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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Eichmann-Prozess

Aussage Kurt Becher

Dokumentation zum Biss-Bericht

(vgl. kuckuck 50, 51, 52)

Abschrift
_____________

Das Amtsgericht
Abteilung für Strafsachen

Aktenzeichen: 19 AR 1851/61
Gegenwärtig:
Gerichtsassessor Elias als Richter
Justizangestellte Schriefer als Protokollführerin

Bremen, den 20. Juni 1961

In der Strafsache gegen

Adolf Eichmann

wegen Mordes

erschien der nachbenannte Zeuge sowie Herr Erwin S. Shimron, als Vertreter des Generalstaatsanwalts von Jerusalem, sowie Herr Rechtsanwalt Dieter Wechtenbruch, als Vertreter der Verteidigung. Der Zeuge wurde zur Wahrheit ermahnt und darauf hingewiesen, daß er seine Aussage zu beeiden habe, wenn keine im Gesetz bestimmte oder zugelassene Ausnahme vorliege. Er wurde über die Bedeutung des Eides und über die strafrechtlichen Folgen einer unrichtigen oder unvollständigen Aussage belehrt. Sodann wurde der Zeuge wie folgt vernommen:

Zur Person:
___________

Ich heiße Kurt Andreas Ernst B e c h e r, bin 51 Jahre alt, von Beruf Kaufmann und ich wohne in Bremen, Schwachhauser Heerstraße 189. Ich bin mit dem Angeklagten nicht verwandt und nicht verschwägert.

Zur Sache:
__________

Zum besseren Verständnis meiner Antworten möchte ich vorab meinen Lebenslauf darlegen:

Nach Absolvierung der kaufmännischen Lehrzeit im Jahre 1928 in der angesehenen jüdischen Getreide- und Futtermittel-Importfirma Herm. Simonis, Hamburg, war ich je ein Jahr kaufmännischer Angestellter in zwei Firmen gleicher Branche, um alsdann zunächst als Angestellter und ein Jahr später als Prokurist in der Getreide- und Futtermittel-Maklerfirma Friedrich Heins, Hamburg, von 1930 bis zum Ausbruch des Krieges zu arbeiten. Durch meinen damaligen Chef, Herrn Heins, wurde ich am Reitsport interessiert und betätige mich seit 1932 bis auf den heutigen Tag aktiv im Reitsport.

1934 schlossen sich die Hamburger Reiter mit eigenen Pferden zu einem SS-Reitersturm zusammen. Nach Gründung dieses SS-Reitersturms wurde ich von meinem Reitlehrer dazu bewogen, ebenfalls in diesen Reitersturm einzutreten. Der Reitersturm wurde dann im Jahre 1937 in die Partei übernommen. Mein Dienstgrad in der Reiter-SS war bei Ausbruch des Krieges SS-Unterscharführer.

Als Angehöriger der Reiter-SS wurde ich bei Kriegsausbruch Anfang September 1939 zur Polizeiverstärkung einberufen. Aus diesem Verhältnis wurde ich in die Waffen-SS überführt. Als SS-Schütze wurde ich im Polenfeldzug eingesetzt. An Kampfhandlungen hat meine Formation jedoch nicht mehr teilgenommen. Sie war damals nur etwa acht Tage in dem eingenommenen polnischen Gebiet und wurde dann ins Reichsgebiet zurückgenommen. Im Frühjahr 1940 wurde ich dann zur Ersten SS-Reiterstandarte mit dem Standort Warschau und von dort nach etwa einem Monat zum Offizierskriegslehrgang an die Junkerschule Bad Tölz abkommandiert.

Nach Absolvierung des Offizierslehrganges und Beförderung zum Oberscharführer-Führeranwärter wurde ich Ende November oder Dezember 1940 zu meinem alten Regiment, das jetzt Erstes SS-Reiterregiment hieß, zurückversetzt. Das Regiment war eine rein militärische Formation. Ich wurde Zugführer in der ersten Schwadron und auf Grund meiner Ausbildung auf der Junkerschule als Ausbildungsoffizier verwandt. Das Regiment wurde etwa im Mai/Juni 1941 nach Ostpreußen verlegt und marschierte bei Ausbruch des Krieges mit Rußland nach Rußland ein. Während des Vormarsches wurde ich als Ordonnanzoffizier zur Ersten Reiterbrigade versetzt. Meine Tätigkeit als Ordonnanzoffizier lag im wesentlichen darin, Verbindung zum übergeordneten Wehrmachtsbefehlshaber zu halten. Meine Brigade hat den Vormarsch über Minsk, Bobroisk, Smolensk in den Großraum Wietebsk, Rshev, Toropetz mitgemacht, wo die Brigade im Herbst 1941 in heftige Kämpfe verwickelt wurde. Ich bekam für meine Teilnahme an diesen Kämpfen das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und das Eiserne Kreuz erster Klasse. Im Dezember 1941 kam ich wegen Krankheit ins Lazarett Berlin-Lichterfelde. Nach meiner Genesung Ende Februar/Anfang März 1942 wurde ich zum SS-Führungshauptamt, Amt Reit- und Fahrwesen (I.N.3) als Hauptsturmführer kommandiert. Das Amt Reit- und Fahrwesen hatte die Aufgabe, bespannte und berittene Einheiten auszurüsten und die Gestüte, Remonteämter, Reit- und Fahrschulen zu betreuen und Waffenlehrgänge für diese Einheiten durchzuführen. Das Amt hatte seinen Sitz in Berlin. Ich war also vom Dezember 194l bis Dezember 1942 in Berlin. Am 30. Januar 1942 wurde mir das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse mit Schwertern verliehen.

Als im Winter 1942 die Kämpfe an der Ostfront, besonders im Donraum eine gefährliche Wendung nahmen, wurden zur Unterstützung in dem Raum, in dem ungarische, italienische und rumänische Einheiten eingesetzt waren, deutsche Kampftruppen neu gebildet und als Korsettstangen eingesetzt. Ich wurde im Dezember 1942 der Kampfgruppe Fegelein zugeteilt. Bei dieser Kampfgruppe handelte es sich um eine militärische Formation, die in aller Eile aus allen möglichen Einheiten des Heeres und der Waffen-SS zusammengestellt war. Hier habe ich verschiedene Einheiten im härtesten Kampf gegen den russischen Einbruch geführt. Ich erwarb mir hierbei neben dem Infanterie-Sturmabzeichen und der Nahkampfspange in Bronze das Deutsche Kreuz in Gold. Die Kämpfe, in deren Verlauf die Kampfgruppe völlig aufgerieben wurde, dauerten bis März 1943. Vom Dezember 1942 bis März 1943 stand ich ununterbrochen an der Donfront.

Nach Auflösung des Restes dieser Kampftruppe wurde ich zum SS-Führungushauptamt zurückbeordert und nahm dort meine alte Tätigkeit wieder auf. Etwa Oktober 1943 wurde ich zur 8. SS-Kavalleriedivision, die am Dnepr im Raum von Kriwoi Rog im Abwehrkampf stand, befohlen und kam zwei Monate später zum SS-Führungshauptamt nach Berlin zurück. In meiner Eigenschaft als Angehöriger des Amtes Reit- und Fahrwesen wurde ich im März 1944, damals im Range eines SS-Obersturmbannführers als Leiter eines Stabes des SS-Führungshauptamtes, nach Budapest kommandiert mit dem Auftrag, dort zusammen mit der Wehrmacht und dem ungarischen Kriegsministerium (Honvedministerium) Pferde und Ausrüstungsgegenstände für aufzufrischende beziehungsweise neu aufzustellende bespannte und berittene Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS zu beschaffen.

Anfang Januar 1945 wurde ich zum SS-Standartenführer befördert.

Abschließend bemerke ich noch, daß ich im April 1945, als ich mich auf einer Fahrt von Mauthausen nach Flossenbürg befand, mit amerikanischen Truppen in Berührung kam. Dabei wurde ich verwundet. Am 26.4.1945 erhielt ich das Verwundetenabzeichen in schwarz. Im Mai 1945 geriet ich in die amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ich wurde Ende 1947 entlassen. Ab Herbst 1948 nahm ich meine kaufmännische Tätigkeit in Bremen wieder auf.

1. Frage:
Was wissen Sie über den im November 1944 erfolgten Fußmarsch eines Teiles der jüdischen Bevölkerung von Budapest?

