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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...
1966-10-00
In Athen hab ichs mir versagt, nein, in Piräus wars, eine orthodoxe Kirche zu betreten, weil draußen neben der Tür ein emailliertes Blechschild die unangemessen Gekleideten eben davon abhalten sollte. Sah ich nicht anständig aus? Vielleicht war ein armer Schlucker ausm Hochland unterwegs zu der Kirche, mitm Lumpen umn Leib. Dem war das verschrieben, mit dem wollte ich solidarisch sein. Auch so ein Unsinn, was hat er davon. Lumpen anziehn hätt ich sollen, das ist solidarisch, mit alten Lappen in die Kirche und gib ihm!
Um die Chagall-Bilder ließ ich mir eine Kipah verpassen. So. Und draußen in Safed haben zwei gesessen und gebettelt. Da habt ihrs, vor dem Synagogeneingang.
Hören Sie mal, der Mann stand jenseits, hatte keinen Fuß auf der Erde, glaubte an Wunder und liebte seine Gitarre wie eine Frau. Manchmal hatte sie auch zu leiden unterm zornigen Akkord, und es gab Knoten in die Saiten, ein wirres Bündel Drahtwolle, das kam schon mal vor.
Geld hatte er nie. Mit seinem Volkswagen, schrottfesch, fuhren wir nach Nazareth, um Abdullah zu besuchen. Schnell ging das, schnell genug, und praktisch war es auch.
In der Stadt fanden wir uns gar nicht zurecht, obschon wir die Adresse auf dem Papier hatten und der Verrückte aus Holland nicht zum erstenmal sich in Nazareth aufhielt.
Beim Uhrmacher fragten wir nach Abdullahs Haus.
Der Meister wies mit dem Arm zur Bushaltestelle am alten Brunnen. Nava hatte hier eine verbeulte Ziegenglocke gekauft, dazu eine kupferne Blumenkanne.
Wir waren Gäste eines uralten, etwa achtzehntausend Menschen umfassenden Clans.
"Angehörige unserer Familie leben in allen arabischen Ländern, in der Türkei, in Griechenland."
Mister Sorbis war Mitarbeiter am arabischen Programm des israelischen Rundfunks. "In Europa weiß man so wenig von uns. Viele haben keine Vorstellung von israelischen Arabern. Doch, unser Verhältnis zu den Juden ist gut. Berichten Sie über uns! Wir würden uns freuen."
Auf offner Veranda saßen um einen schmalen niedrigen Tisch acht Personen beim verspäteten Mahl.
Mounir wurde aufgegriffen. Man vermutet, daß er das Kind eingewanderter Juden aus Jemen sei. Abdullah ist arabischer Moslem. Was sonst? "I am happy."
"I am happy", sagt Abdullah. Er sagt auch: "Dies Land ist arabisches Land." Und er sagt: "Selbstverständlich bin ich loyaler Israeli." Er sagt wiederholt, daß er glücklich und zufrieden sei. Er frage sich, warum, und gibt uns die Antwort: "Mir geht es besser als in der britischen Mandatszeit, besser als den Jordaniern, besser als den Syrern und Ägyptern, besser als allen andern Arabern. Aber warum darf ich mich in Tiberias nur mit besonderer Genehmigung aufhalten, weil Tiberias ein Grenzort ist? Why. Es ist arabisches Land."
Und Abdullah ist ein Araber, der seine Landsleute kennt; mir, dem Fremden vertraut er es an: "Ich sage Ihnen, ich würde noch mehr verbieten. Ich kenne den Grenzverkehr, ich kenne die Kontakte; glauben Sie mir, ich würde die Maßnahmen verschärfen; wenn ich Jude wäre, würde ich sie verschärfen."
"Listen! In einem Kriege würde ich für Israel kämpfen. Why." Er fürchtet die arabische Vergeltung für seine Loyalität gegenüber diesem Staat.
"Die Hügel am Rande der Stadt sind jüdisch besiedelt, die Araber müssen für ihre weidenden Herden je Tier und Monat ein halbes Pfund zahlen. Why? Es ist arabisches Land." Doch wieder: "I am happy."
Er glaubt nicht, daß eine Wirtschaftskrise die Stimmung der arabischen Israelis in revolutionäre Bahnen lenken würde, mißtraut allerdings seinen Landsleuten jenseits der Grenzen.
"Wir wollen Frieden mit allen."
Er glaubt nicht an die Friedensliebe des Westens.
"Die Amerikaner brauchen die kleinen Kriege. Das ist Finanzpolitik. Was wollen die Amerikaner in Vietnam - ist es ihr Land?"
Er verhöhnt die offizielle Rechtfertigung für diesen Krieg und lacht über die Stärke Israels und seiner Armee.
"Kein Araber fürchtet die Israelis. Alles Propaganda. Israel hat starke Freunde."
Ich erinnerte, wie der ägyptische Staatspräsident Nasser zu argumentieren pflegte: Ihr seht den amerikanischen Krieg in Vietnam. Gern würden wir die Israelis ins Meer jagen; doch ihre überseeischen Freunde würden ihnen zu Hilfe kommen, und wir hätten Krieg im Lande. Ein Vietnam im Nahen Osten aber können wir uns nicht leisten.
Wir waren müde geworden. Ich glaubte einen prüfenden Blick, eine plötzliche Nachdenklichkeit in Abdullahs Gesicht zu bemerken, als wir uns von ihm verabschiedeten und an den Wagen wollten.
Er hatte uns ein Stück begleitet, lachte über das kleine Auto, hatte wohl mehr erwartet als so einen billigen Volkswagen. In diesem Augenblick war ich dem Holländer dankbar.
Abdullahs Frau hatte zwei weiße Rosen von einem Zierstrauch geknickt und sie uns, jedem eine, zum Abschied gereicht.
Da geschah es, daß Mounir in gebrochenen Sätzen seinen Vater verfluchte.
Sie rief mich an, deutete auf das Kind, sah zum Himmel auf. Ich verstand die Frau nicht.
Jesus führte mich in die Berge zu Abed und seiner Familie. Abed ist kein Beduine, und seine Hütte ist beinah ein Haus. In den Bergen hat die Luft noch den Geschmack der Wildnis.
