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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

1999-12-12

Unger Varnsdorf

Unterlegungen wieder und wieder

12.12.99. 3.Tebhet 5760. Heute nacht wurde ich wach. Ich ging zur Balkontür, zog die Vorhänge weg und schaute hinaus. Am klaren Himmel Westsüdwest sah ich seit langer Zeit wieder das ganze Sternbild des Orion, ein deutliches Zeichen. Unser Haus steht so, daß wir von unserer Wohnung aus die West- und die Ostseite sehen können, an einem Fenster auch den nördlichen Himmel, aber der Süden ist verstellt. In der anderen Wohnung hatten wir über dem Balkon den Südhimmel, dessen Fülle uns jetzt fehlt. Um so wunderbarer heute nacht dieser Anblick, eine umfassende Konstellation. Doch neben dem Orion das Weitere ist mir anonym geblieben. Es verstärkt den Gesamteindruck. Ich fragte meine Frau nach der Uhrzeit: halbfünf morgens. Um zu wissen, wann es sich lohnt, ans Fenster zu gehen.

Der sichtbare Krieg lebt von der Blindheit seiner Exekutoren. Sie dürfen nicht wissen, was sie tun, wofür und wogegen sie kämpfen. Ihre Motive sind unterlegt. Sie spielen vor Kulissen auf Bühnen in Theaterstücken, ohne den Autor, den Regisseur, den Bühnenbildner, ja wenigstens den Beleuchter oder den Garderobier zu kennen. Noch ärmer sind die Zuschauer dran, obwohl sie einen besseren Überblick haben. Mittler sind die Intendanten, die nicht intendieren, was sie zu verantworten haben. Wie die biblischen Propheten müssen sie tun, was ihnen eingegeben. Unsere Weisen aber sind keine Propheten, sondern Spieler mit dem Wort Gottes. Sie versuchen, Gott freundlich zu stimmen.

Die Zeit heilt, hebt jedoch niemals die Feindschaft Amaleqs auf. Samuel sieht und weiß, was Shaul vergeben und vergessen möchte: Samuel kennt die Wahrheit und das Wesen Amaleqs; und hat er es nicht selbst erkannt, so ist ihm gewiß, daß Gottes Wort befolgt werden muß. Wie Samuel in die Zukunft, weil in die Vergangenheit schaut, tiefer als Shaul, so ist die Schöpfung von Anfang bis Ende aufbewahrt. Was Gott dem Samuel, das ist Samuel dem Shaul.

Was du vergessen, das schwelt in den lauernden Feinden. Ich will nicht als Zorn über sie kommen, ich will sie entmutigen.

Du sollst nicht schwach werden gegen Amaleq; er ändert sein Gesicht. Denk daran, daß dein Feind nicht schläft. Legt er sich zur Ruh, so wird ein anderer wachen gegen dich. Wenn alle schlafen, einer wird nicht schlafen. Bewahre es in deinem Gedächtnis.

Denk an die Stadt Davids, die "Berlin" heißt. Deutschland ist Davidsland. Und Bilemah, die Tochter des Chaldäers, wie seine Feinde ihn nennen, und er trägt den Namen mit Stolz, hütet den kleinen David, und auf beiden ist der Segen Gottes.

Es hat dem Sohn des Siebenten in seiner Knabenzeit das linke Bein zwischen Pferd und Giebelwand gequetscht, der Talerschimmel drückte den verwegenen Reiter gegen die Mauer wie die Eselin den Bileam, der den Engel des Herrn nicht sah. Es geschah in Evergrint. 1945.

Bei Satchmo weiß ich, was uns verloren ging. Die Freiheit der Nachkriegsjahre. Unsere Liebe hat gedauert. Die Erinnerung kann uns niemand nehmen. Irgendetwas Reines, das nur uns gehörte, das in uns war und geblieben ist. Was gewesen, wird auch sein, ist ewig und von Anfang an.

