2002-08-03
Eine bessere Alija?
Rabbi Frumans mutiger Riesenschritt
Alija ist ein jüdisch-zionistischer Begriff, der Hinauf-Steigen nach Jerusalem, ins Heilige Land bedeutet. Alija hieß der Mobilisierungs- und Kampfruf des nur-politischen Zionismus, eine der vielen Säkularisierungen und Paganisierungen einer ursprünglich religiösen Ausdrucksweise - wie beispielsweise in Deutschland der Ausdruck Drittes Reich - im 19. Jahrhundert, sie hat zu vielen Aggressionen und zu noch mehr Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt.
Vorerst sind die Verbrechen der destruktiv-konstruktiven Zionistischen Weltbewegung nicht gesühnt, weil sie weder forensisch untersucht noch gerichtlich bestraft werden können. Das liegt, wie immer sie zu definieren wäre, faktisch an der Macht "des Weltjudentums".
Derweilen wird immer deutlicher, daß nach dem bevorstehenden endgültigen Scheitern des sozialdemokratisch-illusionistischen "Friedensprozesses" seit "Oslo und Madrid" der Welt und den Arabern eine weitere große Alija bevorsteht: Die Zionisierung auch noch des Gazastreifens und der jordanischen Westküstenebene und damit die Vertreibung der restlichen Palästinenser aus ihrer Heimat in weitere Flüchtlingslager. Ob der erneute Antisemitismus eine Folge wäre der Defensivmaßnahmen der Araber oder ob letztere unterstützt werden durch eine europäische Neubelebung des Nazismus, ist eine müßige Frage.
Wir wollen, statt über die Zukunft zu spekulieren, uns erst einmal dem Rabbi Menachem Fruman aus Otniel bei Hebron zuwenden. Er ist ein wichtiger geistlicher Gründer von GUSH EMUNIM, der radikalen jüdischen Siedlerorganisation, die hierzulande gemeinhin als eine Art hitleristische und mörderische Nazigruppe geschildert wird. Solche Darstellungen entsprechen genau auch der Selbstdarstellung des Zionismus. Selbst der feine, gelehrte und maßvolle Martin Buber hat ja überdeutliche Passagen à la Blut und Boden geschrieben, und sie wurden bei den Neuauflagen seiner Werke natürlich wieder ins Journalistenvolk gestreut, nachdem es nach 1945 solche Aussagen für nichts weiter als Nazipropaganda gehalten hatte. Der jüdische Schriftsteller Hans Habe hat nach einem der israelischen Siege über die Araber ein Büchlein geradezu "alldeutscher" Art verbreitet. Wie einst David, tönt es da auf jüdisch in derselben Weise wie Ein Kampf um Rom von Felix Dahn. Aber Gush Emunim scheint doch anders zu sein als der bislang bekannte politische Zionismus. Rabbi Fruman, der Gründer, scheint allem Anschein nach einen ganz anderen Zionismus anzusteuern.
Worin könnte an die Stelle der Alijen territorial-expansionistischer Art des politischen Zionismus, so fragen wir angesichts einer entsetzlichen Zukunft - entsetzlich nicht nur für Palästinenser, Araber und Juden, sondern auch für die ganze übrige "christliche" und nichtchristliche Menschheit - ein qualitativ besserer Zionismus treten?
Das ist eine Frage, auf die einem vom Krieg relativ weiter entfernten Europäer nur eine Antwort einfällt, wenn er in der Bibel gelesen und dort vom Tag von PENUEL erfuhr, jenem Tag der brüderlichen Aussöhnung zwischen Jakob und Esau.
Ein neuer Tag von Penuel, eine bessere Alija als die bisherigen, wäre weniger politisch-territorial, sondern der Aufstieg zu den Geisteshöhen der Thora und des Quran, ein vordringlich sittlicher Aufstieg, der zuletzt ebenfalls zum Gelobten Land Gottes führt.
Es ist Henryk M. Broder, der uns in seinem deutsch geschriebenen Buch Die Irren von Zion* berichtet, daß ausgerechnet der Gründer des Gush Emunim, Rabbi Menachem Fruman, brieflich ausgerechnet dem iranischen Revolutionsführer, dem Rahbar Ayatollah Khamenei, einen zwar unpraktikablen, aber dennoch im Ansatz realisierbaren Plan zur Rettung des Nichtkrieges im Nahen Osten vorgelegt hat.
Die Details dieses Angebots sollten bei Broder nachgelesen werden. Es würde sich lohnen!
