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Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge...
Aus: kuckuck 42ad, 1983
1977-06-07
Ihr jetziger Artikel-Auszug im Spiegel vom 6.6.77 veranlaßt mich zu einer Stellungnahme. Ich habe größte Achtung vor dem Antinazi Havemann, nach wie vor. Auch muß man Ihren Mut bewundern, mit dem Sie Ihr Dissidententum durchhalten. An Ihrer politischen Meinung muß man dennoch Kritik üben dürfen. Ich kritisiere als parteiloser Linkssozialist (SPD bis 1976, aus naziverfolgter SPD-Familie, arbeitslos, wegen parteiinterner Kritik an H.Schmidt fristlos nach 12-jähriger Tätigkeit aus dem AA entlassen, mit einem an den Haaren herbeigezogenen Ermittlungsverfahren seit über 2 Jahren drangsaliert, ohne Pension und ohne Arbeitslosenunterstützung oder Sozialhilfe), der in der BRD lebt, diese stets verteidigt hat - in der frühen Jugend sogar als antistalinistischer Antikommunist - und sie kennenlernte als Bürger wie als öffentlich Bediensteter. Meine Kritik stützt sich auf die Spiegel-Publikation, nicht auf die in Studi Storici.
1. Weder Sie noch ich sind Trotzkisten. Gerade deshalb empfiehlt sich das Studium von Trotzkis Lebensweg (seine antileninistischen und proleninistischen Zickzacks, seine libertären Ansichten und nicht libertären Taten, wie die Militarisierung der Arbeit, Fraktionsverbot usw.) und Werken. Vielleicht wird nur an diesem Studium klar, wie sehr für Lenin wie Trotzki der von Deutschland und der SPD blutig verweigerte Fortgang der Oktoberrevolution nach Mittel- und Westeuropa hinein entscheidend war.
Nachdem einmal die Revolution in einem nicht breit industrialisierten und durch Krieg/Bürgerkrieg und Interventionen ruinierten Land "contained" war, war es keine Fehlentscheidung, sondern logisch, daß die Freunde der Oktoberrevolution außerhalb Rußlands den Schutz dieser Revolution zu ihrer Hauptaufgabe machten. Die Bolschewiki hätten die Koordination der sozialistischen Politik in der K.I. den KPen gar nicht "aufzwingen" können. Mit welchen Mitteln denn? Haben Sie vergessen, daß während und nach den blutigen Kommunistenverfolgungen, in Deutschland durch SPD plus Frühfaschisten, Rußland die einzige Hoffnung dieser Parteien war?
2. Die Spaltung der sozialistischen Arbeiterparteien geht doch nicht auf Lenin zurück, sondern auf die offene (Bernstein) und verschleierte (Kautsky) Verdrängung des marxschen Denkens und Wollens durch (immer nur verbal-) reformistische bzw. szientistisch-mechanistisch-marxistische Tendenzen. Da Sie heute ein Antistalinist sind, sollten Sie die Gemeinsamkeit sehen können der Stalinisten (ihre Revolutionsfurcht, s. Stalin usw. im Sommer 1917 und sein plötzliches Unauffindbarwerden für seine Genossen während des Aufstandes in Petrograd; ihre büro-terroristische Mentalität, s. den Menschewisten-"Bolschewisten" Wischinskij) mit rechten SPD-Apparatschiks. (Daß Stalin dann eine andere Gesellschaft verteidigte-zerschlug-unterdrückte als die SPD nach 1918, ist nicht sein Verdienst, sondern das der Revolutionüre. Bürokraten verteidigen immer den Sessel, auf den zu sitzen sie gekommen sind). Die ererbten/erschlichenen Sessel sind das Unterscheidende zwischen osteuropäischen Stalinisten und SPD-Ministern, aber der bürokratische Terrorismus, dessen Grenzen nicht von ihnen gesteckt, aber permanent ausgeweitet werden, ist die Gemeinsamkeit!