Die ersten kurzen Schritte aus der Katastrophe. Als eines Tages uns die Sehnsucht, das Fernweh packte, uns antrieb, unser kleines Paradies zu verlassen. Unser Paradies, das waren wir, das warst du. Es waren deine Bewegungen, die Augen, dein Haar, deine Ohren, die stolze Nase, dein Nacken, deine Hände und Füße, dein Gang, wie du für mich da warst, die kleinen Gesten, die Zigarette, die du mir zu unseren nicht enden wollenden Spaziergängen mitbrachtest. Du hattest sie in farbiges Durchschlagpapier gewickelt, wie ein Bonbon eingedreht und mit Fäden an den Enden zugebunden. Im Winter froren deine Hände, wir steckten sie mal links, mal rechts zu mir in die Joppentasche und träumten in unserer Liebe, in unseren Himmeln.

Alles war so konkret, wir hatten Hunger, das dürfen wir nicht vergessen, daß wir immer Hunger hatten. Es fällt mir jetzt ein, damals dachten wir an alles Mögliche und Unmögliche, bloß nicht daran.

Der graue Alltag sollte erst wieder beginnen, wenn wir uns nachts verabschiedeten, uns nicht trennen konnten. Ich brachte dich nach Hause, wo wir lange am Gartenzaun standen, dann kamst du mit mir noch ein Stück, ich brachte dich zurück, so ging es fort, bis wir uns ergaben und ich nach Hause flitzte, während du die Treppe hinaufstiegst. Im Bett dachtest du noch eine Stunde an mich und ich an dich, als ich spät zuhause ankam. Meine Güte, was für eine Zeit! Und die Familie war gegen uns.

Ich stand vor der Frage, was aus den alten Skripten werden soll. Zwanzig pralle Ordner mit Sachen, die zum Teil vierzig Jahre alt sind. Was mich bedrückt und auch beeindruckt, ist die Kraft, die von ihnen ausgeht. Texte aus den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren holen mich in ihre Zeit zurück. Ich sehe, wer ich damals war und heute bin, erkenne verblüffende Erfahrungen in sehr früher Zeit. Manche Fragen von damals haben inzwischen ihre Antworten gefunden. Dennoch bleibt die alte Fragestellung bemerkenswert.

Vielleicht haben die Texte nur für mich einen Wert. Ich wollte sie verschwinden lassen. Die Idee hatte ich in Den Haag 1971/1972, wo ich den ganzen Kram im Meer versenken wollte. Ich traf eine Auswahl. Es entlastete meine Erinnerung. Was zurückblieb und neu dazukam, übertrifft an Menge das Gewesene und Verworfene. Und es endet nimmermehr.

Wie frei ich doch ohne diesen Nachlaß wäre. Ich kann mich nicht entschließen, davon Abschied zu nehmen, ich würde meine Geschichte zerstören, mein geschriebenes, schreibendes Leben aus der Welt schaffen.

Die Synthese aus Sohn und Vater, an die damals noch nicht zu denken war: Der Vater war nicht enträtselt, nicht erkannt, nicht in seiner vollen Bedeutung, nur als "Geheimnis" seines Sohnes. Wer aber den Vater nicht kannte, konnte den Sohn nicht verstehen. Das "Geheimnis" war noch nicht enthüllt.

In alten Israel-Texten ist der Vater eine unerträgliche Last. Der Sohn begreift ihn nicht als Geschenk Gottes, er hadert mit dem einfachen Mann, seinen Besonderheiten, bewundert gleichwohl insgeheim und respektiert ihn als den, der immer für seine Familie gesorgt hat.

Er stand noch in der Tür, da sagte die Mutter: "Da kommt unser Vater!" Und der Vater sagt zu seinem Sohn: "Du bist jetzt der Vater."

"Paß auf dich auf!" rief er ihm nach.

Die heilige Tat war die Reinigung des kranken Vaters. Der konnte nicht mehr laufen und mußte auf einen "Stuhl" gehoben werden. Der Sohn war dankbar für die Gelegenheit, gutzumachen an dem Manne, dem er in Gedanken so viel Unrecht zugefügt hatte. Der Vater, der es nicht wußte, war seine schwierigste Lektion. Er brauchte ein halbes Leben, um diese Prüfung zu bestehen; erschwert, weil die historischen Umstände ihm Recht zu geben schienen.

Als der Vater 1948 aus dem KZ Oranienburg nach Hause kam, stürzte er an der Haustür und schlug mit dem Gesicht auf die Steinschwelle. So kam er blutig heim. Er hatte alles im Gedächtnis und schwieg. Wochenlang lag er auf dem Sofa und starrte zur Decke.