Fruman geht offenkundig davon aus, daß der in der christlichen Bevölkerung des Westens tief verwurzelte und nicht durch alle Sorten von Bildungspolitik und Gehirnwäsche auszurottende Antisemitismus in einer ökonomischen Krise erneut und mörderisch zutage treten kann und sich mit einem im 20. Jahrhundert erst nazistisch infizierten Arabertum verbünden könnte.
Meines Wissens hat Fruman dies nicht geschrieben, aber diese Angst muß seinen intellektuellen Hintergrund beherrschen. Wem in Israel sollten solche Gedanken nicht kommen?
Wohin jedoch, falls sich diese Furcht einmal bewahrheiten sollte - und Th. Herzls Angst schien zu seinen Lebzeiten ja ebenfalls "unwahrscheinlicher", psychotischer Herkunft zu sein -, wohin mit den jüdischen Europaflüchtlingen? Hätte der jüdische Staat überhaupt Platz für sie, fänden sie dort eine Heimstatt? Schon Arafats unter Druck seiner Landsleute erhobene Forderung von Taba auf Rückkehr der drei Millionen Flüchtlinge ins israelische Kernland mußte aus nachvollziehbaren Gründen zurückgewiesen werden.
Das Problem scheint ohne Krieg unlösbar zu sein, aber auch kein Krieg könnte es wirklich lösen.
Es ist höchste Zeit geworden für eine Revision des nur-politischen Zionismus! Mußte Herzls Projekt wirklich so unsäglich weltfremd daherkommen, nicht zu wissen, daß im Heiligen Land der alten Juden seit langem Nachkommen Ismaels leben? Und rundherum ebenfalls? Daß alle technologischen und finanziellen Überlegenheiten der Juden in the long run vergebliche Müh' sein würden? Daß eher die Welt zugrunde ginge, als daß arabische Muslime klein beigeben würden? Daß jedoch früher, als in Spanien und Portugal verfolgte Juden in Ländern des Nahen Ostens um gastliche Aufnahme baten, dem freundlich entsprochen worden ist? Daß das eurokolonialistisch-brutale Auftreten der "arisierten" und "christianisierten" Juden eine entsprechende, wenn zunächst auch abgeschwächte Reaktion bei den semitischen Stammesbrüdern zeitigen würde?
Wir können nicht wissen, wie - falls überhaupt - der Rahbar der iranischen Islamischen Revolution, der Ayatollah Khamenei, auf Rabbi Frumans mutigen Brief geantwortet hat. Aber imgrunde hat Fruman ja überhaupt keinen heute lebenden Erdenbürger angeschrieben, zumal der geistliche Chef der Schiiten nicht der der Sunniten ist (diese jedoch haben keinen höchsten geistlichen Chef!), sondern die große monotheistische Welt- und Heilsgeschichte. Eigentlich den Einen Gott, der der Oberbefehlshaber sowohl der Juden wie der Muslime ist. Wer ab und zu das Rauschen der Heilsgeschichte in der Weltgeschichte vernimmt, muß statt des Rahbar der iranischen Islamischen Revolution (der Schia!) sich in einer dem aufgeworfenen Problem einigermaßen adäquaten Antwort versuchen, zumal als Muslim im relativ kriegsfernen Europa, der sich als später Schüler des Panislamisten Jamaluddin el-Afghani versteht . Seinem globalen Panislamismus hat der Gründer des Gush Emunim ein, gemessen an seiner geistigen Prägung, relativ großherziges Angebot unterbreitet. Es fordert eine angemessene Stellungnahme heraus.
Der herzlsche Zionismus ist prinzipiell eine panjüdische Weltbewegung zur politisch-gesellschaftlichen (und religiösen) Rehabilitierung der Juden. Er befindet sich aber leider seit mehr als 100 Jahren in der (Verpuppungs-?) Phase des expansionistischen und menschenverachtenden Chauvinismus oder gar Rassismus. Jedoch basiert er ethisch und historisch auf der großen Lehre des Propheten Moses, auf dem nichtnationalistischen Monotheismus. Auch der Islam ist, wie Rabbi Steinsaltz vor einigen Jahren in der deutschen Zeitschrift DER SPlEGEL festgestellt hat, eine monotheistische Lehre. Wie das Judentum ist auch der Islam universalistisch und global konzipiert.
