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Der Krieg ist der Vater der Dinge. -HERAKLIT

Horst Lummert

27.2.82

An die
Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden
Landesverband Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Schreiben vom 14.2.82, in dem ich u.a. auch meinen Austritt erklärte, haben Sie - ohne jede Anrede per Vordruck mit Datum vom 17.2.82 - routinemäßig "beantwortet", indem Sie vor allem auf Nachteile hinweisen, die mit einer Aufgabe der Mitgliedschaft verbunden sind, und anfragen, ob da womöglich noch "Fragen" bestünden. "Haben Sie sich diesen Schritt in aller Ruhe überlegt? Wollen Sie tatsächlich Ihre Mitgliedschaft kündigen, vielleicht aus irgendeinem Ärger? Oder haben Sie Fragen, die Sie bisher nicht ausreichend beantwortet bekamen?"

In aller Ruhe: Der "Rechtsanspruch auf alle tarifvertraglich vereinbarten Leistungen gegen den Arbeitgeber" gehört gerade nicht zu den "Leistungen, die nur den Mitgliedern der I.G.Bau-Steine-Erden zustehen". Aber Sie konnten bereits meinem Kündigungsschreiben deutlich entnehmen, daß der Verzicht auf die Mitgliedschaft für mich einen moralischen Gewinn bedeutet. Auch Ihre Nachfrage nach eventuellen "Fragen" war überflüssig. Für meine Austrittserklärung hatte ich ein ganzes Bündel Begründungen angegeben, die eine einzige Infragestellung darstellen, in der Tat.

Ich weiß nicht, ob das Wort "Skandal" ausreicht, um die Vorgänge zu bezeichnen, die einer jahrelangen Entwicklung nun sozusagen die Krone aufgesetzt haben. Wahrschelnlich aber ist es eine politische Katastrophe von noch gar nicht absehbaren Ausmaßen vor allem psychologischer und, eben, moralischer Natur, daß in einer Zeit, da es auf gewerkschaftliches, auf solidarisches Bewußtsein vielleicht mehr denn je ankommt, die Spitzenfunktionäre der DGB-Gewerkschaften durch eklatant gewerkschaftswidriges und arbeiterfeindliches Verhalten unseren traditionellen Gegnern Argumente in die Hand geliefert haben, die jede weitere Solidarität mit solchem Gewerkschaftsestablishment zur Komplizenschaft verkommen lassen müssen.

Permanente, oft genug künstlich "gemanagte", Wirtschafts-, Staats- und Finanz-"Krisen" gehen nur noch zu Lasten der Untersten und Ärmsten. Arbeitslose bekommen weniger Geld und müssen, falls sie von ihrem Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes, d.h. also auch von ihrem Kündigungsrecht Gebrauch machten, die doppelte Zeit (als ob's nicht schlimm genug war nach der bisherigen Regelung) auf ihr erstes Unterstützungsgeld warten, so sie einen neuen Arbeitsplatz nicht finden. Eine staatliche Strafanmaßung, die hierzulande auf keinerlei ernstzunehmende Widerrede stößt.

Rentner sollen Krankenversicherungsbeiträge zahlen, Altenheimbewohnern wird das Taschengeld gekürzt, Behinderte müssen (das "Jahr der Behinderten" 1981 ist soeben herum) seit dem 1.1.82 den vollen BVG-Preis bezahlen, Bafög-Ansprüche werden beschnitten - und so weiter...

Die anspruchsrechtlich gar nicht faßbaren Lohnkürzungen im Baugewerbe durch den Entzug oder durch Kürzung "übertariflich" gezahlter Beträge gehen insofern an die Substanz, als ja ohne diese "Über"zahlungen, d.h. also mit dem reinen Tariflohn, der Berliner Bauarbeiter kaufkraftmäßig etwa um ein ganzes Jahrzehnt zurückfällt. Die von der IG Bau "erkämpften" Verbesserungen geben nur deshalb ihre Lächerlichkeit nicht preis, weil - und solange - durch Akkordarbeit und freiwillige Unternehmerleistungen (für die die Gewerkschaft nicht einmal Gewohnheitsrechte geltend machen konnte) der wahre Sachverhalt verschleiert wird.

"Arbeitslosigkeit" und Lohnkürzungen bei erheblicher Mehrarbeit für die "Zurückgebliebenen": das gehört alles zusammen unter die Rubrik 'Verschärfung der Lohnsklaverei'. Ich weiß nicht, welche Hand da nun die jeweils andere erfolgreicher gewaschen hat. Daß die Arbeiter sich allmählich wie verlassen, verraten und verkauft vorkommen müßten, liegt eigentlich auf der Hand.

Die schweren Unterlassungen auf gewerkschaftlicher Seite bestehen gleichsam zentral in der groben, ja grob fahrlässigen Verschlampung des Solidaritätsgebots - bei enger Verknüpfung dieses, doch wohl ersten Gebots mit den über Lohnforderungen hinausweisenden, weiterreichenden gesellschaftspolitischen Forderungen, Wünschen, Notwendigkeiten. Solidarität mit den heute Arbeitslosen, d.h. zunächst einmal nur von Entlassung Bedrohten, hätte geheißen: Keiner wird entlassen. Wenn die Arbeit nicht ausreicht für alle, arbeiten alle etwas weniger. Fünfunddreißigstundenwoche, Dreißigstundenwoche... Was immer geschehe - es verteilt sich auf alle! Und wenn es allen an den Kragen geht, gibt es vielleicht einmal wieder so etwas wie ein gewerkschaftliches Bewußtsein...

