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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
Vertraulich
Bonn, 5. Juni 1953
Wir erstatten dem Gesamtvorstand der Bundespartei über die Lage im Landesverband Nordrhein-Westfalen folgenden
I.
Gegen den Vorstand des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen ist der Vorwurf erhoben worden, er habe durch sachliche und personelle Mißstände das Ansehen und darüber hinaus den Bestand der Gesamtpartei gefährdet; es sei versucht worden, die FDP durch fragwürdige Zielsetzung und unter Anwendung undemokratischer Methoden ideologisch und in ihrem Führungsstab umzustülpen, aus einer echt demokratischen Partei mit liberaler, fortschrittlicher Grundrichtung eine sogenannte nationale Sammelbewegung mit verkapptem autoritären Prinzip und unklarer politischer Zielsetzung zu machen und sich dabei auf bedenkenlose Opportunisten und unbelehrte frühere Nationalsozialisten zu stützen; die Lenkung des Verbandes erfolge durch einen Apparat von Geschäftsführern, die in der Mehrzahl hohe Chargen des nationalsozialistischen Regimes bekleidet hätten.
Es wird weiterhin der Vorwurf erhoben, daß Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer zu rechtsradikalen Kreisen, vor allem zu dem früheren Staatssekretär im Propaganda-Ministerium, Dr.Werner Naumann, in Kenntnis ihrer Absicht, einen autoritären und radikalen nationalsozialistischen Staat wieder zu errichten, Beziehungen unterhalten haben.
II.
Besonders schwerwiegend ist der Vorwurf der Beziehungen zu Naumann und seinem Kreis. Ob Naumann und seine Freunde strafrechtlich zu ahnden sind, berührt uns nicht. Nach den Unterlagen steht fest, daß er nach wie vor der nationalsozialistischen Idee anhängt und sich als prädestinierter Nachfolger Hitlers fühlt. Zur Durchsetzung seiner Ziele strebt er auch die Unterwanderung von Parteien und Verbänden an. Seine Absicht gegenüber der FDP hat er wie folgt umschrieben:
"Ob man eine liberale Partei am Ende in eine nationalsozialistische Kampfgruppe umwandeln kann..., möchte ich bezweifeln; wir müssen es aber auf einen Versuch ankommen lassen."
1) Der Ansatzpunkt für den Versuch, den Landesverband Nordrhein-Westfalen zu unterwandern, ist dem Naumann durch Herrn Dr.Ernst Achenbach geboten worden.
Im Tagebuch Naumanns findet sich folgender Eintrag (die schwer leserliche Schrift Naumanns ergibt in unwichtigen Punkten Unklarheiten):
***26. August 1950
Achenbach kommt mit einem Herrn Schmidt, ehemalige Reichsjugendführung.
Nach Vortrag über den Stand meiner Entnazifizierung erklärt er sich bereit, meine Interessen wahrzunehmen. In wenigen Wochen würde niemand mehr von der Entnazifizierung reden. Gott gebe es!
Wir kommen dann auf innerpolitische Fragen und auf die Bildung der Regierung Arnold zu sprechen. Achenbach ist als Wirtschaftsminister vorgesehen. Anscheinend stehen von den Industriellen Haniels (?), Springorum und ... hinter ihm, während Pferdmenges, Reusch zur CDU tendieren. Von dem BDE (BHE) erwartet er keine Erfolge. Mein Hinweis auf eventuelle Sammlungsbestrebungen und das Erscheinen einiger ...Gruppen bei den kommenden Wahlen wird als unrichtig übergangen. "Am Ende des Jahres gibt es in R.W. keine Entrechteten mehr, damit räumen wir auf."
Daß Adenauer im Augenblick nicht die schlechteste Lösung für uns ist, findet natürlich meine Zustimmung. Ein Volk in dieser Lage, ohne nationale Souveränität, von Hohen Kommissaren regiert, braucht Stresemänner. Um den N.S. unter diesen Umständen trotzdem einen Einfluß auf das politische Geschehen zu ermöglichen, sollen sie in die FDP eintreten, sie unterwandern und ihre Führung in die Hand nehmen. An Einzelbeispielen erläutert er, wie leicht das zu machen wäre. Mit nur 200 Mitgliedern können wir den ganzen Landesvorstand erben. Mich will er als Generalsekretär o.ä. engagieren!! Es ist ihm so ernst um sein Angebot, daß er zum Schluß bedeutet: entweder wir nehmen an und unterstützen ihn, oder er zieht sich aus der Politik zurück.
Interessant ist seine Antwort auf meine Frage nach der hohen Parteiführung. Es gibt überhaupt keine zentrale Führung einer Partei außer SPD und KPD. Blücher sei ein unmöglicher Mensch, an dessen Zurechnungsfähigkeit er zweifele. Und dann erzählte er Einzelheiten über Blücher, die niederschmetternd sind. Sein Staatssekretär nennt ihn Herr Vizekanzler, und er ihn Herr Staatssekretär. Adenauer habe ihn gebeten, für vier Monate seine Vertretung zu übernehmen, nur die Fragen Mitbestimmungsrecht und Remilitarisierung will er bearbeiten. Nun gut, "aber das kann der Mann doch gar nicht".
Die Geschichten von der Geburtenfreudigkeit in Frankreich und den statistischen Erhebungen in Hannover: "Bei vier Kindern ist die Qualität eben sehr viel schlechter. Die Natur hat auch ihre Grenzen."
Blücher habe keinerlei Grundsätze, er sei ein Lavierer, aber belesen und zum Ausgleich von Meinungen geeignet.
Meine Bedenken gegen die FDP kommen zur Sprache. Sie wird nie für die Arbeiter und die Jugend sprechen können. Sie gilt als Partei des Besitzbürgertums usw.
Stark abweichend sind unsere Ansichten über die Frage der Emigration unserer Intelligenzschichten, wenn die Russen kommen. Die Führung, so argumentiere ich, hat kein Recht, die Bevölkerung zu verlassen, wenn der russische Einmarsch erfolge. Auch das Abwandern der Intelligenz aus der Ostzone ist gefährlich. Der kleine Mann wird so seinem Schicksal und den Russen ausgeliefert. Wenn die Intelligenzschichten den Anspruch erheben, geistig unser Volk zu führen, müssen sie auch in Notzeiten beim Volk bleiben, so wie die Pastoren es tun. Das Gegenargument von Knieholz und den hohen Eichen, die unterschiedlich schwer den Stürmen ausgesetzt sind. De Gaulle, Pilsudski und andere werden gegen mich ins Feld geführt. Die Sinnlosigkeit, den Bolschewismus zu empfangen (?), man könne dann nur für ihn arbeiten oder umkommen. Wenn alle so denken, räumen wir ihm freiwillig das Feld, danken wir als Führer ab, und eine neue Schicht wird unseren Platz einnehmen. Wir hängen zu sehr am Leben, wollen alles versicherungsmathematisch vorher berechnen und tun nur dann etwas, wenn mindestens 51% Erfolgschancen bestehen. So auch die FDP.