Zu danken ist es Lenin, daß er wenigstens den (kautskyschen) Marxismus hochhielt. Die Adaptierung dieses Marxismus auf die, im Vergleich zu Westeuropa, anderen Verhältnisse Rußlands durch Lenin war eine Weiterentwicklung, die das grundsätzliche Verdienst nicht verdecken kann. "Diese Spaltung... überwinden" kann man nicht ohne eine Kritik des Verbalreformismus der sozialdemokratischen Parteien und ohne eine Abkehr von diesem. Etwas anderes aber als Verbalreformismus gibt es bei uns real nicht.
3. "Die politische Vereinigung aller progressiven Kräfte" ist sicherlich wünschenswert, bleibt aber fruchtloses Wünschen, wenn die Waffen der Kritik zugunsten eines promiskuitiven Unionsprojekts weggelegt würden. Ich frage: wer/was ist denn progressiv? Die "multinationalen" Firmen sind so progressiv, wie es der Kapitalismus schon immer im technischen, antifeudalen, den Weltmarkt stärkenden Sinn war. Politisch aber bedeutet dieser Firmentyp, der die Einzelstaaten gleichzeitig braucht (nötig hat), gebraucht und überspielt, Faschismus, Neofaschismus, Neokolonialismus, blutigen Putschismus. Den Monopolkapitalismus nennen auch Sie nicht progressiv. Aber sind deshalb die kleineren, durch die "Multis" ruinierten Kapitalisten plötzlich progressiv?
Arbeiter waren schon für Marx und Engels nicht nur die Industriearbeiter, sondern alle, die man heute richtig "abhängig Beschäftigte" nennt. Auch heute sind Arbeiter jene, die man so, und jene, die man Angestellte nennt. Zu ihnen gehören auch die unteren, mittleren und gehobenen, ja ein Teil sogar der höheren Beamten des Verwaltungsapparats (=Menschenverwaltung!). Auch alle Beamten/Angestellten der Versorgungs-, Verkehrs-, Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungsbetriebe. Zur Arbeiterklasse gehören nicht die Beamten/Angestellten der Repressionsapparate, von einzelnen individuellen Ausnahmen abgesehen. Sie aber zählen zur Arbeiterklasse auch noch "kleine Gewerbetreibende des Handwerks und Dienstleistungsgewerbes, die kleinen Einzelhändler..., Einzelbauern, Weinbauern, Obst- und Gemüsezüchter." Das ist sehr wohlwollend, verrät aber kein ökonomisches Kriterium.
Es ist möglich, mit Kleinbesitzern an Produktionsmitteln ein antimonopolistisches Bündnis zu schließen - falls diese erkennen, wer sie expropriiert. Im allgemeinen haben sie aber heute ein sehr kleinbürgerlich-faschistisches, dezidiert antikommunistisches "Bewußtsein". Der Würstchenverkäufer an der Ecke fühlt sich als "Besitzer" und "Selbständiger" und damit als Interessengleicher mit Flick und Baron Finkh. Wie aber soll dieser über seine eigne Lage Getäuschte und sich selbst Täuschende aufgeklärt werden, wenn die einst klassenbewußten Arbeiter selber ihr Bewußtsein aufgeben, indem sie vergessen, was Konstituens von Klassen ist (= der Besitz von Produktionsmitteln). Wer soll dann noch aufklären? Ihre großmütige Verleihung des "Titels" Arbeiter an fast alle ist kein aufklärender Beitrag, ich muß es leider sagen.
4. Sie schreiben, "die Theorie der sozialistischen Revolution... auf den Erfahrungen der Oktoberrevolution aufbauend... im Laufe der Stalin-Ära ausgearbeitet...": "... Proletariat zuerst die politische Macht erringen muß, bevor es sich auch in den Besitz der ökonomischen Macht setzen kann." Davon abgesehen, daß "politische Macht" nicht sofort staatliche Macht (oder, unter bestimmten Verhältnissen: überhaupt nicht Staatsmacht; aber das ist Zukunftsmusik) bedeuten muß, finde ich diese "Theorie" schon im Kommunistischen Manifest. Dort beginnt ein Satz: "Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen..."
