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Wo lassen Sie denken Où laissez-vous penser? Rent a brain...

Felix Pech

Die Falle

Rückschau auf eine erbärmliche Utopie

Geschrieben im Sommer 1971 / Kurzfassung

Beobachtungen und Erlebnisse am Rande einer oppositionellen Bewegung, die mit dem Anspruch auftrat, antiautoritär, d.h. gegen falsche, irrationale Autoritäten, also keine Autoritäten, gerichtet zu sein, und die sich schließlich als sozialistische Bewegung begriff.

Die Studenten waren von ihren theoretischen Studien her auf das Elend in der Dritten Welt, auf Ungerechtigkeit und Klassenunterschiede aufmerksam geworden. Fritz Teufel erwähnte in einer Gerichtsverhandlung, so erinnere ich mich, er sei durch die Lektüre von Marx und Engels auf die sozialen Probleme gestoßen.

Der Verfasser dieses Skripts las in den Arbeitspausen während der Nachtschicht in einem Westberliner Industriebetrieb die Schriften Herbert Marcuses und Walter Benjamins. Ihm hatte Theodor W. Adorno theoretische Hilfe geleistet - in einer Zeit, die ihm, dem Verfasser, gesellschaftspolitisch hoffnungslos erschienen war.

Davon weiß Adorno natürlich nichts; wie andererseits dem Verfasser mittlerweile klargeworden ist, daß die Schriften der "Frankfurter Schule" die Resignation auch gefördert haben.

Wenn die Studenten an den Universitäten nicht resignieren, so eben, weil sie nicht vereinzelt sind, sich gegenseitig weiterhin Mut zusprechen, sich kollektiv etwas vormachen; einer den andern tröstet, es habe selbstverständlich einen politischen, ja, historischen Sinn, an der Uni sich in Gruppen zu organisieren, die Wände mit Parolen zu bemalen, Professoren zu ärgern und ähnliches mehr - alles, natürlich, mit dem sozialistischen Anspruch.

Am Rande der APO geht es einem wie am Ufer eines Teiches: man sieht mehr vom Wasser als der, der mittendrin herumpaddelt und Wellen macht.

Wo ich nicht mitreden kann, das ist: bei der Erörterung der Zustände innerhalb der herrschenden Klasse. Wie die da leben und lieben auf Kosten der produzierenden Mehrheit, das kenne ich nicht aus eigener Anschauung. Wer Grund hat, gegen diese "Autoritäten" anzukämpfen, weil er ihnen persönlich sehr nahe steht, der möge es tun. Meine Sache ist das nicht. Aber das Volk kenne ich ganz gut. Da kann ich mitreden. Ich habe nie anderswo gelebt als im Volke, in den unteren Schichten, in der Klasse der überwältigenden Mehrheit.

Die ist nicht so undifferenziert, wie es von Leuten, die das nicht genauer kennen, angenommen werden mag. Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen solchen und anderen, zwischen Angestellten und Arbeitern etwa, zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, Beamten und Bediensteten, zwischen Arbeitern und Arbeitern, Fabrikarbeitern, Landarbeitern...

Ich habe es mir dialektisch so zurecht gelegt, daß sich im Zuge der Industrialisierung, wie Engels sah, die gesellschaftlichen Widersprüche verschärfen, und daß die Opfer, die dabei herausfallen, mein Interesse heischen.

Ich bin keiner von denen, die ihrer Klasse treu geblieben sind. Auf der Suche nach meiner Identität fand ich nur wieder auf sie zurück. Das ist meine Lehre, meine individuelle Erfahrung, die Geschichte meiner Bewußtwerdung, wenn man so will. Damit sehe ich mich nun freilich völlig isoliert, wie ist das möglich?

"Am Rande der APO" würde ich ebensogut überschrieben haben können: Die Konterrevolution hat gesiegt, einstweilen. Und ich sage das nicht nur so hin: ich habe Gründe für die Annahme, daß diese Konterrevolution organisiert auftrat, aufgetreten ist, auftritt, in sehr bunten Kleidern; daß sie eine Posse aufgeführt hat, von der alle meinten, es sei ein Stück Revolution, ein Stück gesellschaftlicher Metamorphose. Wer nicht darauf hereinfiel, der glaubte schlimmstenfalls an ein narzißtisch-obskures Seelendahinfließen, an intellektuelle Auflösungserscheinungen, nicht an organisierte Konterrevolution, arrangiert von den besten Massenpsychologen seit Hitler, wenngleich sie dem schon zu seiner Zeit recht nahe standen.

