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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Pierre Grégoire

ANCIEN MINISTRE

PRÉSIDENT D'HONNEUR
DE LA CHAMBRE DES DÉPUTÉS

Der Fall Dr. Eduard Calic

Vor der historischen Wissenschaft, die sich ernst nimmt, ist der Reichstagsbrand von 1933 längst als Naziverbrechen nachgewiesen worden. Von sensationslüsternen und skandalhungrigen Pseudogeschichtlern wird er, aus journalistischen Ausbeutungsgründen, immer wieder in Frage gestellt. Nur hat sich das Terzett Tobias-Mommsen-Janssen inzwischen zu einem Sextett oder Septett von Tages- und Wochenschreibern ausgewachsen, das die Geschichte des "Dritten Reiches" als ein Gloriosum mit unhappy end nicht etwa des nationalsozialistischen, sondern des deutschen Volkes hinzustellen trachtet. Im Auslande wurden diese Verherrlicher kürzlich in einer öffentlichen Versammlung nach Mass, Gewicht und Wert geechildert:

"Sie nennen sich Historiker und sind nur die Schande ihres Berufsstandes; sie proklamieren sich Wissenschaftler und sind nur elende Desinformatoren; sie behaupten Patrioten zu sein und können nur als Abschaum hitlertoller Chauvinisten agnosziert werden; sie geben vor, Diener der Wahrheit zu sein und sind nur Spurenverwischer und Faktenverdreher; der Vielzahl ihrer "Wahrheiten" widerspricht die Wahrheit einfachhin; ihre Moral, die den Nullpunkt streift, darf sich mit ihrer Logik vergleichen, und ihre historischen Kenntnisse sind ihren demokratischen Einsichten ebenwertig, die inexistent sind. Was Mut und Einsatz für die früheren Tyrannengegner waren, ist für deren Gegenteil genau das Gegenteil, nämlich feiges Verhalten, Bejahung des intellektuellen Terrorismus und Zustimmung zu Zwang und Gewalttätigkeit.

Leider haben sie überall, auch über die Grenzen hinaus, ihre Amplifikatoren. Diese spielen ihre Rolle als Weiterträger von Lügen, Fälschungen und Verleumdungen, sogar den Augen-, Haut- und Blutzeugen der braunen Barbarei gegenüber, hypokritisch nahezu vollendet."

Es gibt doch Schickungen, die nicht zu übersehen sind. Es geschah nämlich, als dem Verfasser dieses Testimoniums die Stellungnahmen des "kuckuck", des "Rheinischen Merkur" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zur Lektüre vorlagen, er die Umarbeitung einer vor mehr als dreissig Jahren veröffentlichten Schrift: "Der Fall Jacques Meyers. Eine Ehrenrettung" zu beenden hatte. Mit einem Male musste er erkennen, dass "Der Fall Dr. Eduard Calic" so sehr die absolute Parallele zu jener Fremdgeschichte darstellte, dass die damaligen Repliken auf ein nationales Kulturinternum ohne Abstrich auf die deutsche Kontroverse "Nazitäterschaft - Alleintäterschaft" applikabel geworden sind. Auszutauschen sind nur die Namen von Orten, Personen und Zeitungen, - dann stimmt es haargenau. Die Zitate beweisen es:

"In einer sonst normalen Zeit, die nur gewisse Menschen aus dem Häuschen jagt, damit sie in aller Oeffentlichkeit den Unfug ihrer Talentiertheit treiben, darf schon geschehen, dass der Eine sich im Himmelsregen wäscht, um sich von der Gnade des Herrn benetzt zu glauben, und der Andere aus der Traufe trinkt, bloss weil er die Ausdehnung seines Kauorganes als das Mass des rechten Schöpfermundes vorzuführen wunscht."Wohl können Fangtonnen der Belesenheit über einen Mann wie Dr. Calic dahinrollen, der sich keiner Wissensfässerfurore versehen hatte, allein wenn sie hohl sind, wird nichts anderes passieren, als dass ein barbarisches Gepolter losbricht, das sich in den allertiefsten Niederungen auslaufen muss.

