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Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge...
Aus: kuckuck 35/36, 1982
1982-06-13
Am 8. Dezember 1981 war in der Welt zu lesen: "Büscher wurde wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 2000 Menschen zu dreieinhalb Jahren, von Coelln wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 200 Menschen zu zwei Jahren Strafe mit Bewährung verurteilt."
Wegen nicht beweisbaren Verdachts der Mitgliedschaft in einer als links geltenden - und das macht es aus: geltenden! - terroristischen Organisation und vermuteter, nicht bewiesener Beihilfe zu einer ihrer Mordtaten kommt man nicht unter Lebenslänglich davon. Ganz abgesehen von der Aussicht zu glauben, während der Haft Selbstmord begehen zu müssen, zumindest um sich erkenntlich zu zeigen für Nachhilfestunden in Akrobatik. Zum Beispiel: Wie man eine Pistole sich rechtwinklig zum Genick in dieses setzt, einschließlich der Kunst, jenen Abstand von der Haut zu wahren, der nötig ist, damit keine Schmauchspuren sich auf ihr niederschlagen. Das ist Rehabilitation von Straftätern à la Deutschland.
Keine Rolle spielt es, wie gesagt, ob Straftaten nachgewiesen werden konnten. Doch eine, ob die Täter zum linken oder rechten Spektrum zählen. Die politische Einschätzung ist's, die den Ausschlag gibt für Freiheit in Bewährung bei nachgewiesen dreistelligem Mord - pardon: Beihilfe zum Mord, oder für Lebenslänglich mit Beihilfe zum Selbstmord bei nicht nachgewiesenem Mord. In diesem Land muß man Nazi sein oder Christ, um immer gut davonzukommen. Das haben Baader und Enßlin nicht bedacht. In diesem Land gibt es Höllen mit Dauerfeuer, das auch nach Niederlagen einer höllischen Regierung nicht nachläßt. Die Nazis brauchten sich nur christlich, liberal und sozialdemokratisch umzuputzen, und schon ging es weiter im Schritt.
Von den Kinderhöllen in Deutschland müßte ich zuerst erzählen, denn dort fängt "unpolitisch" alles an, was die Kontinuität deutscher Staatsgewalt ausmacht. Der Gewaltstaat mit dem Gewaltmonopol, zu dem auch die Freiheit zum Verfügen über Menschen, zum Verleumden von Menschen gehört, beginnt in den Familien und Schulen.
Ich könnte von Kinderhöllen erzählen, in Arbeiter- und Kleinbürgerfamilien, ab 1900. So weit reicht mein Familiengedächtnis zurück. Weiter würde es gehen, hoffnungsvoll in der Familiengeschichte, bis zum Einbruch 1933. Danach wieder Höllen. Aber davon erzählen wollen, allein es zu wollen, macht die Hände zittern. Die Wut über die gutweggekommenen Naziverbrecher, schlechtweggekommen nur im Vergleich zu ihren unauffälligeren, besser protegierten Komplizen, die in alle Ämter dieses Staates eingesickert sind, unter Christen wie unter Liberalen und Sozis, läßt das Blut in den Kopf schießen, so daß ich die Schreibmaschine kaum noch handhaben kann und mir das Maschinengewehr wünsche. Nein, das will ich denn doch nicht erzählen. Ich wüßte auch nicht, wer das wissen wollte. Nicht einmal die, die sich darüber wundern, daß ich nicht nur vom Nazismus nichts wissen will, sondern auch vom Christentum keinen Brotkrumen mehr annehme, weil ich weiß: mit der Mildtätigkeit beginnt das Gefangennehmen für den christlichen Staat, der dann und wann, aber regelmäßig, einen Nazismus hervortreten läßt.
Ich will deshalb nur von einem sprechen, mit dem ich damals kein Wort gesprochen habe. Denn im Bann der Angst haben er und ich einander kaum wahrgenommen. In Erinnerung ist mir nur noch der letzte Tag vor seinem Abtransport, als er sich in der Schule verabschiedete.
Er hieß wirklich so: Timotheus Kreuz, ein gut katholischer Name, denn er war katholisch. Er war auch, was wir, ohne kränkende Absicht, einen Zigeuner nannten. Ob Sinti oder Roma, weiß ich nicht. Wie alt waren wir? Sieben oder acht Jahre. Es muß Ende 1939 oder Anfang 1940 gewesen sein.
