2003-08-27

Tariq E. Knapp

Tikkun Olam!

Obwohl wir in vieler Hinsicht gern Giorgio Agamben zustimmen (in: Die kommende Gemeinschaft, Merve Verlag Berlin 2003, S. 103 ff.) und seine nichtleninsche Frage - Wie tun? - übernehmen, ist unsere Antwort natürlich, so wie wir geworden sind, eine ganz andere, eine aktivistische. Lenin hat bekanntlich falsch gefragt, eben marxistisch. Ganz logisch und folgerichtig. Im Nachhinein läßt sich leicht feststellen, daß des "Halbjuden" Lenin und des Juden Trotzki Revolution im "Gulag" hat enden müssen, im roten Holokaust.

Bei allem Respekt, trotz alledem, für Lenins und seiner Genossen Sehnsucht nach Erlösung, und das heißt auf hebräisch "tikkun olam", halten wir, anders als Agamben, das Werk Gottes keineswegs für vollendet. Seine Schöpfung, kulminierend in der des Menschen, bleibt für die Vollendung offen. Eine weltweite Sabbatruhe ist noch nicht angesagt. Tikkun olam ist den Menschen guten Willens nach wie vor geboten.

Wir halten uns immer noch an diese von dem Einen Gott uns auferlegte Verpflichtung, weswegen wir auch den leninschen Weltverbesserungsversuch nicht grundsätzlich verwerfen. Das vermaledeite Sosein bleibt uns an ihm Leidenden so wichtig, daß wir uns einen Quietismus trotz aller Enttäuschungen über die Ergebnislosigkeit aller gesellschaftspolitischen Versuche des XX. Jahrhunderts aus dem Kopf schlagen.

Daß der Islam einen Sabbat im Sinne des Judentums nicht feiert, sondern den Freitag, einen Arbeitstag, zu seinem Versammlungstag gemacht hat, erscheint uns als Fingerzeig. Unser großer Tag liegt demnach vor der Entscheidungsschlacht. Gut, auch wir sind nur Überlebende, doch der mutmaßlich letzte, der von den Naziheiden veranstaltete Holokaust darf uns nicht vor weiteren Versuchen, die Erlösung vom irdischen Sosein zustande zu bringen, zurückschrecken lassen. Das Unglück der Juden, das aller nach Voraussicht noch nicht beendet sein wird, weil sie weiter im Irrtum des Zionismus verharren, darf uns nicht zur Salzsäule versteinern lassen.

Wie tun?, ist auch unsere Frage. Und unsere Antwort darauf: Jedenfalls nicht mehr in szientistisch-feuerbachscher Art - das sollte nun feststehen. Weder in der marxistischen noch in einer nazistischen Weise. Das "Was tun?" fällt somit mit dem "Wie tun?" zusammen.

Rufen wir uns doch bitte die staatsrechtliche Situation der Zeit vor der Oktoberrevolution 1917 ins Gedächtnis zurück. Damals gab es östlich der deutschen und österreichisch-ungarischen Grenzen keine Verfassungsnorm, die irgendwelche Menschenrechte proklamiert hätte. Überall nur Herren"rechte". Ferdinand Lassalles wirklich aufklärende Frage nach der Übereinstimmung von Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit war damals nicht weltweit aufwerfbar. Nur die typisch deutsche Weltfremdheit hat zur klassisch marxischen Forderung nach einem nichtrevolutionären Nachhinken aller feudalen Verhältnisse geführt. Das europäische Vorbild sollte globales Telos der ganzen Menschheit werden. Daß die europäischen Herrenklassen überhaupt kein Interesse an einer dergestalten Europäisierung hatten, da dies ihre Profitrate gesenkt hätte, war einem Kautsky gar nicht gewärtig.

Inzwischen jedoch hat die Instaurierung von Völkerbund und UNO weltweit zur Schaffung von Verfassungen geführt, die, formal zwar nur, die Menschenrechte garantieren. Die Frage F. Lassalles nach der Übereinstimmung von Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit ist heute in globaler Größenordnung möglich. Selbst die Konstitution der Bundesrepublik Indien hat einen Grundrechtekatalog. Daß die Herrenkaste Indiens es bequem findet, alles nach vorkonstitutionellen "Regeln" weiterhin zu "ordnen", ist ärgerlich und furchtbar für die Nichtprivilegierten, aber auch ein selbstschädigender Fehler. Ein Fehler, den sich die Philanthropen und die Monotheisten zunutze machen sollten.

Und müssen! Soll denn unter den Augen der UNO und der Weltöffentlichkeit ein weiterer Holokaust wie vorgestern der "kleine" ruandische Völkermord an den Tutsi sich wiederholen? Wenn das wieder geschehen sollte, ohne daß sich die UNO und ihre Geldgeber aufraffen zur Herstellung der monotheistischen Gebote, der Gesetze zur Mitmenschlichkeit, dann und erst dann müßten wir Gottes Projekt des menschlichen Menschen als gescheitertes aufgeben. Hic rhodos, hic salta!

Das bedeutet konkretisiert: Da in Indien vorsintflutliche Verhältnisse anhalten, müssen wir der Inhumanität dort, wo sie am unverblümtesten herrscht, den Krieg erklären.

Jeder Mensch, der die unmenschlichen Kastenverhältnisse in Indien weiterhin duldet, ist unmenschlich. Unmenschlich auch in scheinbar zivilisierten Formen. Waren die SS-Mörder nicht etwa trotz ihrer "tadellosen" Formen und Umgangsgewohnheiten keine Unmenschen, keine Bestien?

Wir sind geradezu verpflichtet, offen und taktlos, jeden Menschen, der die Gebote des Monotheismus nicht achtet - und Duldung der Unmenschlichkeit ist faktisch Mißachtung Gottes! -, als außerhalb der Menschheit stehend zu proklamieren.

Wir müssen diese als gleichbedeutend mit gemeinen Verbrechern behandeln. Und sei es durch die Verweigerung jeden Grußes. Durch öffentliche Verachtung. Die Gottlosen sind die zu Ächtenden!

Und wer ist gottlos? Es sind jene, die Seine Gebote nicht achten, weil sie den Landfrieden und den Weltfrieden nicht tangieren möchten. Verachtung für sie! Der Fluch Gottes komme auf sie!

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