Antwort:
Ich kann aus eigener Kenntnis nicht sagen, wer die Fußmärsche eines Teils der jüdischen Bevölkerung von Budapest zur österreichischen Grenze im Herbst 1944 angeordnet hat. Ich weiß auch nichts über die Verhandlung zwischen der ungarischen Regierung und dem Gesandten Veesenmayer, die diese Frage zum Gegenstand hatte. Auf meinen Fahrten zwischen Wien und Budapest habe ich diese Fußmärsche persönlich gesehen. Sie waren von ungarischen Uniformierten begleitet. Ich kann nicht sagen, ob es sich um ungarische Polizisten oder um ungarische Honved-Soldaten oder um beides gehandelt hat. Ich sprach von "Fußmärschen", weil sich der Fußmarsch der jüdischen Bevölkerung von Budapest über mehrere Wochen hinzog. Nach meinen Beobachtungen begann er in den letzten Oktobertagen und dauerte bis etwa 20. bis 25. November 1944. Den Beginn des Fußmarsches kenne ich allerdings nicht aus eigener Beobachtung, denn ich befand mich zu jener Zeit nicht in Budapest; ich hörte aber davon.

2. Frage:
Welche Befugnisse hatte der Gesandte Veesenmayer als Reichsbevollmächtigter in Ungarn?

Antwort:
Ich kann nichts darüber sagen, welche Vollmachten der Gesandte Veesenmayer als Reichsbevollmächtigter in Ungarn hatte. Mein Eindruck war, daß Veesenmayer der offizielle Gesprächspartner zwischen Deutschland und der ungarischen Regierung war und daß alle Fragen von Bedeutung in der Spitze zwischen Veesenmayer und der ungarischen Regierung erörtert wurden. Praktisch werden dann aber die Ressorts der ungarischen Regierung mit den entsprechenden deutschen Dienststellen die Durchführung direkt behandelt haben. Ich habe zum Beispiel wegen meines Auftrages "Aushebung von Truppenpferden und Beschaffung von Ausrüstungsgegenständen" nach meiner Erinnerung zuerst mit General Winkelmann und auf dessen Veranlassung mit Veesenmayer verhandelt. Veesenmayer hat nach meiner Erinnerung durch den Wehrmachtsattaché General Greiffenberg die Kontakte zwischen mir und dem Ackerbauministerium und Honvedministerium hergestellt. Die Verhandluingen wurden alsdann von mir mit diesen Ministerien unmittelbar geführt.

3. Frage:
Unterstanden alle Dienststellen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes einschließlich des Chefs, Geschke, in Ungarn bei der Durchführung von Maßnahmen taktisch dem Höheren SS- und Polizeiführer Winkelmann?

Antwort:
Die Frage, ob und in welcher Weise alle Dienststellen der Sicherheitspolizei und des SD in Ungarn dem Höheren SS- und Polizeiführer unterstanden, kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen, daß ich, als ich nach Ungarn abkommandiert wurde, dem SS-Führungshauptamt Kommandoamt der Waffen-SS fachlich und disziplinär unterstand. Lediglich aufsichtsmäßig unterstand ich dem Höheren SS- und Polizeiführer in Ungarn, General Winkelmann.

4. Frage:
Konnte die Dienststelle des Angeklagten Eichmann, in Budapest an Veesenmayer, Winkelmann und Geschke Weisungen oder Befehle erteilen und sind derartige Weisungen oder Befehle erteilt worden?

Antwort:
Die komplizierten organisatorischen Fragen und Befehlsverhältnisse sind mir im einzelnen nicht geläufig. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß die Dienststelle Eichmann dem Gesandten Veesenmayer oder dem Höheren SS- und Polizeiführer Winkelmann oder dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD Weisungen oder Befehle erteilen konnte. Darüber, ob Eichmann Weisungen und Befehle gleichwohl erteilt hat, kann ich nichts sagen.

5. Frage:
Erhielten die Dienststellen von Eichmann, Veesenmayer, Winkelmann und Geschke ihre Weisungen unmittelbar vom Auswärtigen Amt oder vom Reichsführer SS?

Antwort:
So, wie ich den Organisationsplan heute noch in Erinnerung habe, hat Veesenmayer seine Weisungen vom Auswärtigen Amt und Winkelmann seine Befehle vom persönlichen Stab des Reichsführers SS erhalten. Geschke und Eichmann müßten ihre Befehle vom Reichssicherheitshauptamt erhalten haben.

6. Frage:
Hatte der Angeklagte Eichmann als erster auf dem Dienstweg angeregt, und zwar bei Obergruppenführer Müller, die Deportation von ungarischen Juden bis zur Durchführung von Verhandlungen über Kriegsmateriallieferungen als Gegenleistung einzustellen?

Antwort:
In Verhandlungen zwischen Eichmann und Gruppenführer Müller hatte ich keinerlei Einblick.

7. Frage:
Hatte Eichmann zur Durchführung des vorgesehenen Planes in Aussicht genommen, einen jüdischen Unterhändler nach Konstantinopel zu schicken, und hatte er dafür Joel Brand vorgeschlagen?

Antwort:
Ob Eichmann es war, der vorgesehen hatte, einen jüdischen Unterhändler nach Konstantinopel zu schicken und ob er entschieden hatte, daß dies Joel Brand sein sollte, kann ich nicht sagen. Als ich - auf Grund stärksten Drängens jüdischer Kreise insbesondere durch Herrn Dr. Wilhelm Billitz - mich entschloß, bei Himmler vorstellig zu werden, um den Juden zu helfen, habe ich das bereits im Gespräch befindliche Projekt "10.000 Lastkraftwagen gegen die Freilassung von jüdischen Menschen" zum Anlaß genommen, bei Himmler um eine Unterredung zu bitten. Ob und inwieweit ich dann mit Himmler über die Einzelheiten der Entsendung eines Unterhändlers geprochen habe, kann ich heute nicht mehr sagen. Himmler gab über Winkelmann den Befehl an Eichmann, mich über die Verhandlungen zu unterrichten. So kam es, daß ich bei der Entsendung Brands nach Konstantinopel durch Eichmann zugegen war. Ich bin bei dieser Gelegenheit Brand zum ersten Mal begegnet und habe ihn später in Ungarn nach meiner Erinnerung nicht mehr getroffen.

8. Frage:
Versuchte der Angeklagte die Durchführung der genannten Aktionen nicht zu verhindern, sondern vielmehr dadurch zu erleichtern, daß er seinem Vorgesetzten eine wertmäßig geringere Gegenleistung vorschlug, als sie von Himmler gefordert worden war?

Antwort:
Es ist mir nichts davon bekannt, daß Eichmann seinem Vorgesetzten gegenüber eine wertmäßig geringere Gegenleistung vorgeschlagen hat, als sie vom Reichsführer Himmler gefordert wurde. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, ob sogleich nach Eintreffen der Zusage bereits 10% der Juden gemäß einer von Eichmann an Brand gegebenen Zusage zur Auswanderung freigegeben werden sollten.

9. Frage:
Ist das Kriegsverdienstkreuz eine hohe Auszeichnung?

Antwort:
Die Bedeutung der Auszeichnung liegt im wesentlichen in dem Rang. Ich habe das Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse bekommen, also die niedrigste Stufe. Für mich hatten meine anderen Orden eine wesentlich höhere Bedeutung, da es sich um Tapferkeitsauszeichnungen handelte.

10. Frage:
Waren Sie nach dem Fall Stalingrads und dem im Januar 1944 erfolgten Rückzug der deutschen Truppen vom Dnjepr der Ansicht, daß der Krieg für Deutschland vorloren war?

Antwort:
Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich nach dem Fall Stalingrads und dem im Januar 1944 erfolgten Rückzug der deutschen Truppen vom Dnjepr der Meinung war, daß der Krieg für Deutschland verloren sei. Ich kann heute beim besten Willen nicht mehr sagen, wann ich die Erkenntnis gewonnen habe, daß der Krieg verlorengeht. Auf jeden Fall ist mir diese Erkenntnis nicht auf einmal gekommen, sondern meine Überlegungen waren einmal pessimistisch, einmal optimistisch.

11. Frage:
Welchen Sonderauftrag erhielten Sie vom Reichsführer SS Himmler?

Antwort:
Wie sich aus meinen einleitenden Ausführungen ergibt, wurde ich nicht von Himmler, sondern vom SS-Führungehauptamt, Kommandoamt der Waffen-SS, im März 1944 nach Ungarn abkommandiert. Damals hatte ich lediglich den Auftrag des SS-Führungshauptamtes, Beschaffung von Truppenpferden und Ausrüstungsgegenständen für berittene und bespannte Einheiten. Weitere Aufträge hatte ich nicht. Ich hatte insbesondere auch keinen irgendwie mit der Behandlung von Juden in Zusammenhang stehenden Auftrag.