Der Schaden für die Linke ist noch nicht abzusehen. Der Schaden, den vielleicht nebenbei auch die "Wirtschaft" davontrug (etwa durch den "Verlust" von Arbeitskraft - soweit dies bei dem angesprochenen Personenkreis in Betracht kommt), ist durch das Aufflackern einer neuen Mode, die "Kreation" eines "neuen Lebensgefühls" mehr als wettgemacht. Die Industrie kann sich freuen, die chemische zumal, auf dem Umweg über Textilien, Schmuck, Schallplatten und anderen Schnickschnack die schon verloren geglaubte Jugend wiedergefunden zu haben.

Halten wir fest, daß im nachhinein weite Bereiche der so genannten antiautoritären Bewegung sich wie ein ausgemachter Werbegag einer aus den Nähten platzenden Industrie ausnehmen, bei dem die Studenten, Schüler und "Jungarbeiter" lediglich die Statisten abgaben.

Ich stelle mir vor, es gebe in der Bundesrepublik ein Institut für kollektive Irreführung. Ich kann es mir nur vorstellen, denn ich weiß nicht, ob es dergleichen gibt. Man wird das Gefühl nicht los, daß die Dialektiker auf seiten der Herrschenden waren; daß nur dort dialektisch gedacht und gehandelt wurde, bei gleichzeitiger Verhöhnung dialektischen Denkens. Diese Kreise haben "ihren" Lao-tse gelesen; sie wissen, wie man's macht, und halten sich auch an dessen Maxime, das Volk davon nichts (!) wissen zu lassen, weil sie sehr genau (!) wissen, daß damit ihre Stunde geschlagen hätte.

Der Vorwurf trifft die anti-rationalen Träumer genauso wie die phantasielosen Rationalisten, deren analytische Arbeitsweise ins Bodenlose führt, weg von der erkennbaren Realität. Man kann Brecht manches vorwerfen, aber daß die Wahrheit konkret ist, das hat er gewußt und gesagt, und davon ist er schließlich selber abgewichen.

Wir bleiben beim Thema, dem Aspekt der organisierten oder quasi-organisierten Konterrevolution innerhalb der Linken, und zwar genau da, wo sie als besonders "links" und "radikal" auftritt, nichts mehr gelten läßt und die Phantasie samt Denken dorthin verleitet, wo sie folgenlos bleiben muß: ins theoretisierende Nichts, in den theorielosen Aktionismus, in die bodenlose Analyse, also immer ins "Aus", weg vom Ball, alle Mittel sind da recht. Alles unter systematischer Ausschaltung des Souveräns der Geschichte, des "revolutionären Subjekts".

Die quasi-organisierte Konterrevolution wird sichtbar, wo auf der einen Seite ein faschistoider Zentralismus die Demokratie demoliert und auf der anderen Seite die Demokratie zum Demokratismus verschludert, der keinerlei Prinzipien mehr auf sich nehmen will. Die psychologische Ambivalenz birgt die Neigung kollektiver Unterwerfung, wo der so mißverstandene demokratische Widerstand auf Widerstand stößt.

Richtig ist: Du erkennst keine Herrschaft an, über dir und über dich, die von Menschen ausgeht. Doch erst die gemeinsame Orientierung an bestimmten Prinzipien gibt eine Gewähr für Freiheit, Freiheit nämlich nach dem Gesetz. Damit wird das Problem deutlich, aber seine Lösung nicht erleichtert. Im Gegenteil.

Denn wiederum beschlagnahmen Schriftgelehrte das Gesetz, bestimmen sie, was Gesetz ist, was nicht. Freiheit wäre demnach Freiheit der Wenigen, die sich der theoretischen Mühe unterziehen? Ihre Zahl zu mehren und die Theorie aus dem Gestrüpp analytischer Komplikation zu befreien, in der Tat, da steckt der Kern des Problems.

