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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Erschienen in dem Buch:
Yael Kokhaviv, Pädagogische Gedanken und Erzählungen
Die Weiße Reihe. Berlin: kokhaviv press, 2000.

Yael Kokhaviv

Eine Liebeserklärung

Eine Menschenmenge schiebt sich in den Zug, denn: es wird nie mehr ein Zug in diesen Bahnhof einfahren. Alle müssen sich auf einmal in diesen Waggon drängeln. Nein: es existieren keine weiteren Türen, dort, wo alle hinströmen, muß einfach der bessere Platz sein. Das erlösende "Zurückbleiben, bitte" ertönt. Der Raum war noch nicht genügend ausgefüllt, das wäre nun wirklich unökonomisch. Man muß sich nicht festhalten. Gut gestützt, von allen Seiten gehalten, auf Zehenspitzen stehend, um von den Längeren noch wahrgenommen zu werden, fahren wir unserem Ziel entgegen. Scheinbar teilnahmslos schaut jeder zur Seite, um nicht dem fremden Atem seines Gegenüber ausgeliefert zu sein. Die Grenzen des privaten Abstandes sind längst überschritten, aber die nächste Haltestelle kommt bestimmt. Nun, auch ich bin schließlich ein Fahrgast unter vielen, der den anderen die Luft zum Atmen nimmt. Die Einstellung zum Nachbarn ändert sich, je länger die Fahrt dauert. Irgendwann fühlt man sich nicht mehr belästigt oder empört sich über so viel Nähe, nein, man solidarisiert sich, lächelt sich zaghaft an. Jeder spürt, daß alle in der gleichen grotesken Situation stecken.

Warum sind wir hierher gefahren, wollte ich alte Erinnerungen in mir wecken? Wollte ich sehen, ob sich etwas verändert hat? Natürlich, nach zwanzig Jahren verändert sich eine Stadt. Alte Häuser wurden abgerissen oder haben durch Sanierung ihr äußeres Erscheinungsbild verändert. Dadurch bin ich an "meinem" Haus, in dem ich fünf Jahre gelebt habe, vorbeigelaufen. Neue moderne Fenster sind eingesetzt, die Balken, die ihm einen fachwerklichen Charakter verliehen, sind übertüncht worden. Nein, das ist nicht mehr mein Zuhause! Gefühle werden keine ausgelöst, denn ein Zuhause beginnt immer erst mit den Menschen, mit denen man dort lebt, Familie, Freunde, aber auch Nachbarn. Sachlich erkläre ich meiner Tochter, wo sich wie welche Begebenheiten abgespielt haben. Ich habe keine Beziehung zu dieser Stadt, in der sich einst eine große Liebe abspielte. Sie hat sich abgespielt. Alles ist Vergangenheit, die Liebe, die Stadt als Heimat, die Erinnerung. Nichts kann zurückgeholt werden in die Gegenwart. Nichts soll zurückgeholt werden. Zuviel ist geschehen, darunter auch Vergangenes, Vergessenes. Die Lehren sind uns geblieben, sie machen uns reifer, manchmal klüger und damit auch einsamer.

Alte verlassene Häuser stehen unbeachtet. Ich gehe an ihnen vorüber. Es fröstelt mich, wenn ich daran denke, daß niemand in ihnen wohnt, kein Leben, kein Lachen, kein Weinen. Sie bergen Geheimnisse: Abgerissene Tapeten, die irgendwann irgendwo jemand ausgesucht und an die Wand gekleistert hat. Knarrende Dielen, die Kindergetapse, energische Schritte oder kräftiges Auftreten des Familienoberhauptes zu spüren bekamen. Wärmespendende Kachelöfen, die für Gemütlichkeit sorgten. Eine längst veraltete Küche, in der die Hausfrau auf einer mit Briketts geheizten Kochmaschine das Essen zubereitete. Mit Stuck verzierte Zimmerdecken, verschnörkelte Türklinken und morsche Rahmen, abblätternde Farbsplitter, die ihren Platz auf dem Fenstersims fanden. Auf den vergilbten Türen liegt noch ein zarter Hauch von Aschestaub. Der in der Ofenluke steckende verbeulte Metallkasten wartet vergeblich auf durch das Gitter fallende Funken. Wahrscheinlich wird er nie mehr diese Wärme spüren, umhüllt von den schützenden Kacheln. Niemand wird die heruntergerieselte Asche ausleeren. Er hat keine Bestimmung mehr. Der Aschekasten nicht. Und der Ofen auch nicht. Sie werden bald kommen und ihn abtragen. Vielleicht in eine moderne Villa, dessen Besitzer nostalgischen Träumen nachhängt. Das Haus ist zerfallen und mit ihm all seine Hoffnungen. Was spielte sich hier ab. Liebe. Haß. Warum zerbrach dieses Haus, diese Häuslichkeit? Tiefe leidenschaftliche Liebe, sie mußte zerbrechen. Ein scheinbar unbedeutender Umstand ließ dieses Leben aus allen Fugen geraten.