Auch Ihre Schilderung der Oktoberrevolution ist nicht ganz zutreffend. Die Machtergreifung des Proletariats führte doch bereits zu Fabrik- und Landbesetzungen vor der Zerschlagung des zaristischen Staatsapparates. Auch die "neue Basis" existierte schon lange: die gesellschaftliche Arbeit in der Großindustrie Rußlands (die Rußland nicht zum Industrieland gemacht hatte, aber doch im Verbund des Weltkapitalismus ihre Rolle spielte: die größten Industrieunternehmen Europas befanden sich auch in Rußland!) und die organisierte Arbeiterklasse. Diese "neue Basis" war nur in der Eigentumsform zu ändern, die Produktionsverhältnisse waren zu ändern. Dies geschah. Der neue Staat legitimierte diese Änderungen nur noch. Er trieb die Industrialisierung weiter; er hat auch die Funktion des Verteidigers des 1917 durch die Arbeiter Erreichten gegen privatkapitalistische Konterrevolutionen. Aber - das ist wichtig - er hat nicht als Überbau diese neue Basis "erschaffen". Die Revolutionstheorie, wie Sie sie beschreiben, ist teils unrichtig, teils nicht von Lenin, sondern von Marx stammend.
Das, was Lenin und Trotzki am Marxismus weiterentwickelten, war - abgesehen von Lenins Partei-Theorie und -Praxis, von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution und anderem, jetzt nicht in unseren Zusammenhang passendem - tatsächlich die Erkenntnis, daß die Entwicklung des Weltmarktes Rußland zu einem zwar ökonomisch nicht voll entwickelten, aber bedeutsamen Teil des kapitalistischen Weltmarktes gemacht hatte, und daß die Revolutionierung dieser großen Bevölkerungs- und Landmasse eine sozialistische Weltrevolution mit schneller Brandgeschwindigkeit, schneller als dann real erreicht, auslösen müsse. Es ist doch gerade heute nicht bestreitbar, daß die Welt 1914 für die sozialistische Revolution in einem wichtigen Sinn reifer war als heute: der Kapitalismus war noch nicht lange ein außenpolitisch imperialistischer, ökonomisch monopolistischer, und er war innenpolitisch noch nicht staatsmonopolistisch, faschistisch bzw. faschistoid-neofaschistisch. Damals war die dreifache hegelsche Aufhebung der bürgerlichen Grundfreiheiten möglich. Heute, im Zeitalter des Neofaschismus, ist das schwierig bzw. unmöglich. Die Freiheiten sind im größeren Teil der kapitalistischen Welt (zu ihr zählt selbstverständlich der Hinterhof der "Dritten Welt"!) nicht einfach konservierbar, erweiterbar und in ihrem repressiven Aspekt aufhebbar. Sie müssen restauriert, revitalisiert werden. So hier bei uns. Die Herstellung von Freiheiten in sozialistischen Staaten erfolgt aus diesem System heraus, aus anderen soziologischen Tatsachen und Verhältnissen als bei uns. In einigen wenigen kapitalistischen Staaten muß versucht werden, Freiheiten zu schaffen in Zusammenarbeit mit den vor der kapitalistischen Enteignung stehenden nichtmonopolistischen Klassen, die, wenn auch nicht ökonomisch, politisch progressiv sein können, falls sie mit den Arbeiterparteien (?) kooperieren. Sie könnten ja auch nach gehabtem Muster faschistisch reagieren.
Sie schreiben, die Bolschewiki seien sich von den Arbeitern Europas verraten vorgekommen. Nun, nicht von den Arbeitern. Aber verraten doch wohl. Ist die Revolutionssabotage der SPD nach 1918 etwa nicht, nach der Gewährung der Kriegskredite, Verrat?
5. Die russische Bourgeoisie hätte sich in einem Stadium ihrer Entwicklung befunden, in dem sie "Formen und Freiheiten der westeuropäischen Demokratien" noch nicht in Rußland durchgesetzt habe.
Nehmen Sie an, mit der Zeit wäre der westeuropäisch-nordamerikanische Libera1ismus (der auch libertäre neben repressiven Aspekten hatte) nach Rußland gekommen? Durch das feudalabsolutistische Deutschland und Österreich-Ungarn? Über diese im Hoch- und Weitsprung hinweg?
