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kokhaviv publications

Ismael - Die Gegenseite

Er wird ein wilder Mensch sein. Er wird gegen jeden kämpfen und jeder gegen ihn. Er lebt getrennt von seinen Brüdern und fordert sie alle heraus. Genesis 16,12 und 25,18

2003-09-21

Tariq E. Knapp

Unsicherheit und spätes Leid

Die großsprecherische Ankündigung der PR-Abteilung des Propyläen-Verlages in einer Tageszeitung - "Wo liegt Deutschlands Zukunft? Mündet die Emanzipation von amerikanischer Hegemonie in dauerhafter Entfremdung? Wie tragfähig ist Europas neues Selbstbewußtsein? Muß sich Deutschland zwischen transatlantischer Allianz und europäischer Integration entscheiden? Kann es einen deutschen Weg geben?"- trügt.

Man sieht sich getäuscht, wenn man hatte erfahren wollen, wie es um die Tragfähigkeit des "alten Europa" (Rumsfeld) und seinen Willen steht oder ob das angeblich "neue" in Ostmitteleuropa eine Art US-Flugzeugträger der amerikanischen Hypermacht werden könnte.

Das Buch Gregor Schöllgens, Der Auftritt. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne, Mchn. 2003, 176 S., ist zwar eine brillante Analyse der deutschen Außenpolitik der letzten Jahrzehnte, flüssig dargestellt und gut dokumentiert, schreckt jedoch vor einer Darstellung anstehender Konsequenzen zurück.

Wer erwartet hatte, eine Kritik der deutschen Außenpolitik der Regierung und Opposition und ihrer Auswirkungen auf die internationalen Mitspieler bezw. voraussehbarer Reaktionen der verschiedenen Partner, also ein Buch nach Art von Paul Kennedy, In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert, Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1997, oder auch nur von Z. Brzezinski, Die einzige Weltmacht, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Ffm. 2003, lesen zu können, sah sich leider gefoppt.

Der Autor Schöllgen selber könnte sich durch diese falsche Verlagsreklame insofern geschädigt fühlen, als nun das Licht, das er ausstrahlen wollte, unter dem Scheffel der Enttäuschung steht.

Aber das muß seinem Urteil überlassen werden.

Der Rezensent muß nunmehr ohne die erhofften Informationen durch den Zeitungsautor und Düsseldorfer Universitätslehrer Schöllgen zurückfallen auf seine womöglich überholten Erinnerungen und Konzepte.

Hat die außenpolitische Wende, die offensichtlich nur aus wahltaktischen Gründen erfolgt ist und ohne sichtbaren strategischen Hintergrund "ausbrach", unwillkürlich - es handelt sich bekanntlich um eine Außenpolitik des Sozialdemokraten und Exjusos Gerhard Schröder - einen "karolingischen" Faden wiederaufgenommen, den vor vielen Jahrzehnten sein christlich-evangelisch-deutschnationaler Namensvetter als Bonner Außenminister sträflicher Weise absichtlich hatte fallen lassen?

Ich spreche vom westdeutsch-französischen Vertrag Adenauer-de Gaulle und von der vertanen Möglichkeit, mithilfe einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen der BRD mit der VR China, damals noch zur Endzeit des antisowjetisch-antigroßrussischen Vorsitzenden Mao, die rheinische Westpolitik von der angloamerikanischen Bevormundung zu befreien und eine Ostpolitik anderer Art als die Bahr-Brandtsche zu ermöglichen.

Auch heute würde eine deutsche, nun gesamtdeutsch gewordene ständige Widersetzlichkeit gegenüber Washington die deutsche Position schwächen oder gefährden.

Auch heute fordert ein "karolingisches" Bündnis Berlin-Paris die unbequeme Anbequemung an französische Vorstellungen, Vorgaben und Traditionen.

Wären die Deutschen heute dazu bereit?

Oder haben sie die Konsequenzen sich noch nicht konkret durch den Kopf gehen lassen?

Und falls dies geschähe: Würden die Deutschen dafür den Preis zahlen wollen?

Einen Preis, der zwar angemessen wäre, aber als Angemessenheit nur erkennbar ist, wenn man die Geopolitik der nächsten Zukunft ins Auge fassen möchte.

Alle diese Fragen darf man getrost verneinen.

