2003-08-06

Sepp Zwaffler

Otto Emands' Black-Out

Hat der Prophet Noach sein Bewußtsein getrübt, eine ischämische Attacke ausgelöst? Oder der "Teufel"?

Auf den ersten Blick war ersichtlich, daß Otto Emands den Propheten Ismael mit dem armen Esau verwechselt hat. Der scharfsichtige Avram Kokhaviv fragt deshalb verdutzt in eine Klammer hinein, wo Emands seine Quelle für die kühne Behauptung gefunden habe. In der Tat gibt es weit und breit keine. Emands hat sie zwar gesucht, aber nicht gefunden. Seine Behauptung liegt in der linden Luft des Irrtums.

Was könnte der Anlaß zu einem so riesengroßen Fehler gewesen sein, der sich kaum mit Freuds Theorie der Fehlhandlungen bemänteln läßt?

Emands' Verwirrung beginnt schon mit dem thoranischen Bericht über Noach, der seinen Sohn Cham, den Schwarzen, wegen eines trivialen Vorfalles, der eigentlich von Noach selber verursacht worden war, zur Sklaverei verurteilt. Ihn und seine Nachkommen. Das kann Menschen des 21. Jahrhunderts nach Jesus Christus schon verwirren. Vielleicht ist die Vermutung der niederländischen Romanautorin Anne Provost sogar wahr, wonach Cham eine Frau ungesicherter Herkunft geheiratet habe (in: Flutzeit, Altberliner Verlag, Berlin 2003, 400 S., 19.40 Euro). Möglich ist auch, daß einfach eine Begründung für einen älteren schlechten Usus zu finden war, der schon den Autoren der Thora unverständlich geworden war.

Heute indes nimmt jeder Mensch - ob Jude oder Christ oder Muslim - an der Unverhältnismäßigkeit des Fluches über Cham Anstoß. Das war und ist für alle Afrikaner, australische Aboriginals, Papuas und Melanesier, überhaupt für alle Dunkelfarbigen der Welt ein entsetzliches Urteil. Das haben Südafrikas Buren mit ihrer Apartheid allzu lange Zeit bewiesen und ebenso die frommen WASPs der USA, Australiens und anderswo. Calvinistische Theologen haben vor allen deutschen Nazis ihren Rassismus gerade auf diese biblische Falschbeschuldigung zugunsten der späteren Sklavenhalter Shem und Japhet gestützt.

Der Koran hat deshalb mit gültiger Begründung die Thora als partiell gefälschte Schrift bezeichnet und Noach-Nuh spektakulär rehabilitiert als Vater der Waage und des Eisens, neuzeitlich ausgedrückt: der Rechtsstaatlichkeit. Emands spricht davon, und er weist darauf hin, daß der Talmud die im Koran ausgesprochene Revision des noachitischen Urteils bestätigt hat.

Emands' Verwirrung könnte daher rühren, daß das himmelschreiende Unrecht an Cham und seinen Kindern dem Unrecht an Ismael und Esau so fatal ähnlich sieht. Drei Namen nur - Ismael, Esau, Cham - genügen, die dahingehenden Berichte in der Thora infrage zu stellen. Die Thora sagt in Teilen die Unwahrheit! Und der Talmud bestätigt stillschweigend dieses Urteil.

Die modernen historischen Hilfswissenschaften, die Literaturkritik, zwingen uns dazu - falls wir nicht umstandslos Gott als den Offenbarer der Heiligen Schriften annehmen wollen - zu folgender Feststellung:

Die "physische" Übereinstimmung von Talmud und Koran - die Autoren des erstgenannten waren Hebräer, Juden, der des zweitgenannnten war ein Araber - beweist die Gemeinsamkeit von Juden und Arabern, nicht nur eine Stammes- und Sprachengemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft des Genpools und sogar des "Mempools". Was bewiesen wird durch ein seit ein paar Jahrtausenden sich immer wieder durchsetzendes Interesse aller Semiten an der metaphysischen Fundierung von universalen Sittengesetzen.

Oder, falls wir es religiös ausdrücken sollen, das "Interesse" des Einen Gottes an der Versittlichung des Menschengeschlechtes. Ein göttliches "Interesse" an der moralischen Verbesserung der Menschenwelt.

Viel später, lange nach der Niederschrift von Thora, Talmud und Koran, aber vor der westlichen "Aufklärung" ist solch ein Begriff in hebräischer/aramäischer Sprache geprägt worden: "TIKUN OLAM". Das sollten wir uns merken! Damit erscheint uns auch die jüdische Haskala in einem ganz anderen Licht. Und sogar der Marxismus und der "jüdische Bolschewismus". Weltverbesserung durch Menschheitsverbesserung.

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