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Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge...

Materialien zum Reichstagsbrand

Das Schlüsselereignis und seine Konsequenzen

Eine Kontroverse mit Zukunft

2001-08-22

Horst Lummert

Der Reichtagsbrand und der Tod
Willi Münzenbergs

Muster eines Komplotts, das die Demokratie bis heute nicht verstanden hat

Eine Literaturempfehlung

Selten bestätigen die Fakten eine Logik, die in ihnen schlummerte, noch ehe es geschah.

Der Reichstagsbrand vom Februar 1933 war ein Schlüsselereignis, um das sich verschiedene Legenden rankten, deren einfachste und zugleich abenteuerlichste die der Alleintäterschaft des Marinus van der Lubbe war und geblieben ist. Ihre kräftige Unterstützung bis in unsere Gegenwart gehört zu den konstituierenden Pfeilern deutschen Selbstverständnisses, das darauf angelegt ist, die Lasten der Geschichte so zu verteilen, daß für die Verteiler nichts mehr übrig bleibt.

Der Reichstagsbrand hat eine Parallele. Die Hitler-Stalin-Verträge von 1939 - Nichtangriffspakt, Grenzvertrag, Freundschaftsvertrag - brachten der Sowjetunion einen erheblichen territorialen Zugewinn und gaben Deutschland freie Hand für den Überfall auf Polen, an dem sich die Sowjets von Osten her aktiv beteiligten.

Die Parallele mit dem Reichstagsbrand läßt sich noch erweitern. Als die deutschen Truppen im Juni 1941 in Weißrußland einmarschierten, trafen sie auf keinen ernstzunehmenden militärischen Widerstand. Die Rote Armee zog sich zurück und machte damit die Region für die SS-Einsatzgruppen frei, die nun an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung nicht gehindert wurden.

Ebenso hatten die Sowjets den Nazis 1933 Deutschland überlassen. Das Schlüsselereignis der Brandstiftung im Reichstagsgebäude trug mehrere Merkmale eines organisierten Verbrechens, dessen strukturelle Durchführung nur staatlichen oder quasi-staatlichen Organisationen zugetraut werden konnte. Sowohl die Nazis als auch die Kommunisten kamen dafür in Betracht. Erstaunlich an den Vorgängen und ihrer justiziellen Aufarbeitung war die Einigung auf den alleinigen Täter Marinus van der Lubbe aus Holland. Van der Lubbe galt als Anarchist, der weder den einen noch den anderen genehm war.

Die deutsche Propaganda sprach zwar von einem kommunistischen Anschlag, aber der Prozeß in Leipzig ging schließlich aus wie das Hornberger Schießen. Die kommunistische Propaganda mußte Deutschland verlassen und betrieb vor allem von Frankreich aus ihre Aufklärungsarbeit, die darauf hinauslief, die Nazis für den Reichstagsbrand verantwortlich zu machen.

Das äußere Erscheinungsbild der beiderseitigen Propaganda läßt nicht ohne weiteres erkennen, ja nicht einmal vermuten, daß es sich um ein Zusammenspiel gehandelt haben muß.

Die Deutschen begnügten sich mit dem Einzeltäter, den sie hinrichten ließen. Die Sowjets schalteten im Gegenzug - mit einer gewissen Zeitverzögerung - einen anderen Einzeltäter aus. Der Mann hieß Willi Münzenberg und wurde 1940 in Frankreich ermordet. Er soll sich zwar selbst in einem Wald aufgehängt haben, aber das mag glauben, wer nicht weiß, daß er längst auf der Todesliste der sowjetischen GPU gestanden hatte.

Willi Münzenberg war Mitautor und vor allem Initiator und Verleger des Braunbuches über den Reichstagsbrand, worin der Nachweis für die Schuld der Nazis geführt wird. Münzenberg war ein begabter Propagandist, aber auch ein eigenständiger Mann, der sich das Denken nicht verbieten ließ.

Einer seiner Vermächtnistreuen und politischen Erben war Edouard Calic, der nach dem Krieg gemeinsam mit dem Schweizer Historiker Walther Hofer das Luxemburger Komitee zur Erforschung der Ursachen des Zweiten Weltkrieges gründete, das sich vornehmlich mit den Initiatoren des Reichstagsbrandes beschäftigt hat. Wir haben das ausführlich auf diesen Seiten dokumentiert.