12. Frage:
Waren Sie der Überzeugung, daß die Durchführung Ihres Auftrages von erheblicher Bedeutung sei?

Antwort:
Ja, mein Auftrag vom SS-Führungshauptamt diente unmittelbar der militärischen Kriegsführung.

13. Frage:
Haben Sie Ihren Auftrag durchgeführt?

Antwort:
Ja, nach meiner Erinnerung sind in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht und den zuständigen ungarischen Dienststellen zirka 20.000 Pferde ausgehoben und unter die Bedarfsträger, Einheiten der Wehrmacht, der Waffen-SS und vielleicht auch der Polizei aufgeteilt worden. Meine Bemühungen, Ausrüstungsgegenstände zu beschaffen, hatten nur einen geringen Erfolg. Einzelheiten sind mir insoweit nicht mehr in Erinnerung.

14. Frage:
Haben Sie die Übertragung der Leitung des Mantred-Weiss-Konzerns in Ungarn auf sich betrieben?

Antwort:
Ich habe meine Berufung in die Leitung des Manfred-Weiss-Konzerns nicht betrieben. Ich habe, soweit ich heute erinnere, niemals den Wunsch gehabt, auch nach Beendigung des Krieges in der Leitung des Konzerns zu bleiben. Als ich im März 1944 mit meinem Stab nach Ungarn kam, wurden mir für meinen Stab durch die Wehrtmachtskommandantur drei Einzelhäuser zugewiesen. Ich stellte fest, daß diese der Familie Weiss gehörten und habe daraufhin um den Besuch eines Vertreters der Familie Weiss gebeten, damit ordnungsgemäß eine Inventaraufnahme vorgenommen werden konnte. Es meldete sich bei mir ein Herr Billitz. Mit diesem kam ich über meine Aufgabe, Ausrüstungsgegenstände zu beschaffen, ins Gespräch. Dr. Billitz meinte, daß ich mit dem maßgebenden Herrn des Konzerns - Dr. Franz Chorin - Verbindung aufnehmen sollte. Dieser allein könne mir bei diesem Auftrag behilflich sein. Dr. Chorin war damals in Haft. Es ist mir aber gleichwohl gelungen, die Verbindung herzustellen. Dr. Chorin war anfänglich der Meinung, es sollte zwecks Aufkaufs der zu beschaffenden Ausrüstungsgegenstände eine ungarische Firma gegründet werden, äußerte dann aber später, daß auch auf diese Weise die Beschaffung der Ausrüstungsgegenstände wohl nicht zu erreichen sei. Im Verlaufe der freundschaftlichen Gespräche, die ich mit Dr. Chorin damals geführt habe, unterbreitete er mir eines Tages den Vorschlag, Deutschland möge den Manfred-Weiss-Konzern beziehungsweise die formell in nichtjüdischen Händen befindlichen Anteile übernehmen, dafür aber den Mitgliedern der Familie Weiss die Ausreise gestatten. Himmler genehmigte auf meinen Vorschlag hin den Abschluß eines Treuhandvertrages und befahl, daß Obersturmbannführer Bobermin und ich mit in die Leitung des Konzerns berufen werden sollten.

15. Frage:
Ist Dr. Chorin auf Ihr Betreiben aus der Haft entlassen worden?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung ist Herr Chorin auf meinen Vorschlag mit Zustimmung Himmlers aus dem Internierungslager in das Haus der Familie Manfred Weiss nach Ungarn zurückgekommen. Herr Chorin blieb dort, bis er mit der Familie auswanderte. Eine zunächst erwirkte Sprecherlaubnis erhielt ich von Winkelmann. Ich erinnere mich nicht sicher, ob die Zurückführung von Herrn Chorin nach Budapest durch Winkelmann bei Himmler oder direkt von mir bei Himmler erwirkt wurde. Herr Chorin blieb in Budapest, bis er zusammen mit der Familie Weiss auswanderte, wie wir schon oben dargelegt haben.

16. Frage:
Haben Sie Fabriken und andere Unternehmungen beschlagnahmt?

Antwort:
Ich kann mich nicht erinnern, Fabriken oder andere Unternehmungen beschlagnahmt zu haben. Ich halte es für ausgeschlossen. Ich halte es auch für unmöglich, daß solche Beschlagnahmungen von meinem Stab vorgenommen worden sind.

17. Frage:
Dienten Ihre Maßnahmen, insbesondere Ihr Bestreben, die Leitung des Manfred-Weiss-Konzerns zu erhalten, der Erfüllung des Ihnen gegebenen Auftrages?

Antwort:
Die Erhaltung des Manfred-Weiss-Konzerns war von kriegswichtiger Bedeutung. Sie diente auch der Erfüllung meines Auftrages insofern, als die Möglichkeit bestand, die Verbindungen des Konzerns zur Beschaffung von Ausrüstungsgegenständen einzusetzen. Die dem Manfred-Weiss-Konzern angehörenden Industriebetriebe produzierten Flugzeuge, Lastkraftwagen, Motorräder bis zur Stecknadel, auch Lebensmittel und Konserven. Auch die Beschäftigung von etwa 30.000 Arbeitern in der Nähe der kämpfenden Truppe erschien von großer Bedeutung.

Zu der Zeit, als ich mit Herrn Chorin verhandelte, befanden sich die jüdischen Anteile des Manfred-Weiss-Konzerns unter Beschlagnahme der ungarischen Regierung. So hat es mir Herr Chorin erklärt. Die nichtjüdischen Anteile des Konzerns wurden von Mitgliedern der Familie Weiss gehalten. Nach meiner Erinnerung bildeten sie 51 % der Gesamtanteile. Nach meiner Erinnerung stand Herr Chorin auf dem Standpunkt, daß auch diese in nichtjüdischen Händen befindlichen Anteile durch eine Anordnung der Regierung unter die Beschlagnahme der ungarischen Regierung fallen könnten. Nach meiner Erinnerung waren die wesentlichen Bestandteile der Vereinbarung zwischen Herrn Chorin und Himmler einerseits die Übertragung der treuhänderischen Führung der nichtjüdischen Anteile des Manfred-Weiss-Konzerns an das Deutsche Reich mit einer Dauer von 25 Jahren, andererseits die Genehmigung für die Ausreise einer Gruppe von Familienmitgliedern und einigen nicht zur Familie gehörigen Personen und Zur-Verfügungstellung eines mir nicht mehr in Erinnerung seienden Betrages vom Deutschen Reich an die Familie Weiss. Nach meiner Erinnerung war es der Wunsch von Herrn Chorin, daß Horty erst über diesen Vertrag unterrichtet werden sollte, nachdem die Familiengruppe Ungarn verlassen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, ob auch auf deutscher Seite ähnliche Wünsche bestanden. Ich weiß, daß die ganze Transaktion von Herrn Dr. Chorin ausging. Nach meiner Erinnerung wurden die Verträge Mitte Mai gezeichnet und am gleichen Tage reiste die Familie aus Ungarn aus. Unverzüglich nach dieser Ausreise wurde nach meiner Erinnerung Veesenmayer durch Winkelmann unterrichtet. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, ob ich Brand vor oder nach Abschluß des Treuhandvertrages kennengelernt habe; die Termine müssen einigermaßen zusammengefallen sein.

18. Frage:
Ist Ihnen die sogenannte Brand-Aktion bekannt, wonach 1 Million Juden unter gewissen Bedingungen in das Ausland reisen sollten?

Antwort:
Die Brand-Aktion, Lastkraftwagen gegen Freilassung von Menschen, ist mir bekannt. Mir ist nichts darüber bekannt, ob der Angeklagte die sogenannte Brand-Aktion angeregt und bei seinem Vorgesetzten vorgebracht hat. Ich weiß auch nicht, ob der Angeklagte dieserhalb mehrmals in Berlin gewesen ist.

19. Frage:
Wann und wie erfolgte Ihre Einschaltung in diese Aktion und auf wessen Veranlassung?

Antwort:
Kurze Zeit nachdem ich von Himmler die grundsätzliche Zustimmung zu dem Abschluß des Treuhandvertrages bezüglich des Manfred-Weiss-Konzerns erhalten hatte, trat Dr. Billitz an mich mit der Bitte heran, ich möchte mich bei Himmler für die Rettung jüdischer Menschen einsetzen. Das ist nach meiner Erinnerung Anfang Mai 1944 gewesen.