Es werden dann in laufender Folge Besprechungen geführt mit Schacht, Axmann, Stein, Griesmeier, Siepen, v.Owen, Kränzlein (über die von ihm geplante Versicherung), Rudel, Skorzeny, Finckenstein, Franke-Griksch, Bornemann, Martin, Rienhardt, Graf Reisschach, Schwarz, Hayer u.a.
Nach dem Besuch bei Grimm werden alle auswärtigen Besuche eingestellt und der Empfang auf ein Mindestmaß beschränkt.***
Herr Dr.Achenbach bestreitet die Richtigkeit der Niederschrift Naumanns. Er erklärt, daß zwar die Angaben im übrigen richtig wiedergegeben seien, daß aber die angebliche Äußerung über die Unterwanderung der FDP dummes Zeug und mit seiner grundsätzlichen Haltung unvereinbar sei. Er sei wegen seiner amerikanischen Frau aus dem diplomatischen Dienst unter dem Nationalsozialismus herausgeworfen worden und habe nicht den geringsten Anlaß, den Nationalsozialismus wieder aufleben zu lassen. Er wolle nur die Rechtsstaatlichkeit und wolle gerade verhindern, daß sich eine radikale Opposition bilde. Er habe über eine politische Tätigkeit Naumanns und seiner Freunde nichts gewußt, Siepen nur als Diskussionsredner in einer eigenen Versammlung erlebt, Kaufmann und Scheel nicht gekannt, Bornemann nur zufällig einmal bei Naumann getroffen. Er habe gegenüber Naumann vielleicht gesagt: "Wer anständig ist, kann bei uns etwas werden wie jeder andere." Er habe Naumann nicht für ernst genommen.
Der bei dem Gespräch anwesende Herr Heinz Schmidt, jetzt Journalist in Düsseldorf, gibt an, daß Naumann am 20.August 1950 während des Mittagessens wohl von Herrn Dr.Achenbach zur Mitwirkung in der FDP im Sinne einer konstruktiven Politik aufgefordert worden sei, daß Naumann aber Bedenken gegen die FDP geäußert habe; er habe den Eindruck, daß Naumann sich ein eigenes Vorstellungsbild der politischen Welt gemacht habe, in die er alle anderen Menschen und Dinge einzubeziehen versuche. Er halte das, was Naumann niedergeschrieben habe, für einen solchen Wunschtraum. Er könne sich nicht erinnern, daß von einer Unterwanderung der FDP die Rede gewesen sei.
Herr Dr.Achenbach verweist ergänzend auf Dr.Werner Naumann als Zeugen.
Die Überprüfung des Tagebuches zwingt zu der Feststellung, daß die Eintragungen Naumanns mit großer Präzision erfolgt sind. Es ist kein verständiger Grund erfindlich, warum er für sich etwas Falsches hätte niederschreiben sollen. Das gesamte Tagebuch ist mit auffallender Konzentration abgefaßt. Gespräche mit Arno Breker am 20.August 1950, mit Artur Axmann am 21.August 1950, mit Kränzlein am 23.August 1950, mit dem belgischen Konsul am 24.August 1950 sind beispielhaft festgehalten.
Herr Dr.Achenbach gibt zu, daß alle übrigen Teile seines Gesprächs mit Naumann vom 26.August 1950 zutreffend aufgezeichnet sind, so die Übernahme der Entnazifizierungsangelegenheit des Naumann, die Erklärung über die bevorstehende Beendigung der Entnazifizierung, die Bildung der Regierung Arnold und die Beteiligung Achenbachs daran, die Wertung der Regierung Adenauer, das Urteil über die Parteiführungen, die Wiedergabe der Einzelheiten des Verhaltens Blüchers und seiner Gespräche mit ihm, die Bedenken Naumanns gegenüber der FDP, das Verhalten der Intelligenz im Falle der russischen Invasion.
Herr Blücher bestätigt, daß er kurz vorher mit Herrn Dr.Achenbach ein Gespräch über eine niedersächsische Statistik geführt habe, aus der sich die angeblich abnehmende Qualität der Kinder bei kinderreichen Familien ergibt.
Die Tagebuchaufzeichnung Naumanns gibt den Standpunkt wieder, den Herr Dr.Achenbach auch bei anderer Gelegenheit zu den fraglichen Problemen eingenommen hat. Es ist kein Grund ersichtlich, warum die von Naumann über die Unterwanderung der FDP festgehaltenen Äußerungen nicht zutreffen sollen. Im Gegenteil, es wäre widersinnig, wenn Naumann etwas derartiges fingiert hätte; er wäre dazu auch mangels Sachkenntnis gar nicht in der Lage gewesen.
Herr Dr.Achenbach war in den letzten Jahren in dauerndem Kontakt mit Naumann. Seine Angabe, daß es sich ausschließlich um geschäftliche Unterhaltungen gehandelt habe, begegnet nach Sachlage Bedenken.
Aus den Unterlagen ergibt sich, daß Herr Dr.Achenbach Gespräche mit dem Franzosen Albertini führte, der der Verbindungsmann Naumanns in Paris ist.
Herr Dr.Achenbach versuchte, Dr. Naumann politisch zu starten. Am 18.Dezember 1952 erklärte er dem Unterzeichneten Dehler auf dessen Frage über die Naumann-Angelegenheit, die Pressekampagne gegen Naumann sei blödsinnig, Dr.Naumann sei ihm persönlich bekannt; er wisse, daß Dr.Naumann absolut bereit sei, sich verfassungsmäßig zu verhalten, er schlage vor, daß der Bundesjustizminister Dr.Naumann empfange, damit dieser ihn über seine wahren politischen Absichten unterrichte. Auf der Landesausschußsitzung Nordrhein-Westfalen vom 6.Januar 1953 erklärte Herr Dr.Achenbach:
"Wenn mein Name auch im Zusammenhang mit Herrn Naumann fällt, dann sage ich, daß ich Herrn Naumann kenne und daß ich dem Herrn Bundesjustizminister, der mich auf den Namen Naumann angesprochen hat, erwidert habe, Herr Dehler, das beste ist, Sie sprechen selber mit ihm, und ich erkläre hier, ich habe für den nächsten Montag eine Unterredung zwischen dem Herrn Bundesjustizminister und dem Herrn Naumann vereinbart, damit man sich wenigstens kennen lernt."
Der Sachverhalt zwingt zu der Annahme, daß Dr.Achenbach Naumann, dessen politische Haltung er kannte, ermutigt hat, den Versuch zur Unterwanderung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen zu machen.
2) Herrn Dr.Achenbach gelang es, auf die politische Haltung des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen starken Einfluß zu nehmen.
