1999-12-31
Die christen- und judenfreundlichen Aspekte im Islam
Ein Kommentar
Vor wenigen Wochen, in der Ausgabe vom 15.8.99, veröffentlichte der deutsche Muslim Botschafter a.D. Dr. Murad W. Hofmann in der FAZ einen Artikel, in dem er die christen- und judenfreundlichen Aspekte des Islam anhand des Koran und der Sunna darstellte. Die vielen, gleichfalls veröffentlichten Zuschriften der FAZ-Leser könnten ihn erstaunt haben, welche ihn auf christenfeindliche Vorkommnisse in muslimischen Ländern hinwiesen. Hofmann hatte die idealtypischen Aspekte des Islam dargestellt, während seine Leser die phänotypischen, wenngleich einseitig und übertrieben dargestellten Tatsachen im Auge haben. Beide Seiten hatten jedoch leider zwei an sich offen zutage liegende, jedoch obstinat übersehene Entwicklungen der letzten fünf Jahrhunderte nicht wahrgenommen, nämlich
1.) daß die calvinistische Reformation und in ihrer Folge auch die protestantischen Christentümer, schließlich auch die römisch-katholische Kirche, das Christentum zum Mutterboden und Helfer des westlich-"kapitalistischen" Weltzustandes haben werden lassen und
2.) daß sich etwa zur Zeit der Reformation die von Christen getragene Umschiffung des Erdballes und d.h. die beabsichtigte Zernierung und Penetrierung des Dar-ul-Islam - die Absicht wird deutlich anhand der wissenschaftlichen Schriften des Venetianers Sanudo für eine weitere christliche Eroberung von Jerusalem - stattgefunden hat.
Diese beiden welthistorischen Tatsachen haben bis heute andauernde Folgen gezeitigt, nämlich
1.) die Freisetzung und Entfaltung einer Naturwissenschaft, die, wenn auch eher schlecht als richtig, ohne den "Faktor Gott" die Phänomene erklärt und deren im eigentlichen Sinn gottlose Methode heute selbst die Anthropologie, die Sozialpolitik und die Ethik bestimmt, sowie
2.) die Entstehung sowie den Bestand einer Weltökonomie, die neben ökologischen auch soziale, demografisch akzelerierte Probleme hervorruft, welche verzweifelte Aufstände großer Teile der Menschheit provozieren muß.
Relativ früh, freilich ohne globalpolitischen und philosophischen Überblick, ist in Britisch-Indien dagegen die "Naqshbandi-Reaktion" (A. Schimmel, Mystische Dimensionen des Islam, Köln 1985) aufgetreten; später wurde im britisch beherrschten Ägypten die Muslim-Bruderschaft gegründet, deren Filialen heute, auch infolge des afghanischen Widerstandes gegen den sowjetrussischen Kolonialismus, weltweit tätig sind.
Dr. Hofmann tat gut daran, die Prinzipien des Islam darzustellen. Auch die ihm widersprechenden Leserbriefschreiber täten gut daran, zu erkennen, daß der Islam als göttlich autorisierte Lehre (din) zur Befreiung der Menschheit versuchen muß, die seit Calvin und V. da Gama geschaffenen Folgen welthistorischer Tatsachen zurechtzurücken, so daß die menschgemachten Störungen des Plans Gottes korrigiert werden.
Solange das offizielle Christentum eine legitimierende Instanz für den global gewordenen "Turbokapitalismus" bleibt, muß der Islam seine Rolle als monotheistische Befreiungs-"Theologie" wahrnehmen. Denn zu seinen koranisch-sunnitischen Prinzipien (die Schia erkennt ebenfalls die Sunna des Propheten an!) gehört seit je nicht nur die schützende Tolerierung der gläubigen Christen und Juden, sondern auch der Kampf gegen pagane Abgöttereien.
Dies festzustellen, ist in Deutschland undiplomatisch und unbequem, kann aber vor Fehleinschätzungen und deren Folgen bewahren. Eine ganz andere und hier nicht zu erörternde Frage ist, auf welche Weise die geschilderte Problematik angegangen werden soll.