Mein Seelenfrieden wird gestört durch räumliche Veränderungen, verstehst du, das Gleichgewicht wieder in die richtige Bahn zu lenken?

Mein Gleichgewicht wird wieder hergestellt nicht nur durch räumliche Harmonie, doch sie wirkt auf mein Inneres, ich bin bereit für innere Harmonie.

Hätte ich ihn wirklich umgebracht, wie ich es träumte... Mit verhaltenen Faustschlägen traktierte ich ihn, wachte schweißgebadet auf, in ein grinsendes Gesicht blickend. Er lag auf der Straße und ich kauerte über ihm, immer wieder mit dem Messer zustechend. Und ich blicke in ein grinsendes Gesicht... Einem Scherbenhaufen gleich liegt das Vertrauen vor meinen Füßen. Jede Scherbe war ein Glücksmoment. Waren diese Momente Realität? Zusammengefügt ergeben sie nur ein vernarbtes Gebilde. Jeder verfugte Riß birgt Erinnerungen. Setze ich einen zerbrochenen Krug zusammen, so ist Vorsicht geboten, man kann ihn nur noch anschauen, aber nicht mehr benutzen. Rühr ihn nicht an! Er könnte dir aus den Händen gleiten. Picasso hat Scherben zum Leben erweckt. Das wäre eine Chance gewesen. Wir haben sie verpaßt.

Ich ging meinen alltäglichen Arbeiten nach. Ein niedriger enger, sehr sauberer Hausflur, nur eine zweiundachtzigjährige Dame und wir, eine kleine Familie bewohnten dieses Haus. Ein Fremder? Ich hatte doch die Tür abgeschlossen, oder? Veränderungen, Mißtrauen, Tränen. Ein Druck in der Magengrube hinauf zur Kehle ließ die Tränen strömen; kein Haß, sondern Schmerz in allen Gliedern. Mein Kind wuchs in mir.

Nie zuvor hielt er einen Pinsel in der Hand und malte über Tapetenrollen, die wir in der kleinen Küche an die Wand geheftet hatten. Die Ölfarbe erstanden wir mit mühsam zusammengekratzten Groschen unseres Haushaltsgeldes. Er träumte von Schlangen, weil ihm die Glieder eingeschlafen waren, und er malte mysteriöse Ruinen. Kurzlebige Regentropfen rollten die Scheiben herunter, um vom Fenstersims ins Nichts zu zerfallen. Ich dachte an mein ungeborenes Kind und malte kleine Entenkinder.

Ich bog in die mir unbekannte Straße und ging zielstrebig auf das Haus zu. Am Straßenrand hielt ein großer Wagen mit abgedunkelten Fenstern. Das Ehepaar stieg aus. Diesmal vermied ich es, ihm die Hand zu reichen. Mit offenem Blick und herzlichen Worten begrüßte er mich, während wir Frauen uns die Hand gaben. Sie geleiteten mich ins Haus, eine zweistöckige moderne Villa. Das Treppenhaus war mit überdimensionalen Spiegeln getäfelt, eine breite Treppe aus marmorähnlichem Gestein führte in die erste Etage. Die Haushälterin öffnete die Tür und hielt sanft die Kinder zurück, die ihre Eltern sehnsüchtig erwarteten. Ein fast Dreijähriger mit wunderschönen blonden Locken und das kleine anderthalbjährige Mädchen etwas ängstlich dreinblickend, denn sie kannte mich noch nicht. Das geräumige Wohnzimmer, möbliert mit hohen Bücherregalen, deren Inhalt sich offensichtlich ausschließlich mit talmudischen bzw. toranischen Themen befaßte, beherrschte die Wohnung. Wir setzten uns an einen Eßtisch, auf dem schon die Tassen bereitgestellt waren, denn ich war zum Tee geladen. Eine angenehme Atmospäre umgab mich, ja, fast eine heimische. Die Kinder hielten noch Abstand. Hin und wieder huschte versehentlich ein Lächeln über ihre Gesichter.