In der Organisation übte er ihn über den verstorbenen Fraktionssekretär Herrn Wilke aus. Wilke gehörte zu dem Kreis der ehemaligen Reichsjugendführung, der sich seit 1946 bemühte, wieder in die deutsche Politik einzudringen. Dieser Versuch war bei der CDU gescheitert; bei der SPD hatte nur ein Kreis von mittleren HJ-Führern Anschluß an Carlo Schmid gefunden. Herr Wilke kam 1947 zur FDP Nordrhein-Westfalen. Hier verschaffte er sich durch sein Geschick und durch seine Zielstrebigkeit großen Einfluß, vor allem bei der Auswahl der hauptamtlich tätigen Personen. Er beherrschte den "Apparat".
Auf Herrn Dr.Achenbach geht es zurück, daß Herr Dr.Middelhauve Herrn Wolfgang Diewerge zu seinem privaten Mitarbeiter machte. Zur Charakterisierung dieses Mannes sei konzentriert folgendes wiedergegeben: NSDAP seit 1.August 1930, goldenes Parteiabzeichen durch Hitler ehrenhalber, Standartenführer der SS, Inhaber des Blutordens und des SS-Totenkopfringes, Träger des SS-Ehrendegens, Autor der Schriften "Polnischer Blutterror" - "Der Fall Gustloff" - "Juden hetzen gegen Deutschland" - "Anschlag gegen den Frieden", Sonderberichterstatter bei den Judenprozessen in Kairo, Bern und Basel, Sachbearbeiter des Mordfalles Grünspan, Reichsredner seit 1935, Auslandsredner, Oberbereichsleiter in der Reichspropagandaleitung der NSDAP, Leiter der Abteilung Rundfunk im Propaganda-Ministerium, Intendant des Reichssenders Danzig. Er lebte im Untergrund und wurde von da über Professor Dr.Grimm und Dr.Achenbach an die Seite des Herrn Dr.Middelhauve gesetzt. Er hatte Beziehungen zu den meisten führenden Nationalsozialisten, so Dr.Bornemann, Paul Zimmermann, d'Alquen und dauernde Fühlung mit Naumann. Er versorgte Naumann laufend mit Material, auch mit vertraulichen Informationen über innere Angelegenheiten der FDP. Naumann erklärte ihm:
"Ich bedanke mich herzlich für die viele Post. Ihre Informationen sind für mich außerordentlich wertvoll."
Naumann erhielt von ihm acht Tage vor dem Parteitag in Bielefeld und damit vor den meisten Parteifreunden den Entwurf des "Deutschen Programms".
Herr Dr.Middelhauve empfahl dem Organisationsausschuß der Gesamtpartei, Diewerge zur Rednerschulung in den Landesverbänden einzusetzen, ohne etwas von seiner politischen Vergangenheit zu sagen. Als diese bekannt und Herrn Dr.Middelhauve vorgehalten wurde, beharrte er bei seinem vorbehaltlosen Vertrauen zu Diewerge und bei der Forderung, ihm die verantwortungsvolle Aufgabe der Rednerschulung zu belassen. Diewerge mißbrauchte dieses Vertrauen und teilte Naumann mit, daß er motorisiert sei und sämtliche "Gauhauptstädte" bereisen werde. Beide vereinbarten, hierbei die nationalsozialistischen Beziehungen zu pflegen; Naumann solle gelegentlich mitfahren. Diewerge ließ sich von Naumann als zweiten Privatsekretär für Herrn Middelhauve den NSDAP-Landrat Dr.Heinrich Lindner vermitteln.
Die Verhandlungen, die erforderlich waren, um die Entlassung Diewerges zu erreichen, sind dem Gesamtvorstand bekannt. Diewerge hat es fertig gebracht, vor kurzem in einem Leserbrief an den "Spiegel" zur Naumann-Angelegenheit Stellung zu nehmen. Auffallend ist, daß er sich dabei eines besonders von Herrn Dr.Achenbach bereits verwendeten Arguments bedient, daß es angeblich mit dem Art.10 des Grundgesetzes unvereinbar sei, Abhörmaterial zu verwenden. Diewerge ist auch über die Sitzung des erweiterten Landesvorstandes vom 29.April 1953 unterrichtet worden.
Tatsache ist somit, daß ein maßgebender politischer Ratgeber des Herrn Dr.Middelhauve, Dr.Achenbach, und sein nächster Mitarbeiter, Diewerge, konspiratorische Beziehungen zu Naumann unterhalten haben. Dafür, daß Herr Dr.Middelhauve die Zusammenhänge gekannt und gebilligt oder daß er gar unmittelbare Beziehungen zu Naumann gepflogen oder ihn in seiner Wohnung in Büderich besucht habe, haben die Erhebungen nichts ergeben. Herr Dr.Middelhauve hat lediglich einmal ohne sein Zutun gelegentlich einer Versammlung in Düsseldorf Naumann getroffen.
3) Naumann rühmte sich wiederholt, mit seinen Unterwanderungsversuchen Erfolg gehabt zu haben. Er erklärte, daß es in der FDP Gruppen gebe, welche als rein nationalsozialistisch angesprochen werden können, bei anderer Gelegenheit, daß der Landesverband Nordrhein-Westfalen der FDP sehr stark von Nationalsozialisten durchsetzt sei. Diese These bezog sich nach dem Zusammenhang besonders auf den Stab der hauptamtlich tätigen Personen. Von ihnen erklärte er:
"In dieser Partei (FDP), auch im BHE, sind, zum Teil angelockt durch sehr namhafte Monatsgehälter, viele ehemalige Weggenossen von uns tätig, welche in ihren Gesprächen immer betonen, sie seien auf dem besten Wege, diese Organisation von innen zu erobern."
(In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Bezüge der Herren Döring, Zoglmann und Rieger ausschließlich Aufwandsentschädigung, Autobenützung, Spesen und ähnlichem, sich zwischen 1600 und 1200 DM bewegen, daß die Referenten etwa 900 DM, die Hilfsreferenten und qualifizierten Sachbearbeiter 600-700 DM, die Außendienstgeschäftsführer 600 DM, die Kreisgeschäftsführer zwischen 450 und 600 DM beziehen.)
Über die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Landesgeschäftsstelle und dem Naumannkreis ergibt sich folgendes:
In der Sitzung der FDP-Fraktion in Düsseldorf vom 19.Januar 1953 wurden Döring und Zoglmann über die Beziehungen zu Naumann gehört. Beide erklärten, daß die Landesgeschäftsstelle keinerlei Beziehungen zu Naumann habe, Döring versicherte, er habe Naumann niemals gesehen.