Mich reizt es schon lange, dem russischen Frühfaschismus nachzugehen. Die Schwarzhunderter! Der Begriff "Pogrom" als russisch-ukrainischer Beitrag zum gesamteuropäischen Antisemitismus! Gerade die deutsche Geschichte beweist nichts für die mechanizistische Annahme "Bourgeoisie = Liberalismus"! Nehmen Sie einen Automatismus an von kapitalistischer Entwicklung und Liberalismus? Sie kennen doch die Abhängigkeit des bürgerlichen Liberalismus von der Konkurrenzform des (Früh-) Kapitalismus, die Mittelhaftigkeit des Liberalismus im Kampf gegen den Feudalabsolutismus? Und die Korrelation zwischen Faschismus und Monopol- bzw. Staatsmonopolkapitalismus?
6. Die Diktatur des Proletariats, zumindest so, wie sie in der UdSSR bis vor einigen Jahren existierte, war nie im "Lenin-Trotzkischen Sinne". Sie war Resultat der russischen Zustände, d.h. der historischen Vergangenheit und damaligen Gegenwart Rußlands. Jede Gesellschaft erhält die "Diktatur des Proletariats", die dem Grad der relativen Libertät der vorangegangenen "Diktatur der Bourgeoisie" entspricht. Auch Sozialisten können nicht zaubern. Auch sie können nur mit denen bzw. dem arbeiten, die bzw. das vorhanden ist.
7. Die sozialistische Revolution kam 1917 nicht "zu früh", sondern die westlichen Völker schliefen zu lange (und verfielen immer mehr in Tiefschlaf, s. Punkt 4). Heute ist der Kapitalismus nicht reifer als 1917, sondern verfault. Eine recht drollige Ansicht: geht eine Revolution daneben, macht nix, die Verhältnisse werden bis zum nächsten Versuch nur noch reifer. Sie sind bezüglich des Spätkapitalismus ungeheuer optimistisch. Sie zählen auf, welche Positionen das Proletariat in ihm einnehme. Aber das Bewußtsein dieses Proletariats? Die kleinen Arbeiteraristokratien der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bonzokratien haben sich längst nach "unten" ausgebreitet. Was Engels einmal über die englische, total verkleinbürgerlichte Arbeiterklasse schrieb, gilt heute für größte Teile der westdeutschen und nordeuropäischen Arbeiterschaften. Der Mehrprofit aus den ausgewrungenen Entwicklungsländern reicht aus zur Bestechung nicht mehr einiger tausend Arbeiterführer, sondern von Millionen Arbeitern. Dafür verrecken täglich Zehntausende in der "Dritten" Welt, die so Teil unserer Ersten ist wie die ausgebeutete Arbeiterklasse gezwungener Teil der Bourgeoisie. Die Basis, die sich nicht entziehen kann, ist die Basis der Pyramide. - Aber zur Erklärung reicht gewiß die Bestechung nicht aus; es fand auch eine Exstirpation an Arbeiterbewußtsein statt, über die Sie - wie sie bei uns ist - offenkundig nichts wissen.
8. Insofern packt mich doch ein bitteres Lachen, wenn Sie folgerichtig von falschen Prämissen über die kapitalistische Welt zu dem falschen Schluß kommen: "fast vollständig friedlicher Abschluß" der Umwälzung der Gesellschaft "im friedlichen Einvernehmen aller". CDU/CSU/SPD/FDP/NPD stimmen zu. Fragt sich nur, welche Umwälzung die meinen.
9. Rosa Luxemburg ist eine große Frau, Denkerin, Fühlerin, Sozialistin und Revolutionärin. Ihre Auseinandersetzung mit Lenin ist lesens~ und bedenkenswert. Wer aus diesem Teil ihrer Schriften zitiert, sollte auch zitieren, was sie gegen die SPD gesagt und geschrieben hat. Eine Überlegung dazu:
Wäre sie 24 Stunden nach ihrem Tod, science-fictionhaft, wieder lebendig geworden, dann hätte sie das Erlebnis der Zertrümmerung ihres Schädels sicherlich als zentrales Faktum in ihre Theorie eingearbeitet; dann hätte sie einiges von ihrer Gutgläubigkeit abgelegt und Lenins perückentragenden Realismus besser eingeschätzt. "Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden", zitieren mit frommem Augenaufschlag heute unsere noch machtlosen Nazis. Man antworte ihnen: des Andersdenkenden wohlgemerkt! Wer nicht denkt, aber Knochen bricht, dem soll man keine Freiheit zuerkennen! Rosa Luxemburgs Tod ist nicht ein persönliches "Schicksal", sondern ein Politikum, das die Rezipienten ihrer politischen Theorie mitzubedenken haben. Nicht nur zitieren, hier die Mutter, sondern selber denken!