Mir fiel wieder diese Geschichte ein. Ich spürte den Ring an meinem Finger. Aus Berlin hatte ich einen Brief an dieses Antiquariat geschrieben, mit der Bitte, man möge mir, wenn vorrätig, jenes Exemplar beiseite legen, denn im Mai käme ich wieder nach Prag. Ich erklärte, wer ich sei, nein, er erkannte mich und sprach mich an. Röte stieg mir ins Gesicht. Er bedauerte aber, das gesuchte Buch von Wassermann könne er nicht mehr bekommen, irgendwie sei es vergriffen. Er sprach über Kafka, Prag und Literatur. Und ich beobachtete und fühlte beinahe die Bewegungen seiner Lippen, der Inhalt des Gesprochenen erreichte nur meine Ohren, nicht aber meinen Verstand. Mit grauer Künstlermähne und für meinen Geschmack viel zu dünn stand er vor mir und erklärte, er werde den Laden schließen, er habe für den heutigen Tag genug Einnahmen gehabt. Im gegenüberliegenden Kafka-Café tranken wir einen Kaffee. Ich lauschte seinen Ausführungen, als er mich plötzlich zu einer Stadtbesichtigung einlud. Ich wehrte ab, ich wollte ihm nicht die Zeit stehlen. Aber ihm bereite es Vergnügen... Und mir auch...

Wir spazieren entlang der Moldau, genießen den Duft und die Atmosphäre dieser Stadt. Die Menschen gehen gemächlich ihren Weg ohne Hektik. Eine gewisse Zufriedenheit umgibt sie. Bettler sitzen am Straßenrand, zerlumpt, mit zerzaustem Bart und filzigen Haaren. Auf Tschechisch bedanken sie sich für die paar Kronen, die nur Wenige für sie übrig haben. Langsamen Schrittes bummeln wir über die Karlsbrücke und lassen uns von dem faszinierenden Ausblick der Wirklichkeit entreißen. Gegen das Sonnenlicht wirken die Figuren wie verschleierte Ordensfrauen. Händler bieten Stiche, Radierungen, Ölbilder und Aquarelle an. Motive von den kleinen verwinkelten Gassen, von Türmen und Brücken werden bevorzugt. Die Prager Maler scheinen sich darin zu perfektionieren. Die Treppen zum Hradschin sind zügig erklommen. Soldaten bewachen die Burg. Es ist fast 19 Uhr , der Veitsdom gewährt nur noch einem Reinigungstrupp Einlaß, auch die anderen Gebäude sind schon geschlossen, vereinzelte Fußgänger und die Wachablösung begegnen uns. Fünf oder sechs Soldaten laufen im Gänsemarsch dicht hintereinander, sich bald in die Hacken tretend. In einem schummerigen Restaurant, es ist nur über eine krummgetretene Kellertreppe zu erreichen, können wir endlich unsere müden Füße ausstrecken und unsere leeren Mägen beruhigen. Kellner mit weißen Hemden und schwarzer Weste bedienen uns zuvorkommend. Ein Öllämpchen wird entzündet.

Der Boden unter meinen Füßen beginnt zu schwanken, alles dreht sich im Kreis, mit weitaufgerissenen Augen versuche ich, mein Gegenüber zu erkennen, bis die Umgebung unter einem schwarzen Schleier verschwindet und der Körper willenlos in sich zusammenfällt. Kreislaufkollaps oder Flucht? Eine Veränderung kündigt sich an, aber der Ring an meinem Finger sitzt zu fest.

Gestärkt ziehen wir durch das jüdische Viertel, den Bezirk Josefov. Die Grabsteine auf dem alten Friedhof sind durch Seile abgesperrt. Touristen und Schülergruppen aus England, Japan, Israel und Deutschland bewegen sich schleppend durch die vorgeschriebenen Wege. Vor der Altneuschul ist ein großer Andrang, die Kartenabreißerin, welche gleichzeitig auch durch die Pinkas- und die Maiselsynagoge führt, benötigt viel Geduld und viel Stimme, um all die Menschen unter ihre Fittiche zu bekommen. Das Jüdische Viertel hat sich vollkommen dem Tourismus geöffnet. Wo bleibt die Würde der Toten? Andererseits ist es alles all zu menschlich, wenn sich ein junger Security mit Bakschisch zu schnellerem Einlaß überreden läßt. Die Ausstellung in der Ceremonien Halle zeigt Bilder von 8-12jährigen Kindern aus Theresienstadt. Das beeindruckende sind die überwiegend optimistischen, mit Leben erfüllten Motive wie Karussells, Wiesen mit Blumen, Drachensteigen, Schiffe auf dem Meer und Ansichten aus einem Theaterstück. Synagogale Klänge untermalen den Gang durch die Pinkassynagoge. Die Wände sind ausschließlich mit Namen all der tschechischen Juden , die in den KZ's umgekommen sind, beschriftet. Die deutschen Familiennamen riefen in mir oft ein Gefühl der Demütigung hervor, bei gleichzeitiger Wut auf die boshaften Namensgeber. Christen hatten offenbar ihre Freude daran, die Juden auf diese oder jene Art zu zeichnen.