Die affektiven Widerstände gegen das Denken sind die Mörder der Freiheit.

Freiheit ist definiert worden als Freiheit der Sinne, auch gegen den Verstand; und man spricht von der Freiheit des Geistes. Wer die Dialektik zwischen Intellektualität und Sinnlichkeit nicht erkannt hat, sollte da besser nicht mitreden. Und wer darüber vergißt, die Dialektik sowohl sinnlicher wie auch geistiger Freiheit auf der einen Seite und der materiellen Bedingungen auf der anderen Seite zu bedenken, der trägt vollends zur Verwirrung bei.

Dennoch sollte man, meine ich, die materielle Grundlage nicht allzu eng, etwa nur als die ökonomische, finanzielle, auffassen - dann nämlich gibt es keinen Raum mehr für denjenigen, der eines Tages seinen Beutel packt und mit ein paar Mark in der Tasche eine Weltreise antritt; dann wird jeder Außenseiter, der das fertigbringt oder sonstwie aus der Reihe tanzt, verdächtigt, diskriminiert, tendenziell eliminiert.

Ich denke mit dem Kopf. Wo stehen meine Füße? Auf festem Boden, im Wasser, auf Eis, auf Sand, auf einem Berg, in einer Grube, in einem Keller, in einer Gefängniszelle, auf einer Folterbank. An der steinigen Küste auf Rhodos? In einem freien Griechenland - oder in einem, von dem ich weiß, daß da irgendwo auf einer Nachbarinsel politische Gefangene festgehalten werden? Auf dem Mond? Auf der Spitze eines Wolkenkratzers, in der Furche eines regenfeuchten Kartoffelackers, barfuß? In Schuhen? In bequemen Schuhen, unbequemen Schuhen? Nach dem Aufstehen frühmorgens - oder nach einem Fußmarsch über sechzig Kilometer seit dem frühen Morgen? Blasen an den Füßen? Schnittwunde, Hautflechte?

Das alles beeinflußt mein Denken, weil es meine Sehnsüchte bestimmt; weil es mitbestimmt, ob ich aus meiner jeweiligen Situation fliehen möchte oder in ihr verweilen, ob ich sie verändern will, kann, oder sie verneinen muß.

Denkdisziplin vermag einige Panik zu drosseln; wie umgekehrt Panik jede Rationalität zunichte machen kann, mitbestimmt von der mich umgebenden, tragenden, konkreten Situation.

Denken setzt mit der Analyse dieser Situation an, mit der konkreten Analyse, der dialektischen Analyse, die mithin nicht die Situation in ihre letzten, sondern ihre wesentlichen (!) Bestandteile, Widersprüche, zerlegt, und ihre Beziehung zum denkenden Subjekt und dessen Rolle, Funktion etc., in dieser Situation offen- und klarlegt.

Warum schreibe ich das alles? Weil es aus meiner Situation heraus ein Bedürfnis, vielleicht eine Notwendigkeit ist. Vielleicht aber auch eine Flucht aus ihr heraus, eine Ersatzhandlung, etwa für den mißlungenen, mißlingenden Versuch, meine Rückkehr in die von mir einst verlassene unterste Gesellschaftsklasse mit allen Konsequenzen zu realisieren.

Dies ist ein Bewußtwerdungsprozeß, der mich nur dann wirklich zurückführen könnte, wenn die gesamte Klasse diesen Weg aus sich heraus und auf sich zurück gegangen wäre, so daß ich auf gleiche, kollektive Erfahrung treffen würde.

Mein Weg ist mein individueller Weg, dem der eine oder andere ähneln, der irgendwie typisch für bestimmte Randfiguren innerhalb der Arbeiterklasse sein mag, den ich aber nicht verallgemeinern kann. Gleichwohl nütze ich die daraus gezogenen Erkenntnisse, um mir über die Situation der übrigen Arbeiterklasse, um mir besonders über die "letzten", nun wahrhaftig "unterprivilegierten" Schichten dieser Klasse ein Bild zu machen.