Die Färse scheut am Rande des Wadis, Kinder staunen den Fremden an, Frauen rufen in Richtung der anderen Häuser, Männer halten inne beim weidenden Vieh, andere winken, einer wie aufgeschreckt. Im Schutz hoher Disteln zwei Jungens, liegend, auf Ellenbogen gestützt, dösend, und wach. Mousse oder das arabische Mißtrauen. Aufgelöst im befreienden Salamaleikum!
In Israel regieren die Minderheiten. Es gibt dort nur Minderheiten. Ob die Araber wissen, daß sie als die Stillen im Lande zugleich die Beherrschenden sind?
Ich kannte einen, der kramte eines Tages aus der Kiste des Vergessens seinen vor gut dreißig Jahren gestorbenen Großvater hervor und hauchte ihm neues Leben ein. Der Alte war zeit seines irdischen Daseins stumm wie ein Fisch gewesen; nun konnte er beliebig mit Weisheit und Sprache geschwängert werden. Wer begreift schon, daß Großvaters Wiedergeburt kein Wunder war? Oh, ich verkenne seine Ambivalenz nicht; seine Wahrheit und das Stück Satyros, zwei sehr nahe Verwandte.
Sprache nicht verstehen, nicht wissen und doch verstehen wollen. Eine Frau aus Peking, die in Berlin weilte, erkannte in jedem Busschaffner, in jeder mürrischen, unfreundlichen Geste von Straßenpassanten Untergangssymptome unserer Zivilisation.
Die einzige Sprache, die von den Arabern verstanden werde, sei Gewalt, hatte Moshe gesagt, als er den Frauen die gesammelten Kartoffeln wieder wegnahm, und als er dem Jungen, der nach Wasser kam, dies verweigerte, weil er kein Gefäß bei sich trug, und Moshe wußte es, der Junge würde nicht wiederkommen. Nein, Moshe hatte nicht verstanden.
Jesus führte mich zu ihm. Im gelobten Land sind Kinder ein Himmelsgeschenk, und Abeds Kinder kamen uns auf hundert Meter vor dem Haus entgegen. Salah! Salah. Jesus kannte sie alle bei Namen, Knaben und Mädchen. Vor der Tür, ein kleinstes Mädchen an der schönen Brust, Rasmiya, Abeds Frau aus der Vielzahl arabischer Schönheiten. Sie lächelte, und ein größerer Junge, der bei ihr stand, gab zu verstehen, daß Abed irgendwo in den Bergen sich verloren habe, bei Nachbarn, zum Fernsehen. Wir möchten doch warten, und wir warteten, saßen auf Stein und Stufen vor dem Haus und sahen den Kindern zu, wie sie Hühner in einen Verschlag scheuchten. Unter einem Brettergestell stand Abeds Traktor. Drei Schritte weiter am Schuppen ein Esel. Der Esel, ob er schrie oder nicht schrie, die Frau hatte meine volle Aufmerksamkeit, als sie uns Kaffee und Wasser brachte auf geblümtem Tablett, Rasmiya, orientalische Freude und wunderbare Lust allein dem verwunschenen Abed, sie trug noch das Kind auf dem Arm, stillte es mit brauner, schöner, makelloser Brust. Ein kleines Mädchen, das sich in den mütterlichen Kleidfalten versteckte, sie berührten fast die bloßen Füße. Kinderfüße, Frauenfüße.
Der Alte war gekommen. Abeds Vater, in weißes Tuch gehüllter Patriarch, hatte uns begrüßt und auf der Türschwelle Platz genommen. Die Kinder um ihn herum. Wenige Worte.
Djamar, der Tiger, sein jüngster Sohn, Abeds Bruder, jener vielleicht Vierzehnjährige, er sprach von seinem Tschouard, dem Pferd, das er vor kurzem gekauft. Djamar verständigte sich in Englisch mit uns, das er an der Schule lernt, und vermittelte mit leuchtenden Augen Anfänge eines sich in unseren europäischen Köpfen erst allmählich zurechtfindenden arabischen Vokabulars. Mit Feuer begann es, Sonne dann, Mond, dessen weite Scheibe über dem Weidehügel zum Greifen nah war. Wir schlürften und tranken; die Knaben Mustafa und Achmed verschwanden mit dem Tablett in der Küchennische, um nachzuschenken, Kaffee mit Hell, einem anisverwandten Gewürz.
Die Großväter, die Frauen und die Kinder Arabiens geben dem Land orientalisches Gesicht. Junge Männer kleiden sich lieber nach europäischer Art; so auch Abed, der nun endlich eintraf. Er brachte zwei Freunde mit und freute sich offensichtlich über unseren Besuch. Bitte, gehen wir hinein, seine Freunde, Ibrahim und Mustafa, Jesus Rotbart und ich, und Abed, wie es sich versteht, er war ja daheim hier.
Alle Weiblichkeit hatte sich unterdes in den Nebenraum zurückgezogen, und während wir zu männlichem Gespräch uns auf Bodenmatte, Schlafmatratze oder dem französischen Eisenbett eines Abedsohnes niederließen, mischte sich neben Djamar noch einer der Knaben von etwa zehn Jahren unters maskuline Volk, um mit uns am Kommenden teilzuhaben. Achmed. Freilich kamen wir nicht zur Ruhe, weil der vergessene Großvater eben zur Tür hereinschaute, wohl nur um sich zu verabschieden, woraufhin seine Söhne und der kleine Enkel sich augenblicklich erhoben. Wenige Worte an diese. Salamaleikum für alle Anwesenden. Salah! Salah! Er ging. Tee kam, Süßigkeiten kamen. Wir schwatzten. Eine Kerze erleuchtete den Raum, den Schrank, die Kommode, beide europäischen Stils, dem Augenschein nach Reste aus der Mandatszeit. Um neun Uhr herum stand der kleine Achmed auf Geheiß seines Vaters auf, begab sich still in die eine, in Dunkelheit gebliebene Ecke und verrichtete knieend sein Nachtgebet. Vom Bettrand herüber funkelte Ibrahim, dann und wann in Jesu und meinem Gesichte forschend. Was hatte uns in diese Berge verschlagen? Gute oder böse Absicht, unbefangene Neugier? Oder wollten wir etwas bringen? Oder gar fortholen? Hatten wir zu geben, zu nehmen? Um was ging es im Laufe dieser abendlichen Unterhaltung?
Abeds Wunsch, eines Tages in Deutschland arbeiten zu können, ebenso der Umstand, daß er zu diesem Zweck tausend Pfund sparen wolle und noch keinen gelochten Piaster auf der hohen Kante liegen hat - das habe ich nicht so ernst genommen. Aber sonst.