Mit dem Blick auf die Astronomische Uhr am Altstädter Ring - auf die Todestrommel des Skeletts müssen wir aus Krankheits- oder Reparaturgründen verzichten - umgibt uns ein lebendiges Treiben von Touristen. Touristen aus aller Herren Ländern fotografieren sich und die historischen Gebäude aus fast jeder möglichen und unmöglichen Perspektive. Hier wartet eine Gruppe mit einem aufgespannten Regenschirm, dort eine mit einer hochgehaltenen Alditüte, warum auch nicht. Nur die Straßenfegerinnen scheinen noch vom Sozialismus übriggeblieben zu sein.

Ein bequemer Fensterplatz, blauer Himmel, es verspricht eine angenehme Heimfahrt zu werden. Der Abschied fiel mir nicht leicht, lasse ich wieder jemanden zurück? Stimmengewirr. Eine kartenspielende Herrengruppe, ca. zwanzig Personen oder weniger im Alter zwischen 45 und 70 Jahren, vielleicht Vereins- oder Gewerkschaftsmitglieder , beherrscht den Lärmpegel. Sie fahren nur bis Dresden. Die erhoffte Ruhe bleibt aus. Vier schwatzende Amerikanerinnen steigen ein und breiten ihren Proviant auf den Klapptischen aus, ein vielseitiges Angebot. Käsedüfte durchziehen den Waggon. Die Gespräche sind nur noch als Gemurmel vernehmbar. Ich ziehe mich mit meinen Gedanken zurück und vergesse die Umgebung, das gleichmäßige Rattern des Zuges macht es mir leicht. Mit dem Daumen und dem Mittelfinger der linken Hand ertaste ich den am Ringfinger der rechten Hand befindlichen Ring. Für diese Zeit waren wir für einander bestimmt.

Der Gang zum Anwalt war längst überfällig. Lange genug hatte ich mit mir gerungen und immer wieder neue Ausreden vorgeschoben. Die Adresse suchte ich mir aus dem Telefonbuch heraus, niemals vorher hatte ich etwas mit einem Anwalt zu tun. Mehrere Stufen, wie es Altberliner Häusern eigen ist, führten zum mit Eisenrosetten verzierten Eingang. Ich hatte einen Termin. Nun gab es kein Zurück mehr. Ich stieg die teppichüberzogenen Treppen hinauf und las das Schild: Dr. E., Anwalt für Ehe- und Familienrecht. Nur mit vorheriger Terminabsprache. Mein Herz schlug so laut, ich hätte den Klingelknopf nicht drücken müssen. Aber ich tat es dennoch. Eine Frau um die Fünfzig gewährte mir Einlaß.

"Nehmen Sie doch bitte einen Moment im Wartezimmer Platz."

"Danke!"

Das Wartezimmer beherbergte nur mich, eine völlig verunsicherte junge Frau. Ich fühlte die Spannung in mir steigen. Mein Atem ging immer schneller. Ich setzte mich auf einen Korbstuhl an einem kleinen runden Tisch, auf dem die nicht mehr so aktuellen Zeitschriften der Regenbogenpresse lagerten. Die ausgeblätterten, mit Eselsohren markierten Hefte verrieten, daß sie schon mit unzähligen nervösen Händen in Berührung gekommen waren. Die Wände des Raumes waren spärlich bebildert, nur ein Gemälde von Chagall, auf dem die Braut mit dem Bräutigam in friedlicher Umarmung über den Häusern schwebt, ließ alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Diente es der Familienzusammenführung, als letzter Versuch? Aber ein Anwalt muß schließlich auch seine Miete bezahlen. Ich hörte Schritte auf den knarrenden Dielen, Türen wurden geöffnet, um gleich wieder geschlossen zu werden. Stimmen wurden lauter, um gleich wieder zu verstummen. Die Frau, die mich eingelassen hatte, erschien, lächelte freundlich und verschwand sogleich. Stille. Jetzt quietschte eine andere Tür, offensichtlich wurde ein Klient verabschiedet, Männerschritte, Männerstimmen. Immer wieder Türenquietschen, Dielenknarren. Ruhe ist eingekehrt.

"Frau B. , bitte!"

Frau B., das bin ich, ich soll eintreten. Meine Handtasche umklammernd, eine dumme Angewohnheit, begebe ich mich in das Büro des mir unbekannten Anwalts.

"Setzen Sie sich doch bitte!"

"Danke!"

"Ich werde mich gleich Ihren Problemen widmen."

"Ja, danke."