Der Blickwinkel, aus dem ich die Gesellschaft, also auch die Studentenbewegung und alles, was daraus geworden oder nicht geworden ist, sehe und kritisiere, ist jedenfalls ein grundlegend anderer als der der Studenten selbst, ein anderer als der der Arbeiterklasse, wie sie sich in diesem geschichtlichen Augenblick manifestiert.

Es ist nicht der Blick des Kleinbürgers; denn dafür fehlen sämtliche Voraussetzungen des Eingegliedertseins, des "beruflichen" Lebens, des täglichen Ablaufs der Rolle in der Gesellschaft. Es ist, wenn man's genau nehmen will, der Blickwinkel des proletarischen Grüblers, des intellektualisierten Proleten, dessen also, der sich intellektuell aus dem Proletariat herausentwickelt und dabei, unter den gegebenen Umständen, seine soziale Umwelt verloren hat, ohne doch eine neue vorzufinden.

Die Intellektualisierung erfolgte nicht in jenen Institutionen, die die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zur Verfügung hat: Schulen, Universitäten usw., man müßte sonst von einer Verbürgerlichung, Verkleinbürgerlichung sprechen. Nein, sie vollzog sich nebenher, neben der Tätigkeit als kleiner Lohn- und Gehaltsempfänger, wurde zuletzt zur materiellen Gewalt, die mich zwang, meinen "Beruf" aufzugeben, bei Strafe psychischer Erkrankung.

Das wird hier nicht dramatisiert; es ist einfach die Wahrheit. So war es. So bin ich geworden. Damit habe ich die materielle Lebensgrundlage verloren. Trotz gleicher sozio-ökonomischer Bedingungen hatte ich mich von meinen früheren Arbeitskollegen entfernt: zuerst bewußtseinsmäßig, schließlich sozial. Ich war buchstäblich "herausgewachsen".

Literatur vermittelte mir das, was ich nicht an der Universität erhalten konnte, weil mir die finanziellen Mittel dazu fehlten. Es wird verständlich: ein Bewußtwerdungs-, Vereinzelungs-, Isolierungsprozeß, eine Geschichte fortschreitender Vereinsamung und sich verschärfender Dialektik zur übrigen Gesellschaft.

Die oppositionelle Studentenbewegung, die APO, artikulierte viel von meinen Empfindungen, Gedanken; nicht zuletzt meine Berührung mit der "Frankfurter Schule" (via Suhrkamp Verlag) befähigte mich, das Wesen der Studentenbewegung zu begreifen. Insoweit hatte ich natürlich teil am allgemeinen gesellschaftlichen Überbau, beziehungsweise an den Oasen, die der Kritik verblieben waren, oder die sich eine kritische Minderheit freigedacht, freigeschrieben hatte.

Meine Teilnahme an dieser Entwicklung blieb jedoch eine fast ausschließlich intellektuelle; meine Versuche, mich auch organisatorisch-politisch zu engagieren, scheiterten meist schon in den Ansätzen. Woran lag das?

Es waren zweifellos Klassengegensätze, die da aufeinander trafen; eine Machtfrage, denn ich wäre niemals bereit gewesen, mich in Deutschland der "Führung" bürgerlicher Studenten, von denen ich wußte, daß ihre Väter Ministerialdirektoren und dergleichen mehr waren, zu unterwerfen - während sie mit aller Selbstverständlichkeit Führungsansprüche stellten, d.h. die historische Fortführung der Herrschaftsansprüche ihrer Elterngeneration, diesmal unter der Fahne der von ihnen Beherrschten, wenn nicht im Auge, so doch objektiv in ihren politischen Intentionen hatten.

Aber es war auch noch etwas anderes, das mich daran hinderte, da "hineinzukommen": subjektive, höchst individuelle Faktoren. Ich komme immer wieder darauf zurück, weil ohne sie die soziale Entwicklung des Verfassers nur halb verständlich wird. Aber selbst wenn ich all das hier ausbreite, erklärt es noch nicht, ja, verklärt es fast wieder meinen Anspruch, Gültiges über die Situation an den Rändern der gesellschaftlichen Basis auszusagen.

