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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Tor Weilach

Schuld und Gleichheit

Die Geschichte geht über derlei Dialektik rücksichtslos hinweg. Das macht sie uns zuweilen verdächtig, läßt uns am historischen Geschehen als einem weltgerichtlichen Prozeß zweifeln. Es fällt eben schwer, bei dem Gedanken an Auschwitz an einen sinnvollen Ablauf der Zeiten zu glauben. Es fällt schwer, mit physischen Augen die dokumentarisch festgehaltenen Leichenfelder der Tausend Jahre zu sehen, die tränenlosen Gesichter der Gequälten, und mit dem "seelischen Auge" eine göttliche Gerechtigkeit zu schauen. Es fällt schwer das Wissen oder Halbwissen von Folterungen, blutigen Rachefesten und letzten Gemeinheiten - in Ungarn, in Algerien, in Spanien, in der DDR, auf Kuba, in der Dominikanischen Republik, in Angola, im Kongo, in China, in Tibet... Es fällt schwer ineins mit der Hoffnung auf einen endlichen Sieg des Guten in der Welt. Es fällt schwer. Der Gedanke daran erscheint geradezu absurd. Die Frage nach der Schuld können wir allenfalls noch bejahen, nicht aber die Auswahl ausgerechnet der Schwächsten und am wenigsten Schuldigen für den globalen Opfergang. Und dennoch - die leidenschaftliche Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit darf nicht abbrechen, mag sie auch von Ohnmacht begleitet sein. Vielleicht ruht gerade in dieser Ohnmacht das Eigentliche, der Sinn...

Gegenwart, unmittelbar: Wir wissen, daß ein Vergleich mit den Verbrechen der Hitler-Ära die betonierte Sektorengrenze durch Berlin und den Terror in der Zone nachgerade als milde Tat erscheinen läßt. Indes, ein derartiger Vergleich ist in seiner Essenz nicht redlich. Untaten sind nicht gegeneinander aufzurechnen. Sie haben letztlich denselben Ursprung im Menschen. Nicht nur unser Recht ist es, sondern unsere Pflicht, das Unrecht beim Namen zu nennen. So muß das Argument, wir Deutsche hätten den Anspruch darauf vor der Geschichte verspielt, unwahrhaftig bleiben. Woran es hierzulande freilich noch mangelt, ist die Einsicht, daß das ganze Recht niemals nur auf der einen Seite steht; daß der Geist des Unrechts immer hüben und drüben wirkt. Wo er total zu herrschen vermag, liegt allein an der jeweiligen "Konstellation". Der Ungeist Rußlands ist niemals dem russischen Volke angelastet worden.

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