Da mochte ich ihm Ratschläge erteilt haben. Aber sonst. Ich nahm doch mehr mit, als ich gebracht hatte.
Ich nahm die Erfahrung des Einblicks in die kleine Wirklichkeit mit. Und die wiederkehrende Frage, die ich mir selber stelle: Was haben wir ihnen zu bieten? So ein Traktor ist in Israel ein Vermögen. Ein deutscher Volkswagen kostet ungefähr sechzehntausend Pfund. Daran denke ich nicht.
Laßt euch nichts vormachen, Orientalen! Wir können euren Hunger nicht stillen. Aber wir haben schon heute große Mühe, euren Hunger und euren Durst zu verwandeln in fremde und falsche Bedürfnisse, deren Erfüllung unser großer Ehrgeiz und unser Geschäft ist.
Widersteht den Verlockungen eines aus den Nähten platzenden dummen Riesen. Führt ihn an der Nase herum. Macht ihn irre an seinem eigenen Gewicht, an seiner Plumpheit! Stellt ihm ein Bein und raubt ihm, während er zu Boden geht, die Taschen aus!
Mit diesen Empfehlungen bin ich natürlich in einen Zwiespalt geraten. Sie wenden sich gegen eine als unumgänglich verkannte Entwicklung, gegen den Aberglauben, die westliche Zivilisation sei das Muster der künftigen Welt. Der Zwiespalt indes wird mir in Israel, weil in dieser Betrachtung die aktive Schicht der jüdischen Europäer unversehens in die Rolle von fremden Kolonisatoren geraten ist.
Flötenspiel. Federkiele. Idyllische Vergangenheit. Schelme, die es belachen. Nasen. Zu Boden und über den Boden hinauf in die Wolken gezogene Nasenlinien. Entenschnabelnasen.
Jesus ergriff den Stein und sprach: "Ich öffne die Hand, auf daß der Stein sich in die Lüfte erhebe." Und er öffnete die Hand, und der Stein fiel zur Erde und verwüstete sie.
Volk Gottes sein, ward wieder Schicksal.
Flötenspiel. Geht barfuß - aber seid Hemmschuh. Das Räderwerk ist eine große Idee. Es lebe die bessere: im Räderwerk der Schraubenschlüssel!
Laßt euch leiten vom Gedanken an eine Anarchie, die nur von der Vernunft beherrscht wird, das heißt: von einer durch und durch humanen Unvernunft.
Und du, mein Schatz, glaub schon besser nicht, daß ich dich lieben könnte. Früh, in der Früh, da standest du an seinem Bett, bist schlank, und Rübezahl Jesse wünschte sich in seinen Traum zurück, mit dir, ja wie soll ich dich heißen, ins Wasser zu fallen, für immer, verstehst, so aber ohne dich, unterzutauchen, bis du ihn rufen würdest, du siehst: ein romantischer Jen.
Über zwei Wochen zog's ihn zum Salzigen, zum Meer, und er machte mit Europa seinen Frieden, ging in Brindisi an Land und weiter zu Fuß das schlanke Italien hoch nordwärts.
Räum das Zeug doch weg, wie Blut in der Flasche, die zerbrochene Tabakspfeife, Zucker, halb ausgelöffelt, der Löffel steckt, feucht noch, im Napf.
Über Deck, am Himmel über Zypern für den Krieg ein zweimotorig Flugzeug, das einen Wahlspruch nach- und das Seil merklich einzieht.
Sieben Uhr sechsundvierzig. In der Früh. Und glaub es besser nicht, Chagallsche Braut.
Jerusalem. Wasserschläuche in den Straßen, nachts, und wie Ölflammen aufgehende Menschen, diese heilige Stadt, diese Stadt, diese, du, ja wie soll ich dich heißen, Jerusalem, du Häßliche! und ich kannte sie nicht, und sie ward mir die Schönste aber als aufgehende Sonne, und dies, Braut, ist wahr, Braut, dem magst du trauen, am Grab der Herodessippe.
Und gib ihnen allen, daß sie deine Sprache verstehen!
Chamsin und die Erscheinung Gottes.
Lebst du nimmermehr, weiße Braut, gleitet ab an deinen kalten Schultern, was ich dir sage in der Sprache der Liebenden?
In den Augen gelbes Licht.
Und Tibor. Bergauf schleicht er hinter den Bäumen neben der Straße her. Uns trennen der unbefestigte Straßenrand, ein Graben, jene Bäume und mein Sträuben, Tibor zu sein. Nur bergab gehen wir gemeinsam. Man hat uns beobachtet. Einer trat aus seinem Versteck hervor. Er erriet meine Gedanken und las aus meinen Grimassen.
Zieht uns das Weibliche hinan, aufs Dach zu Katrin, der Stummen, die mit heiliger Leidenschaft die Trommel schlägt, um die Bürger zu wecken?
Hat wer einen Stein in Papier durchs Vorhaus geworfen, gleich in der Nachbarschaft. Darauf steht geschrieben: Der Feind.
Außer einem haben alle gelacht.
Da schlugen sie auf ihn ein. Nun er ihnen die Bleibe zerstört hatte, das bröckelnde Dach überm Kopf eingerissen und ihre Speisekammern auf die Straße geleert, er war ihnen unter die Röcke und in die Kleider gefahren, galt als sittenlos und unverblümt, da schlugen sie ihn, warfen ihn zu Boden, und einer setzte ihm den Fuß auf den Hals. Gestorben unter einem wippenden Schuh, ohne daß er noch einmal zu klagen vermochte.
Doch es gab einen Aufschrei! Wegenaschibuli hat gefiebert. Wegenaschibuli ist auf den Knien zu mir gekrochen und hat mir sein Geheimnis ins Ohr geatmet: die Erlösung werde nicht stattfinden. Dafür stehe wer ein. Zuschlagende Türen rufen mich zurück. Für eine Weile. Es hatte jemand ein Gesetz verletzt.
Während ich falle und falle, habe ich mich an Israel festgehalten, und ich weiß doch nicht, ob ich verstanden werde in dem, was ich sage.
Ich hatte eine magische Zeit und eine mythische, naturbezogen war ich und auf Menschen war ich aus. Meine Vernunft kann nur sein, worin sie den andern unkenntlich geworden ist.
