Erschienen in:
Der Graue Fundus: Horst Lummert (Avram Kokhaviv)
Band 1. Die letzten 100 Artikel
© 2011 kokhaviv publications

2010-08-08

Avram Kokhaviv

Vater Krieg

Ja, der Krieg ist der Vater, ohne ihn ist nichts.

Damit reflektiere ich nicht nur, wenn auch zuerst, meine eigenen Erfahrungen, nein, die Weltgeschichte, diese Geschichte der gelebten Menschheit, die politische Gegenwart, wo ich hinsehe, ist Krieg, aus Krieg entstanden, auf einen nächsten Krieg zusteuernd, nichts ist, sieht man nur genau hin, ohne Krieg.

Wenn Heraklit ihn als Vater der Dinge erkannte, aller Dinge, so hatte er eben eine gültige, offenbar ewig gültige Wahrheit entdeckt.

Das ist nicht schön, denn das Bedürfnis der Menschen ist eher Ruhe und friedliches Leben, aber die offenbar kosmische Wahrheit schert sich nicht um unsere Wünsche und Bedürfnisse.

Imgrunde mogeln wir uns mit unserem friedlichen Leben durchs wahre Dasein, sozusagen zwischen den Kriegen, von Krieg zu Krieg.

Der Krieg - der ewige Widerspruch - schafft die Säulen, zwischen denen wir ausruhen können.

Dieser Vater ist nicht der Gründer der Menschen, aber ihr Beweger und Verwandler, er ist der Begründer der Voraussetzungen, der materiellen Welt.

Wer aber ist der Vater des Krieges (!), ist es Gott, als der Herr der Geschichte, oder etwa der Waffengroßhändler, wie er uns in dem beeindruckenden Film mit Nicolas Cage - «Lord of War» - vorgestellt wird?

Sind Menschen die Herren des Krieges?

Nein, der Krieg ist nicht Menschenwerk, obwohl natürlich Menschen es sind, die den Krieg führen, den sie vorher planten und ihren Feinden «erklärten», Menschen, die sich gegenseitig umbringen, berauben, Schaden zufügen.

Es steckt auch in der Psyche, in der Natur des Menschen, zu dem Mittel des Krieges, der Aggression, des Angriffs auf den Mitmenschen, zu greifen.

Zuletzt liegt alles bei Gott, der uns so geschaffen hat, wie wir eben sind, nämlich äußerst ambivalent, sehr widersprüchlich in unserem Wesen.

Hinzu kommt, was hierbei sicherlich wichtig ist, daß wir uns in der «Masse» anders verhalten denn als Individuen, jeder hat es schon einmal erlebt, daß er sich über sich wundert, über sein Benehmen wie in einem Rausch, als ob ein übergeordnetes Wesen ihm das Denken, Fühlen und Handeln abnimmt.

Wer das kritisch erkannt hat, wird der «Masse» und den ihr entsprechenden Situationen aus dem Wege gehen.

Vielleicht läßt sich hier sogar kategorisieren, daß die Menschen sich innerlich von einander lösen, so daß die einen mit der «Masse» gehen, während andere nach eigenem Geschmack und nach eigenem inneren Kompaß ihren Weg zu finden suchen.

Krieg ist - wie Moden, Loveparaden, Olympiaden, Weltmeisterschaften, Autokult, was alle sagen... - eben das typische Leben in der modernen Gesellschaft! - zweifellos ein «Massen»phänomen, dem wir nicht entrinnen können, wenn wir der «Masse» nicht entrinnen, sie müßte denn sich auflösen, individualisieren.

Damit kommen wir auf unsere Anfänge - kuckuck 1, 1973 - zurück:

«Die proletarische Menschwerdung beginnt mit der Fähigkeit, unverwechselbare, unaustauschbare Individualitäten hervorzubringen, mit der Fähigkeit, zu unterscheiden und zum Unterscheiden zu zwingen... Massen bewegen nichts, Massen werden bewegt. Die Revolutionarität der proletarischen "Massen" besteht in ihrem Vermögen, sich "aufzulösen".»

Der Klassenkampf - auch er eine Form des Krieges - hebt sich im Individuum auf, andererseits ist jede Initiative - auch die zum Krieg - ein individueller Akt.

Der Satz des Heraklit bleibt demnach gültig.

Oder es gibt keine Antwort.

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