Wenn sich herausstellt, daß die Erfahrungen eines Einzelnen, mag sein: ein wenig ins Extrem verlaufend, bei aller Abweichung von der Norm typisch sind für die Erfahrungen der Klasse, aus der er sich herausgeschält hat, herausgeschält jedoch nicht in eine andere Klasse, sondern ins "Aus", ins politisch-historisch "Irrelevante" (?!) - erst wenn sich am Beispiel eines bescheidenen Extremfalles darstellen läßt, was allgemeiner gültig und darum bedenkenswert ist, erst dann wäre der Anspruch erfüllt.

Es ist dies zugleich ein Versuch, die soziale Dialektik zwischen Außenseitern, Minderheiten u.ä. und der gesellschaftlichen "Norm" aufzuzeigen. Das Thema "Am Rande der APO" schließt den Aspekt ja schon mit ein. Daß diese APO selbst eine gesellschaftliche Randerscheinung ist beziehungsweise war, kompliziert die Problematik vorerst ein wenig.

Während die kritischen Outsider der "bürgerlichen" Klasse sich in der APO organisierten, blieben die "proletarischen" Outsider unorganisiert, isoliert. Es waren zwei aufeinander zulaufende Entwicklungen der Bewußtwerdung und politischen Aktivierung, die jedoch nicht miteinander korrespondierten, oder doch nur so weit aus der Ferne, daß man von einem traurigen oder systematischen Aneinandervorbeilaufen sprechen könnte.

Was der gemeinsame Überbau - streckenweise - zusammenzuführen schien, riß der gegensätzliche - soziale - Unterbau wieder auseinander. Interessengegensätze verschärften sich zu Unvereinbarkeiten.

Die intellektuellen und organisatorischen Ansätze in der Arbeiterklasse sind quantitativ so schwach, daß dies einer geschichtlichen Katastrophe gleichkommt. Diese Katastrophe ist eine Folge der physischen Ausrottung proletarischer Opposition durch das historische Verbrechen des Nationalsozialismus.

Aus all diesen Gründen hätte jede autonome Regung in der Arbeiterklasse, jede winzige Spur von intellektueller Entfaltung in dieser Arbeiterklasse gehegt und gepflegt werden müssen. Das ist in unverantwortlicher Weise nicht nur unterlassen worden. Es wurde vielmehr alles unternommen, um solche Entfaltungen im Keim zu ersticken.

Darin besteht das historische Verbrechen: daß nicht das Proletariat als Klasse, wohl aber die Köpfe des Proletariats, seine intelligentesten, sensibelsten, aktivsten und konsequentesten Teile beseitigt wurden. Und die Feinde der Arbeiterklasse schlafen auch heute nicht.

Die nazistische Judenausrottung steckte dem Verbrechen die Nadel an: bewußt und ausdrücklich richtete sie sich gegen den "jüdischen Intellekt". Der Nazismus war die offenste, unverblümteste Kriegführung gegen den menschlichen Geist, gegen alles, was die Menschheit in ihrer Geschichte über die Katastrophen zu retten vermochte. Der Nazismus hat der Menschheit - als Menschheit - den Krieg erklärt.

Am Rande der APO ist man frustriert und zum Denken verurteilt. Es bleibt einem nichts weiter übrig, als die Arme zu verschränken und nachzudenken: über sich, über die APO, über die Beziehungen zueinander, über die Gesellschaft, über deren Beziehungen zur APO, über meine Beziehungen zu dieser Gesellschaft.

Aber man sieht auch Fehler, möchte den "Aktivisten" zurufen, daß sie gerade dabei sind, einen sehr dummen (!) Fehler zu begehen; es erklärt sich aus der gesellschaftlichen Stellung der meisten, gerade auch der tonangebenden Mitglieder in der Studentenbewegung.

Ich rede hier - 1971 - von APO und Studentenbewegung, obgleich beide, ihrem Selbstverständnis nach, gar nicht mehr existieren, sondern in einer "sozialistischen Bewegung" aufgegangen sind.

