2003-05-27

Ali Nerter

Gleichgültigkeit, gleiche Gültigkeit, Ungleichheit, Ungültigkeit

Der ganzjährig offengehaltene ökonomische und auch ideologische Weltjahrmarkt mit seinen grenzenlosen Angeboten an Kaufwillige, Kaufbare und vor allem Kaufkräftige kennt einen weltanschaulichen Hauptnenner, und der heißt "Toleranz".

Der Philosoph G. E. Lessing würde sich heute die Haare raufen, erführe er, was aus seinem hehren Prinzip geworden ist.

Der Theologe Hans Küng hingegen widmet sich immer noch der Offenhaltung des Weltjahrmarktes durch die versuchte Herausarbeitung eines globalen Ethos, des "Weltethos".

Da soll die neoliberalistische Marktfreiheit durch die Konstruktion des Unvereinbaren abgestützt werden, das auch unter allen künftigen Wetterbedingungen unbedingt zusammenhalten soll.

Unbedingt, obwohl unser Leben sehr wohl bedingt ist.

Wer dabei skeptisch bleibt oder sich gar gegen die universelle Leimerei - Zusammenleimerei wie Leimerei (= Betrug an den) der Unkritischen! - zur Wehr setzt, wird "intolerant" gescholten und als "Terrorist" verfolgt.

Zu ihrer Bekämpfung ist schon der Ersteinsatz bezw. Wiedereinsatz von pre-emptiven, wissenschaftlich erprobten Foltermethoden und Konzentrationslagern à la Guantánamo sowie von Atomwaffen vorgesehen.

Die deutschen Evangelen, die seit der Abdankung ihrer Landesherren jegliche populistische Mode der demokratisch plebiszitierten Machthaber - ob nazistisch oder nicht nazistisch, ob stalinistisch oder nachstalinistisch - sklavisch befolgten (oder bevolkten?), haben mittlerweile die ohnehin von jeher megapolitisch-opportunistischen Katholen, ihre Brüder in Christo, mittels publizistischer Dauerwäsche so weit aufgeweicht, daß jetzt ein Gemeinsamer Kirchentag in Berlin stattfinden kann.

Einzig der vereinsamte tapfere und kranke Papst im Vatikan wehrt sich und damit auch seine schrumpfende Herde prinzipiell gegen ein gemeinsames Abendmahl.

Er gilt deshalb als Spielverderber.

Seinem Einspruch entgegen soll diese spezielle Veranstaltung "von historischem Rang" (wie es die Betreiber nennen) derart vergemeinsamt werden, daß zu ihr sogar der Dalai Lama stoßen soll, noch dazu "Naturalmedizin, Tanz, Musik, Gebetsgebärden, Malen, Atemmeditation, Eutonie, Zen, Gi Gong, Joga" usw..

Der religiöse Jahrmarkt, bezeichnender Weise "Agora" genannt, beinhaltet selbstverständlich auch Kabarett und moderne Kunst, als wäre solch ein Kirchentag nicht sowieso ein Anlaß zum Lachen.

Anlaß für den Teufel nämlich, den es doch angeblich nicht gibt.

Für ein paar Juden und viele Muslime, alle "Unaufgeklärte" jedoch Anlaß eher zu Empörung und Zorn.

Die Veranstalter des Berliner Events hoffen, daß sich an dieses Zirkus' Ende "erste Klärungen und Entscheidungen" einstellen möchten.

Solches freilich kann sich kaum ereignen, solange nicht brutal ein paar grundsätzliche Fragen gestellt worden sind zwecks Ent-Scheidung, die die laue Christenjauche wieder vom klareren Wasser trennen könnte.

Als da wären:

Zur Lehre des Berliner Gastes Dalai Lama zählt die "Anatta"-Doktrin.

Diese besagt, daß die Gläubigen sich primär von ihrem Selbst befreien müssen, d.h. von ihrer Individualität, die allerdings heute gemeinhin nur noch ein fremdbestimmtes Ego ist.