Ich schlug den Mantelkragen weit über die Ohren, ich konnte nicht sagen, ob es mich von der Witterung her oder von der Tatsache, daß ich diese Entscheidung getroffen hatte fröstelte. Menschen gingen an mir vorbei, die ich nur schemenhaft wahrnahm. Wie von Nebel umhüllt, nicht dieser Welt zugehörig, völlig eins mit meinen Gedanken, eilte ich durch die Straßen. Der schwerste Moment meines Lebens sollte noch kommen. In einem kleinen Cafè fand ich, wenigstens für einige Minuten, etwas Ruhe.

"Was möchten Sie, bitte?"

"Was?"

"Na, was Sie bestellen wollen?"

"Ach so, ja. Ich äh... Ich überlege noch."

"Bitte!" kam es schon etwas unbeherrscht aus dem knallrot geschminkten Mund. Sie bediente zunächst einen Gast am Nebentisch und stellte sich dann fordernd neben mich.

"Bringen Sie mir einen Kaffee", sagte ich, in der Hoffnung, sie schnell wieder loszuwerden.

"Mit Milch?"

"Nein, ohne!"

"Mit Zucker?"

"Bringen sie mir einfach einen schwarzen Kaffee!" reagierte ich ziemlich ungehalten.

"Sie wollen also auch keinen Kuchen." Sie konnte darauf keine Antwort erwarten. Ich starrte derweil auf einen Zuckerkrümel.

"Ich wußte gar nicht, daß du hier in der Straße etwas zu tun hast?!"

"Ja..., aber..., was machst du denn hier?!"

"Das muß ich dich doch eher fragen!"

Der Gast am Nebentisch war genau derjenige, dem ich nun gerade nicht schon jetzt begegnen wollte. Er wechselte zu meinem Tisch herüber, stellte seine Tasse auf die leichtverschmierte Glasplatte und zündete sich ein Zigarillo an. Er lächelte und zog genüßlich an seinem Glimmstengel. Früher rauchte er Pfeife. Aber er gab es auf, weil Zigarillos einfacher zu handhaben sind. Ich liebte den Pfeifentabak, aber ich bin eine der wenigen Frauen, die auch Zigarrenqualm als angenehm empfinden. War es ein Zufall, daß wir uns hier trafen. Seine Nasenflügel bebten, mit zusammengekniffenen Augen musterte er mich. Sein leicht geschwungener Mund wurde von einem rötlichschimmernden Vollbart umrahmt, während die braunen Augen meist gutmütig sein Gegenüber betrachteten. Er war ein großer kräftiger Mann, dessen etwas grobe (aber sehr feinfühlige) Hände auf schwere körperliche Arbeit schließen ließen. Dieser Mann war mein Mann. Verlegen versuchte ich über Alltägliches zu sprechen, über die Kinder, über seine Arbeit, nur um vom wirklichen Problem abzulenken. Er lächelte nun gar nicht mehr. Wußte er, woher ich gerade kam? Spionierte er mir nach? Ich wollte einen günstigen Zeitpunkt abwarten und genau alles überdenken, bevor ich mit der Wahrheit herausrückte, aber er überraschte mich in diesem Cafè. Der Hals war wie zugeschnürt, im Kopf hämmerte es. Jetzt oder nie! War ich mir denn meiner Entscheidung nicht sicher, warum zögerte ich jetzt.

Der Ring! Einst gab er mir Sicherheit. Nun engte er mich ein.

Wir verließen das Cafè. Er griff nach meiner Hand, und ich ließ es zu. Er stellte keine Fragen, aus Angst, es könnte zu einer Aussprache und damit zu einer Entscheidung kommen. Aber die Ungewißheit nagte an ihm und äußerte sich in Eifersucht. Die nächsten Tage waren unerträglich, immer wieder musterte er mich forschend, ob ich nicht doch mit der Sprache herauskäme. Ahnte er wirklich nichts? Ein Brief vom Anwalt änderte abrupt die Situation. Damit hatte er nicht gerechnet. Er fühlte sich verletzt, bis in die letzten Fasern seiner Seele, was sich in einem mürrischen Gesichtsausdruck und einer leicht gebeugten Haltung äußerte. Aber er sprach noch immer nicht. Niemals wollte er über unsere Zukunft sprechen, Probleme gab es für ihn nicht, denn er spülte sie hinunter. Und genau das war der Punkt, an dem ich nicht mehr weiter konnte und wollte.

Jean war der Maler, der Feinfühlige, Begeisterungsfähige. Ihm gab ich das Versprechen, ...bis daß der Tod uns scheidet, und habe es nie gebrochen. Sein Ring ist mir niemals zu eng geworden. Sanft umschloß er meinen Ringfinger. Liebe und Vertrauen sind hineinziseliert worden. Er zeigte, wir gehören zusammen, die Welt gehört uns, voller Energie wollen wir sie durchschreiten.

