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Ein Haufen aufs Geratewohl hingeschütteter Dinge...

BDJ-Archiv

Auf den Spuren einer Konspiration

aus: kuckuck 48, 1985; 49, 1985; 54, 1986

Erich Knapp

Erste "genaue Überlegungen": Der BDJ

... war eine antikommunistische Kampforganisation der 50er Jahre, die, wie damals üblich, den Stalinismus als einzig mögliche Weise des Ost-Sozialismus ansah, die im Titoismus nichts weiter erkannte als eine willkommene Abkehr vom Kreml, die von Trotzki nichts wußte und lange vor Chruschtschows Rede gegen den "Personenkult" Stellung nehmen mußte. Die Drohung des Jahres 1950, Westdeutschland könnte wie Südkorea überfallen werden - bis heute weiß ich nicht, ob sie real oder von den Medien suggeriert war; aber die Blockade Westberlins war Realität -, trieb aktive, wehrbereite antibolschewistische Kräfte zusammen unter die Leitung der politischen Administration der US-Army in Deutschland.

Der BDJ hatte meines nachträglich erworbenen Wissens ein Vereinsvermögen von ca. 1,7 Millionen DM, eine damals große Summe Geldes, die von den ca. 2.000 Mitgliedern, alle arme Mäuse, nicht aufgebracht worden sind. Mir wurden als Geldgeber, die bis zu DM 500.000,- gegeben haben sollen, genannt: die Firmen Coca-Cola GmbH (d.h. die deutsche Filiale, die damals ein SS-Refugium war), Salamander Schuh, Bosch Stuttgart, Reemtsma. Die Bonner Bundesregierung habe des öfteren DM 30.000,- gespendet, dazu Sonderzuweisungen für Großveranstaltungen; das sei überwiegend über das Gesamtdeutsche Ministerium gelaufen.

Die ständige Finanzierung erfolgte von seiten der US-Administration in Deutschland sowie von seiten des Crusade for Freedom. Ich habe im Sommer 1955 den Vizepräsidenten des Crusade, Mr. John A. De Chant, in Washington aufgesucht und um eine amerikanische Intervention zugunsten von in der DDR inhaftierten BDJ-Leuten gebeten, was dieser mit einem zynischen Zitat von Hegel ablehnte: Beim Fortschritt der Geschichte blieben die Leichen in den Straßengräben liegen. Seinen Vertreter in der BRD, Mr. André F. Rhodes, bei Radio Free Europe in München, bekam ich nie zu sehen. De Chant, im Oktober 1955 auf Europa-Reise und am 23. und 24.10.1955 im westberliner Hotel Am Zoo, ließ sich telefonisch verleugnen. - Das war mir eine Lehre in Solidarität!

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Beobachtungen in Rom - westdeutsche Botschaft, Katholische Aktion, Vatikan, Villa Madama - den KUCKUCK-Lesern dargeboten werden sollen, unterlasse die deshalb. Nur dies: Je intensiver der BDJ in Westeuropa den Widerstand gegen einen Korea-Fall zu organisieren versuchte - z.B. in Italien oder in Frankreich um eine Gruppe um J. Moch herum -, desto mehr mußte er reagieren auf das vorhandene historisch-soziale Potential. Die von den USA aufgebaute Front war nie homogen demokratisch. Aber das waren die amerikanischen Stellen ebenfalls nicht; gute Demokraten und faschistoide Militaristen lagen in ständigem Kampf miteinander.

In der BRD nicht anders. Die FNP (Frankfurter Neue Presse - Red.) vom 13.10.52 berichtete u.a., daß ein Kriminalsekretär Scesni vom XII. (polit.) Kommisariat des Frankfurter Polizeipräsidiums Verbindungsmann zum Technischen Dienst gewesen sei und dort falsche Pässe übergeben habe. Das <I>Darmstädter Echo</I> vom 16.10.52 nennt den Ausbildungsleiter der Partisanenschule Waldmichelbach: A. Landgraf. - Es wäre eine Untersuchung wert, inwieweit hessische Dienststellen im BDJ offen und/oder verdeckt tätig waren, ob die aufgefundenen Listen wirklich "Proskriptionslisten" waren, ob sich die hessische Regierung von der damals bereits gewohnheits"rechtlich" gewordenen Aufsicht durch US-Stellen befreien wollte, ob SPD und London mit dem Waldmichelbach-Skandal die EVG torpedieren wollten. Auch die Europa-Politik Westeuropas war - und blieb - keineswegs eine homogene. Re-agierende Politik kann überhaupt, das lernte ich früh, nicht homogen sein.

