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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Tor Weilach

Ruinen

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, begünstigt durch die mit der Währungsreform einhergehenden wirtschaftlichen Anreize, sind die Ruinen zerbombter Wohn-, Geschäfts- und Verwaltungshäuser, soweit sich eine Instandsetzung nicht hat ermöglichen lassen, allmählich aus dem Stadtbild verschwunden oder doch für den baldigen Abriß vorgesehen. Man hat in Berlin eine Zeitlang in allen Bezirken zugemauerte und mittels Zaun oder Bretterverschlag vom Bürgersteig abgegrenzte Ruinen und Trümmergrundstücke finden können. Man achtete nicht mehr darauf und eines Tages waren sie fort, womöglich stand an ihrer Stelle schon ein neues Gebäude oder seine Anfänge im Bau.

Heute ist von Ruinen kaum noch etwas übrig geblieben. Der schwarze Rest der Gedächtniskirche, ein winziges Stück vom ehemaligen Anhalter Bahnhof zählen zu den wenigen Überbleibseln des Krieges. Doch sind sie nicht eigentlich Ruinen. Ihre Bewahrung dient vor allem dem Fremdenverkehr, man denkt dabei an Wahrzeichen der Stadt und macht sich freilich hierbei das Mythische zunutze, das an jeder Ruine festgemacht ist, wie es scheint.

Ruinen, Häuserwracks, liegen geblieben, wie sie lagen, nachdem die Bomben gefallen waren, nur der Witterung ausgesetzt, dem natürlichen Verfall, dem zerstörenden Kinderspiel, sucht man wachsend ohne Erfolg. Vollends vergebens wird so ein Unterfangen in wenigen Jahren sein. Um diese Ruinen, durch die Regenstürme und Ängste zogen in den Nächten großer Städte; die von Gebrochenen und Verbrechern heimgesucht wurden und Ärgernis erregt haben; in deren Augenhöhlen die zersplitterten und angekohlten Jalousien Gespenster spielten, aus den Verstecken kam das Geheul der Heizungsrohre: um sie wird sich niemand mehr sorgen.

Ruinen, die zum Abriß vorgesehen sind, gehen ihrer natürlichen Bestimmung entgegen, nur wird die Gangart ein wenig oder doch beträchtlich beschleunigt. Die Zeit des Abbaus und des Zerfalls abzukürzen, indem der Vorgang komprimiert wird, hat ein Mann, irgendeiner, der auf einem Spaziergang sich befand, als Anmaßung, ja als Schlimmeres verurteilt: "Ihr habt uns die Ruinen genommen." Auf diesen Satz hin befragt, gibt er zur Antwort, daß er keine rationale Beziehung zu ihm habe, nicht Eigentümer oder Verfügungsberechtigter einer Ruine sei, die ihm wer genommen haben könnte. Er kenne weder Menschen, mit deren Ruinenbesitz er sich identifiziere, noch andere, denen jenen Vorwurf zu machen er sich veranlaßt und berechtigt sehe.

Er war an einer Ruine vorbeigekommen, ein großes, früheres Verwaltungsgebäude, das er nicht kannte, aber doch für ein solches des untergegangenen Dritten Reiches, wohl gar einer seiner Regierungsbehörden, halten konnte. "Ihr habt uns die Ruinen genommen, den Mythos, die Vergangenheit." Verwirrend ist an der Klage, daß sie nicht von einem Nazi gekommen ist. Im Gegenteil verabscheut der Mann jede Art von Faschismus, der für ihn ein geschichtliches Unheil ist. In seinen Augen ist der Faschist ein unaufgeklärter, unausgereifter, sich seiner selbst nicht bewußt gewordener Mensch, der sich in eine Scheinwelt begeben hat, in ein Seelenverlies, wo er vor der Überwältigung durch den scheinbar rationalen Alltag Obdach erwartet. Rückfall in ein Stadium des Mummenschanzes. Aber der Satz ist unbewußt gesprochen worden. Der Sprechende hat ihn nicht reflektiert. Das ungekürzte Zitat: "Ihr habt uns die Ruinen genommen, den Mythos, die Vergangenheit. Räuber seid ihr geworden!"

Wer ist gemeint? Was bedeutet es. Wer sind die Räuber, wer die Beraubten. Der Raub hat etwas Gewaltsames, Widerstände Überwindendes an sich. Gegen den Widerstand derer, die für die Erhaltung der Ruinen waren, sind diese abgebrochen worden; die sich den Mythos, die Vergangenheit nicht wollten nehmen lassen. Ruinen, Mythos und Vergangenheit sind nicht nur in dem zitierten Satz miteinander verwoben. Jeder Ruine haftet Mythisches an. Sie ist ein Teil der Geschichte. Der Abriß der Berliner Synagogen-Ruinen in den fünfziger Jahren gibt der Frage ein besonderes Gewicht.

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