Irgendwann stand er auf und besuchte die Angehörigen seiner Mithäftlinge, um deren Grüße zu überbringen. Daten und Adressen hatte er im Kopf. Sein Erinnerungsvermögen war ein Phänomen. Er trug das gesamte Berliner Straßenbahnnetz im Gedächtnis.

Vater hatte einen Schutzengel, wahrscheinlich mehrere davon. Er hätte das Lager sonst nicht überlebt. Er lag schon bei den Toten im "Steinhaus". Da raffte er sich noch einmal auf.

War mein Vater ein Heiliger, so habe ich ihn in letzter Minute entdeckt. Ein schwieriger Heiliger, und ich habe an ihm gesündigt. Er wog mir in der Seele zu schwer. In meiner zweiten Kindheit verleugnete ich ihn. Ich wollte ihn dort nicht haben, meine Mutter nicht und meinen Bruder nicht, die ganze Familie. Ich wollte die erste mit der zweiten Kindheit nicht vermischen. Ich war aus jener herausgewachsen, hatte mich gehäutet.

Die Japaner beschwichtigen ihre Ahnen, und ich weiß, daß ich Berge abzutragen habe, wenn ich die Schatten, die mich und meine Arbeit begleiten, auflösen will. Doch was wird aus dem Licht?

Vater war hochbegabt, auf eine beängstigende Weise genial. Genies konzentrieren sich auf eine Aufgabe, ein Ziel, ein spezielles Interessengebiet, sie entwickeln unbegrenzte Fähigkeiten und entfalten eine hohe Systemintelligenz. Vater war ein anerkannter Meister des Schachspiels. Im KZ spielte er gegen 17 Insassen am langen Tisch, schlug sie alle und legte sich wieder auf seine Pritsche, ausgehungert und mit den Nerven am Ende.

Vater war ein musikalisches Naturtalent, spielte Klavier, Zither, Mundharmonika, Harmonium, las aber keine Noten, er spielte alles "auswendig". Seine Urenkelin spielte schwierige Mozart-Stücke frei aus dem Gedächtnis, nachdem sie sie ein-, zweimal gehört hatte.

Das war erstaunlich, ebenso verwunderlich, daß sie später davon abkommt. Sie malt, schreibt, zeichnet, macht jedoch keine Musik mehr, und niemandem ist es bisher aufgefallen. Sie studiert Altorientalische Zivilisationen und trägt den Namen ihrer Urgroßmutter Lina.

Chaldäa und die Chaldäer. Auf dem natürlichen Wege des Unterscheidens und Verstehens: barfuß in Wien. Und die Verwandtschaft mit den Chassiden aus Rußland: Kasdim.

Ich muß die Geschichte des Vaters weitererzählen, das Geheimnis lüften, das ihn umgab und in ihm war. Er war das jüngste von sieben Kindern: Anna, Karl, Else, Dora, Willy, Bruno und Arthur. Anna wird Schauspielerin, heiratet einen Filmproduzenten und geht nach Amerika. Eine ihrer Töchter heiratet nach Japan, eine andere nach Frankreich. Ein "Zug" fuhr ins Ausland, wollte "weg von hier" und "nicht bleiben". Karl war Ingenieur bei Bergmann-Borsig, ein Erfinder, der jede freie Stunde der Entwicklung eines "Perpetuum mobile" widmete, ein gebildeter Mann, der seine Nachbarin Lucie Wolff verehrte. Ja, ich glaube, er war ein bedeutender Mann. In der Familie galt er als wunderlicher Hagestolz. Noch gegen Ende des Krieges wurde er Soldat. Er starb an einer Lungenerkrankung in einem Lazarett bei Berlin.

Sein Bruder Willy führte später gern ein Modell der Konstruktion vor. Eine Platte von der Größe eines Tisches, vielleicht anderthalb mal drei Meter, darauf montiert als weitläufige Berg-und-Talbahn eine Schienenanlage, über die in berechneten Abständen schwere Stahlkugeln rollten. Arthur kannte das gesamte Schienennetz der Berliner Straßenbahn. Als kleiner Junge war er unterwegs, um es zu erforschen. Am Küchentisch zeichnete er Schienenkreuze und Weichenanlagen auf kariertes Papier. Ein System von Schienen. Ihr Vater war Beamter der Eisenbahn.