Nicht anders der BDJ, personell und ideologisch. Der Politiker muß mit dem Vorhandenen arbeiten, um das Gewünschte stückweise zu realisieren. Nur der Schreibtisch-Denker "agiert" mit wunschgerechten Figuren. In der Rückschau nach 35 Jahren und abgetrabt nenne ich, anders als der damalige ahnungslose Optimist, das damals vorhanden gewesene: Schrott des Nazismus und seines Krieges. Bekämpfen Sie mal den Stalinismus mit Schrott!

Da lungerten die vielen stellenlosen Offiziere herum. Die Soldaten fanden schnell einen Beruf, aber die Herren lösen sich immer nur schwer von ihren Spezialisierungen. Sie kamen unter als Geschäftsführer der Parteien, bald waren sie Parteiführer. Sie kamen auch im TD unter.

Sie waren kaum im eigentlichen BDJ. Dafür immer noch zu viele HJ-Führer unterer und mittlerer Ränge. Aber schwerer wogen die Angehörigen der angehitlerten Jahrgänge bis hin zu dem von 1936: Goebbels' totale Gehirnwäsche hatte fast jede Familie erfaßt, die Eltern hatten kaum Widerspruch gewagt, auch im eignen Haus nicht, die re-education war kurz gewesen und oberflächlich geblieben. Letzteres mit roll-back-Bedacht.

Dennoch hat die BDJ-Führung in intensiver Bildungsarbeit (Artikel und Broschüren, z.B. "Und morgen die ganze Welt", liegen für die objektive Geschichtsschreibung genügend vor) seine immer noch (1950-52!) bewußtlos-nazistischen Mitglieder und Teile des Publikums außerhalb immunisiert gegen den Nazismus von SRP und DRP, damit z.T. auch gegen den in DP, BHE, FDP; auch immunisiert gegen den Nationalneutralismus z.B. des Nauheimer Kreises (U. Noack), Beck-Broichsitters (Bruderschaft Deutschland), Niemöllers, Wirths, Wilhelm Jurczeks HJ-Führer-Kreis, gegen die Priester, Meißner (Deutscher Block), G. Gereke, O. Strasser, W. Schenke, B. v. Bonin, Haußleiter usw.. Die meisten der hier genannten und andere Gruppen arbeiteten mit der SMA in Karlshorst zusammen. Der BDJ war die effizienteste Stoßtruppe Adenauers, seine Mitglieder haben mehr geleistet, als nur ihre Wahlstimmen für ihn abzugeben.

Viele BDJ-Mitglieder finden wir in der CDU/CSU und FDP wieder, die ihrerseits von Bonn aus mitgliederarme, aber gut finanzierte Parallelorganisationen schufen wie "Volksbund für Frieden und Freiheit", "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" usw., in denen auffallend viele Nazis aus Goebbels' Promi untergekommen sind. Die Kinomobil-Armada des VFF wurde Mitte der 60er Jahre dem BPA unterstellt, z.T. auf westdeutsche Botschaften in Übersee verteilt, nachdem die SPD ihren Einsatz zugunsten der CDU/CSU unterbinden konnte. Auch hier sind nach dem Verbot BDJ-Mitglieder beschäftigt worden. Insgesamt war der BDJ als amerikanische Gründung weniger mit Nazis verseucht als die Bonner Gründungen.

Nicht untypisch ist der Lebensweg des BDJ-Funktionärs K.-H. B. aus Mecklenburg. Dort war seine Schwester die Freundin eines Sowjetoffiziers. B. stahl eines Nachts dessen Aktenkoffer - ich weiß nicht, was der Schwester und dem Offizier geschah, aber darauf hat B. nie ein Wort verschwendet, er gehörte zu den verrohten Jahrgängen, obwohl an sich gutmütig - und brachte ihn nach Westberlin zu einer US-Dienststelle. Von dort westwärts und in den BDJ. In den 60ern mit den Kinomobilen ins BPA. Dort ein Griff in die Kinokasse und, da es keinen Zufluchtsort mehr gab, Selbstmord. Der Mann wäre heute etwa 58 Jahre alt.

Was wäre aus dem BDJ geworden ohne das Ende durch Verbot? Ich meine, sein Gründer P. Lüth und dessen Freunde hätten ihn früher oder später aufgelöst wegen der Unhantierbarkeit eines derart heterogenen Aggregats. Andere mögen anderer Meinung bleiben.