Am 9.Februar 1953 leitete Döring sämtlichen Bezirks- und Kreisverbänden sowie dem Bundesvorstand ein Schreiben zu, in dem es heißt:
"Ich erkläre hiermit persönlich und im Namen aller hauptamtlichen Geschäftsführer der Landesgeschäftsführung, daß diese Behauptung eine üble Diffamierung und Verleumdung darstellt. Die Rücksicht auf die Parteidisziplin hindert mich, bis zur Klärung des gesamten Vorgangs durch die zuständigen Parteigremien, gegen die Urheber und Verbreiter dieser Entschließung, deren Inhalt zum Teil in ähnlicher Form bereits in verleumderischer Weise durch den Bundestagsabgeordneten Wirths weiten Kreisen der Partei unterbreitet wurde, gerichtlich vorzugehen. Sobald die Behandlung dieser Angelegenheit durch die Partei abgeschlossen ist, werden meine Mitarbeiter und ich den Vorstand um Erlaubnis ersuchen, gegen derartige Methoden mit allen uns zu Gebote stehenden straf- und zivilrechtlichen Mitteln vorgehen zu können."
Am 25.März 1953 haben die Unterzeichneten Döring in Gegenwart des Herrn Dr.Middelhauve gehört. Er erklärte:
"Nach bestem Wissen und Gewissen: es bestand zwischen Naumann und unseren Leuten keinerlei Zusammenhang. Zoglmann hat Naumann niemals gesprochen."
Am 29.April 1953 gab Döring auf der Sitzung des erweiterten Landesverbandsvorstands der FDP in Düsseldorf an:
"Meine Beziehungen zu Herrn Naumann. Ich habe erstmalig von der Existenz eines früheren Staatssekretärs namens Naumann gehört bei diesem Vortrag, den Dr.Middelhauve erwähnte, wo Wilke, der sich neben mich setzte, sagte: 'Lieber Gott, da sitzt doch dieser Naumann. Wie kommt denn der hierher!' - Ich habe gefragt: 'Wer ist denn das?' und wurde aufgeklärt. Ich habe damals weder Naumann gesprochen noch bin ich ihm vorgestellt worden.
Am 10. März 1952 hat mich Herr Naumann in meinem Büro in der Sternstraße 44 aufgesucht. Sein Anliegen, ich will es kurz machen,
(Zuruf: Durch Vermittlung von Herrn Brandt?)
- keinerlei Vermittlung! Weder durch Brandt noch sonstwie! Es hätte nahe gelegen, daß es durch Diewerge oder, wie anfänglich der Anschein war, durch Brandt geschehen wäre.
Der Grund seines Kommens war der, eine Lanze für Herrn Bornemann zu brechen. Ich weiß nicht, ob es hier schon geschildert worden ist; ich habe es damaIs in Bonn dem Dreiergremium mitgeteilt, daß dieser Bornemann sehr heftig gegen die FDP agitierte. Herr Naumann glaubte festgestellt zu haben, daß ich gesagt hätte, da steckte Naumann dahinter. Er sei gekommen, es richtigzustellen. Er hat mir dort erklärt, daß er zwar den Bornemann kenne, daß er aber nicht an seinem Dienst mitarbeite und daß er im übrigen keinerlei politische Tätigkeit mehr ausüben wolle. Er hat nichts geäußert - jedenfalls mir gegenüber nicht - von irgendwelchen Zielsetzungen, Bestrebungen und ähnlichen Dingen.
Ich habe dann bei diesem Gespräch den Dr.Brandt, der an dem gleichen Nachmittag um 5 Uhr einen Termin mit mir vereinbart hatte, weil seinerzeit seine Bewerbung für eine hauptamtliche Tätigkeit beim Organisationsausschuß vorlag, und der im Vorzimmer gewartet hat, gebeten, hereinzukommen. Er kannte Naumann. Dabei haben wir uns noch einmal über den Fall Bornemann unterhalten, weil Naumann mir das nicht abnehmen wollte. Er meinte, Bornemann sei doch ein ganz vernünftiger Mann.
Nach diesem Gespräch habe ich mit Naumann weder telefoniert noch korrespondiert noch habe ich ihn je wieder gesehen. Noch habe ich mich irgendeines Mittelsmannes bedient.
Ich muß Ihnen noch einen Fall erzählen. Es wurde mir einmal von Huisgen gesagt, der Herr Naumann habe in einem kleinen Kreise, in dem ein Bekannter von ihm gewesen sei, geäußert: 'Solche Leute wie der Middelhauve, der Stegner, der Döring und der Huisgen, die müssen sich erst verschleißen, und wenn die verschlissen sind, dann kommt unsere Stunde'. Jedenfalls dem Sinne nach. Nachdem mir Huisgen das gesagt hatte, habe ich in einer Unterhaltung mit Diewerge, von dem ich wußte, daß er Naumann kennt und daß er bei ihm gewesen war, Diewerge gesagt, wenn er Dr.Naumann wiedersehe, dann solle er ihm einen schönen Gruß von mir sagen, und wenn er darauf warten wollte, bis wir uns verschlissen hätten, kriegte er einen Bart, der länger sei als der von Barbarossa! Das hat Diewerge wie ich diesem Telefongespräch entnehmen muß, vermutlich Herrn Naumann mitgeteilt. Aber Naumann ist wegen dieser Geschichte auf mich nicht mehr zugekommen."
Dr.Brandt seinerseits gab an, daß er wohl im Jahre 1951 an einem Abendessen in Büderich mit dem Ehepaar Lucht, Naumann und anderen teilgenommen habe. Etwa im März 1952 sei in der Korrespondenz von Bornemann ein "Schuß" gegen ihn und Zoglmann erschienen. Darüber habe er mit Döring und in diesem Zusammenhang auch über Naumann gesprochen.
Nach einem zwischen Naumann und Brandt am 6.Februar 1952 geführten Telefongespräch war eine Zusammenkunft in der Sternstr.44 bei Döring für den 16.Februar vereinbart. Ob sie zustande kam, ist nicht feststellbar.
Döring gibt an, daß er das Zusammentreffen mit Naumann nicht mehr in der Erinnerung gehabt habe, daß auch dessen Persönlichkeit keinen Eindruck auf ihn gemacht habe. Neben Brandt hatte der in der "Deutschen Zukunft" tätige Dr.Drewitz Fühlung mit Naumann. Vor dem Erscheinen der ersten Nummer teilte er dem Naumann mit:
"Aus dem Kopf (der 'Deutschen Zukunft') kommt der große Friedrich Middelhauve raus, der ist gar nicht mehr drin, und wir legen also wirklich Wert darauf, uns von der Sache (von der FDP) zu lösen ... Die an der Zeitung selber mitmachten, sind mit ihr (mit der FDP) genau so wenig verheiratet wie Sie etwa."
Drewitz ließ sich auch von Naumann Persönlichkeiten, die für den redaktionellen Aufbau der "Deutschen Zukunft" in Frage kamen, benennen. Die Frage, ob dafür ein ehemaliger Gaupropagandaleiter in Frage komme oder ob das zu schwierig sei, beantwortete er mit den Worten:
"Ach, das kann er sowieso sein."
