soweit sie es nicht schon Jahrzehnte zuvor waren, zur Sprache bringen. Auch bin ich nicht schuldig an der Beihilfe zur Verschleierung, die der Stalinismus geleistet hat. Zu belehren habe ich trotzdem nicht Sie und Ihre Freunde, sondern meinesgleichen. Aber ich könnte vielleicht aus meinem Wissen Ihrem Urteil einige Partikel beisteuern.
Hätten wir hier eine KP, die sich von den WP-Staaten so absetzen würde wie die KP Spaniens, dann würde sie viel schärfer verfolgt als die DKP. Das ist das bestimmende Faktum. Deshalb ist die DKP die einzig mögliche Linkspartei in der BRD. Eine "Euro"-DKP hätte anfangs mehr Mitglieder als die bestehende DKP (und dennoch weniger Finanzmittel), doch bald weniger als die wenigen der DKP. Denn die Verfolgung einer "Euro"-DKP wäre total, weil Bonn keine Rücksicht mehr auf die WP-Staaten nehmen müßte. Jedes Land hat die KP, die möglich ist.
Die Verfolgungen des BRD-Apparats geschehen nicht, weil die BRD etwa "auf ihr antikommunistisches Alibi vor den USA bedacht" sei. Die BRD tut das aus eigenem Antrieb, aus arteigenem.
Ich hätte nichts dagegen, wenn die DKP Ihre oder Biermanns Artikel abdrucken würde. Nur müßte man auf diese dann antworten können. Das würde die UZ nur farbig machen. Ich kritisiere auch nicht, daß Sie in Italien publizieren, sondern was Sie sagen. Und mit welcher Absicht Der Spiegel Robert Havemanns Ansichten abdruckt, gekürzt und womöglich dadurch entstellt, wissen Sie selbst. Dennoch ist Ihnen auch das nicht vorzuwerfen. Ich übrigens wende mich direkt an Sie, weil Der Spiegel ja keine Entgegnung, keine Diskussion gestattet. Auch das gehört zur Strategie des ostpolitischen Teils des Spiegel. Er baut etwas auf, das gar nichts Positives zu tun hat mit Ihrem libertär aufgefaßten Kommunismus.
Biermann darf hier öffentlich singen. Was bei uns "Öffentlichkeit" ist, das hat Marcuse mit der "eindimensionalen Gesellschaft" treffend beschrieben. Was auch immer er sonst falsch konzipiert - u.a. die schematische Gleichsetzung der amerikanischen mit der westdeutschen Gesellschaft -, hier hat er richtig diagnostiziert: Medienpluralismus als Integrationsmittel zur ökonomischen Erschließung der politisch sich nicht integrieren Wollenden. "Öffentlichkeit" für Biermann heißt geschlossene Gesellschaft der Linken. Über diese hinaus ist seine Wirkung leider nullkommanull. Unsere Fernsehmacher dachten nur an Biermann den Dissidenten drüben. Als es sich herausstellte, daß auch er ein zwar west-unkundiger, aber überzeugter Kommunist ist, war der TV-Kanal zu. Biermann darf bei uns singen, drüben durfte er es nicht - also sind wir frei? Oh wei!
Bei Ihnen sind dle Machtverhältnisse klarer als bei uns. Klarheit tut manchen Augen weh. Bei uns ist Sumpf, in dem wir versinken, ohne es zu merken. Erst zuletzt schreit man. Doch Konsummusik übertönt alles.