20. Frage:
Wann und unter welchen Umständen haben Sie Herrn Joel Brand kennengelernt? Wann zum ersten Mal gesprochen?

Antwort:
Zu dieser Frage habe ich bereits in meiner Antwort zur achten Frage dieses Protokolls Stellung genommen.

21. Frage:
Waren die Vorschläge des Angeklagten Adolf Eichmann für die Durchführung der Aktion günstiger als die des Reichsführers SS Himmler, mit dem Sie sprachen?

Antwort:
Die Vorschläge des Angeklagten waren mir im einzelnen und vollstandig nicht bekannt. Als ich von Dr. Billitz gedrängt um einen Termin bei Himmler nachsuchte, den ich durch Vermittlung von Winkelmann erhielt, wußte ich von Dr. Billitz, daß ein Vorschlag, Lastkraftwagen gegen Freilassung jüdischer Menschen, im Gespräch war. Himmler äußerte sich nicht darüber, ob er von diesem Vorschlag Kenntnis hatte und von wem er stammte. Himmler erklärte mir jedoch nach meiner Erinnerung wörtlich: "Holen Sie von den Juden heraus, was herauszuholen ist. Versprechen Sie Ihnen, was sie fordern. Was davon eingehalten wird, das werden wir sehen!" Ich widersprach und erklärte ausdrücklich, daß mit den Juden getroffene Vereinbarungen unter allen Umständen eingehalten werden müßten. Ich erinnere mich, daß Himmler bezüglich einer Verrechnungsquote schließlich einen Betrag von Dollar 1.000 festgesetzt hat. Ich erinnere mich, daß seinerzeit Beträge verschiedener Höhen im Gespräch waren und ich halte es für denkbar, daß Herr Dr. Kastner über die Einzelheiten wohlmöglich besser als ich unterrichtet war.

22. Frage:
Waren Sie nach dem Kriege in Internierungs- oder Gefangenenlagern oder Gefängnissen als Dolmetscher bei der Vernehmung von Mitinhaftierten tätig?

Antwort:
Nein.

23. Frage:
Haben Sie während Ihrer Gefangenschaft mit den Mitinhaftierten Veesenmayer, Winkelmann, Geschke, Jüttner und anderen über die Judenverfolgungen und die Verantwortung hierfür gesprochen?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung habe ich während meiner jahrelangen Internierung mit vielen Menschen auch über diese Probleme gesprochen; u.a. mit General Winkelmann während unserer gemeinsamen Haft (1945/ 1946) im Gefängnis in Budapest und später mit General Jüttner im Zeugenflügel des Justizpalastes Nürnberg. An Gespräche mit Veesenmayer, mit dem ioh ebenfalls in Budapest und später in Nürnberg inhaftiert war, kann ich mich nicht erinnern. Geschke habe ich nach meiner Erinnerung in der Inhaftierung nicht getroffen.

24. Frage:
Haben Sie die vorgenannten Personen auch nach Beendigung der Gefangenschaft getroffen oder sonst noch Verbindung mit ihnen aufgenommen und über die Judenangelegenheit mit ihnen gesprochen? Wann ist dies zuletzt geschehen?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung habe ich nach meiner Entlassung aus der Internierung in Nürnberg, das war im Dezember 1947, mit keinem der genannten Herren, Winkelmann, Jüttner, Veesenmayer, Geschke, persönlich gesprochen. Korrespondiert habe ich lediglich mit Winkelmann und Jüttner in anderen Angelegenheiten als in Judenproblemen. Meine Korrespondenz mit Winkelmann endet 1948 und die mit Jüttner 1952.

25. Frage:
Haben Sie während Ihrer Gefangenschaft mit Herrn Dr. Kastner über die Judenangelegenheit gesprochen? Wenn ja, wann ist dies gewesen und wer hat solche Besprechungen veranlaßt? Hat Dr. Kastner sich darum bemüht?

Antwort:
Herr Dr. Kastner war in Nürnberg, wie er mir sagte, in einer Aussage als Zeuge im Wilhelmstraßenprozeß, und ich bin ihm bei der Gelegenheit, nach meiner Erinnerung war dies im August 1947, begegnet. Ich meine, mich zu erinnern, daß ich Dr. Kastner dann noch einmal, etwa im April 1948. als ich noch in Nürnberg im sogenannten offenen Zeugenflügel war, gesprochen habe. Während dieser Begegnung haben wir uns selbstverständlich über unsere gemeinsamen Rettungsbemühungen unterhalten. Ich wurde aus dem Gefängnis zu einem Verhör vorgeführt und traf bei der Gelegenheit Dr. Kastner. Es war selbstverständlich mein Bemühen gewesen, einmal mit Dr. Kastner wieder in Berührung zu kommen.

26. Frage:
Hat Herr Dr. Kastner Sie nach Ihrer Entlassung aus dem Gefängnis aufgesucht? Wenn ja, wie oft und wie lange?

Antwort:
Später habe ich Herrn Dr. Kastner weder gesehen noch gesprochen. Auf die Frage, ob ich später mit Herrn Dr. Kastner in Korrespondenz gestanden habe: Ja, ich habe nach meiner Erinnerung einige Briefe sporadisch mit Herrn Dr. Kastner gewechselt.

27. Frage:
Hat Herr Joel Brand Sie nach Ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft aufgesucht und mit Ihnen über Judenangelegenheiten gesprochen?

Antwort:
Herr Joel Brand schrieb am 16. Mai 1955 an mich und bat um eine Unterredung. Er kam nach meiner Erinnerung im Juni 1955 in Begleitung von dem Schriftsteller Weissberg-Cybulski nach Bremen. Die Herren führten aus, daß er ein Buch über das Rettungswerk der Waadaa und die enge Zusammenarbeit mit mir schreiben wolle. Die Herren sagten, dieses Buch werde ein Bestseller werden und solle in allen Sprachen der Welt erscheinen. Dieses Buch könne aber nur geschrieben werden, wenn ich im Interesse der historischen Wahrheit an diesem Buch mitwirken würde. Herr Brand könne ja über die Vorgänge in Ungarn nach seiner Abreise nach Konstantinopel Mitte Mai 1944 nichts aus eigener Kenntnis sagen. Er wäre vielmehr insoweit nur auf Erzählungen anderer angewiesen. Er habe zwar den Rechenschaftsbericht der Waadaa von Herrn Dr. Rudolf Kastner. Es sei aber unbedingt erforderlich, daß ich die Zusammenarbeit des jüdischen Rettungskomitees mit der deutschen Seite darstelle. Insbesondere sei ihm daran gelegen, daß die historische Wahrheit in Bezug auf die von mir durch Verhandlungen mit Himmler erreichten Erfolge zum Ausdruck käme. Ich habe mich mit den Herren über einige Vorgänge aus der damaligen Zeit unterhalten, aber zum Ausdruck gebracht, daß ich keine Neigung hätte, an diesem Buch mitzuwirken. Im Laufe der Gespräche bat mich Herr Brand, ich möchte ihm eine eidesstattliche Versicherung geben, in der ich bestätige, daß aus seinen Mitteln angeschaffte Holzbaracken deutschen Dienststellen zur Verfügung gestellt worden seien. Eine solche Erklärung benötige er für die Geltendmachung von Wiedergutmachungsansprüchen. Mir war darüber nichts bekannt. Ich habe es deshalb abgelehnt, die erbetene eidesstattliche Versicherung abzugeben. Ich hatte den Eindruck, daß Herr Brand darüber sehr enttäuscht war. Herr Brand war seinerzeit mehrere Tage in Bremen. Er machte wiederholt den Versuch, mich für die Mitarbeit an seinem Buch zu gewinnen. Mit gemeinsamem Schreiben vom 22. Juli 1955 haben die Herren Brand und Weissenberg-Cybulski mich noch einmal zur Mitwirkung an dem Buch aufgefordert. Ich habe dieses Schreiben nicht beantwortet und seitdem keine Verbindung mit Herrn Brand gehabt.

28. Frage:
Haben Sie nach dem Kriege mit Herrn Andreas Biss Verbindung gehabt?

Antwort:
Jawohl. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann Herr Biss mir das erste Mal geschrieben hat. Ich habe Herrn Biss einige Male gesprochen und mich mit ihm, dem Vertreter von Dr. Kastner in dem Rettungskomitee Budapest, auch über unsere gemeinsame Arbeit unterhalten. Ich meine, daß ich Herrn Biss zuletzt Ende 1960 oder Anfang 1961 persönlich getroffen habe.

