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Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge...

2002-07-31

Tarik Erich Knapp

Eine Art Friedensverbrecher

Nach den zwei oder gar drei Staatsverbrechen 1975 in Kairo fiel es mir wie Schuppen von den Augen: "Der Schoß ist fruchtbar noch...", hatte Horkheimer in Frankfurt gesagt. Nun leuchtete mir dieses Verdikt ein. Endlich!

Ich begann mit intensiven Nachhilfelektüren bei den Frankfurtern, auch bei Trotzki, I. Deutscher und E. Fromm. Adorno zwar ödete mich immer noch an; Anna Freud langweilte mich mit ihrem Gestelze, Ludwig Marcuse rührte mein Herz, Blochs "Materialismusproblem..." rührte mein Hirn um. Herbert Marcuse ließ mich kalt, aber hier erfuhr ich, was die Linke "dachte". Der "Kapital"-Kurs war für die Katz, hing mir zu hoch, wurde nie konkret genug. Trotzki, Parvus-Helphand rissen mich mit, dennoch war der Großkriminelle aus dem georgischen Gori für mich der realistischere Realist. Ich hatte mich mit der Unmenschlichkeit einigermaßen abzufinden gelernt.

Mein Blick auf die globale Lage fand nun eine andere Akzentuierung. Ich wollte einen Naziverfolgten, Havemann, um den jetzt in der Presse ein großes organisiertes Bohei anlief, warnen. Ich sprach Klartext. Meine biografischen Hintergründe sprachen dafür.

In meinem Arbeitszimmer hängen zwei billig gerahmte, doch mir kostbare Dokumente an der Wand. Sie beurkunden nicht Beförderungen oder Titel, sondern Entlassungen aus dem Öffentlichen Dienst Deutschlands. Das eine vom 28.9.1933 verkündete meinem sozialdemokratischen und antinazistischen Vater Philipp, daß ihm gemäß § 4 des sogen. Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums fristlos die Stellung gekündigt wurde, "weil nach Ihrer bisherigen politischen Betätigung und den vorliegenden Tatsachen" er "nicht die Gewähr dafür biete, daß" er "jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintrete..." Gegen diese Entlassung sei unter Ausschluß des Rechtsweges das Rechtsmittel der Beschwerde an die oberste Landesbehörde zulässig. Diese erfolgte zwar binnen zwei Wochen, war aber natürlich erfolglos.

Die zweite Urkunde ist eine Kopie des entschlüsselten Fernschreibens Nr. 248 vom 9.4.1975 an die Botschaft Kairo, in dem mir "gemäß § 54 BAT fristlos gekündigt" wurde, weil ich die Grenzen überschritten hätte, "die einem Angehörigen des Öffentlichen Dienstes gezogen sind." Diese Grenzüberschreitung bestand nur in dem kritischen Brief eines Sozialdemokraten an den Genossen Bundeskanzler Schmidt.

Die erstgenannte Urkunde war die Folge der nationalsozialistischen Diktatur, die zweite die der sozialliberalen Bonner Regierung, die gerade dabei war, mithilfe alter Ribbentropleute im AA und in der FDP ihre Ribbentrop-Molotow-Politik zu erneuern und auszubauen.

Ich wollte nicht, daß sich Havemann gefährde und faktisch für den deutschen Kapitalismus arbeitet, den er früher einmal bekämpft hatte. Ich wußte ja, daß jene, die ihm im Westen den Beifall organisierten, ebenfalls kriminell waren und ganz andere Ziele hatten als er.

Nein, so läßt es sich nicht beschreiben! Ich muß tiefer ansetzen!

Ich bin das Produkt einer jüdischen Assimilation an Deutschland, die Nazis und nicht nur sie, sondern viele antinazistische Christen bezeichneten mich als einen "Vierteljuden". Wen kann erstaunen, daß in meinen Augen die Nazis die ärgsten Feinde Deutschlands sind? Sie haben von 1933 bis 45 unser Vaterland zerstört und beschädigt für viele kommende Jahrhunderte.

Nach dem Krieg wollte ich helfen, Deutschland wieder politisch, aber in haltbarer Form, aufzubauen. Der Koreakrieg bedeutete mir die Gefahr einer Ausweitung des stalinistischen Nazismus-Zwillings auf den mir frei erscheinenden, also kapitalistischen Westteil Deutschlands. Nie mehr Politkriminalität in Deutschland! Schon früh hatten die Ribbentropler und die Nationalneutralisten auf dem moskowitischen Rapacki-Wagen Platz bezogen. Nun hatten sie in Bonn die Macht erschlichen, und prompt war sie wieder da: die alte Regierungskriminalität.

Der alte Adenauer war mein Bundeskanzler gewesen, obwohl ich den damaligen Katholizismus, vom Lutherismus zu schweigen, wegen seines Antisemitismus hassen gelernt hatte. Ich trat nicht in die CDU ein, war aber ein "Adenauerist". Unser offen verkündetes regierungsamtliches Ziel hieß "Wiedervereinigung Deutschlands in den Grenzen von 1937".