Ich mag belesene Leute. Im ausgepolsterten Konsumstall BRD muß ein Linker entweder praktisch das Elend der 3. Welt kennengelernt haben oder sehr belesen sein. Links-Sein ohne Weltkenntnis ist nicht möglich. Was ich meinte: Ich kenne diese gescheiten, gutwilligen Menschen, die links von der DKP stehen und eine eurokommunistische/sozialistische - ja was denn? - gründen wollen. Ich selbst war 1975/76 an einem solchen Versuch beteiligt. Es ist Tatsache, daß viele dieser Sozialisten, erwähnt man die Organisationsform Partei, hysterisch werden, beobachtbar nervlich überreizt reagieren. Prof. Brückner rief bei einem Sozialisten-Treffen in Hannover aus: "Was heißt Organisation? Ich muß mich erst mal selbst organisieren!" Damit hatte er völlig recht. Sozialisten bei uns müssen wieder lernen, genossenschaftlich zu diskutieren, statt professoral-akademisch zu dozieren, sie müßten lernen, zuzuhören, sie dürften Sachkritik nicht persönlich nehmen. Brückner ist keine Ausnahme, er ist nur ehrlicher als andere.
Wieder andere, die bereit waren, sich in einer Partei zu organisieren, kamen nicht zurand. Diskussion dient nur scheinbar der Klärung von Sachverhalten, sondern der Selbstdarstellung. Verabredungen werden nicht eingehalten, Pünktlichkeit gilt als "kleinbürgerlicher Zwang". Damit verurteile ich diese Genossen nicht. Ich bin nicht besser, da ich nur andere Fehler habe und mache, weil ich ein anderer Jahrgang, anders enkulturiert worden bin. Die jüngeren Jahrgänge wurden von dieser kapitalistischen Gesellschaft bereits in ihrer Kindheit derart verunsichert, vereinsamt, in ihrem ursprünglichen Vertrauenwollen so schwer geschädigt, daß sie solidarisches Arbeiten trotz besten Willens und z.T. größter Belesenheit nicht mehr leisten können. Sie denken vermutlich noch immer an das frühere Proletariat unter dem Kapitalismus, wie er auch noch in meiner Kindheit bestand, auch unter den Nazis. Ich spreche nicht von politischem Bewußtsein. Das wurde bereits vor 1933 von der SPD korrumpiert, von den Nazis vollends erwürgt. Ich spreche von etwas, das ich nur mit einem idealistischen Ausdruck beschreiben kann: das Proletariat hatte bei uns einmal "ursprüngliches Menschentum" in sich, es war weder böse noch engelhaft, es war gescheit, aber nicht verblödet durch unnützes Wissen (Bild: "Oma von Hund totgebissen!"), es wußte noch, wo oben und unten war - und daß es unten war. Der Kapitalismus in seinem Verfaulungsstadium (post mortem lebt er immer noch) zersetzt ganze Bevölkerungen psychisch und geistig. Dies ist dem Proletariat nicht in der DDR geschehen, sondern in der BRD.
Wenn Vater und Mutter ganztägig arbeiten, nur wenige Kindergärten bestehen (1965 betrug die Wartezeit 5 Jahre, Kinderläden gab es noch keine), die Kleinen als "Schlüsselkinder" sich selbst, ihren Ängsten, überlassen sind, dann hat das 10 Jahre später Auswirkungen, die in Arbeiter/Angestelltenfamilien der 20er, 30er, 40er, ja noch 50er Jahre unbekannt waren. Es gibt dazu, zu den heute erwachsenen ehemaligen Schlüsselkindern, ein bitterböses Buch, gemein, weil es diese Ursachen verschweigt, weil es statt den Kapitalismus zu kritisieren, die APO-Generation "sachlich" mies macht: Grossarth/Maticek, Revolution der Gestörten; Heidelberg 1975.
Mit diesen liebenswerten, menschlich wertvollen Menschen, diesen intelligenten, kenntnisreichen Diskussionspartnern ist keine KP zu gründen, auch keine italienischen Stils. Hier nicht.