Zur Zeit befinden sich die Leute beider Lehren in einer nationalistischen Phase. Der Islam als Folge des Zionismus, und dieser als Folge des Nationalismus Europas. Beide also nur reaktiv. Auf Dauer könnten sich deshalb die alten nichtnationalistischen Lehren in aller Reinheit durchsetzen. Das ist Anlaß zur Hoffnung! Die Verpuppungen jedoch halten an. Solches bewirkt die Übermacht des Westens. Selbst die Organisationen außerhalb der nationalistischen PLO wie Hamas, Islamischer Jihad usw. sind auf die nationalistische Betrachtung der Situation im Nahen Osten fixiert. Wer ist als erster imstande, gemäß dem Willen des Gesetzgebers vom Berg Sinai und vom Berg Hira, global zu denken und zu handeln?
Es sollte das Schreiben Rabbi Frumans an den Rahbar Khamenei die Araber so provozieren, daß sie der panjüdischen Ideologie schleunigst die panislamische Ideologie entgegensetzen, wenn sie nicht abermals auf der Strecke bleiben wollen.
Einem Muslim ist es untersagt, nativistisch und bloß regionalistisch zu denken. Er muß global denken, sonst würde er nicht islamisch denken. Das von Arafat in nativistischer Weise in Taba vorgeschlagene Projekt muß islamisch modifiziert werden! Das bedeutet:
Je ein unabhängiger und lebensfähiger jüdischer und palästinensischer Staat im Nahen Osten mit der gemeinsamen Hauptstadt Jerushalayim/El-Quds in einer gründlich befriedeten Föderation.
Jedoch konnte das Flüchtlingproblem in Taba nicht gelöst werden, weil die jetzt drei Millionen Palästinenser nicht in ihre alten Wohngebiete von vor 1947/48 zurückkehren können, weil dadurch die Demografie im jüdischen Staatsteil auf den Kopf gestellt werden würde.
Dennoch ist es nicht hinnehmbar, daß diese bedauernswerten Menschen weiterhin in den elenden Ghetti bleiben sollen, zumal dadurch gerade der Automatismus der Rekrutierung von Selbstmordattentätern unterstützt wird.
Der Panislamismus kann eine bessere Lösung dieses Flüchtlingsproblems vorschlagen: Statt einer arabischen Rückkehr in die Gebiete Palästinas von vor 1947/48 sieht der Panislamismus, daß die Außengrenzen des Darul-Islam an vielen Stellen vom alten und neuen Heidentum und vom Christentum unterminiert werden.
Die Umlenkung der lagerisierten Palästinenser, mit ihrer freiwilligen Zustimmung und mit der Hilfe der ganzen bedrohten Menschheit in den attackierten Südsudan würde einen enormen Preis kosten. Dieser aber wäre geringer als die bisherigen und künftigen Kosten des permanenten zionistisch-palästinensischen Krieges. Wer dafür heute zahlt und dafür in Zukunft ebenfalls den Preis zu erlegen hat, muß für diese Migration zahlen: Die judenmordenden Europäer wie die US-Amerikaner wie die antisemitischen Russen wie die arabischen Erdölstaaten, deren Reichtum eigentlich allen Muslimen zustünde und der im Falle eines größeren Krieges ohnehin zusammenschrumpfen würde auf ein Häuflein.
Der Zionismus war die intendierte jüdische Befreiung von den Mördereien des christlichen Antisemitismus. Der "Befreiungsislam" (Avram Kokhaviv) ist der legitime Sohn, gleich dem Islam, des mosaischen Judentums, wie es uns in Exodus vorgestellt wird. Gegen diese Logik des gemeinsemitischen Denkens ist kein Einwand möglich, weil sie der Grundgedanke des Einen Gottes ist.
kuckuck NETWORK
A.
Adressen zur Thematik. Rabh Menachem Frumans Gespräche mit Repräsentanten von Hamas und anderen orthodoxen muslimischen Organisationen.
- www.womeningreen.org
- www.hadassah.org
- www.mideastdiplomacy.org
- www.ariga.com
- www.washingtoninstitute.org
- www.centrodionysia.org
- www.mideastfacts.com
- www.sfjff.org
B.
*Henryk M. Broder, Die Irren von Zion, Hoffmann und Campe, Hamburg 1998. Kapitel: Sein oder Nichtsein. Die Logik hinter dem Wahnsinn
Ein Vergleich der Broder-Thesen mit entschieden antijüdischen Schriften aus der nationalen und revisionistischen Szene bietet sich an.
Ein Beispiel:
- http://globalfire.tv/nj/d2000/juden/mental-d.htm [ext.]
- http://www.jewish-europe.net/austria/illustrierte/artikel/broder.htm [ext.]