Für mich hatten und haben die Vertreibungen von 15 Millionen Ostdeutschen prinzipiell dasselbe Verbrechen bedeutet wie die Vertreibung der deutschen Juden aus Deutschland. Die späteren Anerkennungen der Ergebnisse solcher Verbrechen nenne ich deshalb die deutschen Friedensverbrechen. FRIEDENSVERBRECHEN sind feiger Verrat am Rechtsprinzip unter dem Tarnmantel der Friedensliebe - eine uralte Strategie christlicher und paganer Art, die faktische Komplizenschaft mit dem Unrecht, Verrat am Natur- und Völkerrecht, Verrat an Gott.

Im Lauf der Jahrzehnte erlebte ich, wie auch die CDU/CSU das ursprüngliche Ziel der Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 "realpolitisch" aufzugeben bereit war. Wie aber hätte ich die Oder-Neiße-Linie akzeptieren können, da ich doch wußte, daß die Polen wie die Deutschen mörderische Judenhasser waren?

Die moralisch und strategisch stagnierende C-Union verlor jede Initiative, sie stand nicht weiter für eine große Aufgabe, nachdem Adenauer tot war. Folglich wurde sie auch von der FDP/SPD abgelöst.

Ich behaupte nicht, daß ich das alles vorausgesehen hätte. Aber meine politischen Stellungnahmen, darunter auch mein Brief an Havemann, lagen in der sich entfaltenden Logik meines Lebens ab ovo.

Deutsche Gutmenschen mit Pensionsanspruch, wie sie sich in der und um die SPD und am Linksrand der FDP suhlen, werden mir meine Briefe an den edlen Sozialisten Havemann übelnehmen; und haben sie auch verübelt, hatte ich doch faktisch aufseiten der DDR-Stalinisten, die ich früher noch als SBZ-Stalinisten bezeichnete, Stellung bezogen. Diese hatten das sogleich kapiert, hatten doch Stasileute bei der Post, vermutlich nach Kontrolle, die Schreiben umstandslos an H. weitergeleitet.

Ich sympathisierte zwar im Herzen mit H.s Ideen, mein jetzt geschärfter Realitätssinn jedoch zwang mich zur zähneknirschenden Anerkennung der harten Gegebenheiten der politisch nach wie vor kapitalistischen, also, nach Horkheimer, nazistischen Welt.

Mit Krokodilstränen in den Augen möchte ich mich gern entscheiden zwischen meinem jungenhaften politischen Idealismus und meinem mit vielen Prügeleien erworbenen Realismus. Auch in dieser Sache jedoch muß ich viel tiefer ansetzen.

Als Kind habe ich natürlich in der Bibel mit heißem Herzen gelesen. Damals fand ich den Betrug Jakobs an seinem Bruder Esau verachtenswert. Da kommt so ein hungriger und abgearbeiteter Menschenbruder zurück auf den väterlichen Hof und bittet um einen Teller Linsensuppe, und der feine und abgefeimte Herr Bruder fordert als Entgelt für eine selbstverständliche Gabe frech das Erstgeburtsrecht vom eigenen Zwilling. Empörend so was! Und solch ein Strolch soll ein Prophet sein und ein Urvater der Juden?! Selbst den alten, blinden Vater Isaak hatte das empört.

Erst später fiel mir nach abermaliger Bibellektüre auf, daß Esau der Schwager seines gleichfalls enterbten Onkels Ismael wurde. Was bedeutet denn "Erstgeburtsrecht", fragte ich mich. Etwa das Erbe an Viehherden, Weideflächen, Brunnen und Hütten, oder was? "Alles ist eitel, auch irdische Güter, DU aber bleibst"! Das ist eine andere Lektion aus der Bibel oder aus einem Kirchengesangbuch.

Heißt Erstgeburtsrecht vielleicht geistige Erbschaft des Hauses Abraham? Esau "verachtete das Erstgeburtsrecht", lese ich in Musas erstem Buch (25:34). Bestand Esaus Verachtung schon darin, daß er vor der Heirat mit einer Tochter Ismaels zwei hethitische Frauen geheiratet hatte? Wie hätte aber unter den damaligen Verhältnissen in einer nichtmonotheistischen Welt die geistige Linie Abrahams fortgesetzt werden können mit Eheschließungen zwischen Monotheisten und hethitisch-heidnischen Frauen? Der monotheistische Gedanke hatte unter der Menschheit gerade erst wenige Generationen zuvor Fuß gefaßt, er mußte jetzt wie in einem abgehegten Pflanzgarten gehütet und bewässert werden, um später einmal ausgesät werden zu können. Als "Idealist" hatte ich Jakob hart abgeurteilt, als monotheistischer "Realist" jedoch erkannte ich, daß Jakobs erbärmliches Verhalten ideen- und ethohistorisch gerechtfertigt war.

Ähnlich mag es sich verhalten bei dem nachmarxistischen utopischen Sozialisten Havemann: Ich achte ihn als Mensch, als Antinazi und als sensiblen Denker, und ich achte bis heute ihn nicht als Kämpfer für einen heute realisierbaren Sozialismus - was einige Jahrzehnte nach Havemanns Tod ja auch von der Weltgeschichte bestätigt worden ist. Mein Wunsch lautet, daß die Geschichte auch über diese aktuelle Phase der Geschichte hinweggehen möge. Jetzt ist sie aber noch nicht so weit gegangen.

Siehe auch:
Horst Lummert: Erich Knapp in kuckuck (kulikri)

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