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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

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Subject: Eine Art Requiem

Bereits auf der Heimfahrt (Högda ist mir mittlerweile eine Art Zuhause geworden) sind wir - mein Freund, hörst Du, mein ganz intimer Freund Kiem und ich, Jorge Kiem - reichlich voll; Kiem mehr, noch mehr als ich. Er kotzt in die Ascher dieses Zuges, der sich Eilzug nennt, obzwar in jedem verdammten Kuh-Kaff haltend und wartend und wartend und wartend, worauf auch immer, verdammt nochmal.

Kiem schließt den Ascher, um seine Kotze nicht sehen zu müßen, unwillkürlich zu sehen und dabei zu erkennen - wiederzuerkennen. Ich selbst aber, der, in totalem Widerspruch zu Kiem (Jorge Kiem, der so lautstark und originell wie möglich "Like Ice In The Sunshine" interpretiert, ohne dabei weiter auf die ursprünglichen Lyrics Rücksicht zu nehmen), allzu schweigsame, schweigende, ja stumme Beobachter, bin so wenig jener neutrale Beobachter, den Du kennst, Carpio, so daß ich den Ascher wieder öffne, schweinisch grinsend wieder öffne, um (dem) Kiem seine Kotze, seine eigene Kotze zu sehen und zu erkennen, wiedererkennen zu lassen.

Und Kiem, Jorge Kiem, dieser Dorian Gray, kotzt noch einmal, immer wieder noch einmal. Doch es kommt nur noch Schleim; die Rotze, die ihm dabei aus beiden Nasenlöchern sickert, ist noch zähflüssiger, zäher. Und die fetten Brocken hat er auf dem Boden breitgetrampelt und im Ascher mit Bier getränkt. Sie schwimmen in Bier, in Beck's Bier aus der Dose. Beck's Bier tränkt nun auch sein von der eigenen Kotze versüfftes T-Shirt und sprudelt, von eigener Hand verschüttet, über seine Jeans und auf das Sitzpolster.

Kiem erhebt sich bedächtig, baut sich, eingeknickt oder vielmehr in sich zusammengekrümmt wie eine Krampe, also wie ein U-förmig gebogener Haken, vor mich hin und fordert mich mit jenem charakteristischen Zurückwerfen seiner strähnigen, fettigen, schuppenflechtigen Tolle auf, ihm zu folgen, wie immer, immer wieder und überall, wenn es sich um ihn selbst dreht, kompromißlos zu folgen. Er zieht mich hoch, immer höher, ohne mich anzufassen, ohne mich wirklich zu berühren, - und ich folge ihm, folge ihm ganz ohne Kompromisse, bedingungslos. Ich folge ihm also ohne weiteres und immer weiter - immer weiter. Weiter in den nächsten Wagen, den wir, wir beide allein, leerfegen, also reinigen, gleichsam allen anderen Wagen reinigen werden von all diesen Leuten: Leute, die sich von einem Jorge Kiem einschüchtern, ohne weiteres einschüchtern lassen und die Ed Kopsch überhaupt nicht einschätzen und demnach auch nicht einordnen können. Auch der Schaffner, doch ein recht imposanter Jahrgang, läßt sich überhaupt nicht mehr blicken. Er hat was... irgend etwas... Respekteinflößendes...

Aber Kiem, Jorge Kiem kotzt auf alles und alle; und Lachen von Beck's Bier stehen auf den Sitzen und sickern in die Polster ein. Absichtlich. Doch verdammt pedantisch. Ja, Kiem ist ein Pedant, ist gleich der ewige Pedant jenseits von Gut und Böse und Schwarz und Weiß. Kiem ist perfekt, auf seine ganz eigensinnige, eigenwillige, unbewußt destruktiv-anarchische Art und Weise perfekt - doch keineswegs Perfektionist oder perfektionistisch... Was soll's - man zieht weiter im Zug: Kiem in sich zusammengekrümmt wie eine Krampe und aufstoßend, immer wieder aufstoßend und eine durchdringende Fahne rülpsend, ausrülpsend und röhrend; ich selbst starr, erstarrt, stumpf, abgestumpft, hohl, leer, trocken, unterkühlt und meiner selbst noch allzu gründlich, allzu klar und deutlich bewußt, bewußt.

Und er - Kiem, Jorge Kiem - röhrt es aus sich, aus sich selbst heraus und hinaus, röhrt es weit, unendlich weit, verdammt weit hinaus: weg damit, irgendwohin weg damit; fort, fort bis irgendwann wieder, zumeist bis irgendwann am frühen Morgen; irgendwann, doch immer, immer wieder am frühen Morgen, verdammt nochmal. Und dem Schaffner ist's egal, im Prinzip egal wie die Scheiße, die Scheiße von einem hastig heruntergewürgten Frühstück, die er jeden Morgen wieder in die Kanalisation spült, unausgeschlafen wegspült. Für immer? Scheißegal! Immer weiter...

Als wir aussteigen, gerät Kiem irgendwo, irgendwie, wie auch immer mit Schmierfett in Berührung. Es ist an seinen Fingern und an seiner Hand klebengebleben; und in seiner Hand trägt er eine Plastiktüte, einer dieser konventionellen milchig weißen Plastiktüten. Also klebt ihm das Schmierfett nun auch an der Tüte; und es gleicht menschlicher, allzu menschlicher Scheiße.

Scheißegal.

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