So elegant wie ein Geigenspieler spielt, bestrich Jean das Brot mit Butter. Nur Jean würzte die Speisen so schmackhaft oder aß und trank mit soviel Appetit. Er rauchte nicht nur seine Zigarillos oder Pfeife, er zelebrierte deren Genuß. Ein Genießer durch und durch... Nicht selten zauberte er Blumen auf den Tisch oder bereitete das Frühstück, bevor ich überhaupt ein Auge auftat. Licht. Helligkeit. Die schönste Seite unseres bescheidenen Lebens. Mit ihm zusammen beschrieb ich mich als den glücklichsten Menschen. Jean war Traum und Wirklichkeit, war Dichtung und Wahrheit. Gibt es nur eine Wahrheit? Kommt es nicht auf den Standort des Betrachters an? Ich bin wahr, wie mich meine Familie kennt, aber auch wahr, wie mich Kollegen w a h rnehmen. Jeder kennt nur einen Teil meines Lebens. Aber zusammengefügt ergibt es das Gesamtbild, und das ist wahr.

Eine Verwandlung fand statt, aus Jean wurde Jan. Er benötigte kein Kostüm, keinen falschen Pass. Er zeigte seine andere Seite, und auch die ist wahr. Er wurde mürrisch und launisch, mißtrauisch und fast krankhaft eifersüchtig auf Alles und Jeden. Der geschliffene Diamant wurde wieder zu einem einfachen Edelstein. Äußere Einflüsse sorgten für Kratzer, während von innen her die Bereitschaft vorlag, alles Zerstörerische in sich aufzusaugen wie ein trockenes Semmelbrötchen. Andererseits legte er sich einen undurchdringlichen Panzer zu, an dem alles, was mit Harmonie zu tun hatte, abprallte. Aus der positiven Ausstrahlung wurde eine negative, die von nun an unser Leben beherrschte. Einen Panzer legt man sich an, wenn man Angst vor Verletzungen hat, wer wollte ihn verletzen, oder besser, wer, meinte er, wolle ihn verletzen? Einen Panzer legt man sich aber auch an, um nicht von dem getroffen zu werden, den man zuvor gekränkt hat. Sein Humor verwandelte sich in schärfsten Zynismus.

Er wurde eine Art Götzenanbeter. Unzählige Flaschengeister berieten ihn in jeder Lebenslage. An den unmöglichsten Ecken wurden die in verschiedenen Farben, Formen und Größen vorhandenen Gehäuse seiner Gefährten verstaut. Außer ihm hat allerdings nie jemand diese Geister zu Gesicht bekommen, man fand immer nur die leeren, verlassenen Glasbehälter. Zu dem Ritual gehörte eine kaum beschreibbare Ordnungswut. Der Keller, die Kammer oder der Boden waren dafür offenbar besonders geeignet. In regelmäßigen Abständen wurden diese Räumlichkeiten ausgeräumt, Kisten, Werkzeuge, Kohlen und altes Spielzeug stapelten sich dann vor der Tür. Zunächst begann alles sehr chaotisch, aber nach stundenlangem Räumen, Umstellen, Verstauen, Sortieren und wieder Verstauen schien er eine gewisse Zufriedenheit erlangt zu haben. Daß zu seinem Seelenheil nicht nur die Zigarre, sondern auch die vielen kleinen Flaschengeister beitrugen, war mir lange nicht bewußt, denn diese Götzen zeigten sich über Jahre nur ihm, und er fand immer einen Vorwand, mich aus diesen doch so schmutzigen, mit Kohlestaub verdreckten Räumen herauszuhalten. Ich muß sagen, es war mir ganz recht.

Seine Geister hatten die Absicht, ihn zu zerstören, von innen her, seine Seele, seinen Körper, alles, was ihm lieb war. Er wurde abtrünnig, er verriet alles, was ihm heilig war. Sie durchzogen sein Leben wie ein roter Faden, nichts ging mehr ohne sie. Heute nicht und gestern auch nicht. Aber es durfte keiner wissen. Jeder Gang wurde bis ins kleinste Detail ausgeklügelt, damit das Nützliche mit dem Verheimlichten in Einklang gebracht werden konnte. Einkäufe oder andere Erledigungen wurden verbunden mit einem Treffen eines seiner Djinns. Erst nach längeren Verhandlungen ließen sie ihn völlig verändert ziehen, aber nur unter der Bedingung einer baldigen Verabredung, die natürlich immer eingehalten wurde, weil diese Dämonen eine gewisse Anziehungskraft ausübten, aus der man selten herausfindet.

"Zeig mir deinen Djinn, ich will ihn kennenlernen. Du mußt ihn nicht heimlich treffen."

"Ich muß ihn gar nicht treffen, wenn ich nicht will."

"Und warum triffst du ihn ständig und läßt dich beeinflussen, hat er solche Macht über dich?"