Timotheus Kreuz war kleiner und dunkler als die meisten von uns, obwohl wir, im Durchzugsland des Rheingrabens, kurpfälzisch und kurmainzisch, der mediterranen Beimischung bewußt, noch nicht richtig deutsch - das kam erst mit den Evakuierten, dann den Flüchtlingen, zuletzt durch Radio und Fernsehen richtig nach unten ins Volk, war damals nur ein Bewußtsein der Protestanten im Beamtenviertel -, obwohl auch wir also nicht sehr blond und hochgewachsen waren. Wir waren unten. Unten war eine böse Stimmung; Neid, Haß, ewiger Streit, Heimtücke, Verleumdung, Ehrabschneiderei, und das alles feige, nicht gegen die dort oben gerichtet, sondern gegeneinander. Die unten waren katholisch. Sie waren ab 1648 zwangskatholisiert worden, diese Kernbürger, wie sie sich nannten. Das reformierte Element mußte, um sonntags zum Gottesdienst zu kommen, den ganzen Weg durch die Rheinebene nach Worms laufen, zwanzig Kilometer hin, Brückenzoll zahlen, zwanzig Kilometer heimwärts, das macht müde. Im Lauf der Zeit wurden es immer weniger Protestanten und immer mehr Bekehrte. Und die waren danach: Zerbrochene. Das hatte sich als Sozialcharakter fortgeerbt, obwohl das Kujonieren aufgehört hatte, als Napoleon den Rheinbund schuf. Da war es zu spät. Unter der nazistischen Oberschicht, die menschlich, wie alle Oberschichten, soweit es nicht hinaufgekletterte SA-Männer waren, angenehmere Umgangsformen hatte, ganz abgesehen von ihrem Hochdeutsch und ihrer - besseren? - jedenfalls deutschen - Bildung, unter ihr also die breite bäuerliche und kleinstbürgerliche Unterschicht, bösartig durch eine jahrhundertealte obrigkeitliche Erziehung mittels Brutalität, Bespitzelung und Verhöhnung. Aber auch gemütlich und gutartig, wenn der innere Druck, der ja immer länger anhält als der äußere, momentan nachgelassen hatte. Und scharfäugig, abfällig, stets das Allerböseste unterstellend gegenüber Staat und Barras. Kritik gab es damals noch, engstirnige, aber voll zutreffende. Damals, als es noch kein Fernsehen gab und die Zeitung für die meisten zu teuer war. Damals und dort war der katholische Pfarrer der artikulierteste Meinungsmacher der Unteren. Er war auch der Meinungsmacher gegen die Juden.
Aber wir erzählen ja von Timotheus Kreuz, der klein und dunkelfarbig war, aber kein Jude, sondern katholisch. An dem Tag, den ich als einzigen im Gedächtnis behielt, was Timotheus angeht oder in unserer Sprache: Timoodjus, da ging er nach vorn zum Lehrer und sagte ihm in seiner leisen und sehr höflichen Art, die sich von unserer rohen Umgangsweise abhob, er wolle sich verabschieden. Als ob ich einen alten, überbelichteten, striemigen Film sähe, so erinnere ich mich. Er sagte, seine Familie müsse wegziehen aus unserer Stadt, nach Polen. Wir wußten, weil gerade der Krieg dort stattfand oder stattgefunden hatte, daß Polen ein weit entferntes Land war, weit hinten weg lag es für uns. Sehe ich mir den alten Film der Erinnerung jetzt an, dann erkenne ich deutlich, daß Timotheus nicht gern wegzog. Er muß die Angst seiner Eltern, die kaum artikuliert gewesen sein kann, widergespiegelt haben.
Der Lehrer verabschiedete ihn freundlich nach einigen wirklich anteilnehmenden, neugierigen Fragen, die Timotheus nicht zu beantworten wußte - oder habe ich das vergessen, weil ich damals wie in einem Traum lebte, der durch tief verstörende Erlebnisse zerrissen wurde, nach denen ich mich nur um so tiefer ins Träumen zurückzog? Und Timoodjus ging leise, noch einen Blick in den Klassenraum werfend, hinaus. Der Unterricht begann. Ich habe nie wieder von ihm gehört. Der Erinnerungsfilm hält fest, wie er stolz, gelassen, unverkrampft, leise lächelnd, ein Aristokrat mit dem geschmeidigen Gang eines Königstieres, zur Tür geht.