Rosas Tod ist auch ein Symbol für alle Morde an Sozialisten, die 1914 und nach 1918, in Deutschland bis 1945 und später, in anderen Kontinenten seither mit regelmäßiger Grausamkeit geschehen. Spanien, Chile, Indonesien, Brasilien, Argentinien, Griechenland und und und.
Die Verwirklichung von Rosas roter Demokratie hängt ganz zuletzt von den "führenden Genossen" ab. Sie hängt ab von ihrer Überlebensmöglichkeit (wenn wir uns schon auf sie konzentrieren wollen und falls sie überhaupt etwas taugen für die Geführten!). Von ihrer Möglichkeit, am Leben zu bleiben.
Ich lege jetzt den Spiegel zur Seite. Möglich, daß ich Ihnen unrecht tat, möglich, daß Studi Storici Ihren Artikel ganz anders wiedergibt, so daß ich Sie mißverstanden hätte.
Aber ich denke, ich habe Sie richtig verstanden, wenn ich neben Ihren Aufsatz einige der blauäugigen Äußerungen Wolf Biermanns halte. Der will eine KP in der BRD à la Italia. In einem Land, in dem Jusos, Linksliberale, tätige Christen, ja sogar linke Sozis verfolgt werden, entlassen? Wenn man nicht zusammen mit Kommunisten gemeinsame Ziele, z.B. die Abrüstung, erarbeiten darf, ohne verfolgt zu werden, dann darf man schon gar nicht Kommunist sein. Was meinen Sie eigentlich, wie oft Der Spiegel Sie noch erwähnen würde, wenn Sie hier bei uns leben würden? Sehen Sie sich bitte mal die Öffentlichkeitswirkung Biermanns heute, hier bei uns, nachdem er also hier ist, an: nullkommanull! Und wer sollte hier etwa eine "italienische KP" gründen? Etwa die Sozis, die dauernd mit heruntergelassenen Hosen rumlaufen, damit die Tritte des Strukturfaschismus ja nur präzis ins Loch gehen? Oder Anti-Leninisten, deren schlampige Theoreme eine einzige klare Perspektive haben: die Uni-Dozentur? Oder die paar zigtausend belesenen BRD-Linken, die so kaputt sind, daß schon die Frage der Organisierung zu hysterischen Reflexen führt, so kaputt, wo guten Willens, daß sie zu Kooperationen einfach psychisch nicht fähig sind?
Sagt Ihnen niemand, was hier los ist? Die BRD ist ein zivilfaschistischer Staat, der militärfaschistisch werden könnte. Das Grundgesetz ist die Attrappe fürs westliche Ausland. Es kann durch eine "Totalrevision" abgeräumt werden. Der Nachfolgestaat des Deutschen Reiches ist die BRD. Selbst wenn sie keine Nachfolgerechte in Anspruch nehmen würde: sie wäre es auch dann. Alle ihre Institutionen führt sie offiziell auf die Jahre 1869-71 zurück - z.B. "Hundert Jahre AA" - und das Berufsbeamtentum laut Bundesverfassungsgericht sogar auf 1775! Gibt es irgendwo in der Welt eine Republik, deren Institutionen älter sind, und sich dieser Anciennität öffentlich brüsten, als die Republik selbst? Nein! Das ist eine deutsche Spitzenleistung, eine der grauenhaften Lächerlichkeiten, deren nur diese Helotenbevölkerung mächtig ist. Am Reichstag des Gerschtlemaier wurde restauriert die Zollernsche Huld: Dem Deutschen Volke! Ab heute dürft Ihr schön Demokrätsches spielen, deutsche Hunde! Und sie spielen es perfekt.