Die Bucker fallen in den "Paternoster", der sie wieder hinauf trägt, die Fahrt beginnt von neuem.

Die Maschine schien zu funktionieren. Der Haken an der Sache war, daß sie nur sich selbst bewegte, als Antriebsmotor überfordert und zu aufwendig war. Mit allem verband sich eine Vision, die von der Wirklichkeit abhob.

Arthur besuchte mit Ben dann und wann dessen Onkel und Tanten, die außerhalb wohnten. Der Junge war zwei, als die Familie sich zu Großmutters Geburtstag versammelte. Alle Kinder sagten ihr Gedicht auf, Ben stieg auf einen Stuhl und sagte "Haihicka". Er war der "Stammhalter" der Familie. So wurde er gerühmt und herumgereicht, und so verstand auch er sich. Der Siebente und Letzte zeugte den Ersten. In Arthur waren Ende und Anfang. Sein Sohn Ben war der Anfang und trug das Ende noch mit sich herum.

Den Traum "7.8." hatte Ben schnell verstanden: er solle "den Siebenten achten". Er bezog es auf die Enkelkinder, nicht auf seinen Vater. Ben war inzwischen siebenfacher Großvater. Der Jüngste ist Elon, jüngster Sohn Davids. Später denkt er an "die Stimme des Herrn".

Da ging es ihm auf: gemeint war der Vater, das Licht der Lehre, der Weg und der Berg der Zumessung. Thur bedeutet auch: umhergehen als Kundschafter oder Händler, auskundschaften. Thor ist die Turteltaube. In jedem Namen ist eine Botschaft.

Der Siebente und Jüngste, dieser Ungeachtete, Unerkannte ist das Licht der Unterweisung: die Lehre, die Lektion, das Rätsel, das Ben zu lösen hatte. Arthur ist das Geheimnis einer Wahl, ist Terach, der Weg und die Bestimmung. Er ging für seinen Bruder, den Nichtenden, ins KZ.

Willy war in den dreißiger Jahren, als Hitler an die Macht kam und den Krieg aufbereitete, reich geworden: ein studierter Volkswirt und praktizierender Immobilienmakler. Im Zuge der staatlichen Judenverfolgung lag es ihm ob, jüdisches Vermögen zu "arisieren", Häuser und Grundstücke aus jüdischem in deutschen Besitz überzuführen. Als Verwalter von Häusern und Grundstücken hatte er für die Räumung jüdisch belegter Wohnungen zu sorgen und sie dann "judenfrei" zu melden. Nach dem Kriege setzte er, nunmehr im Auftrage der alliierten Besatzungsmächte, seine Arbeit fort. In Ost und West.

Derweil ging sein jüngster Bruder Arthur für ihn ins KZ. Großmutter hätte es zu Lebzeiten nicht verwunden, daß ihr "Akki" von seinen Geschwistern geopfert wurde.

Arthur war zum Sündenbock auserwählt. Wurde der Ruf "Sühne!" laut, gingen aller Augen und Richtefinger auf ihn, den Siebenten und Heiligen, den niemand erkannte und erkennen wollte. Sein Sohn Ben war der Blindeste unter diesen Blinden. Er war nicht mit Blindheit geschlagen, sondern durch Blindheit versucht, in Blindheit geprüft, und seine verklebten Augen öffneten sich wie in frischem Regenwasser. Spät.

In seinen Kindern und Kindeskindern erlebte und entdeckte er, was ihm nicht zugänglich gewesen war: daß seines Vaters sechs Geschwister erst durch ihn, den Siebenten, erschlossen werden konnten. So erkannte Ben ihn, den Siebenten, zugleich mit seinen sieben Enkelkindern, erkannte er sich in der Geschichte von vier Generationen nacheinander.

