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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Erschienen in dem Buch:
Yael Kokhaviv, Pädagogische Gedanken und Erzählungen
Die Weiße Reihe. Berlin: kokhaviv press, 2000.

Yael Kokhaviv

Die Kartenspielerinnen

Erste Episode

Schlanke goldberingte Finger legen mit flinken Bewegungen die beiden Stapel Karten so schräg zueinander, daß die gegenüberliegenden Ecken sich leicht berühren und durch das Blättern mit den Daumen, gleich einem Daumenkino, zu einer neuen Ordnung zusammengeschoben werden. Dies sind die Hände einer alten Dame von 105 Jahren, die sich regelmäßig mit ihrer fünfundachtzigjährigen Tochter zu einem Kartenabend trifft. Hin und wieder huscht ein verschmitztes Lächeln über das eine oder andere Gesicht, wenn die Gegenspielerin wieder einmal erbarmungslos geschlagen wurde. Sie sind harte Spielerinnen. Sie kennen keine Kompromisse, und je älter sie sind, desto skrupelloser werden sie. Vor jedem Match stoßen sie mit Sekt auf ein gutes Gelingen an. Sie dürfen nicht gestört werden, an diesem Abend haben selbst die vielgeliebten Enkel und Urenkel keinen Zutritt. Telefone werden abgestellt. Nur im Hintergrund vernimmt man schwungvolle Musik aus den Sechzigern. Während die Ältere wie eine Zockerin mischt, hält die Jüngere den Stapel Karten etwas ungeschickt (man sollte sie aber nicht unterschätzen) in der einen Hand, um sie mit der anderen in eine andere Reihenfolge zu heben und wieder zusammengleiten zu lassen. So kann man auch mischen. Überlegen lächelnd schaut die Alte auf ihre Tochter, in fünfundachtzig Jahren hat sie es nicht geschafft, ihr das profimäßige Kartenmischen beizubringen. Darüber müßte sie noch einmal nachdenken.

Heute haben sie sich besonders feingemacht. Leicht gekrümmt, sich auf einen hölzernen Krückstock stützend, geht die Jüngere auf den für diese Zwecke freigeräumten Tisch zu. Nur ein Tablett mit dem Eiskübel Sekt und zwei Sektgläsern steht bereit.

Zweite Episode

Der Packen ausgefranster Spielkarten liegt seit Tagen unberührt in einer Schublade. Mehrere Kartenabende mußten schon ausfallen. Was war geschehen? War eine der beiden Teilnehmerinnen krank, oder ließ die Freude am Spiel langsam nach? Mitnichten. Mißtrauen war die Ursache dieses Spielstreiks. Ein Pik-König hatte sich in Luft aufgelöst, er war einfach nicht mehr da. Ausgerechnet der Pik-König. Es gab keinen Ersatz. Die beiden alten Damen ließen nichts unversucht, um diese so wichtige Karte wiederzufinden. Beide krochen, jeweils mit einer Lupe bewaffnet ihre starken Augengläser unterstützend, auf allen Vieren den Boden entlang. Teppiche wurden gelüftet, Schränke gerückt, Sessel verschoben, jede erdenkliche Ritze einer Durchsuchung unterzogen. Ohne Erfolg. Das Mißtrauen wuchs. Denn jede warf der anderen vor, zumindest eine Teilschuld an diesem Verlust zu tragen, vielleicht nicht absichtlich, aber doch Schuld. Immer wieder beteuerten sie sich gegenseitig, nicht zu wissen, wo die bewußte Karte sein könnte. Die Wohnung stand langsam kopf, nichts befand sich mehr an seinem ursprünglichen Platz. Gegenstände für den täglichen Gebrauch, wie Geschirr, Kochtöpfe, Kämme oder Klobürsten waren an den ungewöhnlichsten Orten zu finden. Ein Chaos war ausgebrochen. Die sonst so feingemachten Damen sahen gar nicht mehr so fein aus. Zerzaustes Haar hing ihnen im Gesicht herum. Wundgescheuerte Knie ließen sie durch die Wohnung humpeln. Zerknitterte Blusen und Röcke umhüllten die abgemagerten Körper. Ihre Eßgewohnheiten änderten sich. Nicht einmal der Teekessel blieb an seinem Platz. Sie wurden müde. Jede saß, an ihrem harten Brotkanten kauend, in einer Ecke. "Was suchen wir überhaupt?" fragte etwas geschwächt die ältere Dame.