Daß die deutschen Wähler in einer emotionalen Aufwallung Gerhard Schröder trotz seiner miserablen Arbeitsbeschaffungs- und Finanz- und Gesundheitspolitik - oder müßte man hier von einer Nicht-mehr-möglichen Politik sprechen? - dennoch in sozusagen letzter Minute gekört haben, ist doch nur auf die deutsche Entschlossenheit zurückzuführen, in der Kriegsfrage (Iraq) sich nicht entschließen zu wollen.

Falls das anhalten sollte, dann wird wohl die unilaterale Außenpolitik der USA, ein neuer Isolationismus imperialistischer Art, zusammen mit der ökonomischen Depression in den USA und der Schaffung des konkurrierenden EURO, unwillkürlich oder auch mit Absicht, zu einer bitteren Auseinandersetzung zwischen den Deutschen und den US-Amerikanern führen.

Was man hierzulande wie die Pest gefürchtet hat, eine Art Krieg, wird dann doch in irgendeiner Weise stattfinden.

Deutschland im falschen Bündnis, wie man das aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts kennt, oder Deutschland völlig allein auf weiter Flur?

Die elefantiös aufgeschwollene EU der nahen Zukunft könnte eben dazu geführt haben: Ostmitteleuropa als US-Flugzeugträger gegen Deutschland!

Vielleicht käme die CIA sogar auf die Idee, Flugzeuge pseudo-islamistischer Selbstmörder auf deutsche Städte stürzen zu machen, nur um die Deutschen Solidarität mit den "Werten" der USA zu lehren.

Grüblern erschließt sich angesichts solcher Konsequenzen einer nur als Wahltaktik aufgefaßten Außenpolitik das alte Konzept, das Anfang der 60ger Jahre im und um das Bonner AA angedacht worden ist: EURAFRIKA oder deutlicher FRANKEURAFRIKA.

Ist Berlin infolge der Machtlogik der realen Weltpolitik gezwungen, die Stärkung des einstigen Sechser-Europas innerhalb der EU anzupeilen, das seine natürliche frankophone Fortsetzung nach Nord- bis tief nach Schwarzafrika findet und das muslimische Asien einbezieht?

Eine multikontinentale Raketenabwehr würde da unerläßlich.

Auch eine ganz andere globale Handelspolitik und folglich auch europäische Innen- und Sozialpolitik.

Ebenso konsequent wäre auf mittlere Frist auch eine neue Kulturpolitik, die durch eine Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU angebahnt würde.

Bündnispolitisch wäre auch eine engere Kooperation mit der VR China zu bedenken.

Nicht mehr "Transatlantik" wäre angesagt, sondern "Transmediterraneik".

Sowohl Frankreich wie Deutschland haben dafür in je andersartiger Weise große Vorleistungen erbracht.

Deutschland in erster Linie als Wissenschaftsland, als Land der kulturellen Forschung (Frobenius usw.), Frankreich als Staat der erfolgreichen Realpolitik seiner Dritten, Vierten und Fünften Republiken.

Natürlich bleibt es fragwürdig, ob Schröders Partei und sein grüner Koalitionspartner für eine solche Konzeption aufgeschlossen wären.

Beide Koalitionäre sind historisch dazu wenig geeignet.

Ihre jahrzehntelange Verluderung durch Pazifismus und Hedonismus, was zur Namensgebung der "Toskana-Fraktionen" führte, hat sie innerlich unterhöhlt, ungeeignet gemacht für jede Art mutiger Konsequenz.

Zudem müßten Deutschland, Italien uind Spanien erst die moralisch-kulturelle Revolution nachholen, die Frankreich durch den Dreyfus-Prozeß (Clemenceau, Jaurès, Zola) vor mehr als zwei Jahrhunderten erfolgreich abgeschlossen hat.

Wie das Beispiel des Staates von Vichy zeigt und wie der Nazismus-Faschismus gezeigt haben, ist eine solche Kulturrevolution auch heute noch nicht beendbar, da ständige Rückfälle drohen.

Da Prof. Schöllgen mehr Archive als dem Rezensenten zur Verfügung stehen, hätte er womöglich ein Buch mit positiverer Tendenz schreiben können.

Aber man darf auch auf sein nächstes Werk hoffen.

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