In seiner Großmutter ELISE EHMER war Elisha. Der Prophet und die Verheißung, die Rede, die Sprache. Die Myrrhe. Ben hat beide Großmütter zu Grabe getragen, er hat sie begleitet, er sah sie, Großmutter Zedekia in Tasdorf und Großmutter Elisha in der Friedhofshalle am Wedding. Nur diese zwei. Elisa in der offenen Sargschale auf dem Boden; Zedekia Zitzky, in einem anderen Dokument Sitzki, aufgebahrt in der alten Dorfkapelle. Als Elise starb, war Hoshea drei, beim Tode der Justine, die ja Zedekia, die Gerechte, heißt, etwa sieben, es war Winter in Tasdorf, sie lag im Licht der Sonne, die durch ein kleines Fenster direkt auf ihr Gesicht schien. Lina sagte zu ihrem Ben, daß Großmutter immer gefroren habe, nun lag sie in der Sonne und mußte nicht mehr frieren.

Ben wollte nie wieder einen Toten auf seinem Weg begleiten, er behielt diese Erlebnisse in geheimnisvoller Erinnerung. Zwei Großmütter, zwei Geschichten, eine Mythologie. Wir können sie nur erinnern und erzählen, wie Großmutter Elisha es ihrem Ben aufgetragen und Großmutter Zedekia es vorgezeichnet hat: gerecht soll es sein, gerecht soll er sein und wahrhaftig. Wir gehen den Namen nach. Zedekia war die Tochter der Mirjam Hirschkind (Jelonek).

Tasdorf lag wie in Rußland, wie ein russisches Dorf hinter Mahlsdorf, damals gehörte es noch zur Mark. Die Großeltern lebten in einer verrußten Behausung. Man kam vom Weg durch die Tür gleich in die große Wohnküche, hinten durch, da war der schmale Schlafraum. Ben erinnerte sich, wie Großvater krank auf dem Bett lag. Der Tisch stand vorn am Fenster, wo es ein bißchen heller war. Die Tür hatte einen Windfang, da war noch eine zweite Tür. Nebenan lag eine kleine Stallung mit Hühnern.

Ich habe es nach dem Krieg erlebt, hinter Strausberg, da wohnten die Menschen mit ihren Hühnern, Hunden und Katzen in den selben vier Wänden, wo gekocht, getratscht, gegessen wurde und wo alle schliefen. Erzählungen berichten so was aus Rußland. Aber hier war's vor der Haustür Berlins. Mutter nahm eine Flasche Wermutwein mit nach Tasdorf.

In Tasdorf lebte der Komponist Giacomo Meyerbeer, eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer. Er wurde 1791 in Berlin (oder Tasdorf) geboren und starb 1864 in Paris. Da war Großvater gerade acht Jahre alt und wußte noch nichts von diesem Dorf in der Mark.

Tasdorf war für Ben wie ein Märchen. Wir verlebten dort mythische Sommertage. Wenn wir aus dem Häuschen traten, ging der Blick hinunter zum "Kanal", der nach Rüdersdorf floß, ein schmaler Bach, den ich mit der Panke und später in Evergrint wiederfinde. Der in Tasdorf war ein bißchen tiefer, wir konnten darin baden. Flußaufwärts, so erzählte mir meine Mutter, lagen die Sümpfe. Mit dieser Szene, einem Panorama aus fließendem Bach, Blumen und Wiesen, verbindet sich ein Urgefühl. Mit den Sümpfen, die ich nie zu Gesicht bekam, verbinden sich die Störche, die dort lebten und von denen Mutter erzählte.

Der Urmythos ist nun die folgende Geschichte: Tasdorf ist mein Quellort. Mutter hat mich von dort mitgebracht. Aus den Sümpfen oberhalb des Flüßchens, das an dem LANDSTÜCK UND DEM HAUS MEINER GROSSELTERN VORBEIZIEHT, aus den Sümpfen zog "mein Storch" den "Stammhalter", und übers Wasser trug er ihn zur Mutter in Tasdorf, die mich am Ufer empfing, mich im Fluß badete und dann ins Haus trug. Später zogen wir nach Berlin. So endete dieses Paradies. Ein ewiges Sonnenlicht lag auf unserm Winkel in Tasdorf.

Ich war noch nicht vier. Mit vier nämlich verlor ich mein Kopfhaar. Sechs Wochen Virchow-Krankenhaus, es wuchs wieder nach.