"I c h suche zur Zeit meine Haarbürste. Was du suchst, weiß ich nicht", war die Antwort.

"Vielleicht sollten wir mal etwas aufräumen, dann findet sich sicher alles wieder an."

"Keine schlechte Idee!"

Nach Tagen bemerkten sie einander wieder, schauten sich noch etwas mißmutig an, lächelten sich zu, glucksten vor Überraschung über das Aussehen des Gegenüber bis sie in ein lautes nicht mehr enden wollendes Gelächter fielen.

Dritte Episode

Alles fand wieder seinen gewohnten Platz, nur die verlorengegangene Spielkarte war nicht aufzufinden. Die beiden Damen waren nicht wiederzuerkennen, so hatten sie sich herausgeputzt. Vorsichtshalber zählten sie die Karten, um etwaigen Streitigkeiten vorzubeugen. Sie spielten nun nur mit hundertundneun Karten. Zur Feier des Tages, denn sie hatten quasi ihre Wiederauferstehung erlebt, genehmigten sie sich ein köstliches Mahl, natürlich durfte das Gläschen Sekt nicht fehlen, mit dem sie auf ein gutes Gelingen anstießen. Mit geübten Handbewegungen glitten die bunten Kärtchen immer abwechselnd auf die schon ausgeteilten Häufchen, als ein pechschwarzer Rabe ein wenig die Sicht versperrte. Er setzte sich auf die Balkonbrüstung, neigte sich etwas vornüber und schaute interessiert durchs Fenster auf die überrascht blickenden Spielerinnen.

"Ein Rabe."

"Ja, pechschwarz."

"Sieh, er ist schon wieder weg."

"Du bist dran."

Sie hatten längst vergessen, daß der Pik-König fehlte. Legten ihre Karten aus, eine nehmen, eine weglegen. Sieben, acht, neun, zehn. Mit vierzig müssen sie auslegen. Anlegen, zusammenzählen. Bube, Dame, ..., As.

"So geht das nicht, der König fehlt."

"Ach ja."

"Was nun, wir können doch nicht schon wieder die ganze Wohnung umkrempeln."

Wieder flog etwas Schwarzes ans Fenster und blinzelte durch die Scheibe.

"Der Rabe!"

"Was ist mit ihm?"

"E r ist unser Pik-König!"

Vierte Episode

Der Rabe ließ sich spontan auf diesen Deal ein. Plazierte sich auf dem Tisch und signalisierte zunächst mit einem kräftigen "Krah, Krah" Zufriedenheit. Doch es war kein Kinderspiel, der Krähe die Spielregeln beizubringen, zumal er sich jedesmal, wenn er "Krähe" geschimpft wurde, beleidigt zur Seite drehte und keinen Laut von sich gab. Mit viel Einfühlungsvermögen und gutem Zureden schafften es die alten Frauen, ihn bei Laune zu halten. Er begriff dann auch ziemlich schnell, daß er immer einspringen mußte, wenn ein Pik-König gefragt war. Vor lauter Aufregung wirbelte er die ersten Male ganz schön viel Wind auf mit seinen Flügelschlägen, dadurch blieb natürlich keine Karte dort, wo man sie hingelegt hatte. Aber nach einigen Übungsspielen beherrschte er auch diese Technik, und es konnte losgehen.

"Dame, Rabe, As."

"Rabe, As, zwei, drei." oder

"Bube, Dame, Rabe."

Sie gewöhnten sich aneinander. Er war aus dieser Runde nicht mehr wegzudenken. Regelmäßig klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, um eingelassen zu werden. Unsere beiden Damen begrüßten ihn mit einem Gläschen Sekt und fütterten ihn mit Erdnußflips. Nach dem Abschied schwärmten sie von ihm:

"Hast du seine schwarzen feurigen Augen gesehen."

"Und der Schnabel, wie geschickt er die Karten auslegt."

"Sein überaus schwarzes Gefieder, es glänzt wie Seide."

"Ja, er ist schon ein schmuckes Kerlchen."

"Ach, wenn man nur ein paar Jahre jünger wäre..."

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