Die Härte des gesellschaftlichen Widerspruchs in Europa auf staatlicher Ebene hat wahrscheinlich den Abbau der Mentalität in der DDR, die man "preußisch" nennen kann, verhindert. Freunde halten mir oft vor, ich würde als DDR-Bürger rasch mit dem forschen Teil des Staatsapparates zusammenrasseln. Das ist wahrscheinlich, entbindet mich jedoch nicht von einer objektiven Abwägung der gesellschaftlichen und Machtverhältnisse in und zwischen Ost und West sowie der Einschätzung der künftigen Entwicklungen. Lebte ich in der DDR, hätte ich vielleicht Ihre Perspektive. Aber ich lebe hier.
Prag 1968. Auch ich hoffte damals für den Dubcek-Kurs, auch ich möchte einen Sozialismus, dessen menschliches Gesicht endlich unmittelbar sichtbar würde, wenn Helme keine Schatten mehr werfen. Nachdenklich wurde ich erst später, Monate und Jahre nach einem Gespräch in Westberlin am Vortag des sowjetischen Einmarsches in die CSSR. Damals besuchte ich den Leiter der Außenstelle des AA; sein Name ist mir entfallen, er war gerade von der Botschaft beim Vatikan in die Frontstadt versetzt worden, und ich war versetzt von Nigeria nach Pakistan und sollte mir die Mauer etc.pp. ansehen. Dort in den Amtsräumen der BRD entwickelte der Diplomat mir folgende Perspektive: Wenn sich Dubcek in Cierna durchsetzt, dann ist in Polen Moczar nicht mehr aufzuhalten, dann schwimmt Ceaucescu weiter ab, dann ist Kádár umgarnt, dann lodert es in der Ukraine und Litauen. Diesem Denken ging es nicht um mehr Libertät in Prag, sondern um das Durchbrechen jeglicher Art von Dissidenz zur KPdSU. Schon 1965 oder 66 hatte Brzezynski dies in der Zeit entwickelt, es war aufmerksam in Bonn gelesen worden, ein Botschafter im Tschad lernte eifrig zu; er setzt heute als Abteilungsleiter diese Langzeitperspektive in kleine Münze um. Die isolierte DDR wäre nach einer "Revolution" und Übergangszeit mit der BRD durch eine "freie Volksabstimmung" wie die Saar wiederzuvereinigen. Weile ohne Eile ist möglich, sobald die Hegemonie Moskaus gebrochen ist. Wenn nun irgendwer in Ostberlin oder Kiew genau das vorausgesehen haben sollte, dann ist der Einmarsch in die CSSR erklärt.
Der Kapitalismus, gefangen in einem immer enger werdenden Weltmarkt, muß versuchen, sich die Märkte/Rohstoffe der WP-Staaten, Chinas usw. zu öffnen. Ob das Atomkrieg bedeutet und den ökologischen Untergang des organischen Lebens oder nicht, spielt für ihn keine Rolle. Er sieht in seiner egoistischen Weise nur die Tatsache, daß die Öffnung neuer Märkte einen weiteren ökonomischen Zeitraum von 50 bis 100 Jahren ergeben würde. Er betet um einen Commodore Perry.
Deshalb kann für Westsozialisten Ihre Perspektive leider nicht die richtige sein, obwohl Sie das Recht haben, zu tun, was Sie tun.
Es geht jetzt darum, die deutsche Revolutionsverweigerung von 1918 und später auszugleichen in und mit Lateineuropa. Hier in der BRD spielt sich in den nächsten Jahren kein demokratischer oder sozialistischer Fortschritt ab, sondern ein Weiterwachsen des Neofaschismus.
Ich hoffe, klargemacht zu haben, daß ich Ihre Position nicht ablehne, sondern für verfrüht halte. Der Kapitalismus muß erst geschwächt werden in der 3. Welt, und ihm muß das Kriegführen erschwert werden durch die Neutralisierung Südeuropas, besser: durch eine militärpolitische Neutralität Südeuropas. Gelänge das - allzu optimistisch bin ich nicht -, dann ginge ich gern den weiteren Weg mit Ihnen.
(Brief aus London abgeschickt, keine Antwort Havemanns mehr.)
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