Unser Frisör Biermann in der Uferstraße an der Panke, gleich neben dem Haus, wo mein Onkel Willy mit seiner Familie, Frau Elfriede und Tochter Ilse, damals noch wohnte, Biermann erzählte was von einer "Papageienkrankheit" und daß die Haare niemals wieder wachsen würden. Meine Mutter ging mit uns nie wieder zu ihm. Da geschah es. Ein Wunder. Wahrhaftig. Die Haare wuchsen nach.

Aber es war eine Zäsur, die sich nicht auslöschen ließ. Unter uns wohnte Nachbar Wunder mit seiner Frau, er trug ein Bruchband und hielt sich einen Papagei. Die alten Wunders mit ihrem Papagei waren der Anlaß für Biermanns Theorie. In der Hoab-Geschichte taucht der Papagei auf, wie er sich in eine Eule verwandelt (oder diese sich in einen Papagei); das Wunder seiner Farbenpracht, der echte Name des Nachbarn und der Spielname des Autors Sam Wonder, dem wir in jüngster Zeit wieder begegnen, zeigen, daß "Wunder und sein Papagei" genauso wie "Tasdorf und seine Sümpfe ober dem Bach" und die Panke von Wedding und Niederschönhausen in den Urmythos gehören. Meine alten Geschichten, die mir zum Teil heute noch nicht ganz klar sind, handeln offenbar immer wieder davon, vielleicht von nichts anderem. Ich schreibe in meiner eigenen Ursumpflandschaft herum, oft ohne es zu wissen. Darum löste ich mich in Gedanken von den alten Geschichten, aber sie sind mein Leben.

Gustav Mahler sagte: Musik ist das, was nicht in den Noten steht. Aufgeschrieben nach einer Bemerkung Leonard Bernsteins.

DANIEL 8,16ff.: ...und ich hörte eine Menschenstimme mitten über dem Ulai rufen und sprechen: Gabriel, lege diesem das Gesicht aus, damit er's versteht. Und Gabriel trat nahe zu mir... Ich erschrak aber, als er kam, und fiel auf mein Angesicht. Er aber sprach zu mir: Merk auf, du Menschenkind! Denn dies Gesicht geht auf die Zeit des Endes...

DANIEL 9,21ff.: ...eben als ich noch so redete in meinem Gebet, da flog der Mann Gabriel, den ich zuvor im Gesicht gesehen hatte, um die Zeit des Abendopfers dicht an mich heran. Und er unterwies mich und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, um dir zum rechten Verständnis zu verhelfen. Denn als du anfingst zu beten, erging ein Wort, und ich komme, um dir's kundzutun; denn du bist von Gott geliebt. So merke nun auf das Wort, damit du das Gesicht verstehst. Siebzig Wochen sind verhängt über dein Volk und deine heilige Stadt; dann wird dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan und die Schuld gesühnt, und es wird ewige Gerechtigkeit gebracht und Gesicht und Weissagung erfüllt und das Allerheiligste gesalbt werden. So wisse nun und gib acht: Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederaufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein. Und das Volk eines Fürsten wird kommen und die Stadt und das Heiligtum zerstören, und dann kommt das Ende durch eine Flut, und bis zum Ende wird es Krieg geben und Verwüstung, die längst beschlossen ist. Es wird aber vielen den Bund schwer machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen. Und im Heiligtum wird stehen ein Greuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird.

Teichtals Werk war vorgesehen. Daniel spricht von der Flut. Die Erde wird seit Monaten geflutet. Ich habe die Wochen nicht gezählt. Vor siebenundzwanzig Jahren in Holland zeichnete Gutz Gauch: Eine schwarze Kugel vom Himmel, die auf die Erde zurollt und die Sonne verfinstert.

MUMATh - zu Tode gebracht, hingerichtet werden. Das ist messianisch und politisch zu begreifen. Mit ihm, dem Manne und Staatsmann, soll Gott in seiner historischen Wahrheit vernichtet werden. Die Offenbarung aber wird sie heimsuchen, die Mörder Gottes, des Vaters, des heiligen Geistes. Elon und sein Bruder Tovja haben mir heute MUT gemacht, aber nur auf diese Weise: daß sie mir vom Tode der Hoffnung erzählten, ohne es zu wissen. QaHaL.