Eine gute alte gewerkschaftliche Erkenntnis lautete: Akkord ist Mord. Inzwischen ist daraus ein alltäglicher Massenmord geworden, an dem kein Mensch mehr Anstoß nimmt. Die Urlaubsansprüche im Baugewerbe spotten jeder Beschreibung. Wahrscheinlich wird davon ausgegangen, daß die Bauleute ohnehin schon genug an der frischen Luft sind und nicht soviel Erholung brauchen. Die Geschichte der Unfallstatistik schreit zum Himmel. Hoch- und Tiefbau sind heute lebensgefährlicher als der Bergbau. Die Alternative zum Höllenfahrtskommando bleibt unter solchen Umständen die Arbeitslosigkeit (mit reduzierten Leistungen, versteht sich).

Technische Hilfsmittel (Kran, Förderbänder, Bagger, Aufzüge, kleine Baustellentransportfahrzeuge etc. ) stehen grundsätzlich nur zur Verfügung, wenn sich die Firma einen Gewinn davon verspricht. Die Technik des 20sten Jahrhunderts geht an den Baustellen vorbei, falls es "nur" darum geht, den Arbeitern die Arbeit zu erleichtern. Elementar-Arbeiten erfolgen wie vor tausend und zweitausend Jahren mit Meißel, Hammer, Schaufel, Karre, Kelle - vor allem aber mit den Knochen der Leute. Es sollte einmal statistisch erfaßt werden der Zusammenhang zwischen dem Abbau eines Krans und der Zunahme der Wirbelsäulenerkrankungen. Manch einem Neandertaler würde es zur Ehre gereichen, da noch einmal kräftig zupacken zu dürfen. Jedenfalls hätte der Typus nie aussterben dürfen, auf dem Bau wird er immer noch gebraucht. Die Vernichtung jeder humanen Substanz durch Arbeit ist so etwa das Gegenteil von dem, was die alte Arbeiterbewegung sich einst auf die Fahnen, vor allem aber ins Gedächtnis eingeschrieben hatte. Alles vergessen.

"Unseren" Arbeitnehmervertretern bei Bau-Steine-Erden scheint noch nicht einmal aufgefallen zu sein, daß der platteste Gleichheitsgrundsatz für die ihnen Anvertrauten und Ausgelieferten auf seine Realisierung wartet - wahrscheinlich bis zum SanktNimmerleinstag. Die breite Klasse der lohnabhängigen Arbeitnehmer ist nämlich wie ein bedauernswertes Opfer mittelalterlicher "Rechts"sprechung in vier Teile aufgeschnitten worden, die einzelnen Teile liegen nun übereinander geschichtet. Ganz oben die Beamten - sie bekommen ihr Gehalt einen Monat im voraus. Die 'öffentlich' Angestellten erhalten es am Fünfzehnten für den laufenden Monat - also eine Hälfte nachträglich, die andere Hälfte vorab. Die in der Privatwirtschaft Beschäftigten, soweit sie nicht Bauwirtschaft ist, bekommen ihr Geld am Ende des Monats, also rückwirkend, unmittelbar, nachdem die Monatsarbeit getan ist. Die unterste Schicht bilden die Bauarbeiter. Sie kriegen ihren Lohn am Fünfzehnten des darauffolgenden Monats. Wenn die Bauarbeiter ihren Januarlohn bekommen, haben die Beamten ihre Februarbesoldung seit vierzehn Tagen in der Tasche (oder längst ausgegeben), sie brauchen nur noch zwei Wochen zu warten, dann winkt bereits ihr Märzgehalt.

Daß die Gewerkschaft auch noch ein paar andere Verpflichtungen hat, zum Beispiel kultureller Art, davon redet sowieso niemand mehr. Das allgemeine Unverständnis für solcherlei Dinge und die Selbstverständlichkeit, mit der die die menschliche Würde überhaupt erst begründenden Akzidenzien, gleichsam das Salz für die Suppe, leichterhand vom Tisch gewischt werden, das alles fügt sich natürlich in die tendenzielle (und tendenziöse) Verfälschung des Menschenbildes zum Bild von einem Menschen als intelligentem Arbeitstier. Simpelste Selbstverständlichkeiten am Arbeitsplatz, auf den Baustellen, sanitäre Einrichtungen, die schlichte Einhaltung der Baustellenordnung, die meines Wissens großenteils noch aus der Nazizeit stammt, heutigem Standard ohnehin nicht gerecht wird - selbst solche Minima an Humanisierungsmöglichkeiten sind oft schon nur noch gegen die Kollegen durchzusetzen. So etwas wie eine 'Erziehung' zu innergewerkschaftlicher und schließlich innerbetrieblicher Demokratie, die mit der klassensolidarischen Kollegialität beginnt und endet, hat überhaupt nicht stattgefunden. Wenn die "Kollegen" sich gegenseitig "anscheißen" und beim Polier oder Bauführer "in die Pfanne hauen", hat alles seine Ordnung. Diese allgemeine, ich möchte sagen, Selbsterziehung zum Neuen Untertan macht die Unternehmer lächeln und zuversichtlich fürs kommende Jahrtausend.

Alles in allem verwundert es natürlich überhaupt nicht, daß die polnischen Arbeiter von den deutschen Gewerkschaften alleingelassen wurden, als ihre selbstgeschaffene, legal, offen und demokratisch komponierte republikanische Freiheit unter die Stiefel einer miesen Militärjunta geriet. Aber man soll sich nicht an alles gewöhnen.

Der Skandal um die 'Neue Heimat' setzte der Krone eine Krone drauf. Ganz unten nun die Arbeitslosen, die betrogenen Arbeiter, die betrogenen Beitragszahler, die Rentner, die Behinderten, die Familien mit Kindern... Und obenauf unsere (" ") Absahner- und Abstauber-"Kollegen", die Verräter an den edelsten Gedanken, die aus der Arbeiterbewegung einmal hervorgegangen waren.

(...)

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