29. Frage:
Führten Sie mit dem Angeklagten allgemeine Gespräche über die Lösung der Judenfrage in Ungarn und was war die Einstellung des Angeklagten?

Antwort:
Ich habe mich gehütet, mit Eichmann allgemeine Gespräche über die Judenfrage zu führen. Mir war die Einstellung des Angeklagten aus vielen Äußerungen und aus seinen Maßnahmen bekannt. Eichmann war überzeugter Nationalsozialist und fanatischer Antisemit. Mir ist durch den Vertreter des Herrn Generalstaatsanwalts in Jerusalom die Einlassung des Angeklagten, enthalten im Dokument der Staatsanwaltschaft Nr. 3.290 bis 3.305, Tonband 69, Band VI der polizeilichen Aussage des Angeklagten, vorgelesen worden. Soweit ich in diesen Aussagen zitiert wurde und meine Tätigkeit beschrieben worden ist, erkläre ich, daß sie in keinem Fall der Wahrheit entsprechen. Ich habe weder Einfluß auf die Durchführung der Deportationen gehabt; es ist bewiesen, daß ich Einfluß gegen Deportationen in vielen Fällen genommen habe und in einzelnen Fällen auch Erfolg gehabt habe. Mein Auftrag des SS-Führungshauptamtes und die von mir durchgeführte Manfred-Weiss-Aktion stand mit Eichmann überhaupt nicht in Zusammenhang. Ich habe, wie vorstehend ausgesagt, erst etwa in der ersten Hälfte Mai auf Veranlaseung der jüdischen Führung versucht, Einfluß bei Himmler zu Gunsten der Juden zu bekommen. Meine vorstehenden Ausführungen werden unter anderem auch aus der Erklärung, die Dr. Rudolf Kastner abgegeben hat gestützt. Mir ist die eidliche Aussage Dr. Kastners v. 13. September 1945 vor dem Internationalen Militärgericht (IMG Band XXXI, Nr. 47 der Dokumente der israelischen Staatsanwaltschaft) vorgehalten worden, soweit die Aussage mich betrifft. Wenn in den Aussagen des Herrn Dr. Kastner in den Motiven Unterschiede gesehen werden, bin ich nicht in der Lage, dazu Erklärungen abzugeben.

30. Frage:
Sind die Erklärungen und Aussagen, die Sie im Nürnberger Zeugengefängnis unter Eid und ohne Eid in den Jahren 1945, 1947 und 1948 gemacht haben, der Wahrheit entsprechend?

Antwort:
Ich kann mich nicht mehr an die Erklärungen und Aussagen, die ich im Nürnberger Zeugengefängnis gemacht habe, im einzelnen erinnern. Ich habe aber meiner inneren Einstellung entsprechend alle Angaben, ob unter Eid oder ohne Eid, nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Wenn ich heute beschwören soll, daß alle Erklärungen und Aussagen der Wahrheit entsprechen, müßten mir die Dokumente vorgelegt werden, damit ich diese im einzelnen einer eingehenden Prüfung unterziehen kann.

31. Frage:
Wann wurde Ihnen bekannt, was mit den Deportierten geschah?

Antwort:
Von der jüdischen Seite, speziell von Dr. Kastner ist mir zunächst andeutungsweise, und ich meine ab Ende August 1944, erklärt worden, daß die aus Ungarn deportierten Juden nur zum Teil im Arbeitseinsatz seien, andere vernichtet würden. Ich habe hierauf nach meiner Erinnerung auch Eichmann angesprochen, der mir mit Nachdruck erklärte, es handele sich um Lügen. Alle Juden seien im Arbeitseinsatz. Aus dem von mir bei Himmler im Herbst 1944 erwirkten Befehl - ich bin heute nicht mehr ganz sicher, ob es im Oktober oder November war - des Inhalts: "Ioh verbiete mit sofortiger Wirkung jegliche Vernichtung von Juden und befehle im Gegenteil die Pflege von schwachen und kranken Personen" habe ich erstmalig von deutscher Seite die Bestätigung bekommen, daß Dr. Kastners Informationen zutrafen.

32. Frage:
Welche Mitteilung machten Sie General Jüttner über den Fußmarsch und wie reagierte dieser darauf?

Antwort:
Genera1 Jüttner war über den Fußmarsch empört. Ich hatte Gelegenheit, ihn, bevor er von Wien nach Budapest fuhr, dies war Mitte November, eingehend auf die katastrophale Maßnahme aufmerksam zu machen und ich hatte ihn auch darüber unterrichtet, daß ich bereits zusammen mit General Winkelmann bei Himmler vorstellig geworden war. General Jüttner, beeindruckt von dem Selbstgesehenen, hatte in Budapest sowohl mit General Winkelmann wie auch mit einem Untergebenen von Eichmann im Beisein von Winkelmann und mir gesprochen und seine Empörung zum Ausdruck gebracht. Nach meiner Erinnerung hat der Untergebene von Eichmann sich darauf berufen, lediglich Befehle auszufUhren.

33. Frage:
Was wissen Sie über den Fußmarsch der Budapester Juden an die österreichische Grenze?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung wurde mit dem Fußmarsch Ende Oktober 1944 begonnen, also zu dem Zeitpunkt, als die Szalasy-Regierung amtierte. Der Fußmarsch wurde damit begründet, daß diese Menschen einen Schutzwall an der österreichischen Grenze errichten müßten. Deswegen wurde über Altersgrenzen von für diesen Zweck einsatzfähigen Männern gesprochen. Gelegentlich meiner Besprechungen in der Schweiz mit dem Beauftragten Präsident Roosevelts für Kriegsflüchtlingsfragen, Herrn Mc Clelland, und mit Herrn Saly Mayer habe ich diesen Herren zugesagt, unverzüglich bei Himmler vorstellig zu werden, diesen Fußmarsch abzustellen, unter allen Umständen aber, wenn dieses Ziel nicht erreichbar wäre, dafür einzutreten, daß nur Menechen in Marsch gesetzt würden, die altersmäßig und körperlich in der Lage sind, Schanzarbeiten auszuführen. Bei meiner Rückkehr aus der Schweiz Anfang November habe ich auf der Straße von Wien nach Budapest grauenhafte Elendsmärsche gesehen. Ich habe hierüber sofort General Winkelmann unterrichtet und zusammen mit General Winkelmann einen ausführlichen, meiner Erinnerung nach fernschriftlichen Bericht an Himmler gegeben mit der Bitte, die Einstellung dieses Marsches zu befehlen. Ich weiß nicht, ob der erbetene Befehl sofort ergangen ist. Tatsächlich ist der Fußmarsch jedoch weitergegangen; denn einige Tage danach habe ich diese Märsche erneut auf der Straße von Budapest nach Wien gesehen. Ich bin alsdann zu Himmler gefahren und habe um die Einstellung des Fußmarsches gekämpft. Himmler hat daraufhin den Fußmarsch verboten. Nach meiner Erinnerung war der Zustand der Menschen auf dem Fußmarsch außerordentlich schlecht. Nach meiner Erinnerung waren sowohl Kinder von 10 Jahren und auch alte Leute vielleicht von 65 Jahren beiderlei Geschlechts unter den Marschierenden. Nach meiner Erinnerung war jedenfalls teilweise - ich bin dreimal auf der Straße gefahren - schlechtes Wetter. Auf die Frage, ob ich gegenüber General Jüttner diesen Fußmarsch als Standarte Eichmann bezeichnet habe, kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

35. Frage:
Wo wohnte Eichmann in Budapest?

Antwort:
Seine Wohnung ist mir nicht bekannt. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß ich ihn jemals dort besucht habe. Seine Dienststelle war auf dem Schwabenberg.

35. Frage:
Kannten Sie Slawik, den Hausmeister Eichmanns?

Antwort:
Nein.

36. Frage:
Kannten Sie den Namen von Eichmanns Chauffeur in Budapest?

Antwort:
Nein.

37. Frage:
Kannten Sie den SS-Obersturmbannführer Dr. Wilhelm Hoettl?

Antwort:
Ich kannte ihn in Budapest flüchtig. Ich habe ihn später im Zeugenflügel des Justizpalastes in Nürnberg wiedergetroffen.

38. Frage:
Wußten Sie von Beziehungen des Angeklagten zu Dr. Hoettl?

Antwort:
Nichts.

39. Frage:
Was war das deutsche Dienstpersonal, das Ihnen zur Ausführung Ihres Sonderauftrages für das SS-Führungshauptamt zur Verfügung stand?