In den Ministerien der BRD herrscht das SS-Gesindel, seine Nachzucht (ohne Nazi-Ideologie, die braucht man auch gar nicht für einen Faschismus!) oder seine kleinbürgerlichen Diener. Der BND leitet sich direkt von Hitlers Ostarmee ab. Die SPD ist nicht verlogen-"reformistisch", sondern, einzig in der SI, noskistisch. Sie exportiert Strichjungen-"Sozialismus" nach Südeuropa, Afrika, Lateinamerika. Egoismus, Brutalität, Tücke sind notwendige menschliche Eigenschaften für den Erfolg im Berufskampf und deshalb verbreiteter als in nicht durchkapitalisierten Gesellschaften. Neben den "legalen" Berufsverboten - legal wie Hitlers Machtergreifung - gibt es die mittels juristischer Treibjagd, Auspressung von Falschaussagen, Unterschiebung von Diebsgut (wie neulich bei einem unbequemen Betriebsrat, den anders man nicht fristlos kündigen konnte). Selbstmorde der zu Falschaussagen Erpreßten geschehen, ohne daß ein (in Zahlen: 1) Staatsanwalt oder Journalist untersuchen, nach Recherchen berichten würde. Dafür dürfen die beamteten Totschläger öffentlich die des Mords bezichtigen, die zu hart waren, sich in den Tod treiben zu lassen. Bis auf wenige, von Abteilungsleitern des Verfassungsschutzes und Vorstandsmitgliedern der SPD unter Druck gesetzte, mutige, kuschen die Journalisten. Goebbels und ein Propagandaministerium braucht man bei uns nicht mehr, seit die jüdischen Journalisten tot sind. Kritik an der Regierung ist möglich, wir leben doch in einer Demokratie. Aber faktisch nur Kritik von rechts.
Möglich, daß Italias KP eine erfolgreiche Politik macht. Ich wünsche es ihr. Möglich aber auch, daß gegen sie geputscht wird. Jedenfalls in der BRD ist eine "italienische" Politik nicht einmal versuchsweise möglich. Jeder, der es versuchte, würde - wie es ein SPD-Vorstandsmitglied einmal zu Dutschke sagte - "kriminalisiert".
Sicherlich gibt es an und in der DDR vieles zu kritisieren und zu verbessern. Aber ich bitte Sie, doch einmal die Relation zu beobachten, in der die DDR und ihre Verbündeten zum Westen und besonders zur zweitstärksten und erstaggressivsten NATO-Macht BRD stehen. Selbst wenn alles an Ihrer DDR-Kritik richtig wäre - ich finde das nicht -, bekäme alles einen anderen, nämlich unwichtigeren Stellenwert, wenn Sie sich entschließen wollten, das Weltganze sich vorzustellen.
Es würde bestimmt nicht schaden, wenn Sie sich die BRD unmittelbar ansehen, wenn Sie rüberkommen würden und sich dann nicht nur mit den installierten Systemkritikern des Kapitalismus unterhielten, sondern mit den vielen kleinen, namenlosen, meist auch politisch bewußtlosen Ausgebeuteten, Zerstörten dieses Systems. Sie sollten das selbst mit Ihren Behörden so ausmachen, daß Sie nach einiger Zeit zurückkommen könnten und zwischenzeitlich Ihre Ansprüche nicht verlieren würden. Die Abmachung könnte ja publiziert werden.
Es ist bedauerllch, daß in der DDR, aus welchen Gründen immer, diese (u.a. Ihre) schiefe Optik entsteht. Wenn ich daran denke und unseren Zeitungen glaube, daß Pastor Brüsewitz' Tat Ausdruck einer Massenstimmung war, dann kann uns in der BRD nur bange werden beim Gedanken, diese "Demokraten" könnten sich bei einer "Liberalisierung" in der DDR durchsetzen. Denn dann wäre nicht ein Neofaschismus, sondern der ganz konkrete deutsche Nazismus wieder komplett, zusammen in einem ins immer großdeutscher tendierenden Reich.