Wir wissen, was mit den Zigeunern geschah. Wir wissen, was mit den Juden geschah. Ich will hier nicht vom kleinen Minc erzählen, der durch die Straßen und Höfe gehetzt wurde. Ich bin Zeuge und Mittäter. Mittäter einmal nur, aber schlimm genug, weil ich selbst gehetzt worden war und, einmal wenigstens, die Meute von mir ablenkend, in ihr untertauchen konnte. Das lief ganz automatisch ab. Skrupel, Mitleid erst im Augenblick des Geschehens, und Schuldgefühl von da an bis heute. Die Meute, das waren nicht die feineren Beamtenkinder, deren Väter aus Überzeugung oder Opportunismus Nazi waren. Die Meute war katholisch. Und ich war das auch in einer anderen, familiär gebrochenen Weise, die ich damals nicht hätte analysieren können.
Die Mörder, jene, die mit Spaten Kinderköpfe einschlugen, sie kamen überwiegend aus unserer Schicht; Unterklasse, dumpf, voller Ressentiment, seit den Tagen der gescheiterten Bauernkriege wissend, wie stark, auch stark im Überlisten, die Oberen waren; auch, längst nicht mehr bewußt, den Protestanten den Verrat ihres Obertölpels Luther nachtragend, zwangskatholisiert demnach halb freiwillig, nachdem die Evangelischen getrogen hatten.
Die Schreibtischmörder aber kamen aus den Beamtenvierteln Deutschlands und Österreichs, wenn auch, zufällig, nicht aus unserem. Die Beamten hatten Auszüge aus der Bevölkerungsliste, den Einwohnerregistern gemacht, auf denen die Namen Kreuz, Minc und andere standen. Da war kein Blutrausch, kein Haß, kein Abreagieren alter Wut. Das war Routine. Alles ging seinen bürokratischen Gang. Menschen wurden "erfaßt", von der stählernen Hand. Beamte, Polizei, Reichsbahnsbähnler. Keine Schlampereien, keine Verspätung, kein Lärm, Blutdruck normal. Überstunden ohne Bezahlung, ganz selbstverständlich. Pflicht tun. Ordnung, Sauberkeit. Dissiplihn. Das war schon so, lange, lange vor den Nazis, das blieb auch so, lange, lange nach den Nazis. Das ist deutsch.
Teilnahmslos, ehrlos, sachlich, jede natürliche Regung unter Kontrolle, bis sie tot war, unfähig zu rebellieren: so haben sie dem Abtransport ihrer Nachbarn und Glaubensgenossen, ihrer Kollegen und Andersgläubigen zugesehen. Cyclon-B, deutsche Wertarbeit. Die Neutronenbombe, diesmal nicht deutsche Wertarbeit. Vernichtungsmittel sparsam dosieren, Kampf dem Verderb! Man will ja keinen leiden machen, nur nicht schrein, das geht ja auf die Nerven! Anständig jebliehm! sagte der Adjutant Himmlers dem Oberbuchhalter der Insektenvernichter. "Anständig jebliehm" reicht für Karrieren in Deutschland völlig aus. Menschen morden und anständig bleiben, da kann man Bundesbeamter, höherer Polizeioffizier, Medienpropagandist, Diplomat, Bundeswehrgeneral, Staatsanwalt, Richter, Ministerpräsident, Kanzler und Politiker aus christlicher Verantwortung oder, wenn's geografisch einfacher ist, aus hanseatisch-sozialdemokratischer Solidarität werden.