Allerdings hat es diese "Bewegung" bisher nicht vermocht, sich in der Arbeiterklasse zu verankern, sich theoretisch und praktisch in anderen als intellektuell bürgerlichen Kreisen einen politisch wirksamen Boden zu schaffen. Selbst wo es gelungen ist, Lehrlinge, Jungarbeiter, junge Angestellte vorerst zu gewinnen, geschieht dies nur in der Form, daß diese jungen Leute die Mitläufertrupps bilden; es sind Anhängsel der Studentenbewegung. Der historische Schwanz der alten APO hat die verordnete Beschränkung auf den universitären Bereich sichtlich akzeptiert. Kein Durchschnittsbürger, erst recht kein Arbeiter versteht mehr, was da eigentlich passiert. Es gibt zur Zeit keine Kommunikation zwischen linken Studenten und arbeitender Bevölkerung, keine, die ins Gewicht fiele.

Was jetzt an den Universitäten - z.B. Westberlins - geschieht, sind "Basis"-Aktivitäten im Überbau. Die Studenten, die den Sozialismus entdeckt haben, sehen sich - im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft - nicht als Teil des ideologischen Überbaus, sondern als Basis, gleichsam als Uranfang einer Massenbasis. Sie sprechen von "Massenorganisationen" (der Studenten!), im Gegensatz zu den "avantgardistischen" - "Führungsrolle" beanspruchenden - "Partei-Initiativen" etc., und sie nehmen das durchaus ernst. Gewisse gesellschaftliche Strukturen sind im kleinen auf die Universität übertragen worden, und nun spielt man gesellschaftlichen Konfliktfall.

Ich will nur kurze Überlegungen darüber anstellen, inwiefern mit dem forcierten Durchspielen konstruierter Modellfälle wissenschaftliches Material zu Erkenntnis und Verhinderung späterer, echter, sozialer Konflikte vorfabriziert und studiert wird. Da wäre sicherlich einiges der Geschehnisse in den vergangenen Jahren kritisch unter die Lupe zu nehmen. Material dieser Art, samt Adressenkatalogen, steht den interessierten Stellen, die Macht über uns haben, für alle erdenklichen Fälle zur Verfügung. Selbst die antiautoritäre Kindererziehung könnte eines Tages wie Schuppen von den Augen fallen.

Diese Überlegungen entstehen aus der Einsicht in die Notwendigkeit, den Denk- und Erkenntnisprozeß an der Stelle weiterzuführen, wo er, so scheint es mir jedenfalls, in eine Sackgasse geriet, aus der angeblich nur noch der "bewaffnete Kampf" herausführen könnte. Ich habe den Verdacht, daß diese "Endstation" im blanken Interesse der Herrschenden erreicht worden ist. Ihnen muß an einer "Kriminalisierung" der politischen Linken gelegen sein.

Ich stelle mir vor: sie animieren bestimmte linke Gruppen zum "bewaffneten Kampf". Sie können da ziemlich weit gehen, ohne sich zu gefährden.

Am Rande der APO habe ich den starken Eindruck gewonnen, daß dieser Staat seine feindlichen Rebellen am liebsten gleich selber stellt, um vor Überraschungen sicher zu sein. Was ich damit sagen will, ist höchst einfach: Die sogenannte außerparlamentarische Opposition der späten sechziger Jahre war ein großangelegter Coup der national und international organisierten Friedens- und Konfliktforschung. Da wurden Modelle und Fälle durchgespielt, da hat man "auf die Schnelle" Erkenntnisse erhalten, auf die man normalerweise, d.h. bei normaler, zu erwartender Entwicklung, noch Jahre hätte hoffen müssen, und dann wär's obendrein zu spät gewesen. Nein, dem ist man amtlicherseits zuvorgekommen. Ich glaube nicht an die Spontaneität dieser außerparlamentarischen Opposition.

Unerheblich, wer im einzelnen "echt" war. Sicherlich waren die Mitläufer echt. Sicherlich gab es da und dort ein paar Gruppen, die waren echt, aus der Situation heraus spontan entstanden. Man sollte sich gelegentlich die Mühe machen, solchen Gruppen und ihrem politischen "Schicksal" nachzugehen...

Die objektiv vorhandene Klassendifferenz kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß systematisch alle eigenständigen Gruppen, die einstweilen auf ihre Autonomie nicht verzichten wollten, ausgeschlossen, isoliert und unterwandert wurden. Während anfangs die Absicht bestand, die Führung zu übernehmen, wurde später mit der "antiautoritären" Masche jegliche Eigenständigkeit systematisch sabotiert. Die ideologisch Ungesicherten wurden "umgedreht". Zuletzt fand man die jungen Rebellen, mundtot gemacht, in eindimensional zentralistisch geführten Organisationen gehorsam und unkritisch wieder.