Antwort:
Meine Mitarbeiter waren von Einheiten der Waffen-SS zu meinem Stab abkommandiert. Es handelte sich um Pferdeaushebungsoffiziere, Veterinäroffiziere, Zahlmeister, Unteroffiziere und Mannschaften. Die Pferdeaushebungskommissionen wurden gebildet aus ungarischen Offizieren des Honved-Ministeriums, deutschen Heeresoffizieren und Angehörigen meines Stabes.

Die Vernehmung wurde um 17.30 Uhr unterbrochen.

Bremen, den 21. Juni 1961

Die Vernehmung wurde am 21. Juni 1961 fortgesetzt.

Gegenwärtig: Dieselben

40. Frage:
Erkennen Sie die in Fotokopie vorliegenden Fernschreiben vom 25. und 26. 8. 1944 (Dokumente Nrn. 1421 und 1422 der israelischen Staatsanwaltschaft) als authentisch an?

Antwort:
Obwohl ich mich auf den Wortlaut nicht erinnern kann, erkenne ich an, daß es sich bei den Dokumenten um Fotokopien von solchen Fernschreiben handelt, die zwischen mir und Himmler gewechselt sein können.'

41. Frage:
Halten Sie Ihre Aussagen aus dem Jahre 1947 und 1948, wie sie im Dokument der Staatsanwaltschaft Nr. 774 zusammengestellt sind, auch heute noch als richtig aufrecht?

Antwort:
Nachdem ich gestern abend die Protokolle, Interrogation Nr. 929 vom 7. Juli 1947 und Nr. 929 B vom 10. Juli 1967, wegen der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit allerdings nur flüchtig durchgesehen habe, kann ich erklären, daß die darin gemachten Aussagen der Wahrheit entsprechen. Ich kann mich, nachdem ich diese Protokolle gesehen habe, insbesondere daran erinnern, daß meine Darstellung über die Besprechung mit Eichmann bei Himmler zutreffend ist.

Ich habe die mir gestern weiter übergebenen Protokolle vom 28. Juli 1947 ohne Nummer, Nr. 1858 vom 29. August 1947, Nr. 2294 vom 1. November 1947, Nr. 2710 a vom 2. März 1948 und Nr. 2710 c vom 22. Juni 1948 wegen der Kürze der Zeit auch nur überflogen. Ich kann mich an diese Vernehmungen nur dunkel erinnern. Wie sich aus diesen Protokollen ergibt, habe ich mich zum Teil über Dinge ausgelassen, die ich nur vom Hörensagen kannte und erst in der Internierung erfahren hatte. An manche Vorgänge, über die ich in diesen Vernehmungen Aussagen gemacht habe, kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

42. Frage:
Wie kam es zu dem Gespräch in Triberg im Dezember 1944 zwischen Himmler und Eichmann, bei dem Sie anwesend waren?

Antwort:
Ich habe meine Beschwerde und Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, daß meines Erachtens durch Eichmann immer wieder versucht wurde, die von Himmler gegebenen Weisungen zu umgehen. Ich bat Himmler, Eichmann zu sich zu bestellen, um ihn persönlich über seine Absichten zu unterrichten. Ich hatte Himmler gesagt, daß Eichmann einfach seine Befehle nicht ernst nehme und nur dann durchführe, wenn sie von Gruppenführer Müller ausdrücklich bestätigt würden. Dieses habe mir Eichmann selbst erklärt. Himmler hat dann Eichmann zusammen mit mir zu sich befohlen. Ich habe Himmler in den persönlichen Gesprächen meinen Eindruck vermittelt, daß Eichmann seine Stütze bei Müller und Kaltenbrunner hat und ich nicht sicher sei, ob Eichmann schließlich Himmlers Befehle und Weisungen befolgen würde. Ich erinnere mich, daß ich Himmler die Empfehlung gegeben habe, zu versuchen, Eichmann von seinen jetzigen Gedankengängen persönlich zu überzeugen. Ich habe Himmler dabei nach meiner Erinnerung empfohlen, Eichmann mit einem Orden auszuzeichnen, da ich den Eindruck hatte, daß Eichmann für eine solche Begrüßung durch Himmler empfänglich war. Das Gespräch zwischen Himmler, Eichmann und mir fand meiner Erinnerung nach im Befehlswagen Himmlers im Schwarzwald bei Triberg statt. Himmler hat mit Eichmann, ich möchte sagen im Guten und Bösen, gesprochen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang eines Ausspruchs Himmlers, in dem er Eichmann anschrie, etwa wie folgt: "Wenn Sie bisher Juden ausrotteten, so müssen Sie, wenn ich es befehle, wie in diesem Falle, jetzt Judenpfleger sein. Ich erinnere Sie daran, daß nicht der Gruppenführer Müller oder Sie, sondern ich 1933 das Reichssicherheitshauptamt gegründet habe und daß ich befehle. Wenn Sie es nicht können, dann müssen Sie es sagen!"

43. Frage:
Aus welchen Gründen beschwerten Sie sich bei Himmler über Eichmann und worin bestand Eichmanns Sabotage Ihrer Tätigkeit?

Antwort:
Das Entgegenwirken Eichmanns gegen meine Maßnahmen war nicht immer klar erkennbar. Ich wurde laufend durch Herrn Dr. Kastner und Herrn Biss darauf aufmerksam gemacht, daß Eichmann irgendwelche Anordnungen getroffen hatte, die nicht im Einklang mit den Verhandlungen zwischen dem Rettungskomitee und mir beziehungsweise meinen Absprachen mit Himmler standen. An Einzelheiten kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, daß Eichmann bestrebt war, diese Angelegenheiten mir gegenüber ständig zu bagatellisieren. Als Himmler die Ausreise von zirka 1700 Personen genehmigt hatte - nach meiner Erinnerung im Juni oder Juli 1944 - und die von dem jüdischen Komitee bestimmten Personen bereits in den Raum von Wien in Marsch gesetzt werden sollten, hörte ich von Dr. Kastner, daß Eichmann Anweisung gegeben hätte, den Transport nach Bergen-Belsen in Marsch zu setzen. Ich habe auf Wunsch von Dr. Kastner daraufhin sofort mit Eichmann gesprochen und dieser hat mir nach meiner Erinnerung etwa erklärt: "Jawohl, der Transport geht aus technischen Gründen nach Bergen-Belsen!" Auf meine Frage, warum nach Bergen-Belsen und warum nicht gleich in Richtung Schweiz, erklärte er mir: "Die Leute sollen erst nach Bergen-Belsen!" Auf meine Frage, wann der Transport weitergehe, erklärte Eichmann: "Sobald dies befohlen würde!" Er setzte hinzu, daß es letzten Endes in seiner Hand läge, wann der Transport rolle; denn es gäbe genügend Argumente auch gegenüber Himmler dafür, daß der Transport nicht abginge. Zum Beispiel könne Flecktyphus ausgebrochen sein. Der Transport könne ja auch unterwegs durch feindliche Bombenangriffe vernichtet sein.

Ich habe mich wegen dieses Transportes erneut mit Himmler in Verbindung gesetzt und schließlich erreicht, daß der Transport wirklich in die Schweiz ging.

Eichmann hat mir mehrfach erklärt, daß selbst Befehle von Himmler von ihm nur ausgeführt würden, wenn Gruppenführer Müller, sein Chef, diese Befehle bestätige.

Im April 1945 war ich darum bemüht, daß die Insassen von Konzentrationslägern nicht noch durch Kampfhandlungen vernichtet würden. Ich erhielt hierzu eine Vollmacht von Himmler für das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Aus taktischen Gründen erschien es mir zweckmäßig, Eichmann wissen zu lassen, daß ich von Himmler diese Vollmacht hatte, um ihn vor eventuellen Maßnahmen abzuschrecken. Deswegen ging ich, bevor ich mit Dr. Kastner nach Bergen-Belsen fuhr, in Eichmanns Dienststelle hier in Berlin. Ich erklärte Eichmann, daß ich zusammen mit Dr. Kastner nach Bergen-Belsen fahre und anschließend nach Neuengamme. Hier brach Eichmann in einen Wutanfall aus, daß ich "diesen Lumpen Kastner" in ein Konzentrationslager führen wollte, ganz abgesehen davon, daß er auch nicht damit einverstanden wäre, daß ich Eintritt in ein Konzentrationslager hätte. Eichmann erklärte rundheraus, daß er und Gruppenführer Müller dies nicht zulassen würden und es darüber hinaus unerwünscht sei, Kastner mitzunehmen. Ich fuhr gleichwohl mit Kastner nach Bergen-Belsen.