Unsereiner, den Aufhau einer noch größeren Menschenvernichtungsmaschinerie - wieder mit politischer und technischer Hilfe deutscher Oberer - sehend, aber auch den Vorwand, den dieser Aufbau bietet für denkschwache Pazifisten, deren Herz die Zunge antreibt, aber nicht im geringsten das Hirn, unsereiner kehrt zu den Unteren zurück. Die es so wie damals nicht mehr gibt. Die Timotheus Kreuz und die Minc und ihre Mischpoken leben nicht mehr. Der Haß der Unteren ist vorerst verraucht; sie sind sich einig mit den Oberen, solange sie sich deutsche Kultur, zwar nur in Form altfränkischer Fabrikstilmöbel, aber warum auch echte, kaufen können. Kritik, plumpe, immer das Allerschlimmste unterstellend, und damit immer treffende, gibt es nicht mehr. Die unten sehen Gemeinsamkeit mit den Oberen: das Blut, das gemeine, gemeinsame, gemeinsam vergossene. Der Fremdenhaß wird seit 1933 auch von den Oberen praktiziert, viel effizienter und ohne unsere ewige Aufgeregtheit, dieses schwere Schnaufen beim Schädeleinschlagen, gell. Nein, nur im äußersten Fall würde man - man! - Türken mit Brachialgewalt hinauswerfen. Ein sozialdemokratischer Oberstadtdirektor zeigt, wie man's eleganter macht. Ungefähr so elegant wie die restliche Reichstagsfraktion der SPD, als sie 1933 einen Arierparagraphen einführte, was die Nazis den Sozis dummerweise nicht gutschrieben: Der Hitler hätt viel mehr Zutreiber zu den KZ gehabt, wenn er die Sozis, statt sie reinzustecken, bei ihrer deutschen Ehre gepackt hätte.
Untere und Obere vereint, ein einig Volk von Nazis, rein christlichen, dahin geh ich zurück. Nazis raus aus Deutschland, dann haben wir genug Platz, schrieb mir gestern ein guter, gescheiter Einzelgänger. Aber wo sollen denn die ganzen Deutschen hin, frage ich. Sollte man ihre Bewährungsfrist in Freiheit, die jetzt 37 Jahre währt, nicht verlängern? Sie sorgen doch selbst für die Entleerung dieses Landes von Menschen, pardon: Zombies; sie wählen doch alle Raketenparteien oder Parteien, die nur protestieren gegen Raketen, also von ihnen gebannt sind.
Unsere Städte, klagt ein sozialdemokratischer Oberstadtdirektor, quellen über von Ausländern, insbesondere Asiaten. Sie seien überwiegend keine politischen Asylanten, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Als ob die Hungerwirtschaft draußen nicht verursacht sei von unserer Ausbeutungswirtschaft, als ob Wirtschafts- nicht politische Flüchtlinge seien! Die Vorfahren des Timotheus Kreuz kamen aus Asien, Timoodjus hatte ein indisches Aussehen. Die Vorfahren des kleinen Minc kamen aus Asien, ob Palästina oder vom Kaspischen Meer. Die sind wir los, gell, ihr Sozis. Und nun kommen sie wieder. Uns hilft kein Gott, kein Kaiser, kein brauner Tribun! Müssen wir Sozis schon selber tun?
Und da haben sie jetzt ihr Kreuz. Folgen sie, zusammen mit den Politikern aus christlicher Verantwortung, deren Vorfahren schon manche Scheiterhaufen, für Ketzer und Hexen, verantwortet haben, dem sozialdemokratischen Oberstadtdirektor - dann müssen die Ausländer raus, dann sind sie aber gerettet. Und folgen sie dem Erfinder des Doppelbeschlusses, und sie folgen dem sozialdemokratischen Oberleutnant, dann ist Deutschland bald zombiefrei. Verfliegen die radioaktiven Schwaden, dann kommen die Ortskundigen zurück, mit ihrer ganzen Mischpoke. Waldloser als auf der seit Osmans Tagen abgeholzten anatolischen Ebene, beengter als in den Großstädten Indiens und den Flußoasen des Nahen Ostens wird es hier nicht sein. Und die Waren unverletzt, neutronengeschützt, in Hüllen und in Fülle.
Wenn die Deutschen endlich am Ende ihres Weges der Unmenschlichkeit angekommen sein werden, wenn sie, was ich weder wünsche noch, auch nicht unter Aufbringung aller Kraft, verhindern kann, Selbstmord begangen haben - dann wird Timotheus Kreuz sein Heimatrecht nehmen.
Wenn niemand heute die Geschichte unserer Kinderhöllen wissen will, die ich erzählen könnte, diese Geschichte vom Timoodjus wird vielleicht, aufgefunden, da von der Neutronenbombe nicht verbrannt, die Legitimation der Landnahme eines so menschenleeren Territoriums abgeben, wie es schon arm an Menschen war, als es noch auf ihm wimmelte von Menschen.
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