Hinter all diesen Vorgängen verbirgt sich eine Metadialektik, deren Kenntnis man den daran Interessierten durchaus zutrauen darf. Es waren eigentlich meine ersten kritischen Anmerkungen zu außerparlamentarischen Aktionen, die diese logischen Zusammenhänge beleuchteten.

Da war die "Hände-weg-von-Mahler"-Kampagne, die zu der militanten Aktion vor dem Landgericht am Tegeler Weg eskalierte. Als diente Mahler nicht mehr der APO, sondern die APO dem Mahler.

Mit der "Pinkel-Aktion" gegen die Zeitschrift "konkret" wurde der Faden zur Linken abgeschnitten. "Helfende Hände" konnten sich einfinden, um den Herausgeber Röhl - auch finanziell - zu retten. Für "konkret" gab es fortan jedenfalls keinen Grund mehr, sich "die Finger zu verbrennen".

Wem nützte die "Baader-Befreiung"? Keine einleuchtende Erklärung. Aufgeflogene Gruppen. Die zeitliche Übereinstimmung mit bestimmten Tendenzen in der außenpolitischen Szene machte mich stutzig.

Am Rande der APO macht man sich Gedanken. Da fallen einem Dinge auf, die die andern nicht sehen, da gehen einem Einzelheiten ins Auge. Zum Beispiel diese: Ein junger Buchhändler unterhält eine Fünfzimmerwohnung, hat viele Freunde und Bekannte; er vermietet Räume an frisch aus dem Westen Angereiste weiter: Langhaarige Globetrotter ebenso wie streng geschorene Amerikaner, die hier studieren oder arbeiten und später an andere Wohngemeinschaften etc.pp. weitergereicht werden. Alles okay, ein ununterbrochener Fluß, ein Durchfluß wie an einer Schleuse.

Der junge Mann und Familienvater heißt sogar Schleuse beziehungsweise läßt sich so nennen, sein Name erlaubt diese kleine orthographische Veränderung. Es geht um den Modellcharakter - und spricht sich herum. Irgendwann trifft man ein großes blondes Mädchen, Tochter eines ehemaligen SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Waffen-SS. Der Richter am "Volksgerichtshof" unter dem Vorsitz eines gewissen Roland Freisler verhandelt gegen Mitglieder der "Roten Kapelle". Das ist bereits der zweite Fall.

Im ersten war's ein Sohn des Leiters jenes Gestapo-Sonderkommandos in Paris, das sich mit den dortigen Teilen dieser "Roten Kapelle" befaßte.

Dann ist da noch etwas: Student, Geologe, Kartograph, hält sich lange Zeit in Afrika auf, wo er, wie er sagt, mit Rebellen sympathisierte. Eines Tages äußert er den Wunsch, sich dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr anzudienen...

Das Auffallende: daß solche Leute zunächst völlig unpolitisch sich untermischen. Außerhalb des Landes macht der MAD-Aspirant den Eindruck, als sei er ein Linker. Unterdes füllt er seine theoretischen Lücken auf.

Alles in allem verschiedene, äußerlich entfernt vergleichbare "Fälle", die hier zusammentreffen, das räume ich ein. Mir fallen einige Fakten auf, die sich in der vergangenen Zeit gehäuft haben. Es müssen nicht "agents provocateurs" sein. Es genügt, wenn sie Informationen sammeln, bestimmte Dinge wissen, über die sie später am Familientisch, ich denke wieder an die Nachgeschichte der "Roten Kapelle" beziehungsweise der Treibjagd auf sie, vor dem SS- und Gestapo-Vater zwanglos plaudern können. Denn der ist weiterhin im Dienst, die Nazijahre sind für ihn nie zu Ende gegangen. Privat ging es weiter nach dem Krieg; Biertisch, Verein, Hilfsorganisation, Förderkreis für eine Zeitung. Bekannte, Freunde, alte Kameraden, damit hatte es sich, gut, und wer wissen wollte, wandte sich an sie, die wußten, die sehr viel wußten; und "für Deutschland", gegen die "jüdische" und "kommunistische" Gefahr, waren und bleiben sie bereit...