Im Schweigen können wir verharren. Warten heißt hüten: sich und die Erkenntnis Gottes, seiner Schöpfung. Amaleq schläft nicht, das wisse! Kokhavivs Deutung als Am-Al-Amaq läßt sich abwandeln in Volk und MUTTER des TALs und des UNERFORSCHLICHEN.

Amaleq wäre das Volk der Göttin Isis, der Mutter der Hathor, für die in der Wüste das Goldene Kalb errichtet wurde, als Mosheh im, am, auf dem Berge Gottes weilte.

ISIS erklärt sich verwandt dem Herr vom Sinai: Ich bin, ich war, ich werde sein. Niemand wird meinen Schleier heben.

Vielleicht ist diese Amaleq-Erklärung triftiger als die vorige. Die Göttin ist historisch auffindbar, in Ägypten sowohl wie in Babylon.

Die Göttin als Große Mutter ist irdisch und jedem verständlich. Und das Gesetz? Der Gott, der sich am Sinai dem Volk enthüllt, bedeutet: daß er den "Schleier" der Isis abwirft und seine Ordnung in den Stein brennt: Die Erkenntnis, die aus dem Paradies vertrieb. Der Schritt aber und der Weg aus Ägypten ist die Wiedergeburt.

Israel wurde aus Ägypten nicht vertrieben, Ägypten mußte mit ihm niederkommen. Die Lehre ist lebensnotwendig. ISchISh entfacht das Feuer, den Glanz, die Glut des Krieges, der Sonne, des Zorns und der Frau. Isis ist als Frau der Frauen, als Weib der Weiber wieder zu entdecken, als Göttin und Gebärerin, als Große Mutter der Mütter, allen Lebens.

Der Gott vom Sinai erklärt die Zusammenhänge und befiehlt, das zu tun, was getan werden muß, wenn der Wiedergeborene leben soll. Es begibt sich bis zur Eroberung des Gelobten Landes und der Politik in ihm. Eine neue Lehrzeit hat begonnen.

Die Maya, Kinder der Flut, gingen unter, weil sie es nicht oder zu gut verstanden hatten. Die christlichen Eroberer kamen als Vertreter der Vaterreligion. Der Herr der Geschichte hat es so gerichtet. Der Sturz des Pyramidenreiches der Maya lag in der Logik der Zerstörung Ägyptens und des daraus folgenden Exodus. In den spanischen Christen, die das Land eroberten und die alte Kultur heimsuchten, waren die Hebräer zurückgekehrt. Es war nicht das letzte Wort. Aber es sah doch so aus, als ob der Gott vom Sinai seine Pläne durchsetzen würde. Alles folgt seinem Gesetz, seinem Willen, und er hat ihn uns aufgeschrieben. Das Wunder der Schrift können wir nicht hinterfragen, wir würden sonst die Sprache verlieren.

Der kurzgeschlossene Gedanke lautet: Die Stunde der Maya ist das "Zeitalter des Wassermann". Damit würde das ökofeministische Engagement zum Element des "Wartens", es entspräche dem "Gesetz" der Maya und wäre dem kommenden Aion, dem Wiederbeginn, zuzuordnen. Dem Zeitalter Liliths oder der Schlange, gegen die sich der Falke erst wieder rüsten müßte. Die Pharaonen kämen wieder, und die Befreiung stünde in ferner Zukunft.

Diese Gedankenführung ist aufschlußreich, wiewohl oder weil sie sich aus einem Urbild entwickelt hat. Die Deutung des Namens MAYA aus hebr. MaJ=Wasser war der Anfang, und Daniel spricht von einer Flut, die Gott doch nicht wiederholen wollte. Aber die Wiederkehr besagt, daß nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, es ist, der die Wiederkehr ausdrücklich will. Innerhalb eines Aions wird es sich nicht wiederholen.

Von Aion zu Aion ist auch die Wiederkehr Gottes als des sich Offenbarenden. Wir sind vor dem Ende, und das ist der Verlust des Rechts. Es sei denn, daß wir kämpfen und die Rutschpartie ins Unverbindliche nicht akzeptieren. Dieser Kampf ist der ewige Kampf gegen Amaleq, der aber heute besonders stark und umfassend auftritt. Die Amaleqiter sind das ökofaschistische Syndrom, die feministische Verheerung der Schöpfung Gottes, der eklatant organisierte Verstoß gegen sein Gesetz.