Was die praktische Zusammenarbeit zwischen Kaltenbrunner - Eichmann und Gruppenführer Müller - Eichmann betraf, ist nach meiner heutigen Erinnerung mein Eindruck der, daß in manchen Fällen Eichmann direkt mit Kaltenbrunner zusammengearbeitet hat, daß aber hauptsächlich die Zusammenarbeit zwischen Eichmann und Müller gelegen hat. Ich kann dafür, daß Eichmann und Kaltenbrunner unmittelbar in manchen Fällen zusammenarbeiteten, kein Beispiel angeben.

44. Frage:
Informierten Sie Eichmann über Himmlers Befehle und was war seine Reaktion? Auf welchem Weg erhielt Eichmann in der Regel Himmlers Befehle?

Antwort:
Die Befehle Himmlers sind auf dem Dienstwege ergangen. Lediglich die Kopie des von mir erwirkten Befehls, die Vernichtung der Juden einzustellen, gerichtet an Kaltenbrunner und Pohl, habe ich Eichmann gezeigt. Ich glaube, das geschah in Budapest. Ich erinnere mich, daß Eichmann über diesen Befehl außerordentlich bestürzt war. Ich vermag jedoch heute nicht mehr zu sagen, was er im einzelnen gesagt hat.

Nach meiner heutigen Erinnerung habe ich Eichmann teilweise mündlich über Entscheidungen Himmlers unterrichtet, in Fällen nämlich, wo es mir angebracht erschien, Eichmann auf dem Vorwege zu unterrichten.

45. Frage:
Glauben Sie, daß der 1700-Personen-Transport nicht durchgeführt worden wäre, wenn Sie sich nicht für die Ausreise der Personen eingesetzt hätten?

Antwort:
Nachdem die Zahl dieses Transportes durch den Abgang von Ungarn feststand, habe ich von Himmler auf ausdrückliche Frage die Zusage erhalten, daß diese Menschen in die Schweiz ausreisen dürfen. Der Transport ging nach Bergen-Belsen anstatt in die Schweiz. Ich hatte mich persönlich gegenüber dem jüdischen Komitee auf Grund der Zusage Himmlers an mich verpflichtet, für die Ankunft dieser Menschen in der Schweiz zu sorgen. Ich habe wiederholt bei Himmler insistiert, daß dieser Transport weitergehen müßte. Himmler hat mir trotzdem zunächst nur zugesagt, daß im August 500 Personen ausreisen könnten. Ich weiß, daß Himmler diesen Befehl gegeben hat. Trotzdem kam nur ein Transport mit 318 Menscben im August über die Schweizer Grenze. Ende Oktober hat mir Himmler schließlich zugesagt, daß nunmehr die restlichen Personen abreisen könnten. Ich habe diese Erklärung verbindlich Herrn Präsident Mayer und Herrn Mc Clelland abgegeben. Tatsächlich ist dieser Transport dann im Dezember auch in der Schweiz angekommen. Nach meiner Auffassung ist dieser Transport mit Sicherheit nur in die Schweiz gegangen, weil ich mich dafür ununterbrochen eingesetzt habe.

46. Frage:
Sie haben bekundet, daß Eichmann Ihre Tätigkeit sabotiere. Wer unterstützte Eichmann in dieser Hinsicht?

Antwort:
Ich vermute, daß Eichmann sich entscheidend auf Müller stützte, daß er aber auch in Kaltenbrunner eine maßgebende Stütze sah.

47. Frage:
Haben Sie Ihre Aussagen vom 27. und 28. März 1946, wie sie im Dokument Nr. 827 der israelischen Staatsanwaltschaft enthalten sind, seinerzeit wahrheitsgemäß erstattet, und halten Sie Ihre Aussagen noch heute aufrecht?

Antwort:
Ich habe diese Protokolle flüchtig durchgesehen. Meine damaligen Bekundungen sind richtig. Ich habe insoweit nichts hinzuzufügen. Ich erinnere mich, daß ich Eichmann Mitte April im Quartier Himmlers in Wustrau getroffen habe. Ich kann mich aber an die Unterhaltung heute im einzelnen nicht mehr erinnern.

48. Frage:
Auf welche Weise machten Sie die Bekanntschaft Dr. Rudolf Kastners?

Antwort:
Ich habe Herrn Dr. Kastner nach meiner Erinnerung Anfang bis Mitte Juni 1944 kennengelernt. Diese Bekanntschaft wurde entriert durch Herrn Dr. Billitz. Ob ich Herrn Dr. Kastner zuerst mit Herrn Dr. Billitz oder mit Eichmann sah oder mit beiden, vermag ich nicht mehr zu erinnern.

49. Frage:
Wann schlugen Sie Himmler vor, die Judendeportationen einzustellen?

Antwort:
Ich kann nicht mehr sagen, wann ich erstmalig Himmler vorgeschlagen habe, die Judendeportationen einzustellen. Ich meine, daß ich diesen Vorschlag mit Nachdruck bereits im Juni 1944 gemacht habe.

50. Frage:
Was war das Ergebnis Ihrer Bemühungen bei Himmler?

Antwort:
Ich erinnere mich, daß ich nach meiner ersten Besprechung mit Präsident Saly Mayer an der Schweizer Grenze am 21. August 1944 an Himmler erneut herangetreten bin, um die Einstellung der Deportationen zu erreichen. Ich weiß auch, daß Himmler im unmittelbaren Anschluß an meinen Vortrag den Befehl gegeben hat, die Deportationen von Juden aus Ungarn einzustellen.

Mit dem zu einem späteren Zeitpunkt durch mich persönlich bei Himmler erwirkten Befehl an Kaltenbrunner und Pohl: "Ich verbiete mit sofortiger Wirkung jegliche Vernichtung von Juden und befehle im Gegenteil die Pflege von schwachen und kranken Personen. Ich halte Sie persönlich dafür verantwortlich, auch wenn dieser Befehl von untergeordneten Dienststellen nicht strikt befolgt wird" hat Himmler nicht nur die Deportation und die Vernichtung von jüdischen Menschen verboten, sondern im Gegentell befohlen, daß kranke und schwache jüdische Menschen zu pflegen sind. Auch das von mir durch Mithilfe von General Winkelmann und General Jüttner erwirkte Abstoppen des Abtransports von Juden durch Fußmarsch nach Österreich zählt zu den Ergebnissen meiner Bemühungen bei Himmler. Im Verfolg dieser bei Himmler erwirkten Linie sind auch die von mir in den letzten Wochen des Krieges durchgeführten Maßnahmen zum Schutze der Leben der Insassen von Konzentrationslägern anzusehen.

51. Frage:
Wie reagierte Eichmann auf Ihre Intervention, den Fußmarsch abzustellen?

Antwort:
Darüber kann ich aus eigenen Wahrnehmungen heraus nichts sagen. Ich erinnere jedenfalls heute keine Einzelheiten mehr.

52. Frage:
Wie waren die Beziehungen zwischen Himmler und Kaltenbrunner?

Antwort:
Hierüber kann ich aus eigenem Wissen nichts sagen. Ich habe aber aus der damaligen Zeit den Eindruck, daß das Verhältnis zwischen Himmler und Kaltenbrunner in zunehmendem Maße schlechter wurde. Himmler war zunehmend meinen Vorschlägen geneigter. Kaltenbrunner verfolgte dagegen weiter die harte Linie Hitlers. Ich weiß in diesem Zusammenhang, daß Himmler mir darüber Bemerkungen gemacht hat, daß er Sorge darum hätte, daß Kaltenbrunner meine Bestrebungen bei Hitler denunzieren würde.

53. Frage:
Wie erklären Sie, daß Himmler Eichmann durch Erteilung einer Auszeichnung zu besänftigen suchte, wo Eichmann seine Befehle nicht befolgt hatte?

Antwort:
Diese Frage habe ich bereits während meiner Vernehmung am 10. Juli 1947 (Interrogation Nr. 929 B, enthalten im Dokument 774 der israelischen Staatsanwaltschaft) auf Seite 10 auf die 37. Frage hin, beantwortet. Was ich dort ausgesagt habe, entspricht der Wahrheit, ich mache es auch zum Gegenstand meiner heutigen Vernehmung.