Und ihr habt euch dem Frieden verschrieben! Ich kenne eure Argumente.
Und das Tabu ist aufgebrochen, euch alle fürchten zu machen.
Wer singt das Lied vom großen Krieg. Die Kinder bereiten das Abendmahl. Verliert den Glauben nicht, gebt die Gewißheit nicht auf, schwarze Köpfe, des kommenden Festes.
Der Atem wird ihnen vergehen bei diesem letzten Tanz.
Es ist nicht mehr die Zeit der Tränen.
Ich höre und sehe und rieche, wie sie sterben. Ihre Augen sind es, die mich aus meinen Krämpfen erlösen. Da lachen sie wieder. Und ich höre die Gesänge, wie sie weinen. Indiens Kühe sind heilig.
Tagtraum. Eos, Göttin der Morgenröte, dich habe ich zum einstweiligen Liebling mir erkoren. Ich sende in den Tagen des Schweigens meine stillen Grüße, und ich habe auf Eos gesetzt in dem Spiel, das mich fortträgt ins Ungewisse. Ich weiß von der Göttin Lust, mich abgleiten zu lassen in den Abend; doch ehe des Schlafes Trost mich umfängt, geht meine Sehnsucht an den Morgen, an Eose, die mir fremd war in meiner Kindheit, an Eos, die ich liebe, weil sie mich leichtgemacht, die mir Schwingen gab.
Nachttraum. Mit einem Messer kam er auf mich zu. Während er in beständiger Bewegung Stiche in meine Herzgegend übte, beteuerte ich meine Unschuld. Es ist nicht wahr, daß ich töten wollte. Elende Seelen haben mich verleumdet. Ich habe Zeugen, daß...
"Ja, neunundzwanzig Juden!..."
Hinter dem hölzernen Altarblock sprang ein Rabh hervor und reichte mir ein Klappmesser, als Indiz für irgendwas, und einen Stein, eine handgroße Insel.
Ich wehrte ab und wandte mich vom Ort, ohne noch verhindern zu können, daß die junge Frau den flimmernden Edelstein an sich nahm. Ich kehrte mich fort.
Saminu. Name einer Utopie.
Griechenland ist unauffindbar, und Israel wird das gelobte Land nicht sein.
Erkenntnis nach langer Inkubationszeit, Einsicht in die Reifung, darein, daß ein Baum im Begriff war, einen neuen Jahresring anzulegen, die Schlange des Lebens, sich zu häuten abermals. Es wurde kühler. Die Milde noch zuvor war trügerisch seit langem, dennoch flatterte ein winziger Trauermantel vorüber. Einst hatte er die Zeit festhalten wollen, ein wenig bewahrte er davon, trug einen Hauch von ewiger Ruhe mit sich. Jetzt wurde es kühler. Morgen oder übermorgen würde er die Schwelle übertreten, im Rücken die endgültig verschlossene Tür. Morgen oder übermorgen würde er frei sein, morgen oder übermorgen, sollte er den Ängsten unterliegen, verhunzt und vergessen.
Ich sah Staubdunst am Horizont. Das Blau des Himmels färbte sich in schmutziges Graubraun. So hatte ich als Kind die Donau bei Linz kennengelernt. In diesem Schmutz stand er mit seiner Wunde und infizierte sich.
Ein erschöpfter Mensch, kann der schön sein, so schön ist Safed.
Erdbeben vor hundert Jahren, vor zweihundert. Stadt der Kabbalisten des 16. und 17. Jahrhunderts.
In einem Atelier die junge Malerin, die sich umwendet. Ihr Gesicht bleibt ernst.
Sie können die Zeit nicht festhalten! hatte ich gerufen.
Aber die Erinnerung! kam es zurück.
Was natürlich kein Geld einbrachte, sondern im Gegenteil mit Risiken und materiellem Verzicht bezahlt werden mußte. Da war das Leben in der Gruppe doch sicherer, und bald endlich wieder daheim, wo man auch wenigstens wieder würde deutsch sprechen können. Man konnte auch hier, aber die nichtdeutschen Gäste verstanden dann eben nicht.
Wir diskutierten und differenzierten und, ja, und stritten. Ach, es war ein Zusammentreffen, mehr denn ein Streiten, bis Charles, sechsundzwanzig Jahre alt, zurückkam auf jene Frage, denn er fühle sich schuldig zuweilen, da er doch Jude sei und die Juden den Jesus umgebracht haben.
Sie vertrauen nicht auf Gott, sondern auf ihre eigene Stärke, würde der eine oder andere sagen. Sie trauen den Menschen nicht. Sie liefern sich ihnen nicht gerne aus, weil sie vielleicht sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht haben. In der Heimat. Schadenfreude könnte ein nützliches Stichwort sein, ein deutsches Wort, ein unvergleichliches.
Werdet Romantiker, verhüllt diese Wahrheit, macht alles schön, damit die Erde auch für eure Schwächen einen Platz übrig hat. Geht! Trollt euch, trottet um den wunderbaren Globus, badet die Verbrechen der Väter und Großväter aus, hetzt euch ums ewige Rund! Und du, Herr, laß Regen kommen und spüle alles hinweg. Nicht verhärten, Kinder, eure Geduld wird sich auszahlen. Nein, die letzten Jahrzehnte nicht allein. Das läuft seit Jahrtausenden auf diesem Gleis. Nicht bloß mit euch.
In den letzten Tagen sind die Mädchen unruhig geworden. Flattriges Liebesspiel eines Spatzenpaares. Wieder Zeit des Mondes. Nacht. Laute im Ohr wie von Fröschen und aus dem Bellen eines Hundes, einer Ratte von zerzaustem Hund aus der Nachbarschaft.
Caprice, das kostbare Luder, kam hereingestürzt, riß das Kleid sich von den Brüsten bis zum Nabel und schrie diesen Satz in den Raum: Givetdibuladibää. Caprice in der Nacht in der Höhle unterm Türkenchatel. Da wird sich was tun, des sei dir gewiß, da wird's vonstatten gehen, fahren, spielen, fliegen und schwimmen, laufen. Sei beraten, denn dein soll der Tag sein, dein noch der sich wandelnde, wendende Erdkreis.
Seit jenem Traum weiß sie, daß der Mensch immer allein ist. Der Vulkan war ausgebrochen, Lava bedrängte die Stadt. In zwei Wellen war die Flut schon über sie gekommen. Das große Schiff Caprice, Eilsen muß ich sie heißen, hatte Eilsen gerettet.
