2003-08-24
Paranoia?
"Kinder des Terrors"*
* Amos Oz in der FAZ vom 23.08.2003
Man zögert, sich schon wieder mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz zu befassen. Indessen wäre Schweigen unredlich. Ehrlichkeit bedeutet hingegen, ihn schonungslos zu kritisieren. Ist er doch sozusagen ein Seelenverwandter von unsereinem, ein ungeduldiger Friedenssucher und kurzsichtiger obendrein. Dümmlich wie ein Sozialdemokrat, oberflächlicher Hoffnungsträger, alleweil besten Willens. Ein Simpel eben.
Ja, es mußte inzwischen auffallen, daß die Attentate von Bagdad und in Jerusalem nicht nur gleichzeitig stattfanden, sondern auch von gleicher Art sind. Oz zählt auf, daß sie sich ereignen "von Indonesien bis Kaschmir, vom Sudan bis Tschetschenien, vom Nahen Osten bis Nordafrika" sowie, noch nicht auflistbar, von Ostafrika bis Lateinamerika. Die letztgenannten nicht jetzt schon, doch bald. Demnächst im gleichen Kriegstheater. Washington sei Dank. Seine Waffensysteme erlauben weltweite Theateraufführungen. Und natürlich ebensolche Kleinkriege.
Amos Oz grübelt, wie das Schreckliche und Sinnlose zu kurieren wäre. Dabei kommt er leider nur auf sozialdemokratische Heilmethoden. Besserung sei nur möglich durch Mäßigung. Wo, das fragt er eben nicht, wäre die Macht, die das Maß bereitstellt?
Er hat recht wie immer: Diese Krankheit läßt sich nicht einfach durch Gewalt beseitigen, einfach oder nicht einfach, nimmer durch Gewalt, "nicht mit dem Knüppel", obwohl sie 1948 mit dem Knüppel losbrach. Ausbrach. Der Knüppel ist seither genugsam angewendet worden. In letzter Zeit erweist sich immer deutlicher, daß seine Wucht erlahmt. Je massiver die Knüppel, desto ohnmächtiger wissen sich die von ihnen Getroffenen. Je ohnmächtiger sie sich fühlen, desto mehr zweifeln die Geschlagenen an der Kraft ihres Rechtes, ihrer Menschenrechte. Je weniger ihr und der Juden Gott sie und ihre Familien schützen kann vor den Rechtsbrüchen, desto auswegsloser ihr Leben. Je auswegsloser das Leben bleibt, desto lockender ihr Weg aus dem Leben hinaus. Der Direktweg zu Gott ist der mordende Selbstmord. Zum Ruhm Seines Namens legen sie ihre und ihrer Todfeinde Leichen vor Seinen Thron.
Ob Gott derartige Lobpreisungen überhaupt wünscht? Das weiß letztlich keiner. Amos Oz zitiert in seiner Ratlosigkeit einen anderen Modernisten und literarischen Modernisierer allerbester Ansichten. Den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, einen modernen Muslim. Zusammen diagnostizieren sie: Paranoia.
Man schlägt als Nichtpsychiater in Lexika nach und erfährt eine unklare Definition, von der man im Vertrauen auf die medizinische Wissenschaft annehmen möchte, daß sie wegen ihrer Schwammigkeit nie angewendet wird. Sie lautet etwa folgendermaßen: "Schizophrenie, bei der isolierte Wahnideen und Halluzinationen vorherrschend sind... Erlebnisreaktion, bei der wirkliche und vermeintliche Erlebnisse (z.B. Kränkungen, Demütigungen, Zurücksetzungen) in Verrückung des krankhaft ichbezogenen Standpunktes zur menschlichen Mit- und Umwelt umdeutend verarbeitet und in der Folge zu einem dauernden, unerschütterlichen Wahnsystem ausgebaut werden, und zwar bei sonst völliger Klarheit."
Also eine "falsche" Reaktion auch auf wirkliche Erlebnisse. Auch im Zusammenhang mit politischen Vorgängen und Ideologemen. Der Zionismus sorgt seit vielen Jahrzehnten für persönliche Erlebnisse, die politische Ursache haben. Die Politik stellt also Erklärungen für die jeweiligen persönlichen Erlebnisse bereit.
Die Erklärungen solcher persönlicher, oft tagtäglicher und schmerzhafter, demütigender, kränkender Erlebnisse seien krankhafter Art, definiert diese Definition. Eine Definition ohne klare Grenzen. Handelt es sich hier nicht einfach um politische Meinungen? Die friedlich ausgetragen werden sollten? Aber so nicht ausgetragen werden können, weil die Selbstverständlichkeit des Lebenkönnens infrage gestellt wird. Todesurteile werden im Heiligen Land im Geheimen gefällt und schlagartig vollstreckt. Folterungen werden vom israelischen Justizapparat als legitim erklärt. Politische Meinungen wurden im Nazi- und wie im Sowjetsystem bestraft, sie wurden gar nicht geduldet.