"Ich beweise dir, daß ich es ohne ihn schaffe."

Und wahrhaftig, er schaffte es, er bewies sich und mir, daß er es schaffte... ein halbes Jahr.

Die Dämonen waren stärker. Ansonsten wurde er sehr wortkarg, bis er gar nicht mehr sprach. Er war nur noch physisch anwesend und lebte in seiner eigenen Welt, in der Welt der Geister und Dämonen. Was trieb ihn zu ihnen, was vermißte er und bekam es nur bei ihnen? Trieb ich ihn in deren Arme? Die Schmerzen im Kopf ließen nicht nach. Sie zertrümmerten auch meine Seele. Wo gehörte ich hin. Gehörten wir noch zusammen. Es gab keinen Anknüpfungspunkt. War unsere Liebe nicht stark oder ehrlich genug, um auch diese Krise zu überstehen.

Zu tief saßen wir gemeinsam in diesem Schlamassel, als daß einer noch vernünftig denken konnte. Der einzige Ausweg war, Abstand zu gewinnen, um erkennen zu können, wann diese ganze Misere begann. Wann hatten wir uns verloren? Seit wann lebten wir nur nebeneinander her? Kannten wir uns überhaupt? Fragen über Fragen, die meinen Kopf zermarterten. Auch ich fand eine Nische, in die ich mich zurückzog. Tagelang war ich nicht ansprechbar, das Puckern in der Stirn ließ mich nach innen horchen und mich nur noch darum kümmern. Was außerhalb passierte interessierte mich nicht. Die Beschäftigung mit dem Schmerz wurde beinahe zu einem Lebensinhalt. Abgedunkelte Fenster, kühle oder unerträglich heiße Kompressen, unzählige Tabletten, das konnte doch nicht alles gewesen sein. Wenn wir schon geistig voneinander getrennt waren, sollte uns nichts von einer räumlichen Trennung abhalten.

Tapfer die Tränen unterdrückend, standen wir uns plötzlich so nah wie lange nicht mehr. Er war Jean. Wir schauten einander in die Augen, wir berührten uns. Der Moment der Trennung zeigte, wir gehören zusammen.

Jeder Gegenstand, jedes Lebewesen auf Erden hat seine Bestimmung. Aber gibt es eine Bestimmung auf Zeit, ein vorübergehendes Abbiegen aufs Nebengleis? Auch der Strom verweilt nicht nur in seinem vorgegebenen Flußbett. Kleine Abzweigungen bahnen sich ihren Weg durch die Landschaft, um sich manchmal an anderer Stelle wieder dem Hauptstrom anzuschließen.

Sie packte ihre Koffer. Nichts vergessen, es wird eine lange Reise. In sommerlicher Kleidung durchschritt sie die Flughafengänge, beflügelt durch die anerkennenden Blicke passierte sie zufrieden mit sich und der Welt die Kontrolle. Niemals vorher tat sie allein eine Reise. Einige rieten ihr ab, andere bedrängten sie geradezu, diesen Schritt zu tun. Man könnte meinen, sie sei eine andere, so selbstsicher, wie sie mit der Stewardess oder dem Sitznachbarn sprach. Sie hatte einen Fensterplatz, in dem nicht allzu voll besetzten Flugzeug.

"Hätten Sie etwas dagegen, Ihren Fensterplatz zu tauschen?" fragte die Stewardess freundlich.

"Nein, ich sitze hier ganz gut, warum?" antwortete sie ebenso freundlich.

"Die beiden Herren wollen nebeneinander sitzen."

"Dann können sie sich doch zu ihrem Kollegen setzen, da sind doch noch Plätze frei." erwiederte sie in festem Ton. Damit war das Thema erledigt, beide Herren blieben auf ihren Plätzen sitzen. Sie genoß den Ausblick.

Im Hotelzimmer breitete sie all ihre Sachen aus, ordnete sie ein in den Schrank, ins Badezimmer. Eine Abkühlung unter der Dusche tat wohl. Jetzt war sie frei. Frei, um die Stadt zu erobern. Sie kannte hier niemanden. Durchstreifte die Straßen, kaufte sich neue Schuhe, ging einen Kaffee trinken und anschließend an den nahegelegenen Strand. Barfuß stapfte sie durch den Sand, um zum Wasser zu gelangen. Sie fühlte das Leben in sich aufsteigen.