Harald Wessel schreibt in einer Vorbemerkung zu seinem Buch*:

Es war am 25. Dezember 1939, am ersten Weihnachtstag im zweiten Weltkrieg. In Wuppertal-Elberfeld, auf der Mirker Höhe, in der Wohnstube eines proletarischen Eigenheims, stritten sich zwei Männer über die Ursachen des Krieges und über den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom August 1939. Beide Männer waren deutsche Kommunisten. Den einen hatten die Nazis 1934 verhaftet und ins KZ Esterwegen gebracht, wo er zum Skelett abgemagert, aber dann überraschend freigelassen worden war. Der andere hatte 1933 seine berufliche Existenz verloren und mußte seine kinderreiche Familie mit Gelegenheitsarbeiten und mit der Hilfe der Sozialfürsorge durchbringen. Der eine verteidigte den Vertrag: Stalin sei nichts andres übriggeblieben, als den Teufelspakt mit Hitler abzuschließen. Der andere beharrte darauf: "Stalin hat uns verraten." Und das sei auch Willi Münzenbergs Meinung.
Der gelernte Autoschlosser Erich Wessel (1901 bis 1989) hatte nichts dagegen, daß sein ältester, damals fast zehnjähriger Sohn dem Streitgespräch mit dem aus Esterwegen entlassenen Genossen beiwohnte. Und obgleich mir der Streit der Männer weitgehend unverständlich blieb - damals hörte ich den Namen Münzenberg wohl zum ersten Mal. Der Name des legendären Linken, der gegen Hitler kämpfte und Stalin widersprach, blieb mir von da ab unvergeßlich und wurde zur geistigen Herausforderung. Ende 1950, während meines Biologie-Studiums an der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena in Thüringen, stieß ich in der Zeitung wieder auf den Namen Willi Münzenberg. Er sei ein "trotzkistischer Verräter" und ein "anglo-amerikanischer Spion" gewesen. Das paßte nicht zu dem Respekt, mit dem mein Vater und sein (1944 in einem Nazi-Kerker umgekommener) Freund Weihnachten 1939 über Münzenberg gesprochen hatten...
Jahre später, nach dem Ende der Ulbricht-Ära in der DDR, hoben zwei Erlebnisse den ins Unterbewußtsein verdrängten Namen Münzenberg erneut ins Bewußtsein meines geschichtlichen Interesses: Im Oktober 1971 eine Reporterreise durch die Sowjetunion - auf den Spuren der Hunger-Katastrophe von 1921, die Münzenberg mit der von ihm geschaffenen INTERNATIONALEN ARBEITERHILFE (IAH) lindern half; und im September 1974 ein langes vertrauensvolles Gespräch mit Franz Dahlem (1892 bis 1981), der dabei blieb, Münzenberg sei am Ende ein "trotzkistischer Verräter" gewesen. Was war er wirklich? Ein legendärer Linker von geschichtlicher Größe oder ein kleiner "Verräter"? Und wie kam er vor fünfzig Jahren (vermutlich am 22. Juni 1940) zu Tode? Haben Hitlers oder Stalins Geheimdienstler ihn ermordet? Oder nahm er sich selbst das Leben? Und was bedeutet Willi Münzenberg am Ende dieses 20. Jahrhunderts? Hat er den Deutschen und den Europäern noch etwas zu sagen?
Der vorliegende biographische Report über Münzenbergs letzte Jahre (1933 bis 1940) bemüht sich um vorurteilsfreie und tatsachengerechte Antworten. Er stützt sich auf dokumentarische Belege, die in rund 15 Jahren gesammelt, teilweise aber erst in jüngster Zeit überhaupt der geschichtlichen Forschung zugänglich wurden. Da kamen Tatsachen ans Licht, die ich selbst lange Zeit für unmöglich, für unvorstellbar gehalten hätte. Da helfen keine Wenn und Aber. Den Tatsachen ist ins Gesicht zu sehen. Und am Ende erweist sich Willi Münzenberg als eine Schlüsselfigur bei der Suche nach einer humanen und demokratischen Alternative zum stalinistisch deformierten Sozialismus und Kommunismus der zurückliegenden Jahrzehnte.
22. Juni 1990
Dr. Harald Wessel

*Harald Wessel: Münzenbergs Ende. Ein deutscher Kommunist im Widerstand gegen Hitler und Stalin. Die Jahre 1933 bis 1940. Dietz Verlag Berlin 1991

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