Ich will Brüsewitz nicht schmähen. Ich versage es mir ebenso, ihn zu psychologisieren, da die Psychoanalyse bekanntlich von Christen als Beleidigung der Gottesebenbildlichkeit angesehen wird. Brüsewitz war derart gegen die Gesellschaftsordnung der DDR, daß er sie zuletzt attackierte, indem er sich selbst opferte. Mit dieser Beschreibung habe ich ihn sicher nicht geschmäht.
Bedenke ich das Ende dieses Pastors und glaube ich der Ost-Berichterstatlung der westlichen Medien, die ich nicht am Ort überprüfen kann, dann ergibt sich ein Bild, das jeden Abbau der Partei- und Staatsmacht in Mittel- und Osteuropa als Gefahr für Frieden und Humanität erkennbar macht. Die DDR: die Bevölkerung muß mehrheitlich lutherisch-deutschnational und antirussisch-antisowjetisch sein. Polen: katholische und antisemitische Chauvinisten. Ukraine: dasselbe auf orthodox. Kaukasus und Zentralasien: dasselbe auf islamisch oder georgisch. Usw. usf.. Für eine "Demo"kratisierung, die solche Mehrheiten an die Macht spülen würde, danken westliche Sozialisten bestens. Ja sogar alle Friedliebenden und Humanisten bedanken sich höflichst für ein Zukunftsangebot, das Massenvertreibungen und Grenzkonflikte völkisch-rassistisch-religiöser Art zur Folge haben muß. Demokratie für potentielle Inquisitoren, Hexenverbrenner, Ketzerrichter, Faschisten, Rassisten darf es nicht geben.
Ich habe den Eindruck, daß Sie noch in einem wichtigen Punkt Stalinist sind. Sie glauben anscheinend, der Sozialismus sei völlig realisierbar, solange es auf der Erde noch größere kapitalistische Gesellschaften gibt. Sie glauben anscheinend, daß, wie ein vollentwickelter Sozialismus "in einem Land" (Stalin), einer "in einem sozialistischen Weltsystem" möglich sei. Er ist so leider nicht möglich. Und daß er nicht möglich ist, liegt nicht primär am Charakter sozialistischer Staats- und Parteifunktionäre. Wenn diese ihre Macht über alles lieben und an dieser bleiben können, nicht vom Volk weggefegt werden, dann hat das primär gesellschaftliche Ursachen. Und diese sind letztlich im Gesamtzustand der ganzen Menschheit verursacht. Die Menschheit insgesamt lebt im sozialen Antagonismus. Zumindest ökonomisch und deshalb überhaupt bilden die sozialistischen Staaten keine autarke, sozusagen insulare Hemisphäre. Ökonomisch, politisch, militärisch sind sie gezwungen, auf die nichtsozialistische Welt unmittelbar und vorausschauend zu reagieren.
Die Lösung der Problematik, die Sie akzentuieren, liegt im Weitergang der sozialistischen Revolution. Wenn die Konzeption der Linksparteien in Lateineuropa zum Ziel führen würde, wäre geholfen. Es würde die militärische Spannung in Europa abbauen. (Dialektisch würde sie sich in der BRD dann verstärken). Wir alle müssen die Linksparteien in Lateineuropa unterstützen. Scheitert ihr Konzept, müßten wir neue Konsequenzen ziehen.
Eine Gegnerschaft zwischen KPI und beispielsweise SED ist keine Hilfe. Vielmehr müßte man den Italienern erklären, wodurch das "Preußische" an der DDR zustandekam und fortwährend von außen provoziert wird. Italien liegt nicht in Mitteleuropa noch war es das Land mit dem unmenschlichsten Faschismus noch hat er je mehr als 20% der italienischen Wähler hinter sich gehabt (Deutschland war zu 95% nazistisch). Es ist für Italiener schwer, ohne weiteres den viel schärferen antagonistischen Prozeß in Mitteleuropa zu verstehen. Mitteleuropa 1968: dort Dubcek, hier Kiesinger. Und das ist so personalisiert nicht zu verstehen, wie es hier aussieht. Hier sind ganze Völker gemeint.
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