Schnarrte's Telefon, heulte eine Sirene die dritte Welle ein. Alarm nach zwei Alarmen zuvor.
Und Eilsen wußte. Fiebrig lief sie und ohne Atem an Bord. Sie war fehlgetreten gegen Wellen, Zeit. Kniegelenke. Schwer. Boot, Schiff, Floß aus leeren Ölfässern, in Stricke eingebunden mit erdichtetem Plankengehölz, aber was auch, ich sage nur, es war das Schiff dem dritten Anlauf zu widerstehen nicht sensibel genug; und ihr träumte, der Eilsen, vom Meer, von der Mutter, vom eigenen Sterben im Salzwasser durch Ertrinken.
Sie hörte, wie sie miteinander und durch einander hindurch redeten, und Eilsen verstand nicht, keine Sätze, das fließende, nervöse Salz.
Jetzt war Caprice sich des Todes bewußt; daß niemand helfen konnte; daß sie keinem Faden fremder Sinne mehr Anreiz war, eine Insel im Lebendigen dieser Erde; verloren. Caprice.
Sie haben geweint. Vier Mädchen. Im Hafen haben sie geweint. Ihre Trauer um den fahrenden Ole war kurz; und wahr. Wahr. Ich beginne, diese Jugend zu lieben: fällt auseinander, verliert sich über die See in alle Länder, aus dem Sinn. Ich beginne zu begreifen die Lyrik ihrer Sehnsucht.
Suchen helfen nach dem verlorenen Land. Für sie. Da! Sie lachen wieder; sie lachen; immerfort lachen sie, und ich höre sie weinen.
Angelruten, dreistufige Siegersockel aus Holzbrettern, mit Eisenbeschlägen, Personen, Farben und Tücher und im Hintergrund Gitarren, unrasierte Gesichter, Schallplatten, Spieler und Verrückte und Bücher der Weltliteratur.
Ich gebe den Kibbuz auf. Ich verlasse meinen Kibbuz und gründe einen neuen, einen eigenen, den ich nach meinem Geschmack einrichte, dessen Bewohner Marionetten an meinen Fäden sind, Fäden, von meiner Phantasie ausgeworfen, Personen, die nach meinem bösen Willen zu leben, zu denken und sich umzutun haben.
Ich denke mir einen Kibbuz aus, einen Traumkibbuz, eine wundersame Erfindung. Ich wollte dem Kibbuz einen Namen geben, doch die Namensverleihung steht mir nicht mehr zu. In meiner eigenen Schöpfung, dem Traum meiner israelischen Tage, bin ich eine bloße Figur geworden. Ich habe es zu spät gemerkt.
Indessen will mir die Flucht zurück in die Wirklichkeit nicht gelingen. Ich finde mich für Jahrhunderte, die ich in den Ring eines Augenblicks zwänge, in ihr wieder. Dessen innegeworden, bin ich gejagt, bin ich verdrängt.
Irgendwie sind wir alle ein bißchen verrückt - nach allem, was war. Kannst mir glauben, sieben Jahre Nazizeit haben mir gereicht...
Er würde sich erkennen. Möge ihn niemand identifizieren... Bin ich aus der Bedrängnis, bin ich befreit in die verschleierte Präzision meiner irrealen Märchenwüste, wo ich über Namensgebung mir nicht mehr den Kopf zerbrechen muß. Jeder wird wie zuhause gerufen.
Ich, der Schöpfer all dieser Dinge, bin also zum Objekt geschrumpft, versuche aber dennoch, einen Rest meiner Subjektivität zu retten, indem ich Augen und Ohren wachhalte, natürlich auch ein bißchen den Verstand. So eröffnete sich mir eine hintertürige Gelegenheit, meine Geschöpfe da und dort, dann und wann noch um ein geringes zu verwandeln; noch einmal Hand anzulegen, sie ganz und gar nach meinem Bilde zu formen.
So muß ich es machen. Warum. Streicht mir die Dinge grau an. Steicht sie mir alle an mit grauer Farbe!
Die Heilige Johanna will das Mädchen vergiften, töten, weil es sie in der Nachtruhe stört. Noch andere stören. Der Maler Tom. Der Schüler Richard. Student in laws Ian. Friseur Colin. Charly-Sascha, lawyer. Spanischlehrer Chaim. Und alle jungen hübschen Mädchen. Nein. So geht es nicht. Mona und Barbara. Shulamit, Sharon und Karen, Martine. Sie alle erträgt unsere Heilige nicht. Sobald sie von Liebe hört oder eine bellende Hündin, Plattenmusik, Tanzfest, Weingelage: dreht die Königin alle Sicherungen heraus. Das wird die arme Frau noch in den Irrsinn treiben. In meinem Traumkibbuz veräußert jeder seine Energien nach eigenem oder dem Belieben seiner Freunde. Pünktlichkeit und Ordnung sind Antitraum. An diesem Orte - aller Arbeit ledig - ist Lust keine Last mehr.
Zeihe sie alle ihrer großen Freude! Sage dem Welfen vom Chaos und vom unheimlichen Durcheinander, vom Hexensabbat sprich ihm, Johanna, dem Welfen, träufle ihm das Öl deiner Todesmoral in die Gehörgänge, mach dich schön, heiliges Biest!
Sag's ihm, sag ihm alles: "Oh, ich liebe sie, ich liebe schnelle Wagen, schnelle Wagen sind meine Passion. Autofahren, oh - I love it (not like it!), I love it. Ich gehe in alle Zimmer, die nicht verschlossen sind. Aber ich habe auch Schlüssel."
Sie raucht gern bei Kerzenlicht.
Brauchten wir Priester und Priesterschüler, Krankenschwestern, Huren (wie Horen), Haarabschneider und Rechtsgelehrte? Maler und Lehrer.
Ich kehre die Wirklichkeit um. Ich gebe meinem Traumkibbuz einen Schein von utopischer Realität. Ich setze in den Nebel ein historisches Licht, indem ich Esther zu seinen Gästen lade. Eine zu neuem Leben erweckte Esther, als eine Esther-Dominique, oder Shulamit, mit Hühnern im Zimmer.
