2003-12-19
Ein Fall hochakademischer Lernverweigerung
Zunehmend kocht bei mir Ungeduld auf.
Ein Professor Hans-Ulrich Wehler will faktisch, denn an ihnen wird es liegen, die "türkische Frage" gerade den notorisch primitivsten deutschen Teilnehmern an den nächsten Bundestagswahlen zur Entscheidung vorlegen lassen.
Die rückständigsten Teile der ohnehin traditionell halbpaganen C-Parteien werden seinen Vorschlag wahrscheinlich ungesäumt aufgreifen.
Wehler spricht als Spät-68er (natürlich in koketter Abweisung der Schröder-Regierung) vom "mündigen Bürger", den er qua hohes Amt faktisch falsch belehren könnte.
Und damit ans Ziel käme.
Er gilt, so die FAZ in einer Fußnote, als "Doyen der deutschen Historiographie" (mit ph).
Was immer das bedeuten mag, seine soziologische Geschichtsbetrachtung galt mir seit je als uneinnehmbares Brechmittel dieser Sparte der Gelehrsamkeit.
Zudem glaube ich mich daran zu erinnern, daß dieser Mann einst Gast des Goethe-Instituts zur Zeit von Dr. Detlev Möller im damals noch ostpakistanischen Dakka gewesen ist und mir auffiel als sehr schweigsamer, immer nur rezeptiver Teilnehmer bei Gesprächen über die Zukunft des vor dem Bürgerkrieg stehenden Landes.
Damals ging es vornehmlich darum, ob das Land am Ganges sich begreifen solle als Teil der Geschichte All-Indiens mit seiner ungelösten Rassen- und Kastenfrage oder als sich entfaltender Teil der emanzipativen Geschichte des sinaitischen Juden- und Arabertums.
Ein deutscher Akademiker hätte zu diesen Fragen durchaus aus eigener Kenntnis Stellung nehmen können.
Nun also (FAZ v. 19.12.2003) zum wiederholten Male geriert Wehler sich als "europäischer" Vorkämpfer gegen einen türkischen Beitritt zur EU.
Seine Geschichsdeutung ist wieder einmal an Zurückgebliebenheit nicht zu übertreffen.
So bestreitet er zum Eingang seiner Argumente der Türkei, durch die Antike geprägt zu sein.
Schon ein preiswerter touristischer Aufenthalt dorten jedoch könnte ihm wenigstens die Präsenz der griechischen Antike hinreichend bezeugen.
Einem Soziologen europäischer Borniertheit dürfte hingegen unbekannt sein, daß der Islam der Rezeption des römischen Rechtes bis hin zu dessen Reformation und Aufklärung (denn es hatte doch gravierende Mängel!) entsprochen hat.
Daß "europäischer Adel... (und) Bauerntum" mit einer im Westen nachzuholenden Aufklärung, nämlich der aus dem sinaitischen Befreiungsgeist, wenig zu tun hatten, sollte einem Doyen "linken" Herkommens nicht ungeläufig geblieben sein.
Ich bin, nachdem ich zu dieser Problematik schon einige Male Stellung genommen habe, es nachgerade satt, mich weiterhin mit Herrn Professor Wehler herumzuschlagen und möchte ihm empfehlen, sich doch als Emeritus in Australien zu bewerben.
Dort könnte er nämlich sich aufseiten der konservativen Regierung gegen die Kooperation mit Indonesien und seinem Islam wenden.
Mit Aussicht auf allerhöchste regierungsamtliche Billigung.