Ideologisch ist der BDJ gegen "neo"nazistische Einflüsse abgedichtet gewesen und hat gegen diese öffentlich gekämpft, mit Erfolg. (Ich begreife bis heute nicht, daß man SRP, DRP usw. neonazistisch nennt, nur weil sie nach 45 entstanden sind. Das sind doch Nazis!) Ob das gelten kann für den eigentlichen Neu-Faschismus späterer Jahre, ob das gegolten hätte, wäre der BDJ nicht verboten worden, kann man nicht sagen. Ich komme auf diese Möglichkeit anhand eines historischen Vergleiches weiter unten zurück.

Aus persönlichen Beobachtungen ergeben sich mir vier Strömungen im BDJ:

1. Antinazis und wirklich Umerzogene, geleitet von linken nicht-kommunistischen Kaderresten im politischen Apparat der US-Army in Deutschland. Sie wurden schon seit Ende 45 zurückgedrängt einerseits durch faschistoide Kommunistenfeinde vom Typ des Generals Patton, oft Südstaaten-Rassisten und Antisemiten, sowie von den Truman-Leuten wie J. J. McCloy. Vordenker der Rooseveltianer war der Schriftsteller Emery Reeves ("Anatomie des Friedens"). Ihre weltföderalistisch-demokratische Einstellung findet sich wieder z.B. in der Beilage des BDJ-Landesverbandes Bremen-Oldenburg vom Juli 51 des BDJ-Informationsdienstes. Die BDJ-Mitglieder dieser Schule gingen fast alle in die CDU, die FDP und später, ab 1959/60, in die SPD.

2. Die Richtung der oberflächlich demokratisierter Deutschen, die von Nazismus-Diktatur und Krieg "die Nase voll" hatten, jedoch sich nicht weiterbildeten und gleichwohl für gewandelte Deutsche hielten. Wir finden sie wieder in CDU, FDP und CSU - und an jeder Straßenecke.

3. Die maschinenhaften antibolschewistischen Marschierer und Nationalkonservativen (die aber nicht Nationalneutralisten waren!): CDU, CSU, FDP, DP, BHE - und in jeder Bierkneipe.

4. a) Zahlenmäßig sehr klein die Leser von Donoso Cortes, spanischer Antibürger und Antidemokrat. Sie zogen später zur Abendländischen Aktion (Frhrr. v. d. Heydte), in die CSU, z.T. in die CDU. Ich finde als Beleg nur einen (!) kleinen Artikel im BDJ-Informationsdienst vom Mai 52, S. 110, von einem "Sc.": "Das 'Experiment Portugal' - Interessante Aspekte einer neuen staatlichen Ordnung." Diese Richtung war klein, aber, wie ich aus Erlebnissen weiß, nicht unbedeutend. In dem Artikel heißt es u.a., Portugals System werde - allein dieses Lob werte ich als faschistisches Symptom - "in die europäische Geschichte eingehen... Krisenfestigkeit... ob die erstaunliche Stabilität des portugiesischen Staatsgedankens (widerlich verkommener Stil! - E.K.) nicht vielleicht doch auf wesentlichen neuen Erkenntnissen des Notwendigen und Zeitgemäßen beruht, aus denen auch andere um ihre staatliche Wiedergeburt ringende Völker zum mindesten fruchtbringende Lehren ziehen könnten... Die organische Entwicklung des politischen Lebens in Portugal seit der Verfassung von 1933... das schwierige Experiment eines nichttotalitären Ständestaates... der Gedanke ständischer Ordnung und Gliederung, bei dem übrigens auch in erheblichem Umfange die christliche Sozialethik Pate gestanden hat... ohne christlich-ethische Fundierung der verfassungsmäßigen Ordnung... das Abendland und seine Freiheit, seine Größe und seine Kultur, ja die ganze Welt dem sicheren Untergang geweiht wäre." - Nun, das hat sich in Portugal ja, zumindest vorerst, erledigt. Tulipa vermelha!

b) Ich halte neben dieser Salazar-Variante auch eine Entwicklung von Teilen des BDJ für möglich hin zu einer westdeutschen Tendenz eines Neofaschismus, wie sie heute in Form der LaRouche'ianer (EAP) auftritt. Die allerdings kommt ursprünglich von links.