Alle, so auch Shulamit, umgaben die Heilige Jungfrau Johanna mit Liebe. Sie kannten der Jungfrau Allüre und hegten sie, pflegten sie, kehrten vor ihrer hängebeschloßten Tür. Sie wuschen das Übel von ihr ab und entheiligten sie. Kollektive Liebe enthob die Heilige Johanna ihrer Jungfräulichkeit, verwandelte sie in eine gerngesehene Joan und in die Geliebte des Welfen, der fortan auf den zweiten Vokal in seiner Rolle, seiner Rolle als Cheef, hätte verzichten können, wenn nicht Colin nächtens irgend, oder war es Ian?
Tom und die übrigen Nomaden gingen für zwei Wochen in die Wüste Negev. Auch Colin. Allein Ian blieb zurück.
Ian und Ioan. Merkwürdig.
Der Welfe bellt nicht mehr und zeigt seine Zähne nur mehr beim Lachen.
Was solle mit ihm werden? Seine Verwandlung, über und über, zerbricht mir den Kopf.
Aus verbogenen Eisenbetten, Brettern, drei Stühlen und Bindfaden bauten sie eine Bühne in den Garten. Vom Affenbrotbaum fiel, aus handgeknüpften Baumwolläufern, ein Vorhang.
Fescher Kerl in Uniform stellte sich zur Schau, marschierte und grätschte, sprang auf der Stahlmatratze, grüßte und verneigte sich vor rotem Tisch und roten leeren Bänken. Die Seßhaften spielten. Sie spielten sich in einstudierten Rollen, verwandelten ein Nichts in eine Welt von Publikum vor der Schelmenbühne zwischen den Bungalows, trugen am Ende die Bühne wieder ab, vergaßen, daß es Spiel gewesen, und fanden aus den Rollen nicht wieder heraus.
Die Nomaden waren zurückgekehrt und ruhten auf den Bänken aus. Die Nomaden saßen und lagen aus vor verwaistem Bühnenplatz zwischen den Bungalows. Vom Affenbrotbaum fielen Früchte herab. Niemand prüfte ihren Geschmack.
Synthese Bühnenpersonal (es waren die Spieler). Synthese Nomade. Synthese Dominique? Oder Utopia als S.? Oder Mona?
Sie ist Musikstudentin und trauert der Romantik nach.
Man macht sich ein Bild, fragt, wägt Für und Wider. Mein Israel-Bild als einzige Szene wieder aufleben lassen. Eine Stadt. Ein bestimmtes Erlebnis. Ein Mensch. Ein Bündel, darin sich die bange Frage als normale Begebenheit wiederfände, wo Antwort zuteil wird.
Ich habe die Monade nicht gefunden. Mona blieb für mich ein Name und allerdings ein sehr schönes und temperamentvolles Mädchen.
Ich müßte mir das israeltypische Konzentrat erfinden. Sie. Eine Frau böte sich an. Eine Frau. Ruth, Elana. Ich brauchte sie nicht einmal zu erfinden.
Das jüdische Volk, seine Geschichte, der Staat Israel, selbst die Geografie des Landes, in allem sind die Widersprüche von Realität und Möglichkeit, als vergangene und erhoffte, von Heute und Zeitferne, ein Gestern oder Morgen, ist die Wirklichkeit des Alltags, selbst des grausamsten, mit dem heiligen Mythos uralter Bestimmung als Volk Gottes und künftiger Verheißung nicht allein zeitlich verknüpft, sondern auch im Wesen historisch und mythisch miteinander immer irgendwie versöhnt.
Es war justament das unwirkliche, damit aber höchst wirksame Element, durch welches dieses Volk stets und von neuem vor der letzten Verzweiflung, dem seelischen und geistigen Untergang bewahrt worden ist.
Zwei Landeshälften, eine bewohnte und eine nahezu unbewohnte. Nördlicher Garten und südliche Wüste. Neue Siedlung und alte Geschichte. Leben und Tod. Tod und Leben, Zukunft aus uralter Wurzel, deren Spitzen sich im Roten Meere nähren.
Im Innenhof eines arabischen Etagenhäuschens in Safed. Disteln im Hof. Disteln auf dem Dach, in der Küche. Das Atelier besticht den Besucher. Drei Quadratmeter vom Hofe abgespart. Die alte Frau kam vor zwanzig Jahren aus Chile herüber. Sie ist keineswegs komisch. Munter, sechzig Jahre, klug. Sie lebt in künstlerischem fulfilling von Disteln; manchmal auch Zwiebeln und Kakteen.
Die Luft ist feucht in Famagusta. Mauern und Kai behalten ihr Betongrau auch im Sonnenlicht. Hafenarbeiter posieren vor Bug und Backbord, linsen gelegentlich unter Röcke, in kurze Hosenbeine, deren Schatten. Augen gewöhnen sich an Linksverkehr zahlloser Taxis, Fahrräder, Omnibusse, haften momentan am Kontrollturm Vereinter Nationen. Blau, die Helme.
Fünfzig Aphroditen gingen lachend und schwatzend von Bord. Paris hatte gut gewählt.
Die Luft in Tel Aviv war feucht. Schweiß rann mir übers Gesicht, das Hemd klebte am Körper. Ich kam vom getrümmerten Ufer herauf.
Vom Geiste verlassen, sinne ich verlorenen Tagen nach, daß sich Aufschreiben nicht auszahle. Sinnlos.
Im alten Jaffa verlor ich mich wieder zwischen einfallenden, kunterbunten, weißen, winzigen Häusern zum Wasser hin.
Heraus. Tanzen gegen den Wahnsinn. Von Schlangen, von Akrobaten, aus der Herde verstoßenen Elefanten, von verwildernden, trauernden Orang-Utan-Vätern. Tanzen lernen. Aus dem Dunkel hervor und unter die Menge.
Wir spazierten durch jüdische Geschichte zur Universitätsbibliothek. Dominique war mir auf dem Weg zum Chader Okhel begegnet. Wir wechselten kein Wort.
Dominique ist zierlich, dunkeläugig und ernst wie eine Vietnamesin. Ich weiß nicht, welche Rolle ihr zukommt.
Durch eine steinerne Vagina gelangte der Besucher in den Uterus, zu den bei Qumran und anderswo gefundenen Schriften. Kupferfolien und Linnen, hinter Glas konserviert, Tonkrüge, Keramikscherben und das Gefühl, es würden die Dinge von ihrer Behausung erdrückt.