Sie lassen, so meine begründete Hypothese, ihre Kinder "an der langen Leine" in linke Kommunen und Gruppierungen laufen. Vorsicht, ich sage: gebt sorgfältig acht: denn, nochmals, diese jungen Leute sind nicht notwendig wissentlich Schnüffler, sondern einfach auf Grund ihrer familiären Beziehungen zu nazistischen Profis, einstigen Juden- und Partisanenjägern gefährlich.

Beispiel: Ein Altnazi hat zwei Söhne, der eine ist kriminell, hat schon mehrmals geklaut, eingebrochen, ein unglücklicher Mensch, der sich von seinem Vater lossagt und irgendwo untertaucht; irgendwann landet der Gestrauchelte in linken Kreisen. Sein älterer Bruder, der noch Kontakt zum Vater hat, kümmert sich um ihn. Er weiß, wo das schwarze Schaf der Familie verkehrt, und erfährt nebenbei, was sich in diesen linken Kreisen so tut. Das "schwarze Schaf" kommt regelmäßig zu ihm zurück, immer dann, wenn es in Geldnöten steckt. Der "gute" Bruder hilft aus, jener verschwindet wieder. Der "Gute" ist der einzige, der zu dem "Bösen" Kontakt hält.

Ein Verwandter ist Kommissar beim Bundeskriminalamt, gegenwärtiges Aufgabengebiet: Fahndungssache "Banküberfälle etc. der sogenannten Baader-Meinhof-Bande". Er kommt nach Berlin, verhört hier u.a. auch Horst Mahler, besucht seinen Schwager, den "guten" der zwei Brüder...

Hypothese: der "böse" Bruder, der wegen schweren Einbruchs (auf Wunsch des Gestapovaters: schwer) bestraft worden ist, hängt in einer "Bank"-Sache mit drin. Auf die Idee hat mich sein "guter" Bruder gebracht, der als Sohn eines Gestapo-Beamten und ehemaligen Kriminalrats gelernt hat, um solche Ecken herum zu denken. Das heißt, er stellte die vorgegebene Möglichkeit, nachdem unser Gespräch sie sozusagen in den Mund gelegt hatte, strikt in Abrede.

Woher ich jene Gestapo-Söhne kenne? Der "gute" ist mein Untermieter. Er bewohnt meine zweite Wohnung, mit Dach-Atelier-Mansarde. Durchs schmale Fenster des Treppen-Klos sieht man direkt in den Hinterhof der ausgeraubten Bank.

Wir haben von "latentem Faschismus" gesprochen. Wahrscheinlich wird es wie "Seelen-Diagnose" verstanden, nicht als knappe Schilderung eines sozialen Sachverhalts, einer infrastrukturellen Gegebenheit.

Da hat, so die Nachricht im Westberliner "Abend" vom 16.8.71, in Frankfurt ein "Kommunarde", 16jährig, aus einer Dachluke heraus auf ein Baby geschossen. Tot. Daraufhin wurde die ganze "Kommune" festgenommen. Ehemalige Fürsorgezöglinge, heißt es, aus ihren Heimen entwichen. Achtung: "Nach ihrer Ergreifung wurden sie jedoch von der Stadt Frankfurt nicht wieder eingeliefert, sondern im Rahmen eines Modellversuchs zur Resozialisierung untergebracht." Modellversuch. Destabilisierende Verwahrlosung im Experiment.

Unter Berliner Fürsorgezöglingen (beziehungsweise in Kreisen ihrer "Betreuer") ist davon gesprochen worden, den Springer, Axel, "abzuknallen". Der sei "schlimmer als Hitler". Das, aus dem Munde des Sohnes eines prominenten Gestapo-Beamten, hat mich aufhorchen lassen.

Was soll da eines Tages wem in die Schuhe geschoben werden? Er sagte, viele Söhne und Töchter aus führenden SS-Familien seien heute in der Sozialarbeit tätig. "Vielleicht, um etwas gutzumachen."

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