Bekanntlich entwickelt sich die Individualität nur langsam und mittels vieler, oft schmerzlicher Lernprozesse aus dem elementar bedingten Ego.

Diese Entwicklung wird vom Weltmarkt meist angehalten, wozu dieser keine großen Anstrengungen auf sich nehmen muß, weil Faulheit der "menschlichen Natur" entspricht.

Da landläufige Westasiaten und Westeuropäer vom Monotheismus geprägt sind und dieser Eine Gott eine entweder "tauhide" oder trinitarische Persönlichkeit ist, sind monotheistische Menschen kulturell auf Entwicklung ihrer jeweiligen Individualität angelegt.

Die vom Hinduismus und vom tibetischen Buddhismus geforderte Aufgabe des Selbst, der Individualität, ist im erfolgreichen Ergebnis also ein Abbruch-Unternehmen am westasiatisch-europäischen Menschentyp.

Dieses Unternehmen geht einher mit der Abwesenheit einer wirklich begründeten Moralität.

Schon Fr. Nietzsche hat festgestellt, daß der Buddhismus "jenseits von Gut und Böse" stehe (in: Der Antichrist).

Da es weder im Hinduismus noch im Buddhismus einen Gott gibt - sondern nur viele "Götter" mit je eigner Sittenlehre - auch kein "Altes Testament" mit dem Dekalog, sondern letztlich nur das Nichts, gibt es auch keine Basis, auf die sich ein verbindliches Sittengesetz gründen läßt.

Es ist deshalb gleichgültig, ob - da die staatlichen Gesetze ohnehin nur beliebige und mehr oder weniger zufällige gesellschaftliche Vereinbarungen sind - man für sowjetische Gulags oder für nazistische oder amerikanische KZ eintritt bezw. sie unterhält und betreibt.

Hitler nannte Gott "die Vorsehung" und Stalin hätte den seinen "die Materie" genannt.

Beide "billigten" die jeweiligen Menschenvernichtungsstätten.

Wenn der Mensch keine Individualität, keine Gottebenbildlichkeit also mehr hat, dann gibt es auch keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt mehr.

Der langen Rede kurzer Sinn wäre demnach die Frage, warum der Kirchentag überhaupt den Dalai Lama und die anderen, kleineren Schwarmgeister, Irrläufer und Sektierer eingeladen hat.

Toleranz ist sehr gut, aber eine Mathematik kann nicht neben einer anderen bestehen, die behauptet, daß zwei und zwei fünfe seien.

Entweder das Axiom der bisherigen Mathematik oder das andere, m.E. blödsinnige.

Diese Art von Toleranz ist Selbstvernichtung!

Wahllos gleiche Gültigkeit ist Gleichgültigkeit.

Es gibt jedoch Ungleichheiten und somit Ungültigkeiten.

Viele Besucher der Kirchentage suchen Gewißheit.

Sie sind leider zu faul oder zu feige, sich zu entscheiden, und werden von ihren "geistigen" Führern auch nicht in Situationen geleitet, in denen sie Alternativen erkennen können, um sich zu entscheiden.

Um es möglichst brutal zu formulieren: Entweder es gibt den Einen Gott, der den Menschen den Dekalog gegeben hat, oder es gibt die unterscheidungslose, tolerante Gleich-Gültigkeit des Polytheismus bezw. des Nichts.

Wer sich deshalb gegen den Einen Gott entschieden hat, der sollte auch den Mut haben, sich auszulöschen.

Denn wenn es das Nichts gäbe, wäre eh alles sinnlos und auf uns wartete doch nur letztendlich das Nichts.

Der nichtchristliche Monotheist stellt sich jetzt allerdings die Zusatzfrage, welche Absprachen überhaupt noch möglich sind im Interesse des abrahamitisch Gemeinsamen, wenn es aufseiten selbst des offiziösen Christentums Veranstaltungen gibt wie die bevorstehende in Berlin.

Was eigentlich spräche da noch gegen eine Tempelprostitution in diesen so unsäglich toleranten christlichen Kirchen?

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