Er empfahl Naumann, daß sich die von ihm benannten Bewerber an Zoglmann privat wenden. Naumann bemerkte dazu:
"Wenn Sie mit Zoglmann sprechen, können Sie ihm sagen, ich könnte ihm auf diesem Gebiete eine Unmenge hochqualifizierter Menschen nennen."
Diese Äußerung deutet darauf hin, daß Naumann Zoglmann kannte. Dafür spricht auch der Umstand, daß sich am 11.Januar 1952 der Salzburger Rechtsanwalt Dr.Hans Friedrich Freyborn an Naumann wandte, der seinerseits mit Diewerge über die Möglichkeit verhandelte, daß Freyborn Wilke und Zoglmann sprechen könnte, weil er Grüße von "sehr alten Freunden" der beiden überbringen möchte. Freyborn war früher im Stabe des "Völkischen Beobachters" und nahm an verschiedenen Besprechungen mit Naumann teil. Zoglmann erklärte hingegen am 24.Januar 1953 in der "Deutschen Zukunft" folgendes:
"Der Chefredakteur der 'Deutschen Zukunft' kennt den ehemaligen Staatssekretär Naumann überhaupt nicht. Er hat weder einen direkten noch einen indirekten Kontakt mit ihm."
Herr Dr.Middelhauve erklärte über diesen Sachverhalt am 6.Januar 1953:
"Ich bin vergangenen Sommer in Begleitung von Döring und Wilke in Salzburg und Innsbruck gewesen und habe dort den Kontakt mit prominenten Vertretern des VdU, des Verbandes der Unabhängigen, aufgenommen, nachdem ein Vertreter des VdU, ein Rechtsanwalt Dr.Freyborn aus Salzburg, vorher mich hier aufgesucht hat. Wir haben damals in Salzburg das Deutsche Programm diskutiert..."
Diese Diskussion ergab eine völlige Übereinstimmung. Denn auch "dieser VdU ist ein Verband, eine politische Partei, die auf dem Standpunkt steht, daß wir ein einziges großes Volk sind, das sich zusammenfinden muß, auf welchem politischen Wege, das spielt keine Rolle".
4) Gegen Herrn Middelhauve wird noch folgender Vorwurf erhoben: In der Wohnung des Gesandten Bülow-Schwandte in Düsseldorf fand Mitte Oktober 1952 ein Gespräch mit dem Fürsten Otto von Bismarck in Gegenwart der Herren Dr.v.Rechenberg, Wilke und Döring statt. Hierbei soll Herr Dr.Middelhauve gesagt haben:
"Mit der FDP, wie sie bisher war, ist es zu Ende. Ein Landesverband nach dem anderen schließt sich mir an. Es ist selbstverständlich, daß Blücher in der Versenkung verschwindet, da er als Politiker nichts taugt."
Fürst Otto von Bismarck gab am 30.März 1953 Herrn Dr.Leverenz nach dessen Angabe in Kiel folgende Darstellung:
"In dieser Besprechung habe Herr Dr.Middelhauve ihm eröffnet, daß es mit der FDP, wie sie bisher gewesen sei, nun im wesentlichen zu Ende sei. Es sei Aufgabe von Herrn Dr.Middelhauve, die FDP auf eine neue Linie zu bringen. Es sei selbstverständlich, daß Herr Blücher in der Versenkung verschwinden werde, weil er als Politiker nichts tauge und Herr Dr.Middelhauve die Führung der FDP übernehmen werde. Ein Landesverband nach dem anderen schlösse sich Herrn Dr.Middelhauves Ansicht an, und auch die Dinge in Schleswig-Holstein seien so gelaufen, wie er es sich gewünscht habe. Sein Exponent sei dort Herr Dr.Schifferer, dem es zweifellos gelingen werde, die Partei in Schleswig-Holstein umzustoßen und auf einen neuen Kurs zu bringen. Es sei kein Problem, Herrn Dr.Leverenz, der auf einer völlig falschen Linie liege, abzusetzen und Herrn Dr.Schifferer an seine Stelle zu bringen. Das Geld, das für Schleswig-Holstein nötig sei, würde aus Nordrhein-Westfalen abgezweigt, und einige seiner besten Leute würden dann nach Schleswig-Holstein kommen, um die Dinge dort in Ordnung zu bringen.
Er, Fürst von Bismarck, habe einen erheblichen Schock bekommen, als er gesehen habe, daß innerhalb der FDP ein so schwerer Machtkampf im Gange sei, wenn ein Landesvorsitzender derart parteinterne Dinge vor ihm ausbreite."
Herr Dr.Schifferer soll seinerseits einige Tage später gegenüber dem Fürsten von Bismarck u.a. geäußert haben, Herr Dr.Middelhauve sei der kommende Mann und würde die Führung der Gesamtpartei übernehmen. Er, Dr.Schifferer, habe die Aufgabe von Herrn Dr.Middelhauve bekommen, Herrn Leverenz abzusägen. Herr Middelhauve bestreitet die Richtigkeit dieser Vorwürfe, insbesondere gesagt zu haben, daß er an die Stelle von Blücher wolle.
Herr Dr.Middelhauve führte mit den Herren Dr.Achenbach, Döring und Wilke im Laufe des Jahres 1952 entgegen einem Beschluß des Gesamtvorstands der FDP Fusionsverhandlungen mit Vertretern der Deutschen Partei.
5) Gegen Döring wird vorgetragen:
Die Diplomhandelslehrerin Mieke Kehren in Düsseldorf behauptet, Döring habe einige Monate nach der Übernahme der Landesgeschäftsführung gelegentlich einer Sitzung des Kreisausschusses der Partei in Düsseldorf erklärt:
"Wir müssen in Bonn aufräumen."
Auf die Frage wieso, habe er erwidert:
"Dehler muß weg, er hat eine Jüdin zur Frau."
Döring bestreitet diese Angabe; er hat gegen Frau Kehren eine Verleumdungsklage eingereicht. Der bisherige Außengeschäftsführer Johannes Mertens bemerkt dazu, es sei eine in der Hauptgeschäftsführung festgelegte Taktik, gegen jeden, der etwas Unangenehmes behaupte, Klage zu erheben und ihm dadurch die Möglichkeit zu nehmen, als Zeuge aufzutreten.
Frau Kehren behauptet, daß Döring kurze Zeit nach der Übernahme der Hauptgeschäftsführung erklärt habe:
"Wir werden Friedrich doch als 1.Landesvorsitzenden behalten, denn er ist zu lenken und zu leiten."