Der ungeheuere Aufwand an Wörtern, die zu Phrasenströmen zusammenliefen, hatten nur den Zweck, den Anlass zur geschwollenen Polemik plausibel zu machen und also Dr. Calic als einen armen Schlucker vorzustellen, dessen geistiges Durstleidertum geradezu zum Schöpfen aus den fernsten wie aus den nächsten Quellen gedrängt hätte. Im Verfolg ihrer Propaganda, welche diese Ueberzeugung zu verallgemeinern hatte, erreichten sie gar bald den konträren Erfolg. Denn das schreiberische Zyklopentreiben in "Zeit" und "Spiegel" sah sich so gigantisch an, dass die Oeffentlichkeit zu glauben begann, dieser Eduard Calic sei doch ein verflixt gewichtiger Geschichtskerl in einem Lande, das für seinen Ruhm und für das Gegenteil zu klein wäre.

Ihre ebenso gefahrlose wie unfaire Kampfesweise, die ihnen Spass machte, da sie aus der unsauberen Anschuldigung eine blutige Abmurkserei machte, hätte, für die angepasste Antwort, die Umwandlung des Abwehraktes in eine Notwehrhandlung implizieren müssen. Doch lobte nicht den Getadelten das miese Wort des attackierenden Unverstandes? Welch ein Verschleiss an Buchstaben, Tinte und Papier, bei einer kolossalen Einsparung an 'Witz, Geist, Ironie und tieferer Faktenerkundung - so sorgt die Natur für Kompensationen! - um sich in einer Profession, die immerhin nützlich sein könnte, an notwendigen Geschichtspotenzen, wie sie Professor Hofer, der Schweizer, und Calic, der Italiener-Jugoslave, verkörperten, mehr als unnütz zu machen.

Was den falschen Anklägern abging, war nicht so sehr das ausdruckssichere Au-jour-le-jour-Talent, das die Tagesimmortalität der Zeitung garantiert, als der seelische Habitus, dessen Adelsformen auch den leiblichen zu einer gewissen Reserviertheit verpflichten. Vor allem in der Uebersteigerung der Zudringlichkeit entblössten die sogenannten Enthüller jenes innere Manko, das die Angegriffenen Hofer und Calic - Edelmänner noch in der Zwangslage der Verhöhnten - in der Rolle der Leidtragenden verharren liess, obwohl ihnen sämtliche Wortmittel zur Fortgeisselung der Kletten, die an fremdem Ruhme zu schmarotzen wünschten, zur Verfügung standen. Sogar der allerdümmste Galoppin des Journalismus, dem schliesslich eine gewisse Gewandtheit in der Ausnützung eines sensationellen fait divers zugestanden werden dürfte, hätte genUgend Fakultäten der Vernunft, der Einsicht und der Empfindung mobil machen können, um an den Werken der Belangten, Hofer und Calic, zu erkennen, dass sie Manns genug waren und auch genügend Männer des Wissens und der Weisheit, um überall, selbst auf den höheren Zinnen de Verteidigung, sich selber zu genügen. Hier nun liess sich die journalistische Trampelmanier der Tobiasse leicht als die Elefantenmarschweise der Sottise ausdeuten, die in Kramläden einbricht, um Scherbengerichte zu veranstalten.

Es war eine Annahme der "Zeit" und nicht eine Gewissheit vor Menschen und Unmenschen, dass das schwindelerzeugende Hochniveau der Hofer'schen Begabung mit einem schwindelhaften identisch sei. Und es ist unsere Annahme jetzt und also auch keine absolute Gewissheit, dass vor der Grösse ihres Hassobjektes der Schwindel solchermassen in die Janssen-Jünger fuhr, dass diese ihr Publikum zu beschwindeln anfingen. Allein die Hypothese - der ja jeder Schwachkopf nachzuhängen vermag - die historische Kraft und geistige Gewalt, als die Hofer durch die Zeit und in die Zukunft wirkte, sei gleichbedeutend mit der Schäbigkeit gewesen, die emsige Verunstalter seiner Funde in ihm hatten sehen lassen wollen, müsste ja die geistige Armut seiner Tage und die povere Bildung der von ihm geformten Generationen Spuren der Trostlosigkeit durch eine Gegenwart ziehen lassen, in welcher doch Fährten und Gefährten seines befruchtenden Schaffens aus sämtlichen schweizerischen und deutschen Kulturwinkeln leuchten.