Der Technische Dienst (TD), abgezweigt von der Führungsetage des BDJ, aber autonom von ihm, war eine Gründung der Patton-Tendenz der US-Army, ebenfalls für den Korea-Fall und in Ermangelung einer westdeutschen Bundeswehr bzw. eines EVG-Kontingents. Ähnlichkeiten der politischen Ansichten von SS- und Wehrmachtsoffizieren hier und Offizieren der US-Army dort waren und blieben offensichtlich. Der TD war von der mittleren und unteren Ebene des BDJ perfekt abgeschottet, so daß dieser erst nach dem Verbot überhaupt von ihm Kenntnis erhielt.

Ich sagte bereits, daß ich es für möglich halte, daß die hessische Regierung aus den genannten und anderen Gründen vorhandene Namenslisten zu "Proskriptionslisten" aufgewertet haben könnte. Auffällig bleibt das Unaufgeklärte der ganzen Affäre bis zum heutigen Tag. Ich halte es jedoch auch für glaubhaft, daß diese TD-Typen samt ihren amerikanischen Hintermännern die KPD- und SPD-Parteibeamten für gefährliche Berufsrevolutionäre gehalten haben. Ich frage mich, wo diese Typen, jetzt überwiegend kurz vor der Pensionierung, in der Zwischenzeit untergekommen sein mögen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Berufsfaulenzer, die schon ihre Jugendzeit in Wehrmacht und SS totgeschlagen haben, in den 60er und 70er Jahren Schuhe besohlt, Pkw montiert, Kohle im Berg gebrochen oder Brot gebacken haben könnten. Fänden wir sie wieder im BND, MAD, in der Bundeswehr, im Grenzschutz, im Verfassungsschutz des Bundes und vieler Länder? Dort hätten sie gutes Auskommen bei wenig Arbeit, viel Urlaub und Kuren jedes zweite Jahr gefunden. Es sähe ihnen ähnlich.

Wer den Willen junger Menschen der ersten 50er Jahre, sich gegen eine stalinistische Invasion real, nicht nur mit verbalen Protesten zu wehren, heute mißbilligt, könnte sich vielleicht vergegenwärtigen:

a) daß er dann nicht für die afghanische Guerilla sein kann, deren demokratisches Element im Vergleich zu dem des BDJ minimal ist;

b) daß damals den allermeisten Zeitgenossen der Stalinismus das Wesen des real existierenden Sozialismus zu sein schien, was ja die von Solschenizyn, einem Ex-Stalinisten, beeinflußte Neue Linke bis heute (fälschlich) annimmt, als ob es nicht Ex-Leninisten gegeben hätte wie Koestler, Silone, Weisberg-Cybulski usw.;

c) daß ein Kriegsfall damals zwar wahrscheinlich zum Einsatz einiger Atombomben geführt hätte, wären die Sowjets hierher gekommen, aber nicht zum heute möglichen Einsatz von so vielen Massenvernichtungswaffen, daß die gesamte Biosphäre zerstört werden würde;

d) daß wir damals damit rechneten, es würde sich die westliche Demokratie immer mehr entfalten; stattdessen zerstört der Monopolkapitalismus immer mehr die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen und errichtet faschistoide Herrschaftsstrukturen;

e) daß wir damals nicht mit der systematischen Nazifizierung der BRD und vieler Bundesländer rechneten;

f) daß im Osten seit Tito und Chruschtschow eine schrittweise, wenn auch immer wieder zurückgeworfene Libertarisierung zu beobachten ist, trotz Pol Pot, Amin (Kabul) und anderen - während im Westen der Freiheitsraum immer stärker eingeengt wird;

g) daß die Focusierung unserer Aufmerksankeit auf die politischen Folgen der Monopolisierung des Kapitals durch die neomarxistische Neue Linke erst ab 1968 erfolgt ist, ein großes aufklärendes Verdienst, aber überhaupt nicht stattgefunden hätte, wäre der Korea-Fall in Europa eingetreten bzw. dann nicht auf Widerstand gestoßen;

h) daß es zwar bekannt ist, daß die oberen Klassen und Berufe von der Arbeit der unteren leben, aber Linksintellektuelle verdrängen, daß ihre Kopfarbeit jenen geschuldet bleibt, die aktiv die Freiräume ihres Denkens und Publizierens verteidigen. Jene, die sich des Wohlstandes und bürgerlicher Freiheiten in der BRD erfreuen, verdrängen, daß es eine Cromwell'sche Revolution, einen Aufstand der Niederlande und der Hussiten, eine durchaus blutige amerikanische Revolution und eine blutige französische gegeben hat, Vorläufer und Bettenmacher, wo heute Deutsche sich fläzen, die politische Taugenichtse sind.