Während des Berliner Parteitags im Jahre 1952 soll Döring in einem Kreis bei dem Ortsverbandsvorsitzenden Dr.Schäfer in Berlin... geäußert haben:
"Herr Dr.Middelhauve würde als Landesverbandsvorsitzender kaum länger als 1-2 Jahre durchhalten. Danach werde man sehr wahrscheinlich Dr.Mende für weitere 2 Jahre zum Vorsitzenden wählen und anschließend dann Dr.Naumann holen."
Bei dem fraglichen Zusammensein waren neben Dr.Schäfer und seiner Frau Jeserich, dessen Sekretärin Hofmann, Rinné und Dr.Brillinger anwesend. Weirauch erfuhr von dem Vorfall durch Jeserich, dessen Angaben sodann von Rinné bekräftigt wurden. Weirauch und Rinné bestätigen diesen Sachverhalt. Jeserich gibt jetzt an, daß er das fragliche Gespräch nur so weit in Erinnerung habe, als es ihm persönlich interessant erschienen sei; er könne sich nicht daran erinnern, daß Döring über einen Nachfolger des Herrn Dr.Middelhauve und in diesem Zusammenhang über Dr.Naumann gesprochen habe; an diesen sei er erst durch die Verhaftung erinnert worden. Herr Dr.Ernst Schäfer kann sich an das Gespräch noch gut entsinnen, aber nicht daran, daß von der Politik eines anderen Landesverbandes gesprochen wurde; die Namen Dr.Middelhauve und Mende seien in diesem Zusammenhang nicht erwähnt worden, von Naumann habe er zum ersten Mal aus den Pressenotizen über seine Verhaftung gehört; seine Frau könne den gleichen Sachverhalt bestätigen. Dr.Brillinger gibt an, daß der Name Dr.Mende im Zusammenhang mit dem Problem der Kriegsverurteilten gefallen sei; daß der Name Naumann erwähnt worden sei, sei ihm nicht gegenwärtig; über die Nachfolge für Herrn Dr.Middelhauve sei nicht gesprochen worden; ein solches Gesprächsthema wäre ihm bestimmt in der Erinnerung geblieben.
III.
1) Die Auswahl der Geschäftsführer des Landesverbandes war einseitig. Sie ging, wie gesagt, weitgehend auf Wilke zurück.
Als der Unterzeichnete Dehler Herrn Dr.Middelhauve am 28.Januar 1953 brieflich bat, alles für die Untersuchung einschlägige Material dem Dreierausschuß zukommen zu lassen, und es für zweckmäßig bezeichnete, daß eine Aufstellung über die in dem Landesverband hauptberuflich tätigen Herren unter Beifügung eines Personalbogens, der auch die Angaben über die politische Vergangenheit enthalte, zu übersenden, lehnte er gegenüber dem Unterzeichneten Neumayer mit Brief vom 10.Februar die Übersendung solcher Unterlagen ab und erklärte zur Begründung folgendes:
"Eine solche Überprüfung der politischen Herkunft der einzelnen Parteimitglieder steht im Gegensatz zu der offiziellen Haltung der Partei, die schon seit Jahren den Abschluß der Entnazifizierung fordert und in Nordrhein-Westfalen sogar die Vernichtung der Entnazifizierungsakten offiziell im Landtag beantragt hat. Das Gesetz zum Abschluß der Entnazifizierung im Lande Nordrhein-Westfalen vom 5.2.1952 hat zwar nicht unsere volle Zustimmung, ist aber in seinen Grundgedanken von der Landtagsfraktion der FDP mitgeformt worden.
Bei dieser Sachlage ist es für uns unmöglich, einem erneuten Entnazifizierungsverfahren durch den Bundesvorstand zuzustimmen."
Bei der Wahl des neuen Fraktionsgeschäftsführers der Landtagsfraktion in Düsseldorf setzte sich Herr Dr.Middelhauve für den Bewerber Zinn ein, der seit 1931 Mitglied der NSDAP und mit 30 Jahren im Jahre 1936 bereits Oberbürgermeister von Gera war. Als im Hinblick darauf die Eignung des Zinn in Frage gezogen wurde, verwahrten sich die Herren Middelhauve und Achenbach gegen ein solches Bedenken. Herr Middelhauve erklärte, wenn solche, den Grundsätzen der FDP widersprechenden Äußerungen gemacht würden, könne er nicht länger Vorsitzender einer solchen Fraktion sein. Bei der Vorstellung des Zinn am 30.März 1953 ergab sich, daß Zinn auch Kreisleiter in Gera und SS-Sturmbannführer in der allgemeinen SS war. Trotzdem wurde er von Herrn Dr.Middelhauve nach der Vorstellung sehr warm empfohlen.
Es ist schwer zu verstehen, warum ausgerechnet alle Schlüsselpositionen nicht politisch erprobten Persönlichkeiten, sondern früheren prominenten Nationalsozialisten anvertraut worden sind.
Bei der Prüfung der hauptamtlichen Mitarbeiter sind weitgehend Persönlichkeiten verwendet worden, die hohe Ränge in der Nazizeit eingenommen hatten. Den Unterzeichneten liegt es ferne, eine nochmalige Entnazifizierung durchführen zu wollen. Sie sind der Ansicht, daß die einseitige Auswahl von hauptamtlichen Mitarbeitern eine Gefahr in sich schließt. Es sei nur darauf verwiesen, daß Wilke hauptamtlicher HJ-Führer war und als solcher in das Rippentrop-Ministerium berufen worden war, daß Zoglmann SS-Obersturmführer und HJ-Gebietsführer in der Reichsjugendführung, Jäckel Hauptgeschäftsführer in der Reichsarbeitskammer, Dr.Brandt persönlicher Referent und Londoner Beauftragter von Konrad Henlein, Marks SS-Standartenführer, Gröschel SS-Hauptsturmführer, Kraas SS-Brigadeführer, Rieger Kreisleiter, Stolle Mitglied der Reichsleitung der DAF (KdF), Sieger Ordensjunker, Mundolf Gaurichter der NSDAP, Prager Gebietsführer der HJ, Stachon Kreisamtsleiter, Dr.Deumling SS-Obersturmbannführer bei der Gestapo und beim SD, Bendt SS-Standartenführer beim SD, Mertens HJ-Bannführer waren.
2) Es wird der Vorwurf erhoben, daß mit Hilfe des Funktionärskorps ein ausgeklügeltes System zur Überwachung der nachgeordneten Parteiverbände und ihrer Vorsitzenden durch Beauftragte des Landesverbandsvorstandes durchgeführt worden sei, daß eine Art Spitzelunwesen, wie es früher den Parteiapparat der NSDAP auszeichnete, geherrscht habe und daß dadurch ein lebendiges politisches Leben erstickt worden sei.
Es erscheint unerfreulich, daß ein richtiger Nachrichten- und Abwehrdienst im Landesverband eingerichtet worden ist.