Man müßte die gesamte Weltgeschichte rekapitulieren, angefangen mit dem Streit zwischen Kain und Abel, um herauszufinden, ob eine Meinung politischer Art nun wahnhaft ist oder nicht.
Der Zionismus war historisch die enttäuschte jüdische Reaktion auf die gescheiterte europäische "Aufklärung". Auf den Nazismus zumal. Ähnlich wie der Zionismus war der Nazismus die enttäuschte Reaktion auf die europäische Moderne gewesen. Wir meinen, sie sei krankhaft gewesen.
Aber wir halten uns auch an den mosaischen und noachischen Dekalog bezw. Noachs Siebengebot. Nach ihnen ist Mord verboten, bei Noach ist dies das Gebot Nummer eins. Soviel man weiß, sind die Juden das auserwählte Volk jenes Gottes, der gerade diese Gebote offenbart hat. Und die Juden wurden just auserwählt, um diesen sieben und den mosaischen zehn Geboten eine universale Geltung zu verschaffen. Das haben sie auch vollbracht. Sie haben die ideologischen Keime des Christentums wie des Islam gelegt. Dadurch wurden das Siebengebot und die Zehn Gebote universal.
Eine gültige Diagnose auf Paranoia ist unmöglich, zumal in politischen Zusammenhängen, ohne die göttlichen Gebote zu Rate zu ziehen. Der Zionismus hat sich aber gerade dadurch ausgezeichnet, daß er zentrale Fundamente der dekalogischen Ordnung zerstört hat. Wir sprechen davon, daß Weizmanns Zionismus auf den Sturz des islamischen Gesetzes und Justizstaates - die Scharia fußt auf dem "jüdischen" Dekalog! - abgezielt hat.
Amos Oz weiß, daß die Medizin für die moralisch erkrankte Menschheit im speziellen Falle des Nahen Ostens "nur im gemäßigten, vernünftigen Islam zu finden" ist.
Hier stimmmen wir unbedingt mit ihm überein. Wir erinnern nur, daß dieses einzige Heilmittel vor dem Auftreten des Zionismus im Nahen Osten trotz vieler Schwächen und Mängel geherrscht hat. Dieses einzige Heilmittel ist vernichtet worden. Es steht nicht mehr zur Verfügung. Wer hat es konkret zerstört? Der westliche Imperialismus, der französisch-britische, dem sich der amerikanische angeschlossen hat. Und der Zionismus hat diesen kolonialistischen Imperialismus des Westens zu seinem Vehikel gemacht. Auf Kosten der Verlierer des Weltkrieges. Und was nun?
Um es kurz zu machen und unverblümt auszusprechen: Es ist jetzt so weit gekommen, daß dem Westen wie dem Zionismus gar nichts anderes mehr übrig geblieben ist, als sich ernstlich zurückzunehmen. Das heißt konkret, zum Judentum und zum Christentum demütig zurückzukehren.
Die Moderne war eine Übertreibung, eine Maßlosigkeit. Sie hat "die Erde", also die an Gott glaubende Menschheit zur Selbstverteidigung gezwungen. Hier liegt, lieber Amos Oz, das Kernproblem jener universalen Erkrankung, die Sie und Salman Rushdie "paranoiden Islamismus" nennen.
Der zionistische Appparat hat sich überheblich an die Stelle des Maschiach gesetzt. Solche Maßlosigkeit bedeutet faktisch die Beseitigung des gottgegebenen Maßstabes.
Die tendenzielle, progredierende Verrechtlichung aller irdischen Verhältnisse ist seit den Propheten Noach und Moses das eigentliche Anliegen des Monotheismus. Es ist das eigentliche jüdische Erbe, das über Christentum und Islam an die zivilisierte Menschheit überging. Das hat schon der große Maimonides erkannt.
Heute liquidieren die Likudniks in Israel wie in den USA sukzessive das Völkerrecht, was letztlich auch einzelstaatliche Rechtssysteme tangieren muß.
Der diese Fehlentwicklung heiligsprechende Zionismus ist ein Rückfall der Juden ans Heidentum. Davon werden die Juden in der Zerstreuung wie die in Israel keinen Vorteil ziehen können. Im Gegenteil, sie werden an den Folgen ihrer Paganisierung noch furchtbar zu leiden haben!