Der Versuch dieser Van-der-Lubbe-Nachrichter, zwischen Leistung und Beachtung einen Widerspruch zur Hofer'schen und Calic'schen Unehre zu konstruieren, durfte schlimmmstenfalls geduldet werden, solang sie nicht den Fehler begingen, daraufhin zwischen dem Anlass zur Sensation und dem Aufsehen, das sie erregten, eine Disproportion zu erzwingen, die verwerflicher als jener war. Den moralischen Inhalt ihres Kampfes vergifteten sie dadurch, dass sie in ihren Ausführungen das wissenschaftliche Element dopierten, damit es Kapriolen der Beredsamkeit über den Kopfstürzen der Entrüstung schlüge.

Indem die Möchtegern-Enthüller sich das Wort gaben - Einer gab's dem Andern und eines gab das andere - die Eigengaben und die Entdeckungen der Hofer und Calic zu verschweigen, machten sie Aufhebens von den eigentlichen Talenten der Verschrieenen. Was schliesslich wachblieb, war eine heisse Spekulation auf die Instinkte der internationalen Kanaille. Und die - wir müssen es sagen - schlug nicht fehl, weil ihr immerfort die Umfälschung der wirklichen Gelehrten in Sottisensäer zu gelingen scheint. Und überraschend war denn auch die Solidarität des allgemeinen Schelmentums. Alle manifesten Tröpfe waren sich einig in der Ueberzeugung, dass die Beschränkung auf das Eigene nur als Zeichen der Beschränktheit auch im Eigenen gelten könne. Für das, was bei Hofer und Calic ein Zuwenig an Pedanterie war, wurden sie durch ein Zuviel rebellisch, das ihre darstellerische Trockenheit als Folge der Unehrlichkeit von der andern Seite erscheinen liess.

Die Presse hat natürlich ihren höheren Auftrag, den freilich nur erfüllen kann, wer die Last der Berufung nicht mit dem Lästigfallen des Berufes gleichsetzt. Nur darf sie sich nicht dadurch überheben, dass sie die Kulturmission der Hofer und Calic an ihrer eigenen zu bessern und zu adeln trachtet. Denn es könnte sich herausstellen, wie furchtbar sie auch hier die Werte verkehrt und sich mit der eifrigen Pflege einer Misskultur zufrieden gibt, die einer Mistkultur zu ähneln vermag.

Wo, wie in der "Zeit", die durchklingende Unwahrhaftigkeit als Regulativ des wissenschaftlichen Betruges wirken möchte, ziehen wir die nackte Lüge vor. Denn deren Masse wissen wir abzuschätzen, wenn jene uns etwas vorzumachen begehren, was sich nicht so leicht durchschauen lässt. Sofort wird uns die ganze Angelegenheit zur Frage der Vertrauenswürdigkeit, deren Beantwortung dreimal einen Hofer mitsamt einem Calic, ehe einmal deren Widersacher auszeichnen müsste. Eine Journalzivilisationspolizei, die für Geschichtsfälschungsprozesse zuständig sein möchte, sollte nicht über ihre Befugnisse hinausgehen, die Uniform mit dem Talar verwechseln und öffentliche Séancen abhalten, die der journalistischen Sitzfläche kaum bekömmlich wären. Es könnte nämlich aus dem Faktum der Rechtsanmassung ein anderer Prozess vor jenem höheren Forum entstehen, das die geistige Prügelstrafe noch gar nicht abgeschafft hat und deshalb Rückenverlängerungen leicht für bessere Schriftflächen zu halten wagt.

Den schlimmeren Aspekt der widerlich von den "Zeit"-Aposteln betriebenen Geschichte entdecken wir freilich von der Tatsache aus, dass die gesamte Geisteswelt nicht unisono den gefährlichen Anfall des Minimisierungswahnes, der sich an Hofer wie an Calic ausliess, mit einer genau so heftigen Explosion der Heiterkeit beantwortete. Das wäre, allen guten oder gutgemeinten Einzelwiderworten zum Trotze, die einzig richtige Replik auf die Affektentladungen minder informierter Geister gewesen.

"Doch nein, die tiefste Furchtbarkeit des Falles will sich erst im Faktum offenbaren, dass die Herolde der ganzen Wahrheit zu Marterobjekten Derjenigen wurden, die, aus Ueberzeugung, das Lügen nicht als Sünde, sondern als den unfehlbaren Vorteil ihrer Teufelstaktik praktizierten: Paperbekleckser, welche noch keinen Namen haben und darauf spitzen, sich einen grossen aus besserer Könner Leid zu machen."