Der BDJ ist nicht zum Nazismus zu rechnen. Ob er sich zu einer Art des Neofaschismus entwickelt haben würde, ist eine der Erörterung werte Frage.

Für mich fraglos ist der BDJ den Kampfbünden Mussolinis vergleichbar, jenen in der kurzen Zeitspanne, bevor sie und Mussolini selber vom Kapital gekauft worden sind. (Ich spreche jetzt nur von der ideologischen Mehrdeutigkeit des BDJ zeit seines Bestehens und des Faschismus, bevor er ein -ismus wurde; der BDJ wurde zwar von Anfang an vom Kapital "gekauft", er war sogar des Kapitals politisches Unternehmen, aber da war der Zeitpunkt ein anderer. Siehe unten.)

Falsch ist die Geschichtsschreibung, die den Faschismus beginnen läßt mit Mussolinis Eintreten für den Kriegseintritt Italiens gegen die Mittelmächte. Damals war Mussolini noch ein bedeutender Fortschrittler. Fassen wir die Lage ins Auge: Der Krieg war bereits ausgebrochen, die Internationale zerbrochen. Es gab für Sozialisten zwei Möglichkeiten: die Revolution weiter vorbereiten für den Termin der Schwächung der Gegner (die Linie Lenins und Trotzkis) oder der Kriegseintritt auf der relativ fortschrittlicheren bürgerlichen Seite. Letzteres war vorher von Marx, Engels und M. Hess für den kurz bevorstehend gehaltenen Weltkrieg erwogen worden. Neutralität war keine revolutlonäre Position.

Der politisch rückschrittliche Block war der der Mittelmächte. Das Phänomen der Herausbildung des monopolkapitalistischen Frühfaschismus nicht etwa am Rand der Sozialistischen Partei Italiens, sondern zwischen etwa 1865 und 1900 aus dem feudalabsolutistischen System ist m.W. von der Wissenschaft noch nicht fixiert worden. Damals übersprang Deutschland endgültig die liberale Demokratie, das Pendant des Konkurrenzkapitalismus. Modifiziert geschah das gleiche in Japan. Die ökonomischen Nachzügler fingen sofort mit dem Monopolkapitalismus an. Der hatte Institutionen wie den Parlamentarismus, Meinungs- und Pressefreiheit als Mittel zur Findung rationalen Konsenses nicht nötig. Im Gegenteil: die Konzentration des Kapitals machte Entscheidungsfindung in geschlossener Gesellschaft sowohl nötig wie möglich. Der vertrustenden geheimen Absprache entsprach die Absprache des Kapitals mit der Staatsmacht. Ein öffentlicher Staat und eine offene Gesellschaft ist dem Monopolkapital zuwider. War der feudalabsolutistische Staat für das Konkurrenzkapital unbrauchbar, weil seinen Bewegungsgesetzen feindlich, so war er für das Monopolkapital lediglich veraltet, aber als Absolutismus durchaus brauchbar. Er mußte demnach nur erneuert werden. Genau dies hat der pseudodemokratische Bismarck begonnen, hat Hitler zuende geführt.

Ebenso zerbricht der Begriff der Demokratie. Während diese im Westen Volksherrschaft ist (zunehmend: war), Herrschaft von Teilen des Volkes, dem bürgerlichen Teil, über den Staat, dessen Absolutismus revolutionär zerstört worden war (partielle Volksherrschaft, zu erweitern auf alle Klassen, nach parlamentarischen und verfassungsrechtlichen Regeln und überhaupt unter dem naturrechtlich verstandenen Sittengesetz) - versteht sich Demokratie in Deutschland seit der Romantik und Bismarck anders. Bei uns nämlich als Einheit derselben Rasse, ob Herr, ob Knecht, als Zustimmung der Knechte zur Herrschaft der Herrenklassen, weil ja alle desselben "Blutes". Hier ging es nicht um Volksherrschaft, sondern um die Mobilisierung der disponiblen Masse. Hier ging es nicht um den aufzuklärenden, sich selbst aufklärenden Demos, sondern um den je nach den oberen Erfordernissen zu indoktrinierenden Ethnos-Pöbel.

Diese Gefahr aus Berlin und Wien für die Emanzipation der Menschheit wurde in London und Paris erkannt. Der Zarismus verwitterte unrettbar hinweg, doch das deutsche System war kräftig. Es kündigte sich an, was nicht die Herrschaft der Barbaren, der Primitiven sein würde, sondern der menschlich Reduzierten, des Maschinenmenschen. In dieser Situation wäre Neutralität ein Verrat an der Zukunft des menschlichen Menschen gewesen. Mussolinis Verdienst bleibt die Mitwirkung am Kriegseintritt Italiens an der Seite des Westens.