Wir werden dem Verhängnis entgegenwirken, es zertrümmern und in seine Urbestandteile zerlegen. Feinarbeit steht ins Haus. ARON ist der Kasten, die Lade, der Sarg. Das Gefäß des Todes und des Neugeborenen. Das Ende des Aions hinauszögern, dann aber beschleunigen, um es hinter sich zu bringen. Wehen und Niederkunft. PERU ist eine Erinnerung: PRYH = Paroh - das ist der Titel der Könige von Ägypten, Pharao (= Großes Haus). PYR = öffnen, den Mund aufsperren (vor Gier). Beuteraum. Zeit der Plünderung. Das Volk wird ausgeraubt: so ist unser Alltag. Die Ausbeuter sind aber nicht Kapitalist und Globalist. Es ist der bankrotte Staat, die bikolore Regierung, diese Mischung, aus der bereits ein schmutziges Braun entsteht. Farbenlehre und politische Praxis scheinen hier übereinzustimmen.

Die lange Maya-Geschichte bringt uns an eine Wende: Es ist geschehen, weil Gott es so wollte. Die Maya-Weisen wußten, daß es geschehen würde. Die Sterne zeigten es an. Gab es Erdbeben, Vulkanausbrüche, Sturmfluten oder ähnliches? Oder kamen die Spanier unter heiterem Himmel? Sie wurden freundlich empfangen. Dennoch ging die Zivilisation unter. Einfach so? Das Volk scheint sich darein geschickt zu haben, es wird aber auch von jahrhundertelangen Kriegen und Aufständen berichtet.

Die Christen blieben, sie dachten nicht daran, den Kontinent wieder zu verlassen. "Amerika" hat den Besitzer gewechselt. Mit welchem Recht, wenn nicht dem Recht der von ihrem Gott geführten und gesegneten Eroberer. Das hat mit Moral nichts zu tun. So waltet die Geschichte. Gott schafft und zerstört. Die Politik partizipiert daran.

Wir wünschen uns eine ethisch begründete, demokratisch legitimierte Politik. Gott kommt darin nicht mehr vor, allenfalls in dem Sinne von "vox populi vox dei". Was das Volk entscheidet, das ist wohlgetan. Wer hat vor Gott recht? Eine Politik, die sich durchsetzt, ist "vor Gott als dem Herrn der Geschichte" die jeweils "richtige" Politik.

Wenn ich daran denke: ich stand an der Kante der "Golan-Höhen", ein Arm umfaßte mich und trug mich hinab in den "Amazonas". Der mich trug, sagte, daß er jetzt für eine Weile loslassen werde. Ich fand mich im "Amazonas" wieder, kroch auf dem Waldboden herum und wurde von einem verlotterten Weib angekeift. Ich hatte wieder Boden unter "allen Vieren".

Ich denke an die Worte Brechts: Die Wahrheit ist konkret. Auch du mußt es verstehen. Walter Benjamin erzählte von seiner Begegnung mit ihm. Auf Brechts Schreibtisch stand ein kleiner Esel, und der nickte nun mit dem Kopf. Bileams Esel verstand ja mehr als sein Herr.

Die kleinen schwarzen Falter wollen ihm das Leben beschweren?

Mit dem Drahtseilakt der wilden Hebräer ist der Auftakt gegeben. Ein neues Spiel wird beginnen. Eine Zirkusnummer soll der anderen folgen.

Es geht um eine Grundsatzfrage: ob die Tabuzone überschritten werden darf.

Sie haben die von Gott gegebenen Freiheiten und Rechte angetastet. Fluch über sie. Fluch. Nicht als Imperativ. Die Kraft der Verwünschung kommt aus der tiefen Verwurzelung, wenn es denn sein muß.

In einer Welt des ignorierten Gottes gilt: Recht ist Politik. Politik setzt das, was wir im Staate Recht nennen. Anderes Recht gibt es nicht. Um zu meinem Recht zu kommen, muß ich politisch agieren.

Und geh nicht zu nah an die Sümpfe und Moorlandschaften heran, schlag einen Bogen um sie. Göttliches Recht ist nicht das auf Erden. Er griffe denn ein.

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