Erschienen in:
Der Graue Fundus: Horst Lummert (Avram Kokhaviv)
Band 1. Die letzten 100 Artikel
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2010-05-14

Horst Lummert

Die Ergänzungen*

* zu Unger Varnsdorf: Horst Lummert

Mein «Chronist» Unger Varnsdorf (siehe Synonyme) wird diesmal entlastet, die fraglichen Ergänzungen will ich selbst beitragen.

Es geht um den großen Rahmen, ums geschichtliche Umfeld dazumal und bald danach.

Wie kamen wir damit zurecht, wie waren wir Deutschen auf einmal nicht mehr existent, nicht mehr wirklich existent?

Berlin war zerstört; anfangs von der Roten Armee, dann auch von den westlichen Alliierten besetzt.

Was spielten die Deutschen da noch für eine Rolle, wie konnten sie auch?

In jüngster Zeit sind zwei deutsche Fernseh-Produktionen über den Bildschirm gelaufen, einmal «Dresden», dann «Anonyma - eine Frau in Berlin».

Wer die Zeit damals miterlebt hat, schaut sich das alles natürlich sehr kritisch an.

Die Filme versuchen, die Wahrheit aufzuzeigen, bei ihr zu bleiben, und ich muß sagen, daß für deutsche Verhältnisse die Vorgänge halbwegs wahrhaftig, im Falle Berlin sogar ungewohnt mutig dargestellt werden.

Was mich bewegt, ist die Frage, wie denn die Deutschen nach diesen Katastrophen weitermachten, wieder auf die Beine kommen konnten.

Als die Tagebuchaufzeichnungen «Anonyma» in den fünfziger Jahren erstmals gedruckt erschienen, wurden sie verdammt: «Eine Schande für die deutsche Frau»!

In der Tat, beim ersten Hinsehen benehmen sich die Frauen schändlich, nicht würdig, nicht stolz - mit Ausnahme einiger Mädchen.

Am schlimmsten führen sich die älteren Frauen auf, die in albernen Frivolitäten gefallen.

In Wahrheit aber sind die Hunderttausende Vergewaltigungen eine Schande für den deutschen Mann, für die deutsche Wehrmacht, für die Führung des Reiches: daß sie die Frauen nicht zu schützen wußten.

Dieser Zustand hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt.

Wie ich Berlin vorfand, als ich am 30. August 1945 unmittelbar an den Messehallen am Funkturm eintraf, wir waren gerade aus Dresden angekommen.

Dresdens Altstadt lernte ich als komplette Trümmerlandschaft kennen.

Berlin aber war eine funktionierende Stadt - ein Vierteljahr nach Kriegsende.

Wir fuhren mit der Straßenbahn durch die Kantstraße bis zum Bahnhof Zoo, von dort mit der U-Bahn nach Pankow Vinetastraße, dann weiter mit der Straßenbahn nach Niederschönhausen.

Damit hatten wir nicht gerechnet.

In den Messehallen waren bereits britische Soldaten untergebracht.

In «Anonyma» wird gesagt: «Berlin gehört jetzt uns», den Russen, aber wie war es damit?

Am 8. Mai 1945 war der Krieg offiziell zu Ende, Ende Mai wurden die Renten für den Monat Juni 1945 ausgezahlt, das Leben ging weiter, wie war das möglich?

Die Infrastruktur blieb nach wie vor intakt.

Ich erlebte Berlin im Spätsommer 45 als Stadt der Berliner, die russischen Soldaten hatten sich auf ihren Sektor und in ihre Kasernen zurück gezogen, nur ab und zu marschierte mal eine kleine Gruppe singend durch Pankow.

Sie waren, wenn man so will, unsere - wenn auch ungeliebten - Gäste, nicht wir die ihren.

Der städtische Verkehr, die pünktlichen Geldzahlungen an die Rentner, die Ordnung auf den Straßen, die Beseitigung der Trümmer, es war nicht das Werk der Alliierten, die Dinge lagen in deutscher Hand, die Wohnungs- und Arbeitsämter arbeiteten, die Behörden insgesamt waren in Betrieb.