Mamma. Torah als zentrale Stütze des mütterlichen Zeltbaus. Hat schon was von Hartleibigkeit, weißt. Ist nicht allein ums Kupfermetall, ist auch kein goldenes Kalb, nicht mal ein Stück von 'ner Kuh, und kein Mensch betet so was an heutzutag. Sonst müßte der Moshe mit den Tafeln grad vom Berg und dann aber auf ihn, den Schrein, und draufgeschlagen mit dem Gesetz, bis, ja, ich glaub bald, das Gesetz würd draufgehn dabei.
Ich setze mich auf die Treppe und sehe.
Vom Schrein zum terrassierten Garten für die Künste. Mobiles Metall, Tod verheißend. Eine aufgerissene, verstörte Frau, der Schrecken inne, aus der Leidensgeschichte ihres Volkes, verklärt, wohin, eine biblische Esther, setzt sich ins Unheil fort.
Mir sind Flügel gewachsen. Ich fliege auf. Ein paar Schläge. Dann fällt das Gespinst auf die Erde zurück. Eine Frau liegt in der Sonne. Verschlossene Augen. Antlitz aus fernem Asien. In Marmor beschlossenes Nirwana.
In der Zerstörung den schönen Körper einer Frau besingen.
Ich rufe eine Nazarena in meine Sinnlichkeit. Nazarena, im Rausche des Arraks, warte, Nazarena, auf mich!
Meine Liebkosungen wecken Dominique aus dem Schlaf. Wecken Esther und die Frau in der Sonne aus dem Vergessen von Jerusalem.
Unter den Händen der Bildhauer haben diese Frauen Gestalt angenommen. Die Frau Esther findet die Ruhe nicht wieder, indessen die Frau in der Sonne lächelt, Ewigkeit, Frieden. Bildhauerhände haben sie berührt. Unterm Druck dieser Hände, in der Liebe. Unter solcher Hände Zwang ist der Marmor, Stein, Asien, gezähmt.
Unauffindbar unterm Himmel die mythische Esther. Ich sah vor dem Spiegel eine wirkliche. Sie war müde.
Ich werde mich nicht unterwerfen. Ich werde dereinst triumphieren. Unter den Toten werdet ihr mich finden. Esther? Mein Gott. Eine verwandelte.
Unauffindbar bis jetzt ist das Asien des Friedens. Die Frau in der Sonne lächelt in Ewigkeit. Zwischen Leben und Sterben verbrannt.
Ich sagte Vietnam, und Esther hat weggesehn. Wir tauschten Briefe, nannten Verbrechen Verbrechen, Mord Mord, Mörder Mörder, das deutsche Volk ein Mördervolk. Eines Tages schrieb ich zu Vietnam, von Völkermord, davon, daß die Täter Mörder, ja, auch wie Kammerjäger!
Sie hat nicht mehr geantwortet. Ich suche. Ich bin auf der Suche nach der guten, der versöhnlichen Synthese Israel. Ein Kriterium hat sich mir in den Weg gestellt.
Kein Platz für Ohnmächtige, die genau wissen, was sie nicht wollen?
Ich entferne mich von den Realitäten und wende mich den Möglichkeiten zu. ich entziehe mich dem Zwang historischen Denkens und versuche mich in akausalen Analogien. Ich widersetze mich den zentrifugalen Kräften und also der Auflösung, was bedeutet, daß ich aufzuhalten gedenke, indem ich mich dem physischen Wartezustand verschreibe; daß ich die Bewegung nicht mehr akzeptiere. Ich anerkenne die Motive nicht. Ich harre aus. Der Strom der Bewegung, indem ich zur Ruhe komme, teilt sich an mir. Wirbel entstehen, es sammelt sich zu beiden Seiten. Im ruhigen Heckwasser wird es sich wieder leben lassen.
"Dort in den Kupferminen, erzählte mir Charles-Sascha, kamen Juden aus der ganzen Welt zusammen. Jeder trug die Kleidung seines Herkunftslandes. Sie unterschieden sich voneinander auch in den Hautfarben. Sie waren sehr verschieden und hatten doch etwas gemeinsam. Sie waren Juden. Es war ihnen wahrscheinlich nicht anzusehen, aber ich hörte es heraus, wenn sie sprachen, aus der Art, wie sie die Dinge ansahen, Situationen beurteilten, bestimmte Fragen stellten, Antworten abwägten. In ihrem verspielten, an Fatalismus grenzenden, stoischen Optimismus erkannte ich sie, erkannte ich mich wieder."
Mein kleines Boot ist grob gezimmert. Es schwimmt, einer Nußschale gleich, auf dem unübersehbaren Meer von Informationen und Berichten aus dem Lande Israel. Das Meer ist ihm Bedrohung und Bedingung zugleich. Der geringste Seegang, sollte es sich als untüchtig erweisen, kann es zerschmettern, Unzulänglichkeit und Schwäche des Fahrzeugs sind darum auch ein wenig das Maß seiner Hoffnung.
Volk und Land Israel erheben sich über die Finsternis meiner Worte. Denn diese Finsternis ist meine Finsternis. Ein Schatten. Ein Kontrast zur ewigen Sonne. Gelobtes Land.
Bis Beer-Sheba kam ich nicht. Vom donnerstäglichen Viehmarkt träumte ich nur, sogar von schönen Sklavinnen, die es natürlich nicht zu kaufen gibt. Meine Märchenbilder hatte ich im Kopf und im Blut.
Die Wüste zu meiden, war mir nie im Sinn. Ohne Absicht habe ich mir das Schönste aufgespart. Es lockt mich die Freiheit des Negev, es locken Elat im herrlichen Golf von Akaba, das Tote Meer, das Hochplateau von Masada.
Vom Roten Meer werde ich kommen. Ich werde in Elat an Land gehen und mich in Richtung Norden auf den Weg machen.
Es ging zur Nacht. Der Marokkaner saß still und sah über den Rand des Schiffes. Ähnlich einem Sphinx. Wind um den Hals, zunehmend unter Liegestühle langend, sie aufhebend, zur Reling schnippend. Springende Beinwinkel, zugreifende Arme, Hände, Finger. Klappen Stühle flach auf Deck. Die Passagiere schweben, tauchen rücklings durch Eisenlukenquadrat bauchschiffs ein. Brasilianischer Kopf dreht mir lachendes Gesicht Grimasse zu, breit schweigend, dreht es dem vorbeiziehenden Wasser wieder hin. Liegestuhl, in einem, ich sitze, die unteren Rückgratwirbel ins Tuch gestützt, linker, vorgeschobener Fuß, Sohle zum Hackballen anhebend, rechter Fuß flach, ausgelöste Hände liegen, die linke wie vorgelassen von rechts, auf den Oberschenkelhälsen zu den Knieen. Sprung, ich sitze auf dem Sprung, bleibe auf ihm sitzen. Gesicht in der grauen Nässe Poseidons, unbewegt.