Nach dem Krieg waren seine Fasces nur Splitter und Planken, Menschentrümmer des großen Krieges. Hätte das linke Italien damals Revolution gemacht, dann wären diese Desorientierten mehrheitlich in seinen Sog gerissen worden. Doch der sozialistische Anlauf war gescheitert. Um einen zweiten Anlauf zu verhindern, kaufte das Kapital die Fasces.

Erst als Konterrevolutionär hatte Mussolini das Recht verloren, das er als Sozialist wie Interventionist gegen Habsburg und Zollern erworben hatte. Recht hatte damals der Sozialismus. Aber ab der endgültigen Stalinisierung des Sowjetsozialismus hatte Recht derjenige, der sich seiner Ausbreitung in den Weg stellte. Nicht von den Nazis spreche ich; die haben in zwei Etappen - Bündnis und Krieg - den Stalinismus bis nach Magdeburg eingeschleppt. Gut, ich sage heute: für Nazis ist der Stalinismus eine viel zu milde Strafe und ein viel zu oberflächlicher Erzieher. Gegen Nazis lieber die Sowjets.

Immer noch behaupte ich, daß das Recht des BDJ auf Widerstand gegen eine stalinistische Invasion bestanden hat, ungeachtet seiner ideologischen Strömungen und ungeachtet seiner Finanzierung. Stalin hat das Feld, auf dem wir arbeiten und das zu beurteilen ist, grundsätzlich verändert. Nur eine Entstalinisierung kann diese Änderung grundsätzlich rückgängig machen. Doch ist dies keine moralisierende Forderung allein an den Kreml, sondern mehr noch an jene, die ab 1917 in Mittel- und Westeuropa den Versuch Lenins und Trotzkis nicht unterstützt haben.

Was haben die, die heute über den BDJ zu Gericht sitzen, in den 50er Jahren getan? Als Stalins Herrschaft alles in den Schatten stellte an Bedrückendem, was wir heute in Osteuropa haben, was übertroffen wird in den CIA-Diktaturen Lateinamerikas - wo waren denn da die feinen und/oder intellektuellen Herrchen? Sie sind die Kostgänger derer, die sie so sehr verachten.

Würde ich heute - was heißt heute? - unter denselben Verhältnissen: die damalige UdSSR, die damaligen Deutschen, ich von damals - noch einmal im BDJ mitmachen? - Ja!

Bis heute befürworte ich eine Verteidigung der BRD mit politischen Mitteln, heute mehr als früher mit zur Verteidigung geeigneten Waffen. (Ausrüstung und Struktur der Bundeswehr sind offensiv, und sie soll nur als zu verbrennender Puffer der ersten Kriegstage dienen.) In den GRÜNEN habe ich die Militärkonzeption Spannocchi-Brossolett gegen die Instant-Pazifisten der Sozialen Verteidigung und die Opportunisten vertreten, die bis heute diese Frage nicht aufzuwerfen wagen. Bis zum heutigen Tag bin ich stolz auf meine aktive Mithilfe bei der Vollendung der Spaltung des Deutschen Reiches. Horst Lummert wird, falls bei Verstand, nun wohl glauben müssen, was ich dargelegt habe im Zusammenhang mit meiner früheren, sorgfältig begrenzten Kooperation mit Wolf Schenke.

Ich lese gerade die Darstellung der von Rudolf Augstein für realistisch gehaltenen Utopie: Die Sowjets raus aus Berlin, aus der DDR, aber nicht aus Polen. Bismarcksche Realpolitik als Wunsch, und als Schicksalsfügung, wenn's um Polen geht. Nein!!