Völlig erschöpft erreichte sie das Hotel. Bestellte sich noch eine Cola und verschwand sogleich im Zimmer. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit zum Nachdenken, denn nach den Strapazen des Tages war sie darüber eingeschlafen. Viele Tage vergingen, an denen sie noch die Ruhe g e n o ß. Am vierten oder fünften Tag hielt sie schon nicht mehr ihr Programm ein, was sie sich vorgenommen hatte. Jeden zweiten Tag wollte sie eine Städtereise unternehmen. Sie schlief lange. Ließ sich das Frühstück im Zimmer servieren. Las Bücher, alle, die sie mitgenommen hatte, und spürte schon nicht mehr den Rücken. Nur das war dann der Grund, warum sie sich zu einem kleinen Spaziergang am Nachmittag aufrappelte. Lustlos trödelte sie von Geschäft zu Geschäft. Sie suchte eigentlich die Nähe von Menschen, hatte sie doch eine Woche kaum zwei Sätze mit jemandem gewechselt. Auf dem Markt oder im Café. Aber sie wußte nicht, wie. Erleichtert erreichte sie das Hotel, denn alle Leute schienen sie zu beobachten. Wußten die, daß sie allein reiste, sah man es ihr an. Sicher sah man es ihr an. Der Raum erschien ihr plötzlich sehr eng, keiner sprach mit ihr. Sie schaltete das Radio an und trällerte die ihr unbekannten Melodien. Sie tanzte nach dem Rhythmus. Sie öffnete weit das Fenster und atmete tief ein und aus. In die Ferne schauend, ein Flugzeug überflog das Gebäude, rann ihr eine Träne über die Wange . Sie fragte sich, und sie sprach laut vor sich hin, was sie hier soll, ganz allein, in diesem Hotelzimmer. Sie wartete nur noch auf die Nächte, in denen sie träumen konnte, sie zählte nur noch die Tage bis zum Heimflug. Sie fühlte sich so einsam und verlassen wie noch nie in ihrem Leben. Gierig sog sie die Geräusche vom Flur des Gebäudes und von der Straße auf. Eine Krankenwagensirene schrie auf, um in der Ferne wieder zu verebben. Jugendliche Nachtschwärmer grölten, vielleicht stritten sie. Motoren von leichten oder schweren Motorrädern. Der Wind aber trug diesen die Ohren umschmeichelnden Lärm weit, weit fort. Katzengeschrei durchstieß die Stille für Momente. Auf dem Flur trafen sich mehrere Hotelgäste, um noch in der nahegelegenen Bar einen Drink zu nehmen. Frauengeschwätz, Männergebrummel, hochhackige Schuhe, Gezischel, der Fahrstuhl verschlang sie. Stille. Tränenbäche waren die Folge. Verzweifelte Tränen, auf der Haut spürte sie die endlose Verlassenheit, der Magen krampfte sich zusammen, der Verstand verlor die Kontrolle, nur dem Gefühl konnte sie nachgehen und sich dem tiefen Selbstmitleid hingeben. Sie versank in diese hysterischen Weinkrämpfe. Erst in den frühen Morgenstunden fiel sie in einen traumlosen Schlaf.

Mittags erwachte sie, leer und geschwächt. Nicht eine Träne hätte sie noch vergießen können. Der Gang zur Dusche geschah nur mechanisch. Leichte sommerliche Kleidung betonte ihre Figur. Sie packte ihren Koffer, legte fein säuberlich die Blusen, Röcke und Hosen zusammen. Schaute sich noch einmal um, ob sie nichts vergessen hatte, und ging in den Frühstücksraum. Wahrscheinlich hat sie niemanden so richtig wahrgenommen, denn sie erwiderte schon im Fahrstuhl nicht den an sie gerichteten Gruß. Ganz still setzte sie sich an einen der für den nächsten Tag gedeckten Frühstückstische, ohne zu merken, daß die Küche längst geschlossen hatte, denn es war schon Mittag. In ihrer Apathie stand sie irgendwann auf und verließ das Hotel, ehe der Hotelmanager ihr eine Nachricht übermitteln konnte. Autos hupten, Räder quietschten, Menschen schimpften auf sie, weil sie gedankenverloren die Straßen überquerte, immer geradeaus. Noch eine Straße. Die Promenade. Die hier erstandenen Sandalen zog sie aus, lief zielstrebig über den heißen Sand, stellte dort, wo die Wellen sich zu kleinen Schaumkronen kräuseln, die Schuhe ab und lief, und lief, und lief in das Meer hinein. Sie war nicht mehr von dieser Welt, etwas in ihr war zerbrochen. Für immer.

Letzte Nacht schlief sie zu fest, so konnte ihr die Nachricht über einen bevorstehenden Besuch nicht vermittelt werden.

Des Rätsels Lösung

Zügig erklettern wir die Fassade eines vierstöckigen Wohnhauses, erklimmen das Dach, lassen uns geschickt auf der anderen Seite herunter, rennen zum nächsten Haus, klettern wieder hinauf, hinunter, und erreichen unser Schiff.

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