Wir halten es für erforderlich, daß von seiten des Gesamtvorstandes der Bundespartei verbindliche Richtlinien für die Besoldung und für die Tätigkeit der Geschäftsführer aufgestellt werden. Es muß vor allem ausgeschlossen werden, daß hauptamtliche Mitarbeiter politische Verhandlungen ohne ausdrückliche Genehmigung der zuständigen Vorstandsgremien und ihrer Vertreter führen.
Die Arbeitsanweisung für die Außendienstgeschäftsführer sieht ein straff von oben geleitetes System vor. Der Landesverbandsvorstand macht geltend, daß es ihm auf eine laufende, lückenlose gegenseitige Arbeitsübereinstimmung angekommen sei und daß diese vornehmlich über die Außengeschäftsführer der Bezirksverbände erreicht werden sollte.
Von welchem Geiste und von welcher Zielsetzung die Geschäftsführer teilweise erfüllt waren, ergibt sich aus Berichten des Kreisgeschäftsführers Baaker des Kreisverbandes Duisburg, die er ordnungswidrig nicht seinem Kreisverbandsvorsitzenden, sondern dem Landesverband erstellte. Er spricht vom "linksliberalen Klüngel", von der "ausgesprochenen Linkstendenz" seines Duisburger Parteivorstands, der "mit den Grundprinzipien der Partei in völligem Widerspruch stehe", von der "Notwendigkeit, die Opposition, welche eindeutig auf dem Boden der nationalen Sammlung stehe, zu mobilisieren und die linksliberale Richtung zu Fall zu bringen", von seinen Bemühungen, "anständige Menschen als Mitglieder neu zu gewinnen und dadurch der Partei frisches Blut zuzuführen" und ähnliches.
Hauptamtlichen Mitarbeitern ein erhebliches Verschulden an der politischen Entwicklung des Landesverbandes zumessen zu wollen, erscheint nicht möglich. Sie handeln im Auftrage des Vorstands; dieser muß sich das Verhalten der angestellten Mitarbeiter zurechnen lassen.
Die Haltung der von Herrn Zoglmann herausgegebenen Wochenzeitschrift "Die Deutsche Zukunft" ist unklar und uneinheitlich. Es ist zum Teil, besonders am Anfang, eine restaurative Tendenz vertreten worden. Es erscheint notwendig zu prüfen, ob sich der erhebliche Aufwand für diese Zeitung lohnt.
3) In einer Reihe von Kreisverbänden ist es zu unklaren Verhältnissen und zu Unstimmigkeiten gekommen. Die Gründe sind teils persönlicher, teils politischer, teils organisationstechnischer Art. Eine Bewertung dieser Vorgänge im einzelnen erscheint nicht erforderlich.
IV.
Der Landesverband Nordrhein-Westfalen der FDP ist nicht "unterwandert". Kein führendes Mitglied der FDP hat eine belastende Verbindung zum Naumann-Kreis unterhalten. Im übrigen wird festgestellt:
1) Herr Dr.Ernst Achenbach hat der Gesamtpartei durch sein Verhalten schwer geschadet. Er hat nach seiner Grundhaltung niemals zu uns gehört. Sein Ausscheiden aus der FDP ist unabweislich.
2) Herr Dr.Middelhauve hat durch sein Verhalten eine Gefahr für den Bestand und das Ansehen unserer Partei gesetzt. Der gute Glaube kann ihm nicht abgesprochen werden.
3) Es besteht der Verdacht, daß der Hauptgeschäftsführer Döring es an der erforderlichen Loyalität gegenüber dem Landesvorstand und an Aufrichtigkeit in seinen Angaben hat fehlen lassen. Es ist Sache des Landesvorstands Nordrhein-WestfaIen, sein Verhalten zu würdigen.
4) Diewerge, Drewitz und Brandt haben schwer gegen die Grundsätze der FDP verstoßen. Sie sind aus der Partei auszuschließen. Ihre hauptamtliche Tätigkeit in der Partei ist, soweit noch nicht geschehen, zu beendigen.
gez.
Neumayer , Dehler, Onnen
(Interpunktion und Namensschreibungen wie in der Vorlage. -Red.kkk)
DAGENS NYHETER, Stockholm, hatte bereits im November 1952 über den nazistischen Verschwörerkreis berichtet. Zitat nach den nicht zum Abdruck bestimmten vertraulichen dpa-Informationen vom 17.November 1952:
"Die Nazis sitzen zwar noch abwartend in einem komfortablen Wartezimmer, aber sie haben organisatorische Verbindungen; in der Form eines Führungsringes, in dem man einen Teil der aus den Jahren 1933-1945 bekannten Namen wiederfindet. Der aktivste in dieser Hundertmann-Gruppe scheint Dr.Werner Naumann, heute Chef der Import- und Exportfirma Combinel in Düsseldorf, zu sein. Er gehört zu den intellektuellen Nazis, soll zuletzt Gegner der Hitlerpolitik gewesen sein und neigte dem Flügel zu, der in dem Wort Nationalsozialismus den Sozialismus unterstrich. In seinem Kreis tritt unter anderem als Herausgeber eines Informationsdienstes Dr.Otto Bornemann hervor. Auch Hans Fritzsche, jetzt Reklamechef einer großen französischen Kosmetikfirma in Köln, wurde gelegentlich in Naumanns Umgebung bemerkt. Zum Führungsring gehören weiter die früheren Gauleiter Josef Grohé (Köln) und Karl Friedrich Florian (Düsseldorf). Eine eigene Zeitung hat der Hundertmann-Kreis noch nicht, doch kann die in Coburg erscheinende-Zeitschrift "Nation Europa" als ihr Sprachrohr angesehen werden. Redakteur ist der frühere SS-General Arthur Erhardt. Unter den Mitarbeitern sind Hans Grimm, Mosley und Degrelle zu nennen. Einer der leitenden Männer in Hamburg ist der frühere Reichsstudentenführer Adolf Scheel, ein anderer der frühere Pressechef des Auswärtigen Amtes, Paul Schmid, der ein kleines Informationsbüro unterhält... Florian ist bereits ein CDU-Mandat im neuen Bundestag angeboten worden, das er jedoch abgelehnt hat. Besonders denkt man an die FDP, deren rechter Flügel auf dem Wege zu einer neuen "Harzburger Front" weit fortgeschritten ist. Spiritus rector auf dieser Seite ist der Landtagsabgeordnete Ernst Achenbach (Düsseldorf). In seinem Essener Büro für eine Generalamnestie sind der frühere Reichskommissar in Dänemark, Dr.Werner Best, und der frühere SS-Obergruppenführer Professor Franz Alfred Six tätig. Außenpolitisch lehnen die Nazis den Generalvertrag und die Europa-Armee ab, weil sie Deutschland nicht genügend nationale Unabhängigkeit geben. Sie erstreben ein wiedervereinigtes Deutschland mit eigener Armee an, das im Spannungsfeld zwischen Ost und West die Situation zu Zugeständnissen von beiden Seiten ausnützen könnte. Auf diese Parole hofft man alle Neutralisten und Anhänger des dritten Standpunktes in Deutschland sammeln zu können. Naumann und Konsorten weisen den Antisemitismus als Bestandteil der kommenden Politik ab, denn dieser hat sich als schlechtes Geschäft erwiesen. Ebenso lehnt man die Propagierung eines Hitlermythos ab. Hitler wird hierfür als ungeeignet angesehen, da er auch in den Augen der meisten Nazis der Verlierer des Krieges ist. Die Nazis rechnen damit, daß die Ratifizierung des Generalvertrages und der EVG ihnen größere Bewegungsfreiheit verschaffen wird. Diese Rechnung dürfte auch stimmen, und auf alliierter, besonders englischer Seite sieht man diesem Stadium mit Unruhe entgegen."