Nun ist es freilich so, dass Dr. Eduard Calic weder an der Spree noch an der Elbe geboren wurde, - er kam aus Istrien nach Berlin, wo er seine Hochschulstudien absolvierte, seinen Journalismus für jugoslavische Zeitungen betrieb und dabei nicht an den Goebbels- oder Himmlermännern vorbeikam. Sachsenhausen nahm ihn als Häftling auf, wie uns und viele andere auch. Im Lager selber leistete er Widerstand gegen das braune Uebel und gute Dienste am Nächsten. Das liess ihn nach der Befreiung bei Tobias, Mommsen, Janssen und Konsorten umso suspekter werden, je offenherziger er seine üblen Erfahrungen und besseren Geschichtserkundungen vorlegte. Wo bei Jenen die Historik versagte, liessen sie die Poetik aushelfen. Da sie als sogenannte Geschichtsforscher in der historischen Atmosphäre des Reichstagsbrandes nicht zu Findern werden konnten, machten sie sich zu Erfindern und Erzählern um ihr 1iebstes Passetemps-Kind, - eben Dr. Eduard Calic.

Schon die Art und Weise ihres Vorgehens bewies, dass sie Ableger des SS-Geistes waren: sie betrachteten nicht die Hofer'scnen und Calic'schen Werke, sondern die Werker, deren Scharfsicht sie zu verletzen schien. Die Tatsache nun, dass ein Karl Kraus in Jitschin, ein Theodor Haecker in Eberbach, ein Theodor Mommsen in Garding zur Welt kam, könnte vielleicht etwas mit dem Charakter dieser Männer, nichts aber mit den intrinsischen Werten ihrer Bücher zu tun haben. Nur bei Eduard Calic schien das allgemeine Gesetz der Natur seine Geltung verloren zu haben, was den Mann aus Triest doch eher zu einem Extraordinarium als zu dessen Gegenteil erheben müsste. Doch auch das verwarfen die Tobias-Freunde, um an dem Fremdling lieber ihre Gesinnung von 1940 zu verraten.

Allein sie verrieten durch noch viel mehr, dass sie blut- und denkechte Nachfahren des Braunauer Meisters waren: die Verachtung, welche sie einem Calic "irgendwoher vom Balkan" zukommen liessen, entsprach in ihrer Intensität genau dem Ehrenschwulst, den sie am "deutschen Uebermenschentum" zu erzeugen vermochten. Und jeder historische Nachkriegsblick, den sie auf das zwölfjährige Naziregnum warfen, leuchtete auf in der Ueberzeugung, dass die späten Ehrenretter der Reichstags-Nazibrandstifter vereint, unter Verzicht auf jede intellektuelle Probität, den Revisioniskampf gegen die ehrlich um Wahrheit bemühte Geschichtsforschung aus der Schweiz und aus Jugoslavien durch die pausenlose Bearbeitung hilfsbereiter Fälscher und Verleumder zum Endsiege der öffentlichan Meinungstyrannei zu führen imstande seien.

Entgegen alldem, was der "Führer" in "Mein Kampf" sowie in weltweit verbreiteten Erklärungen als Nahziele seiner Politik verkündete, erklären sie fort und fort, Hitler sei nur der raffinierte Ausbeuter der von seinen Weltgegnern geschaffenen Zeitum- und Zeitzustände gewesen; in Wirklichkeit habe er, a priori, nicht gewollt, was er tat; er sei den von Fremdkräften ausgelösten Geschehnissen nicht ausgewichen, im Gegenteil: er habe sich ihnen, in einem Wundernu, gestellt, um an ihnen dann sofort die Genialität seiner Improvisationskunst zu beweisen: der Herausforderungen von "Reichstagsbrand" und "Bürgerbräukellerattentat" habe er nie bedurft.

So würde dann schliesslich an den verlästerten Hofer und Calic - die es längstens festgestellt hatten - endlich offenbar, dass die Tobias-Nachbeter über Themen diskutieren, von denen sie nicht einmal die Primärliteratur beherrschen. Sie haben sich heimisch gemacht in einer Domäne, wo das Vergessenspielen mit dem Gedächtnis nicht gilt. Vielleicht können sie's mit dem eigenen, - mit dem historischen, welches unerbittlich ist, lässt es sich nicht machen.

Pierre Grégoire

kuckuck 53, 1986.

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