Damals fuhr das nämliche Schiff die Gegenrichtung ins derzeit noch Ungewisse. Verrückte und Bummler und Studenten und Gläubige waren unterwegs, April, und steigende Sonne, Stimmung, Liebe, Zuversicht. Und jetzt der August, dieser Abend, die kommende Nacht... Ein göttlich launiger April bescherte den Mittelmeergästen von Piräus über Rhodos bis zum, wie mir schien, kriegerischen Limassol eine Gymnasiastenklasse zyprischer Mädchen, wahrhaft echte Aphroditen, auf dem Heimweg aus Frühlingsferien. Und jetzt der August bringt Europa nach Hause, und keiner, der uns leuchtet. Ja, das Wasser war noch kalt im frühen Jahr, und ebenso der Wind, und stark waren sie beide, und wir nur wenige, die schwimmend gegen sie ankämpften; paddelnden Flaschenkorken gleich ans grobsandige und steinige Ufer zurückgespült, mehr von der Tücke des rückhaltenden und rückgebenden Meeres abhängig, denn von unseren Künsten und Kräften; und wie Herkules in den Muskeln und im Geiste wie Apollo dennoch, so gingen wir wieder an Land. Und heute hat der August ins warme und ruhige Grünblau eingeladen, auch an Rhodos, unter versöhnlicher, unversöhnlicher Sonne, und das paradiesische Bad lenkt eben ein wenig ab, eine kleine Freude leitet über meine Trauer hinweg wieder an Bord der Apollonia.
Die Fahrt setzt sich fort mit ersten, rückläufigen Urlaubern aus Mitteleuropa, Puderdosen und Make-up-Spiegeln. Es zivilisiert sich. Noch während und vollends bald nach der Eskapade ging ein Traum verloren... Elana, verzeih!
Eine Woche Krieg im Nahen Osten, kaum unterbrochene Eskalation in der Vernichtung Vietnams, universitäre Unruhen in westlichen, bald auch östlichen Großstädten, Kulturrevolution in China, Rassenkämpfe in den USA, wo das Prinzip der Gewaltlosigkeit aufgegeben wird zugunsten von "Black Power", im März 68 war Martin Luther King in Memphis erschossen worden, Sammlung der Außenseiter links vom Parlament, Rechtsverlagerung der konservativ-reaktionären Mitte... Die Sommer versprachen heißer zu werden. Feuer griffen über. Das Establishment versuchte sich eine Zeitlang erfolgreich in klinischer Behandlung der studentischen Revolte... Aber der Funkenflug ergriff die Bevölkerung nicht in ihrer Substanz. Vom zwar erniedrigten, aber satten Proletariat kam Bosheit, Haß, Kopfschütteln, Ignoranz... Vielleicht lag es daran, daß die Theoretiker des Proletariats immer Bürgerliche waren, die nicht begriffen, daß den Proletariern an den bürgerlichen Freiheiten nichts lag. Oder hatten die Arbeiter Angst um den Verlust dessen, was sie an bürgerlicher Freiheit gewonnen hatten in den letzten zwanzig Jahren?
Von der proletarischen Freiheit steht nirgendwo ein Wort. "Freiheit von materiellem Mangel"?
Nordwärts gab's eine Höllenfahrt.
Teufelskinder waren unterwegs. Die Fahrt ging im Hellas-Express durch Jugoslawien mit griechischen Arbeitern als den Kindern des Teufels, und - dreiköpfiger Kerberos! - in der Kluft jugoslawischer Bahndienstleute, drei Höllenhunden, bellend, bravourös und unfreundlich bürokratisch, nur später noch von einem zusteigenden Bierflaschenhändler, hick, Flaschenbierhändler zu übertreffen. Die Hellenen fuhren aus drei Urlaubswochen retour in die Hölle deutscher Fabriken.
Das war schon gefrevelt genug; so hieß es denn zu eigener Bestrafung schreiten, indem man neben Frauen und Kindern den Inhalt heimatlicher Vorratskammern mit sich führte. Was ließ sich aber führen, in den Abteilen lag's herum, stand in den Gängen, wo kein Mensch mehr durchkam. Die Dinge überschlagend, sag ich was von drei Koffern pro Nase und zwei koffergroßen Kisten, drei Ölkanistern, einem ausladenden, nämlich die Leut ausladenden, Sack, einem etwas kleineren Beutel, zwei Taschen; sodann kam auf jeden Zweiten ein Karton und jeden Vierten, Fünften ein Sportwagen fürs Kind. In den Gepäcknetzen pennten Auserwählte. So fürchte dich denn, sie sind bei dir, der du wie die anderen alle zwischen toten Gütern hangest, in den Knien hocketest, auf einem einzeln Beine balanciertest, Kopf gegen erschüttertes Wandblech, und schlafen, schlafen, offenen Mundes, Albträume träumend, dösend, tosend, wachgeworden aber das wahre Böse in Leib und Knochenrüstung, Kopf. Einem brach der Koffer auf, weiße Bohnen, Reste von Fußboden, ach, und das Olivenöl. Früchte, Zwiebeln, was nicht alles hat es billiger in Hellas und besser im Geschmack, sagt man hier, o Satan!
Aber was hatten die Uniformierten uns auf Schuhe, ins Kreuz und in die Taschen zu treten, was für eine unhöfliche Herrschaft, eine gottvergeßne, grobianische und so weiter wie! Hätt ich doch den Burschen von dreidäzigem Höllenhundsfott am liebsten die Dienstmützen übers ungewaschne Ohr gezogen, dammich, und trinken taten s' obendrein, in der Zugführerklause, gleich am Gepäck. Den Mordsradau, den der totalverrückte Bierverkäufer bald drauf bis Zagreb aufführte, will ich gar nicht erst breitmachen, 's ärgert mich bloß mit dem Schaden an Sachgut und Menschenfrieden...
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