Obwohl mir die antisemitische Volkskrankheit Polens, die längst Polens KP ergriffen hat, tief zuwider ist - warum sollte von Deutschland die Last genommen werden, die durchschaut und abgearbeitet werden muß? Wurde nicht Deutschland, neben Rußland selbst, die Hauptursache der sowjetischen Ideologie und Herrschaftsweise? Gehen nicht von Engels der mechanistische Szientismus, von Kautsky die rote Scholastik, von der SPD die militärische Organisationsart der KPdSU, von der preußischen Post die Leninsche Staatswirtschaft, von den Austromarxisten Stalins Ethno-Etatismus, von Hegel und Marx der Zynismus konservativer Machthaber, vom deutschen Generalstab die Eisenbahn und der Goldmarkfluß (diese sind die gewichtlosesten Faktoren!) aus? Durchschaut und abgearbeitet muß werden das Joch, das in Deutschland gezimmert und so genau passend der nichtveränderten Gewohnheit des Muschiks auferlegt worden ist. Frei werden wir nur, wenn alle frei werden. Diese Befreiung aber soll nicht das Positive des Werkes von Marx, Lenin und Trotzki beseitigen, sondern aus der Verpanzerung lösen - sobald der äußere Feindesring beseitigt ist. Da kann Westdeutschland dazuhelfen, aber nicht mit Reichsträumen. Ostdeutschland jedoch steht nicht erst seit 1945 in einem anderen Kontext - das hat das Jahr 45 nur deutlich gemacht -, das nach dessen Rhythmus zu verbessern sein wird.

Entweder die Sowjets bleiben, wo sie sind, gehen nicht vor und nicht zurück, und Westberlin wird Freie UNO-Stadt - oder ganz Mittel- und Osteuropa einschlleßlich des asiatischen Teils der UdSSR libertarisiert sich. Die Rheinbündischen und andere Westeuropäer wünschen kein "konventionell bewaffnetes, aus der Nato ausgeschiedenes Neu- und Restdeutschland" (R. Augstein), sondern eine aus der NATO ausgeschiedene Westeuropäische Föderation, die am L-(=Libertarisierungs-)Tag mit den sozialistisch Weiterentwickelten eine große Föderation bildet.

So berechtigt Augsteins Schelte der "heuchlerischen Grundstimmung der Union" ist, so unbewußt-halbgar ist seine Position selbst. Gegen Augsteins deutsche Möglichkeit würde ich bei drohendem Ernstfall immer noch aufziehen: einen "Bund westdeutscher und türkischer Jugend und Alten" - bewaffnet!

Wer mit Gramsci der Wahrheit verpflichtet ist, der nehme dies alles zur Kenntnis. Doch auch ohne daß sie zur Kenntnis genommen wird, wird sie siegen.

Berichtigung und Ergänzung

19.6.85

Nach Einsicht in ein Kleinarchiv im westlichen Ausland möchte ich meinen Anfang Juni d.J. im wesentlichen aus dem Gedächtnis geschriebenen Report uber den BDJ ergänzen bzw. korrigieren.

Mr. De Chant habe ich nicht im Sommer 1955, sondern erst am 5.10.55 aufgesucht und kennengelernt, in seinem Washingtoner Büro. Im Sommer 55 habe ich, im Indianer-Reservat Yakima-County (State of Washington) Land- und Fabrik-Saison-Arbeiter mit wechselnden Unterkünften und einem Krankenhausaufenthalt, lediglich die schriftliche Anregung Paul Lüths erhalten, in Washinglon D.C. zu "stochern". Der Arbeit und Erkrankung wegen konnte ich mit Lüth keine nähere Verabredung über die zu kontaktierenden Stellen treffen. Ich suchte die Institutionen aus eigenen Erwägungen heraus auf.

Bezeichnender Weise war nach 30 Jahren nur noch das von De Chant geäußerte zynische Hegel-Zitat meinem Gedächtnis. Sein Versprechen, zu intervenieren, war mir wegen der völligen Ergebnislosigkeit und seines Sichverleugnens während seines Aufenthaltes in Westberlin allein noch im Gedächtnis geblieben. Die paar Briefe und Visitenkarten usw. hier in meiner Wohnung haben mein Gedächtnis nicht vergrößert. Glücklicher Weise gibt es für mich in Westeuropa unweit eines Ortes namens Zion einen Festpunkt, auf den ich bisweilen mich stützen kann.

Nach Durchmusterung des dortigen kleinen Archivs ergibt sich, daß De Chant mir noch versprochen hat, sich mit State Department und Pentagon über Hilfsmaßnahmen für die BDJ-Häftlinge in der DDR beraten zu wollen. Das Ergebnis versprach er mir telefonisch von Westberlin aus mitzuteilen. Meine Fernrufe von Rockenhausen/Pfalz aus, wo ich mich krankheitshalber einige Wochen aufhielt, nach Westberlin und München hatten nur das Ergebnis, daß die dortigen Damen Mr. De Chants Abwesenheiten feststellten und mich um weitere Anrufe baten. Dies tat ich, wiederum ohne ihn anzutreffen, aber mit Kosten. De Chant rief bei mir nicht an, obwohl ich die Telefon-Nummer meines Gasthauses stets übermittelt hatte. Ich gab es schließlich auf. De Chant war vom 14. bis 18.10.1955 in München und unter der Tel.-Nr. von Mr. Rhodes, Radio Free Europe, erreichbar, wenn auch nicht für mich. Von dort flog er nach Paris. Am 23. und teilweise 24.10.55 war er in Westberlin, Hotel Am Zoo.