"Wenn man den Deutschen Gewehre gibt, wer kann dann sicher sein, wohin letzten Endes diese Gewehre zeigen werden. Es gibt nur einen Weg, sicherzugehen, ihnen überhaupt keine Gewehre zu geben!" "Denkt an die Herrenrasse... Jene, die Vergeben und Vergessen predigen, neigen dazu, die Verschwörungen der neuen Nationalsozialisten beiseite zu schieben und stattdessen auf den ehrenwerten Herrn Dr.Adenauer zu zeigen."
"Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Aufdeckung dieses Nazikomplottes dem Ansehen der Bundesrepublik im Ausland einen neuen schweren Stoß versetzt und erneut die Frage aufwirft, ob Bonn denn auch wirklich als gleichberechigter und wiederbewaffneter Partner in die geplante europäische Gemeinschaft aufgenommen werden könne."
"Es fehlt aber keineswegs an Tatsachen, die beweisen, daß die Verhafteten im Begriffe waren, ein solches Komplott zu schmieden, und zwar mit der in allen Rechtskreisen bereits stark hervortretenden Tendenz, mit dem Osten gegen den Westen zu gehen."
Januar 1953.
"Die Nachricht von der Verhaftung sechs ehem.prominenter Nationalsozialisten im brit.Besatzungsgebiet wurde am Donnerstag in Paris als große Sensation empfunden. Die maßgebende Abendzeitung Le Monde meint, daß die Aufdeckung dieses Komplotts zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein sehr bedeutsames Zeichen sei. Wenn auch niemand die Ernsthaftigkeit der Absichten des Kanzlers genauer bezweifeln könne, so sei doch andererseits festzustellen, daß überall in Westdeutschland die alten Nazis wieder ihre Köpfe erheben.
Die festgenommenen Persönlichkeiten dürften nach Meinung der 'Monde' kaum an einen echten Putsch gedacht haben. Ein solches Vorhaben hätte in einem Land, in dem fast 20 amerikanische, britische und französische Divisionen stationiert seien, nicht die geringsten Erfolgsaussichten. Die Zeitung vermutet vielmehr, daß an eine Wiedererweckung der Nazi-Partei in aller Heimlichkeit und an eine Koordinierung der Arbeit aller Grüppchen, die wieder die alten Dogmen einführen wollten, gedacht worden sei. Die alliierte Propaganda hat bei weitem nicht alle unsere Nachbarn jenseits des Rheins von den Schönheiten der Demokratie überzeugen können. Wenn man sie zur Wiederbewaffnung in reaktionären und autoritären Kadern aufruft, so werden die Vereinigten Staaten und alle anderen, die auf diesem Weg folgen, letzten Endes nur erreichen, daß nach und nach wieder das soziale und geistige Klima geschaffen wird, in dem einst der Nationalsozialismus die Macht erobern konnte. Die Entdeckung des Komplotts beweise die letztliche Erfolgslosigkeit der Entnazifizierung und mache ferner deutlich, daß die Position der deutschen Partner das Westens nicht so gesichert ist wie man es in den offiziellen Kreisen annehmen möchte."
Pressemeldungen bis zum 28.Januar 1953. Aus: 'Antwort der FDP' vom Geschäftsführenden Vorstand des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der FDP.
"Schon sehr bald nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ertönte noch auf den brennenden Ruinen des deutschen Elends ein neuer Ruf zur "Nationalen Sammlung". Der Kreis der HJ-Führer, die noch immer nicht bereit waren, das politische Spiel aufzugeben, wurde wieder politisch aktiv. Einer der rührigsten: Wolf Schenke." "Wolf Schenke stand in den Jahren nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus in der vordersten Reihe jener jungen Männer, denen man es zutraute, die deutsche Jugend nach nationalsozialistischen Grundsätzen auszurichten. Er war einer der rührigsten Hitlerjugend-Führer und konnte sich in der Reichsjugendführung hohen Einfluß und persönliche Geltung verschaffen. Diesem Umstand war es auch zuzuschreiben, daß ihm die Redaktion der im nationalsozialistischen Eher-Verlag erscheinenden Zeitschrift der Hitlerjugend "Wille und Macht" in die Hände gelegt wurde. Er zeichnete in erster Linie für die Herausgabe der sogenannten "Schulungsbriefe der HJ" verantwortlich.
Es wäre verwunderlich, wenn die damals zweifellos angeknüpften Beziehungen zu den profilierten Jugendführern der Nazizeit nicht heute noch bestünden. Zu ihnen gehören: Gottfried Griesmayr, einstmals Schulungsleiter der HJ und vorgesehener Nachfolger Alfred Rosenbergs; Arthur Axmann, Nachfolger Baldur von Schirachs als Reichsjugendführer; Gotthard Ammerlahn, ebenfalls Hitlerjugend-Führer; Dr.Petter, ehemaliger Beauftragter der HJ für Norwegen beim Reichskommissar Terboven während des Krieges, und andere mehr, denen allen man ein hohes Maß von politischer Aktivität nicht absprechen kann.
Der Kreis der politisch tätigen HJ-Führer ist weit gespannt und verfolgt ein bestimmtes politisches Grundkonzept mit aller Konsequenz. Diese Männer als verbohrte Nazis zu bezeichnen, wäre fehl am Platz. Viele von ihnen vertreten heute mit aller Härte eine Politik der deutschen Neutralität, der bedingungslosen Abrüstung und ähnliches; aber sie haben ein gemeinsames Ziel: Deutschlands Wiedervereinigung. Bedenkt man außerdem, daß die exponiertesten Positionen in der sowjetzonalen FDJ ebenfalls von ehemaligen Hitlerjugend-Führern besetzt sind, so gelangt man zu der Erkenntnis, daß der politischen Aktivität des gesamten HJ-Kreises mehr Bedeutung zukommt, als ihr bisher beigemessen wurde."
30.6.62
Quelle: Faksimiledruck in kuckuck 42eh, 1984.
www.kokhavivpublications.de
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