2003-07-09

Bruno Josef-Würzburger

Entwicklungshilfe selektiv?

Die USA und Britannien haben unter der Führung zweier Lügner oder Selbstbetrüger oder Parlamentsbetrüger oder Volksbetrüger - man darf es sich aussuchen - nun einmal den Iraq attackiert und damit die Diktatur Saddams gottseidank beendet.

Ein kaum beabsichtigter Kollateral-Segen.

Ihre Schuld am Angriffskrieg wird noch viele schlimme Konsequenzen haben.

Diese Grundschuld am künftigen Bösen entläßt sie nicht aus moralischen und politischen Verpflichtungen gegenüber den iraqischen Völkerschaften, ob deren Wünsche ihnen, den USA und Britannien, zupaß kommen oder nicht.

Eine der Völkerschaften sind die Schiiten, eine andere die Kurden.

Darüber denkt man in Washington wenig nach.

Wohl aber in Israel, wo (und weil) der Rechtsbruch gleich nebenan geschah.

Ein Jerusalemer Universitäts-Politologe hat recht: die iraqischen Kurden haben allzu lange gelitten, und sie verdienen eine eigene Staatlichkeit (s. Shlomo Avineri in FAZ v. 8.7.03).

Wir wissen freilich nicht, ob Avineris Empfehlung auf einen Israel absichern wollenden geopolitischen Gedanken zurückgeht oder ob sie von grundsätzlicher Art ist.

Immerhin würde ein kurdischer Staat im Norden des heutigen Iraq das "arabische Meer" rings um Israel an einer relativ nahen Stelle verengen.

Was aber, wenn die Türkei doch noch einen Strich durch die Rechnung Avineris macht?

Dann hätte Israel seinen engsten und einzigen Verbündeten im Nahen Osten sich zum Feind gemacht!

Ankara und die türkische Armee befürchten zu Recht, daß solch ein kurdisches Piemont seinen ebenfalls volklich-kurdischen Osten gefährden kann.

Eine kurdische Irredenta ist nicht wünschenswert, solange die Stabilität des Status quo im Orient halten soll.

Ist Avineri mit seinem Vorschlag demnach vorgeprescht, hat er die strategische Planung des Zionismus mißachtet?

Er weist auf den sich entwickelnden "Prozeß der (kurdischen) Nationsbildung" hin und übersieht dabei, daß auch das türkische Volk sich seit seiner Tanzimat-Periode in einem ähnlichen Prozeß befindet.

Auch die Türken sind eine Nation im Werden!

Der türkische Generalstab hat nicht ohne gute Gründe die Türkei zur Ablehnung der angelsächsischen Aggression im Iraq bewogen.

Man sollte sich in den USA besser, und im Interesse der eigenen Nation, endlich Gedanken machen über eine andere Nahostpolitik als die aus Israel ferngesteuerte der Likudniks.

Washington folgt noch immer der britischen Vorgabe zugunsten des Zionismus.

London sah seit 1917, seit der Balfour-Declaration, sein Heil in der Zerschlagung des Osmanischen Reiches.

Washington folgt der britischen Vorgabe wie ein Bulle dem goldenen Nasenring.

Man hätte seit langer Zeit auch ganz anders handeln können: mit der Unterstützung des Panturkismus (Enver Pascha!).

Dafür ist es noch nicht zu spät.

Es käme dafür eine Vereinigung der heutigen Türkei mit Aserbeidschan infrage.

Aserbeidschans Bevölkerung ist der Sprache nach ebenfalls türkisch, aber konfessionell schiitisch, während die Türkei-Türken sunnitisch sind.

Eine Vereinigung der heutigen Türkei mit Aserbeidschan würde innenpolitisch zum Ausgleich zwischen den Sunniten und den fast-schiitischen Bektashiten-Alauwiten führen.

Das hätte auch Auswirkungen auf die übrigen sunnitisch-schiitischen Spannungen bis hin nach Pakistan-Indien.

Eigentlich liegt es im Interesse Ankaras, in Istanbul eine Hochschule zu errichten, die, anders als an der Kairiner Azhar-Universität, neben den vier sunnitischen Rechtsschulen auch in voller Gleichberechtigung die schiitisch-dschafaritische lehrt.

Das wäre doch schon ein gut Stück einer innenpolitischen Renovation der kalifisch-sultanischen Ordnung in der den heutigen Erfordernissen gerechtwerdenden Modifikation!

Wichtiger als das von Avineri geforderte Recht auf Selbstbestimmung ist unseres Erachtens erst einmal die Vorbedingung dieses Rechtes:

Das Recht auf die Freiheit der eigenen Sprache.

Denn die gesellschaftspolitische Evolution, die, anders als die biologische des Menschen, noch nicht abgeschlossen ist - beispielsweise sein allzu oft von seinen aggressiven Affekten zertrümmertes Sozialverhalten -, sein Vernünftigwerden, seine "Mündigkeit" (I. Kant), hängt vom Grad der Freiheit seiner Expression ab, von seiner Freiheit, miteinander ungestört kommunizieren zu können.

Sprachgemeinschaften sind, nota bene, nicht identisch mit "rassischen" Gemeinschaften.

"Rasse" verhindert bekanntlich die gesellschaftspolitische Evolution, während Sprachfreiheit sie fördert.

Der flüssige und tägliche spontan-freie Gedankenaustausch zwischen Menschen derselben Muttersprache ist im allgemeinen intensiver als der zwischen Menschen verschiedener Idiome.

Vielleicht aus diesem bewußt-unbewußten Grunde hat der Zionismus eine jüdische Heimstatt im Heiligen Land gefordert und blutig erstritten.

Deswegen haben nicht nur die Kurden ein Recht zur sprachlichen Selbstbestimmung wie die Palästinenser - Avineri betont auch ihr Recht -, sondern ebenfalls jedes weitere Volk, auch das türkische.

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