54. Frage:
Auf welchem Wege sind jüdische Werte in Ungarn für die SS sichergestellt und nach Deutschland gebracht worden?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung sind Beschlagnahmen durch mich und meinen Stab nicht erfolgt. Ich weiß aber, daß Vermögenswerte an meinen Stab abgeliefert worden sind; diese sollten mir die Möglichkeit geben, gegenüber Himmler mit den Leistungen der jüdischen Seite zu argumentieren. Das war mit der jüdischen Seite insbesondere mit Dr. Kastner und Ingenieur Biss abgesprochen. Ich kann keine Bekundungen darüber machen, auf welchem Wege jüdische Werte in Ungarn durch andere Dienststellen der SS sichergestellt und nach Deutschland verbracht worden sind. Es ist mir nichts darüber bekannt, welchen anderen deutschen Dienststellen außerhalb der SS jüdische Waren und Werte aus Ungarn überstellt wurden. Ich weiß, daß die bei meiner Dienststelle abgelieferten Wertsachen von meinem Zahlmeister, Hauptsturmführer Grobau, auf meinen Befehl Herrn Dr. Schwaiger nach seiner Befreiung aus Mauthausen übergeben worden sind. Diese Werte sind nach meiner Erinnerung - ich meine damit die Werte, die bei meinem Stab abgeliefert worden sind - teilweise von SS-Dienststellen übergeben worden, teilweise auch von anderen Stellen, wahrscheinlich auf Veranlassung des jüdischen Komitees. Ich selbst habe mich mit diesen Dingen persönlich nicht befaßt, so daß ich über Einzelheiten keine Erklärung abgeben kann. Auf die Frage, ob ich mich daran erinnere, ob für einen Betrag von 6 Millionen Pengö Pferdeausrüstungsgegenstände gekauft sind, kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich, daß eine Menge von Kaffee an meinen Stab abgeliefert worden ist. Nach meiner Erinnerung handelt es sich bei den an Herrn Dr. Schwaiger zurückgegebenen Werten unter anderem auch um die Wertsachen, die entweder von der Dienststelle Klages oder der Dienststelle Eichmann an meinen Stab übergeben wurden,

55. Frage:
Sind von Ihrer Dienststelle Schutzpässe ausgestellt worden?

Antwort:
Es sind sowohl Schutzpässe direkt von meiner Dienststelle wie auch auf meine Veranlassung und Mitwirkung durch verschiedene andere Stellen und Organisationen ausgestellt worden. Ich erinnere mich an meine Mitwirkung bei der Beschaffung von schwedischen und schweizerischen Schutzpässen und daran, daß noch zu der Zeit der Szalasy'schen Regierung 100 von dem Parteiminister unterschriebene Pässe beschafft wurden. Allgemein möchte ich sagen, daß der Sinn der Ausstellung von Schutzpässen war, jüdische Menschen gegen die verschiedensten antijüdischen Maßnahmen zu schützen. Auf die Frage, ob ich bemüht war, die Ausstellung von Schutzpässen möglichst geheim zu halten, kann ich mit "ja" antworten.

56. Frage:
Haben Sie jüdischen Menschen Gelegenheit gegeben, in den Sondertransport der 1700 Juden aufgenommen zu werden?

Antwort:
Nach meiner Erinnerung sind Personen in Abstimmung mit dem jüdischen Komitee für diesen Transport von meinem Stab vorgeschlagen worden. Die Anzahl ist mir nicht mehr in Erinnerung. Auf die Frage, ob die Aufnahme einer bestimmten Person von dem Komitee abgewiesen wurde, kann ich antworten, daß ich mich daran nicht erinnern kann.

57. Frage:
Wurden von den Empfängern der Schutzpässe oder von den Personen, die für den Sondertransport aufgenommen wurden, Gegenleistungen erbracht?

Antwort:
Nach meiner Erinnerng handelte es sich hauptsächlich um Personen, die in irgend einer Weise mit meinem Ausrüstungsstab oder für den Ausrüstungsstab arbeiteten. Ich halte es für denkbar, daß diese Personen, als sie ausreisten, irgendwelche Warenlieferungen oder Geldwerte geliefert haben. Da ich mich persönlich mit diesen Dingen nicht befaßte, kann ich darüber auch keine Aussagen geben. Bei der Ausstellung von Schutzpässen und bei der teilweisen Eingliederung dieser Personen in den Transport der Menschen, die in die Schweiz reisen sollten, ist mir ein "Zusammenspiel" nicht bekannt. Ich kann mich jedenfalls daran nicht erinnern. In Bezug auf die Bemerkung, die Dr. Kastner in seinem Bericht (Dokument 900 der israelischen Staatsanwaltschaft, Seite 62) machte, kann ich nur erklären, daß mir dies nicht bekannt und erinnerlich ist.

58. Frage:
Ihnen ist vorgehalten worden, daß nach dem Bericht Dr. Kastners (Dokument Nr. 900 der israelischen Staatsanwaltschaft, Seite 132/133) am 27. November ein Telegromm von Ketlitz eintraf. Wie hat Eichmann reagiert, als er den Inhalt des Telegramms erfuhr?

Antwort:
Ich kann mich an Einzelheiten dieser Besprechung nicht erinnern. Ich bezweifle aber nicht, daß die Situation so gewesen sein kann, wie sie von Herrn Dr. Kastner geschildert worden ist. Die Atmosphäre zwischen dem Rettungskomitee und mir einerseits und Eichmann andererseits war zu dem Zeitpunkt äußerst gespannt.

59. Frage:
Aus welchen Gründen befürworteten Sie, daß jüdische Menschen ausreisen durften, wenn sie eine Gegenleistung erbringen würden?

Antwort:
Als ich von der jüdischen Seite gebeten wurde, mich für die jüdischen Menschen einzusetzen, benutzte ich gegenüber Himmler die bereits im Gespräch befindlichen Propositionen, Lastwagen gegen die Freilassung von Menschen. Diese Proposition wurde mir als zwischen Eichmann und dem jüdischen Rettungskomitee in Verhandlung bestehend von Dr. Billitz berichtet. Ich habe auf dieser Grundlage meine Bemühungen bei Himmler begonnen und auch dann fortgesetzt, als es mir völlig klar war, daß diese Proposition nicht ernst gemeint war. Alle wirtschaftlichen Gegenleistungen und Gespräche über wirtschaftliche Gegenleistungen wurden von mir verwandt, um gegenüber Himmler die Erfüllung von Zusagen der jüdischen Seite zu dokumentieren, obwohl diese Leistungen nur in minimalem Umfang tatsächlich abgewickelt wurden.

60. Frage:
Hat der Angeklagte irgend etwas unternommen, um die Durchführung des Tauschgeschäftes zu vereiteln?

Antwort:
Ich nehme Bezug auf meine gesamte Vernehmung, weitere Aussagen kann ich zur Zeit nicht machen.

61. Frage:
Ist Ihnen bekannt, ob der Angeklagte dem Befehl Himmlers, Deportationen einzustellen, zuwidergehandelt hat?

Antwort:
Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, ob mir damals solche Fälle bekanntgeworden sind.

Ergänzend zu meiner Antwort auf die 59. Frage möchte ich noch bemerken: Meine Bemühungen, jüdische und politisch verfolgte Menschen zu schützen, waren der Grund, weswegen ich vorgab, diese geschäftlichen Transaktionen durchführen zu wollen, da ich darin die einzige Möglichkeit erblickte, bei Himmler Konzessionen für diese Menschen zu erreichen.

Ich habe meine Aussagen im gestrigen und heutigen Termin nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, und zwar so, wie sie mir heute in Erinnerung sind. Es ist aber zu bedenken, daß die Vorgänge etwa 17 Jahre zurückliegen und weiter, daß ich während meiner dreijährigen Internierung und auch in den späteren Jahren sehr viele Vernehmungen über mich habe ergehen lassen müssen, in denen mir zahlreiche Aussagen anderer vorgehalten sind. Es ist infolgedessen nicht ausgeschlossen, daß mich mein Erinnerungsvermögen zu dem einen oder anderen Punkt täuscht.

vorgelesen, genehmigt und unterschrieben

gezeichnet.
Kurt A. Becher

Vor wörtliche Übereinstimmung dieser Fotokopie mit der mir heute zum Vergleich vorgelegten, vom Amtsgericht Bremen hergestellten Abschrift beglaubige ioh hiermit.

B r e m e n , den 7. Juli 1961.

Der Notar:
gez. Unterschrift

Dienstsiegel
(...Lettmers (?)
Notar in Bremen)

Nach: Faksimile-Abdruck in 'kuckuck' 53, 1986.

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