Erschienen in:
Der Graue Fundus: Horst Lummert (Avram Kokhaviv)
Band 1. Die letzten 100 Artikel
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2010-04-25

Horst Lummert

Möglichkeiten einer die europäische Not wendenden nationalen Strategie

Eigentlich sind wir damit bereits am Ende, die Versuche, innerhalb der Bündnissysteme und aus ihnen heraus nationale Selbstbestimmungen durchzusetzen, sind, soweit sie aus einem politischen Willen entstanden, zumindest mit starken Verzögerungen belastet.

Die Großsysteme sind in sich perfekt und nicht bezwingbar, falls sie sich nicht eines Tages ad absurdum führen.

Die ganze Frage bedarf eines unüberwindbaren Gottvertrauens, denn die Realitäten sind in der Tat übermächtig, so daß von ihnen keinerlei Hoffnung ausgeht.

Zum Krieg in Afghanistan wird seitens der Bundesregierung ständig betont, daß wir daran festhalten müßten, denn am Hindukusch gehe es letztlich um unsere Freiheit (Struck) resp. Sicherheit (Merkel), wobei Merkels Interpretation der quasi erzwungenen Freiheit klugerweise aus dem Weg geht.

Deutschland ist in einer besonderen Situation.

Natürlich müssen wir die politische Schutzbehauptung so verstehen, daß uns Gefahren drohen, wenn wir uns aus Afghanistan - aus dem Krieg, der keiner ist - zurückziehen.

Nun wird der gutgläubige Bürger denken, na ja, wenn wir den Taliban nicht tüchtig einheizen, kommen sie zu uns, was aber wohl ein Fehlgedanke ist.

Die Gefahren für Deutschland haben eine andere Qualität.

Wenn Deutschland sich seiner afghanischen Bündnisverpflichtung (!) entzieht, sozusagen aus dem Krieg gegen den Terror aussteigt, löst es die Folgeregelung aus, die da lautet (G.W. Bush): «Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns.»

Deutschland hat in diesem Fall das Schlimmste zu gewärtigen, denn seine Teilnahme am Krieg in Afghanistan ist wie eine heilige Wiedergutmachungspflicht (!), die aus unserer nationalsozialistischen Geschichte herrührt.

Nicht nur im engeren Sinne ist die Sicherheit Israels deutsche Staatsraison; die Außerachtlassung dieser Raison würde im selben Moment die Sicherheit Deutschlands in Frage stellen, und die Sicherheit Israels definiert sich wohlweislich als Antagonismus zur gesamten islamischen Welt.

Deutschlands Teilnahme am Afghanistan-Krieg ist mithin Bestandteil der im israelischen Sicherheitsinteresse ausgesprochenen - nur so richtig zu verstehenden - deutschen Staatsraison.

Deutschland kann aus dieser historisch manifesten Logik nicht heraus, es müßte denn seine bundesrepublikanische Existenz riskieren.

Die bundesdeutsche Auffassung, daß der Krieg in Afghanistan kein Krieg sei, wird nach unserm Verständnis nun schlüssig.

Vielleicht kommt diese Auffassung sogar einem israelischen Interesse entgegen, den Antagonismus zur islamischen Welt via Deutschland zu entschärfen oder zu differenzieren.

Solange wir in Afghanistan keinen Krieg führen, sind die Taliban nicht Feinde der Deutschen, sondern schlimmstenfalls Störenfriede.

Wir überraschen uns bei dem Versuch, die Politik der Bundesregierung zu verstehen und nicht von vornherein abzulehnen.

Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, daß Deutschland in Afghanistan nichts zu suchen habe, was allerdings eine politische Entscheidung verlangt, die nur ein souveräner Staat treffen kann, und die Bundesrepublik Deutschland ist nun mal kein souveräner Staat.

Mit der politischen Bewertung des Krieges als Nicht-Krieg löst sich Deutschland aus dem israelisch-islamischen Antagonismus, ohne seiner Staatsraison untreu zu werden.

Deutschland hält sich damit - bei aller historisch bedingten Unfreiheit - die Hände frei; es kann nun gegenüber den islamischen Ländern ein Verhalten an den Tag legen, das den einen als doppelbödig, anderen wiederum als politisch klug erscheinen mag.

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