Unsere Pankower Schule war durch einen Bombeneinschlag buchstäblich halbiert worden.

In dem Krater lagen die Utensilien des Materialzimmers herum - ausgestopfte Vögel, Landkarten, Skelette...

Wir kletterten in das Loch, retteten, was zu retten war, und vernagelten die Schadensstelle mit Brettern und Platten.

In den privaten Firmen ging das Leben mehr oder weniger ungestört weiter.

Ein Problem war die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Heizmaterial und Lebensmitteln, von denen natürlich große Teile an die Besatzungstruppen gingen.

Solange die Alliierten nicht selbst für ihre Soldaten sorgten, mußten die Berliner hungern und frieren, und wir hungerten und froren nicht wenig - bis etwa 1948, dem Jahr der Währungsreform.

Die Amerikaner sind hiervon auszunehmen, sie organisierten sogar die von nachgewachsenen Polit-Naseweisen heute belächelte - im übrigen immer als «schwedisch» deklarierte - Schulspeisung, die manchem von uns und - per Nachschlag - unseren Familien das Leben rettete.

Der Schwarze Markt sorgte für das Fehlende, was die deutsche Polizei natürlich zu unterbinden suchte.

Im strengsten Nachkriegswinter 46/47 sind viele, vor allem alte Menschen in ihren Wohnungen erfroren.

Einmal geriet ich in eine Razzia, wurde mit den anderen im offenen Lastwagen nach Tegel transportiert, wo wir bis nach Mitternacht warten mußten, dann fuhr nämlich keine Bahn mehr, also ging es zu Fuß und mit leerem Magen den weiten Weg nach Hause.

Die erste größere Straßenschlacht erlebte ich im Herbst 1945 am Wedding in der Reinickendorfer Straße zwischen Wiesen- und Schulstraße, junge Männer trieben die Polizei vor sich her in Richtung Reinickendorf.

Ungewöhnlich für das damalige Berlin war das Verhalten der französischen Besatzungssoldaten, die etwa in der Müllerstraße, eingehakt in langer Reihe quer über den breiten Bürgersteig, die Deutschen beiseite zu schieben suchten, aber die wehrten sich.

Die Franzosen waren nicht sonderlich angesehen, in unseren Augen hatten sie 1940 den Krieg verloren, jetzt spielten sie sich als Besatzer auf.

Sie mußten ein großes Lager VW-Käfer erbeutet haben, jedenfalls sah man sie überall mit diesen Autos herum fahren, die sie sich irgendwie dunkel angestrichen hatten.

Die deutsch-alliierten Konflikte beruhigten sich mit der Entwicklung des größeren Ost-West-Konflikts.

Der Kalte Krieg war imgrunde ein Segen für die Deutschen, jetzt wurden sie wieder gebraucht.

Beide Seiten bemühten sich um sie, gründeten neue Staaten und Armeen, bauten Grenzen und entwickelten neue Ideologien.

Auf ihre Art haben die Deutschen ihre Besatzer ganz gut überstanden, sie sind sie inzwischen los, haben ihr Land wieder vereinigt, was will man noch mehr?

Unterschwellig geht der Streit allerdings weiter, damit haben wir uns in den vergangenen Jahren ausgiebig befaßt.

Manchmal möchte man auf den Gedanken kommen, daß die Deutschen den Krieg verloren, den Frieden aber gewonnen hätten.

Doch die Situation ist komplizierter, wie wir wissen.

Ein wesentliches Moment neuen Bewußtseins resultierte aus der britisch und amerikanisch gesicherten Meinungs- und Informationsfreiheit.

Die amerikanische Musik - vorneweg Glenn Miller, der schon tot war, was wir aber nicht wußten - veränderte geradezu revolutionär die ursprünglich eher pessimistisch gestimmte Weltsicht der Deutschen.

Weitere Ergänzungen - Von Ost nach West eine Grundsatzentscheidung sowie Kritische Punkte und Gegenstände der Kritik - erübrigen sich; diesbezügliche Erklärungen und Begründungen sind seit langem - unter vielen Namen - Thema dieser Seiten.

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