In Washington war ich, ebenfalls am 5.10.55, bei dem Kommentator Drew Pearson in derselben Sache vorstellig geworden und besprach sie mit seinem Assistenten Mr. Don Berlin (1313, 29th NW, Wash.D.C.; tel. King 9-7026 und NAtional 8-3120, Senate Press Galery).

In meiner handschriftlichen Aufzeichnung auf hellgelbem liniertem Papier, jetzt im West-Archiv, schrieb ich am Abend des 5.10.55 u.a.:

Ich habe bei den Unterredungen immer darauf hingewiesen, daß ich nicht nur aus humanitären Gründen, unserer 30 Kameraden wegen, vorspreche, sondern auch deshalb: unsere 20.000 westdeutschen BDJ-Mitglieder, wenn auch unorganisiert, bilden dennoch einen lockeren Bund von Freunden. Durch Briefe und persönliche Gespräche wird ganz unbeabsichtigt die Nachricht durchdringen, wie unsere 30 Kameraden im Stich gelassen worden sind. Ich habe das Wort 'Verrat' gebraucht, und es ist verstehend aufgenommen worden. Ich habe weiter argumentiert, daß die meisten unserer ehemaligen Mitglieder keine Unterscheidung machen zwischen US-Armee und dem State Department, das sich an dem heißen Eisen BDJ nicht die Hände verbrennen wollte, nachdem es die Geschäftsführung in Deutschland übernomnen hatte. In unseren Augen ist Amerika verantwortlich und nicht dieser oder jener Teil seines Staatsapparates! Da nun ein Teil unserer ehemaligen Mitglieder in Parteien und Jugendorganisationen weiter tätig ist, könnte eine Enttäuschung über die Behandlung der 30 einmal unangenehme Konsequenzen für die USA haben. Auch ich persönlich würde es mir überlegen, mich noch einmal in 1 nicht gefahrlose politische Sache einzulassen, wenn ich keine Anzeichen für eine Solidarität sehen könnte.

Soweit die Notiz dazu.

Wegen des französischen TD-Zweiges, bereits 1948 von u.a. dem Sozialisten Jules Moch aufgezogen, wäre DER SPIEGEL vom 29.10.1952 zu Rate zu ziehen, weit bvesser jedoch dessen Archiv. Zum italienischen Zweig liegt dem KUCKUCK bereits ein oberflächlicher, gedruckter Reisebericht sowie ein Vorgang vor, der zum Kippen von Lothar Cziharz und Helmut Wüstenhagen führte. Wüstenhagen war später der erste Vorsitzende des BBU, vor Schumacher und Jo Leinen; die Gründe seines dortigen Rücktritts kenne ich nicht. Die ganze Italienreise einschließlich des Gesprächs mit Botschafter von Brentano in der BRD-Botschaft, mit dem italienischen Ministerpräsidenten in der Villa Madama, mit den Chefs der Jugendorganisation der Katholischen Aktion Italiens, schließlich Spezialaudienz (das ist die Form päpstlichen Erscheinens zwischen der Massenaudienz, meist über dem Petersplatz, und der Privataudienz) und dem Gespräch mit Papst Pius XII. hier zu schildern, wäre sicherlich ein Teil politischer Inopportunität.

Mir fiel bei Durchsicht der Unterlagen im West-Archiv auf, daß ich 1955 von 20.000 BDJ-Mitgliedern gesprochen habe. Heute könnte ich diese Zahl weder verifizieren noch falsifizieren. Es kam mir bis vor wenigen Tagen noch so vor, daß es nur 2.000 gewesen seien, aber wahrscheinlich ist das falsch. So etwas wäre nachprüfbar, wenn die in Washington, Wiesbaden und Karlsruhe lagernden BDJ-Akten eingesehen werden dürften.

Man erinnere sich bei dieser Gelegenheit, daß die BRD während meines US-Aufenthaltes 1954/55 völkerrechtlich "souverän" wurde, daß für sie also das State Department zuständig geworden war und nicht mehr die politischen Abteilungen der US-Army.

Erich Knapp

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